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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Geständnis
Eingestellt am 13. 12. 2007 00:51


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gueko
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Registriert: Oct 2007

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Geständnis
Wir beschlossen das nicht einfach aus dem Bauch heraus damals, Anfang der 80er-Jahre. Eine strategische Gewinnoptimierung mit Schwerpunktsetzung im Kernkompetenzbereich unseres Konzerns – das war unsere Herausforderung, um bei den Aktionären Vertrauen zu gewinnen. Der Vorstand beschloss den im Labor mutierten Virus frei zu setzen. So rechtfertigten wir neue Konzernstrukturen durch Unternehmensfusionen, den intern bereits festgelegtem Personalabbau und die Verlegung der Produktionsstätten in die Länder, wo die Menschen die neuen Arzneien am Dringendsten benötigten. Das war unsere Strategie und mir und allen anderen waren weitreichende Auswirkungen dieser Entscheidung völlig klar.
Gemeinsam mit unserem leitenden Virologen informierten wir schon am nächsten Tag die relevanten Politiker über die Gefahr einer möglichen viralen Pandemie, auf den Menschen übertragen vom Schimpansen. Deshalb beschrieben wir ihnen diese vereinfacht als “Affenseuche“. Sie sollten Zeit haben die Budgetbedarfe für Erforschung und Bekämpfung dieser Krankheit aufzutreiben. Durch unseren Vorstoß sollten sie gleich wissen, wer ganz oben bei der Vergabe zu stehen hätte. Beuerle erklärte ihnen, dass der beschriebene Virus weltumspannend Angst erregen würde und sie sich möglichst rasch verantwortungsvoll in Szene setzen müssten. Er wusste, wo er sie packen musste.
Wir gingen davon aus, unsere Entscheidung der Masseninduktion könnte das vom „Club of Rom“ beschriebene Problem der Überbevölkerung in Teilregionen lösen – das war zugegeben etwas überheblich. Wir planten deshalb den Schwerpunkt in Afrika, aber auch wegen der Entwicklungshilfegelder. Beuerle meinte, diesen Kuchen sollten die Regierenden in Afrika mit uns teilen. Die Dritte Welt, Schwule, Drogenabhängige - unsere Ziel- und Einsatzgruppen waren sorgfältig überlegt und berücksichtigten - unverlangt - die Interessen unserer katholischen Kirchenvertreter im Aufsichtsrat. Der kennt die ganze Wahrheit übrigens bis heute nicht. Die Kirche sollte das Thema als „Gottes Strafe“ postulieren, das ließe sich im Boulevard in einer Zeile platzieren - die Idee hatte natürlich Beuerle. Wir waren uns aber einig: „Gottes Strafe“ – eine globale Angstpsychose würde auch die Kirchen wieder füllen.
Beuerle empfahl, im Vatikan zur rechten Zeit für ein höchstverordnetes Kondomverbot zu lobbyisieren, das käme unseren Zielen entgegen. Die Ansteckung war ohne Kondom sicherer, das wussten wir. Die Idee mit den infizierten Spritzen an den bekannten Drogenumschlagplätzen kam auch von ihm. Ich schmunzelte damals nur, glaubte nicht, dass so kleine Details wichtig wären bzw. funktionierten. Es brachte uns aber einen zusätzlichen Batzen Geld. Beobachtet nur den Aktienkurs des Konzerns in Zeiten erhöhter Medienpräsenz unseres Projekts, oder nach Aussagen führender Kirchenleute zum Thema Verhütung. Ihr werdet staunen.
Heute, mehr als 25 Jahre nach dieser Entscheidung gebe ich zu, unser Schritt war drastischer, als wir uns das damals vorstellten, er war nicht bis ins letzte Detail überlegt . Zwar gingen wir von einer höheren Mortalität aus, jedoch dachten wir, das Gegenmittel bereits entwickelt zu haben. Der Virus hat sich jedoch anders entwickelt als im Labortest. Der bereits entwickelte Impfstoff wirkte - allerdings nur bei den Primat-Probanten. Beim Menschen haben wir aus Geheimhaltungsgründen nicht getestet. Wegen einer nicht kalkulierten Verbindung unterschiedlicher Virenstämme war das Mittel beim Menschen wirkungslos. Es war nicht geplant, dass sich unser Virus mit einem beim Menschen damals ja noch nicht entdeckten Retrovirus verbinden würde. Gallo präsentierte seine Ergebnisse knapp nach unserer Entscheidung und setzte uns damit ja unter Zugzwang. Einen Konnex mit Retroviren sahen wir dennoch nicht. Wie das nur passieren konnte?
Es war nie daran gedacht, dass Europa und Amerika derart stark betroffen sein würden, bevor ein wirkungsvoller Schutz zugelassen wäre. Wobei im Rahmen des Projektes die durchschnittlich 1% Erkrankten und die Letalität als Betriebsunfall im Toleranzbereich akzeptiert werden könnten. Und mit nur rund 20% erkrankter Afrikaner verfehlten wir unser Ziel auf dem schwarzen Kontinent bisher ohnehin deutlich.
Dass wir für Menschen, die es sich hätten leisten können, unseren Impfschutz im dreijährigen Impfrhythmus anbieten wollten, war ein wichtiger Bestandteil unserer Wirtschaftlichkeitsrechnung. Dass es nicht so kam, war Mitte der Neunziger Jahre der Auslöser der damaligen Konzernprobleme und der weiteren, nicht geplanten Fusion. Durch die Verschiebung der Entscheidungshierarchie wurde unsere Strategie wirkungslos, wir konnten und wollten die zusätzliche Führungsebene nicht einweihen.
Heute klage ich mich an und alle, die damals dabei waren – Kapeller, Lüthi, Nerrot, Reisser, Armstutz und natürlich Beuerle. Ich klage an, weil mein Sohn daran erkrankt ist und nach heutigen Erfahrungswerten bei gesunder Lebensführung und regelmäßiger Einnahme der Medikamente, die den ARC-Ausbruch hoffentlich noch lange verhindern, seinen 35. Geburtstag nicht erleben wird. Ich glaube nicht an das Wunder, dass Forscher in den nächsten Jahren ein Medikament entwickeln, das den Virus tötet und infizierte Menschen heilt. Beuerle injizierte ich gestern im Rahmen seines Gesundheits-Checks im Spital eine frische Blutprobe meines Sohnes. Alles im Leben soll zurück kommen. Ich hoffe Beuerles Zynismus gegenüber meiner Familie schränkt sich ein, wenn er davon erfährt.
Ich kann und will mit dieser, meiner Verantwortung nicht mehr weiterleben und deshalb verlasse ich euch. Denn die Hölle in die ich kommen werde, kann nicht schlimmer sein, als die Hölle, dem eigenen Sohn das Leben zerstört zu haben – mit einer Entscheidung, die mich zu einem sehr reichen Mann gemacht hat.
Erinnert euch bitte auch an das Gute, das ich getan habe. Lebt wohl.


Version vom 13. 12. 2007 00:51

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KaGeb
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo gueko,

guter Text mit Tiefsinn. Liest sich flott, auch wenn es teilweise m.E.n. zu erzählerisch ist.
Aber so war das eben, und deshalb klagt ja der Prot. auch an.

Paar Kommas fehlen und mitunter ist der Ausdruck (für mich) zu aufgeworfen, aber das tut in der Sache nichts: Eine gute Geschichte, die ich gern gelesen habe.

LG, KaGeb

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