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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Gestohlene Zeit
Eingestellt am 03. 08. 2002 14:28


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philipp
Festzeitungsschreiber
Registriert: Aug 2002

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Gestohlene Zeit


Mein Name ist Simon Winter und ich raube Zeit. Nicht beruflich, nicht sehr geschickt und noch nicht sehr professionell. Aber ich werde besser. Die meisten Leute bemerken es nicht mehr. Bis es dann zu sp├Ąt ist. Dann habe ich ihre Zeit bereits gestohlen, es ist dann Sonntag Abend, das Wochenende ist wie im Flug vergangen und ich bin ├╝ber alle Berge. Mit ihrer Zeit.

Hatten Sie am Sonntag Abend nie das Gef├╝hl, dass das Wochenende viel zu schnell vorbei gegangen ist? Dass Sie nicht die H├Ąlfte von dem, was Sie sich vorgenommen haben, auch gemacht haben? Im Zweifelsfall sind Sie Opfer meiner immer filigraner werdenden Handfertigkeiten beim Zeitstehlen geworden. Ich habe Ihnen die Zeit gestohlen.
Wie ich das mache? Ich nutze all die Momente, in denen Sie nicht aufpassen. Momente, in denen Sie d├Âsen, auf etwas warten oder tagtr├Ąumen. Die genauen Kniffe und Tricks m├Âchte ich an dieser Stelle ungern preisgeben. Sonst w├╝rden Sie Vorsorge treffen und ich k├Ąme um meinen doch recht zufriedenstellenden Erwerb.

Aber beschimpfen Sie zum Beispiel bitte nicht mehr Ihre Kollegen oder Freunde mit den Worten: „Du hast mir meine Zeit gestohlen“, nur weil er oder sie wieder zu sp├Ąt war. Wahrscheinlich k├Ânnen sie nichts daf├╝r, weil ich dann zugeschlagen habe. Die Versp├Ątung Ihrer Kollegen oder Freunde ist dann nur ein Resultat meiner Fingerfertigkeit. Und auch die Zeit, die Sie dadurch verloren haben, hebe ich sp├Ąter in einem unbemerkten Moment wieder vom Boden auf.
Ja, genau. Oftmals muss ich nicht stehlen. Sie verlieren Ihre Zeit ganz von selbst. Alles was ich mache, ist wachsam sein. Immer darauf zu achten, wann die Leute ihre Zeit verlieren. Um dann gleich zur Stelle zu sein, und die verlorene Zeit einzutreiben.

Jetzt fragen Sie sich nat├╝rlich, wie ich die Zeit wieder loswerde, was ich denn eigentlich mit so viel Zeit auf meinem Konto anstelle?
Nein, ich bin kein Zeitverschwender. Selten habe ich Leute auf mich warten lassen. Meine Freizeit verbringe ich normalerweise sehr effizient. Die Zeit die ich raube, nutze ich nicht selbst. Die Zeit, die ich raube, verkaufe ich. Zum Beispiel an Unternehmensberatungen oder Werbeagenturen. Denn diese haben immer einen Bedarf an zus├Ątzlicher Zeit.
Unternehmensberatungen haben oftmals sehr hohe Stundens├Ątze, zu denen sie ihre Zeit verkaufen, aber meistens nicht genug Zeit, um ihre Projekte umzusetzen. Den Mitarbeitern fehlt bei ihrer 40 Stunden Woche immer wieder die Zeit, ihre Arbeit zu vollenden.
Dies endet darin, dass die armen Mitarbeiter viele, viele ├ťberstunden leisten m├╝ssen. Und das wiederum geht zu Lasten der Projekte. Daher verkaufe ich die gestohlene Zeit an diese zeitnotleidenden Unternehmensberatungen.

Manchmal kaufen mir auch Werbeagenturen Zeit ab, insbesondere vor Ausschreibungen, da dann in der Regel lange gearbeitet werden muss und die Zeit durch schlechtes Zeitmanagement in der Regel sehr knapp ist. Zeitmanagement beherrschen diese Werbeagenturen ├╝brigens gar nicht. Viele Mitarbeiter verbringen viele ihrer Stunden in Kaffeepausen, die sie als „Brainstormings“ deklarieren. Aber mich k├Ânnen sie nicht t├Ąuschen. Oftmals verkaufe ich daher den Agenturen ihre eigenen in sogenannten „Brainstormings“ verlorenen Stunden sozusagen „second hand“. Es gab schon Stunden, die ich bis zu f├╝nf mal an dieselbe Werbeagentur verkauft habe, bis sie effektiv eingesetzt wurden.

Ich verkaufe meine Zeit normalerweise St├╝ckchenweise. Hier mal ein Tag, wenn es wieder eng wird, dort mal ein paar Stunden, wenn die Nacht nicht gereicht hat.
Dabei verdiene ich nicht nur viel Geld, sondern diene aus der Sicht der Mitarbeiter sogar einem wohlt├Ątigen Zweck. Denn die Mitarbeiter k├Ânnen p├╝nktlich nach Hause gehen, obwohl sie die Arbeit von 10 bis 12 Stunden innerhalb eines 8 Stunden Tages leisten und die Familie ist gl├╝cklich.

Ein faszinierender Gedanke. Ich habe schon dar├╝ber nachgedacht, in den Gro├čst├Ądten eigene Vertriebsstrukturen zu schaffen. Zeitverk├Ąufer, die von T├╝r zu T├╝r gehen, vorzugsweise zwischen 18 und 21 Uhr. Die Hausfrauen und M├╝tter, die zu dieser Zeit auf ihre M├Ąnner warten, werden sicherlich gerne einige Zeitst├╝cke kaufen. Man denke nur an die Marketingm├Âglichkeiten: Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke, Urlaubsverl├Ąngerungen, Br├╝ckentage. All dieses k├Ânnen die Leute sich gegenseitig schenken.

Oftmals spende ich meine ergaunerten Stunden und Tage f├╝r einen guten Zweck. Ich spende sie zeitnotleidenden Menschen. Ein Beispiel: viele Menschen liegen im Sterben und w├╝nschen sich noch ein paar wenige Stunden, um sich von ihren Verwandten verabschieden zu k├Ânnen. Ich kann den Tod zwar nicht verhindern, aber ich habe es mittlerweile geschafft, den Tod um einige Stunden hinauszuz├Âgern. Das war zuerst nicht leicht, anfangs reichten meine Spenden gerade f├╝r ein paar Minuten. Diese letzten hinausgez├Âgerten Minuten der Leidenden sind n├Ąmlich so viel wert, dass ich eine Menge gestohlener Stunden aufwenden muss, um nur wenige dieser Minuten zu finanzieren. Diese Minuten sind komprimierte Sehnsucht, manchmal sind sie unbezahlbar.

Aber es macht mir nichts aus, denn die Stunden, die ich spende, w├Ąren ansonsten verschwendet worden. Und Sie merken es ja auch nicht. Dennoch spenden Sie wertvolle Zeit. Durch meinen Zeitraub. Zeit, die anderen vieles Gute erm├Âglicht. Ich habe schon ├╝berlegt, ob ich einen Spenderausweis f├╝r Zeitspenden ins Leben rufen sollte. Diesen w├╝rden Sie offen sichtbar tragen. Immer wenn Sie dann beim Warten Zeit verlieren, k├Ânnte sich jemand, der diesen Ausweis sieht, Ihre Zeit nehmen, um zum Beispiel nach der Arbeit fr├╝her nach Haus gehen zu k├Ânnen.

W├Ąre das alles nicht fantastisch? Eine Art Zeit-Sozialismus? Aber solange dies noch nicht existiert, bin ich dazu gezwungen, Ihnen Ihre Zeit ganz niedertr├Ąchtig und gemein einfach zu stehlen.

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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

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Gef├Ąllt mir sehr. In der ersten H├Ąlfte dachte ich "oje, wohl ein tiefsch├╝rfender Momo-Leser", aber als das Thema Zeit-Spende aufkam, wurde ich mehr und mehr gefesselt.
Zwei Einw├Ąnde:
Bitte nicht "...denn die Mitarbeiter k├Ânnen p├╝nktlich nach Hause gehen, obwohl sie die Arbeit von 10 bis 12 Stunden innerhalb eines 8 Stunden Tages leisten und Frau und Kinder sind gl├╝cklich."
Du glaubst nicht, wie viele Kinder gl├╝cklicher w├Ąren, wenn die Mami fr├╝her heimk├Ąme. Also besser "... und die Familie ist gl├╝cklich."
Und den letzten Absatz w├╝rde ich weglassen. Er fa├čt zusammen und moralisiert herum. Ich w├╝rde vorschlagen: hinter "... Ihnen Ihre Zeit ganz niedertr├Ąchtig und gemein einfach zu stehlen" ein Absatz und dann nur noch trocken und lakonisch "Vielen Dank!"
Vielen Dank, Philipp! Ich werde morgen den PC ausgeschaltet lassen (├Ątsch) und meine Zeit Mann, Kindern und meinem alten Vater widmen. Ganz im Ernst.
Oje, ist ja schon fast morgen...
also, sonnt├Ągliche Gr├╝├če
Zefira

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philipp
Festzeitungsschreiber
Registriert: Aug 2002

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Hallo Zefira,

vielen Dank für Dein Feedback! Die Änderungen habe ich eingearbeitet.
Bzgl. der Anzeige der anderen Geschichte ("Flucht in die Digitalisation") - das lag tats├Ąchlich an der Anzeige "ein Beitrag pro User"...
gruss,
philipp.

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