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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Geständnis in gelb
Eingestellt am 21. 06. 2002 17:35


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Norbert Hilgers
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Aug 2000

Werke: 23
Kommentare: 3
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Nachdem Sensmeier die Zigarre ausdrückt hatte, viel ihm der merkwürdige süßliche Geruch auf, der fast greifbar in jedem Winkel der wenigen Räume zu kleben schien. Seinen abgetragenen Koffer aus Schweinsleder und den unzeitgemäßem Regenschirm deponierte er im Schlafzimmer der umgebauten Bauernkate.
Hanne hätte ohne Verzögerung die wenigen Meter zwischen Ferienhaus und dem gegenüberliegenden Hauptgebäude des Bauernhofes im Laufschritt zurückgelegt, und sich in ihrer unsensiblen Art bei Frau Linzenich beschwert. Schließlich zahlten sie jeden Monate einen nicht unerheblichen Betrag, dafür das die Wohnung regelmäßig gelüftet und gereinigt wurde.
Aber seine Frau war letzten Herbst gegangen, und ihm wäre es nie in den Sinn gekommen bei dem alten Ehepaar wegen solch einer Lappalie vorzusprechen.
Seit über zwanzig Jahren kamen sie jeden Sommer und jeden Winter zur gleichen Zeit, wanderten immer die selben Wege, aßen und tranken zu selben Zeiten, und gingen pünktlich zu Bett nachdem die nahe Kirchenglocke das zehnte Mal ihrem eintönigen Dienst nachkam. Sensmeier hievte den Koffer umständlich auf Bett und entnahm ihm die wenigen Sachen, die er dann sorgfältig in den, vom vielen Gebrauch stumpfen Schrank, räumte. Dann zog er ein silbernes Etui aus der Hosentasche und steckte sich mit zitternden Fingern eine echte kubanische Havanna an.
Der würzige Rauch überdeckte den penetranten Geruch, zu mindestens für eine Weile. ?Es war Zeit?, dachte Sensmeier. Er wusste dass er sehr früh in diesem Jahr kommen musste, und hatte vor ganze zwei Wochen zu bleiben.
Sein Blick viel durch das mit einer kurze Gardine bedeckte Fenster hinaus auf die Birke, an deren Zweige sich jungen Blätter zeigten. Es ist schon sehr warm für diese Jahreszeit, und beglückwünschte sich still zu seiner Entscheidung.
Dann ging ihm Hanne durch den Kopf . Er überlegte ob er sich nicht vielleicht sofort um Sie kümmern sollte, aber dann schob er das Vorhaben von sich weg.
Viel zu oft waren seine Gedanken um sie gekreist. Fortwährend hatte er überlegt wie er es ihr recht machen sollte, und seine Bedürfnisse untergeordnet. Geerntet hatte er immer nur noch mehr Forderungen und Sticheleien.
Heimliche Wünsche werden unheimlich selten erfüllt. Ein Freund schrieb ihm vor einiger Zeit diesen Satz, und hatte es gut damit gemeint. Aber Sensmeier war viel zu spät dahintergekommen. Also packte er seinen Pyjama aus, wusch sich, und ging noch früher als sonst zu Bett.
Helles Licht weckte ihn am nächsten Morgen und Sensmeier meinte schon verschlafen zu haben, aber dann viel ihm ein, dass er am Abend gelüftet und vergessen hatte die altertümlichen Läden vor den Fenstern zu schließen.
Merkwürdiger Weise hatte das über die Nacht offene Fenster die Luft nicht
erträglicher gemacht, sondern ganz im Gegenteil, er hatte den Eindruck bald ersticken zu müssen.
Aber da er schon mal wach war, konnte er die unangenehme Arbeit auch gleich erledigen. Er zog sich noch vor dem Frühstück einen mitgebrachte blauen Arbeitsanzug an, und schraubte den zweiteiligen Klappspaten zusammen den er vor wenigen Tagen auf einem Trödelmärkten erstanden hatte.
Vorsichtig begann er die Fußbodendielen in der ehemaligen Vorratskammer zu lösen. Immer noch haftete dieser süßlich faule Geruch an jedem Luftmolekühl und Sensmeier zog sich den Atemschutz aus dem Baumarkt vor Mund und Nase.
Gerade als er die erste Diele in der Hand hielt, bemerkte er, dass jemand von draußen an die Eingangstüre pochte. ? Ausgerechnet jetzt?, dachte er verärgert.
Da er aber möglichst unverdächtig wirken wollte, schloss er die Tür zur Kammer hinter sich ab, zog den Staubschutz vom Gesicht und öffnete.
Im Glauben das seine Verwalterin Frau Linzenich ihn begrüßen wollte, entfuhr ihm ein überraschtes? ach Sie?, als er den Kriminalassistenten Schroeder erkannte. ?Entschuldigen Sie? , entgegnete Schroeder ein wenig verlegen, ?ich sah gestern Abend beim Vorbeifahren Licht hinter der Gardine, und hab mich bei Frau Linzenich erkundigt, ob Sie es sind und dann.......? .?Und dann haben Sie gedacht, schau doch mal bei dem alten Verbrecher rein, und versuch ihn doch noch des Mordes an seiner Gattin zu überführen.?, vollendete Sensmeier den Satz lakonisch. Schroeder hob abwehrend die Hände und entgegnete peinlich entlarvt ?es ist nicht so wie sie vielleicht denken, aber ich musste jeder Möglichkeit nachgehen. Von einem Spaziergang nicht zurückgekehrt, da bleiben viele Fragen offen?.
?Na dann kommen Sie mal auf einen Kaffee herein?, meinte Sensmeier, und war im selben Moment über seine leichtfertige Dummheit überrascht. Kaum war Schroeder eingetreten beobachtete er diesen aufmerksam und glaubte gleich zu erkennen, dass dieser seine Nase angeekelt rümpfte. ?Er hat etwas bemerkt?, fuhr es ihm durch den Kopf. ? der Bluthund hat Witterung aufgenommen?.
Er wies Schroeder einen Platz an dem wackeligen Ecktisch zu, während er den Kaffee aufbrühte.
? Wie sie wissen?, bemerkte der Kriminalassistent, ?haben wir trotz aller Bemühungen nicht den geringsten Hinweis auf den Verbleib ihrer Frau gefunden.
Sie ist einfach wie vom Erdboden verschluckt?. ?Wie war?, dachte Sensmeier, und musste insgeheim grinsen.
? Es ist etwas stickig hier?, entgegnete er ohne den Gesprächsfaden aufzugreifen. ?ich kann rasch noch ein Fenster öffnen um mehr frische Luft einzulassen?. ?Bloß nicht?, entgegnete Schroeder wie aus der Pistole geschossen. ? machen sie sich bitte keine Umstände?. Er war von seinem Stuhl aufgesprungen und hatte sich mit dem Rücken vor das geschlossene Fenster gestellt. ? Er ahnt es?, dachte Sensmeier wie gelähmt. Der süßliche Geruch durchzog schließlich die ganze Wohnung und wie sollte er ihn erklären.

? Ich kenne diesen Gestank?, der Kriminalassistent platzierte seine Aussage mit vorwurfsvollem Unterton in den Raum. ?Es fängt erst mit einem leichten fast unmerklichen Ziehen in den Nasenflügeln an, aber wenn es draußen wärmer wird, Tag für Tag wird es immer unerträglicher. Im letzten Jahr konnte man hier noch frei durchatmen, aber wem sage ich das, sie müssen es ja am besten wissen?.
?Hören Sie? ,fuhr er weiter fort, und er trat ganz dicht an den Alten heran. ?In kurzer Zeit wird hier endlich alles von unten nach oben gegraben, sind Sie sicher das Sie es so lange hier aushalten??. Bis jetzt war nie die Rede von einer Hausdurchsuchung gewesen. Sensmeiers Selbstbewusstsein zerbrach, und sein Verstand sagte ihm das er verloren hatte.
Er setze sich mit einer Tasse Kaffe in der Hand zu Schroeder an den Tisch. ? Sie kannten Sie ja nicht?, durchdrangen die Worte seine vor`s Gesicht gelegten Hände. ? Jeden Tag die gleichen Vorwürfe, immer die selben Nörgeleien, ich hab?s einfach nicht mehr ausgehalten?. Er betrachtete Schroeder überraschten Gesichtsausdruck. ?Es war gar nicht geplant, aber als sie mir für den Rest des Urlaubs das Rauchen verbieten wollte, da hab einfach den Aschenbecher genommen und immer wieder zugeschlagen. Einfach so.
Sie ist vorne rübergefallen, mit dem Kopf auf die Tischkante gestoßen?.
und war sofort Tod. Am Abend hab ich sie dann unter die Dielen im Vorratsraum gelegt. Es hatte heftig gefroren, und der Boden war viel zu hart um sie tiefer zu vergraben?. Sensmeier ging nach nebenan und kehrte mit einem Klappspaten in der Hand zurück. ?Währen Sie doch nur einen Tag später gekommen....?.
Kurze Zeit danach, als seine Kollegen die Leiche geborgen und Sensmeier im Polizeiwagen unterwegs nach Schleiden war, schüttete er immer noch ungläubig über das unerwartete Geständnis den Kopf. Sooft er auch immer die Geschehnisse des Vormittags an seinem inneren Auge vorbei liefen ließ, ihm viel keine Bemerkung oder Anschuldigung ein, aufgrund dessen Sensmeier ausgepackt hatte.
Seine Augen durchmaßen den engen Raum und stoppten an dem von einem Kollegen geöffneten Fenster.
? Verdammt?, Schroeder sprang auf, und bevor er beide Fensterflügel schloss, betrachtete er angewidert das erst dieses Jahr neuangelegte Feld. Bald wird die Erntemaschine kommen dann der Pflug , und der wird gute fette und duftige Erde nach oben bringen, kam ihm beruhigend in den Sinn.

Wie Wasser, auf dessen Oberfläche der Wind eigenwillige Formen malt, wogte der Raps im Wind, von dessen gelben Blüten ein faulig süßer Geruch zu ihm herüber wehte.

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