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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Gestohlenes Leben
Eingestellt am 25. 07. 2004 22:25


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Christa
Wird mal Schriftsteller
Registriert: May 2004

Werke: 4
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Expose´

Gestohlenes Leben
C.Fritsch

Das Kindermädchen einer wohlhabenden Familie meldet einen Badeunfall im häuslichen Schwimmbad. Sie will die sechsjährige Tochter leblos im Wasser gefunden haben. Die herbeigerufenen Sanitäter können das Kind wiederbeleben, jedoch nicht verhindern, dass es ins Koma fällt. Von scheinbar unsäglichen Schuldgefühlen geplagt, weicht das Kindermädchen dem Kind nicht von der Seite.
Bei der Befragung der Familie durch die Polizei zu Einzelheiten am Unglückstag fallen Kommissar Schweiger Ungereimtheiten bei der Aussage des Kindermädchens auf, die ihn an der Schilderung des Unglückhergangs zweifeln lassen.
Einem Impuls folgend macht sich Schweiger auf den Weg ins Krankenhaus. Während eines Gesprächs mit der Krankenschwester erfährt er, dass sie in dem Kindermädchen die Frau ihres ehemaligen Arbeitgebers, ein zwischenzeitlich verstorbener Gynäkologe, wiederzuerkennen meint. Neugierig geworden geht Schweiger dieser Information nach.
Im Laufe der Recherchen findet er heraus, dass das Kindermädchen mit dem Frauenarzt Robert Winter verheiratet war. Dr. Winter verlor damals einen Kunstfehlerprozess. Er hatte bei einem chirurgischen Eingriff eine Gefäßnaht nicht sauber gesetzt. Die Patientin wäre fast verblutet, konnte aber glücklicherweise in letzter Minute gerettet werden. Dr. Winter nahm sich kurz vor Protzessende das Leben. Seine zu der Zeit schwangere Frau verlor aufgrund der Aufregung das gemeinsame Kind. Als Schweiger dann noch herausfindet, dass der Kunstfehlerprozess von der Familie Hartmann angestrengt wurde, hat er noch einige Fragen an das Kindermädchen.

...


Gestohlenes Leben
C. Fritsch

Der Friedhof bildete eine stille Oase in der pulsierenden Großstadt, die gerade zum Leben erwachte. Eine zierliche Frau, bekleidet mit einem nachtblauen Kleid, die rotblonden Haare trug sie kurz geschnitten, durchquerte die gepflegte Anlage. Ihr Weg führte sie an stattlichen Familiengruften vergangener Tage vorbei zu schlichten Grabstätten. Hier und da zeugte frisch aufgeworfene Erde von neuangelegten Ruhestätten. An einem Grab mit eisernem Kreuz blieb sie stehen. Die Blumen in der Hand, kniete sie nieder. Still in Gedanken versunken verharrte sie einige Zeit. Ihre schmalen Hände zupften hier und da etwas Unkraut, dann erhob sie sich. Ihre Finger spielten mit den doppelt übereinander gesteckten Ringen als sie sagte: “Es wird jetzt nicht mehr lange dauern, Liebling. Sie werden bald wissen, wie es ist, das Liebste auf der Welt zu verlieren.”
Ein kurzer Ruck durchlief ihren Körper. Sie drehte sich um, die Schultern hochgezogen, das Kinn nach vorn gestreckt. Die Trauer in ihrem Gesicht wich einer Entschlossenheit und Härte, die man dieser kleinen Person nicht zutrauen würde. Sie verließ das Friedhofsgelände und ging zügig zur Bushaltestelle. Sie war spät dran. Dass sie sich als pünktlich und zuverlässig erwies, war für das Gelingen ihres Plans, beziehungsweise für die Zeit danach, von enormer Wichtigkeit.
Ihre Augen verengten sich leicht und um ihren Mund spielte ein grausames Lächeln, als sie dachte: “Ich werde mich an eurem Schmerz weiden. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn es einem das Herz zerreist, wenn man hilflos mit ansehen muss, wie dieses schwarzes Loch in der Erde den Körper des geliebten Menschen in sich aufnimmt. Nie mehr sein Lachen zu hören, ihn zu berühren, ihm zu sagen, wie viel er einem bedeutet. Nie mehr! Dieses Nie mehr wird auch für euch eine tiefe Bedeutung bekommen.”
Sie benötigte einige Augenblicke, um ihre Erregung in den Griff zu bekommen und ein freundliches, entspanntes Gesicht zu zeigen. Schließlich würde sie gleich bei ihren Arbeitgebern eintreffen.

*

>>Good morning Berlin - Raus aus den Federn Leute, ein neuer heiĂźer Tag beginnt ...<<
Ich verpasste meinem Radiowecker einen Schlag mit der flachen Hand und drehte mich auf den Bauch, den Kopf in die Kissen gewühlt. Ich konnte es nicht fassen, dass es Menschen gibt, die in aller Herrgottsfrüh vor guter Laune nur so sprühen. So sehr ich mich auch sträubte, ich musste aufstehen. Mit einem energischen Tritt beförderte ich meine Decke in die Ecke und machte mich auf den Weg ins Bad.
Rasiert und frisch geduscht fühlte ich mich schon wesentlich besser. Die paar Haare, die mir noch geblieben sind, waren auch schnell gekämmt. Ein letzter prüfender Blick in den Spiegel machte mir klar, sollte aus dem kleinen Ansatz kein dicker Bauch werden, musste ich mit dem Essen etwas zurückhaltender sein. Ich wollte nicht aussehen, wie die anderen in den Fünfzigern. Das schrille Klingeln des Telefons riss mich aus den Gedanken.
“Schweiger”, raunzte ich in die Muschel.
“Schönen juten Morjen, Herr Kommissar. Sind´se mit dem falschen Bein aufgestanden?”, meldete sich meine Vermieterin.
“Nee, Frau Krüger, ich hab´s nur eilig. Wo brennt´s denn?”
“Ick melde mich wegen der Anrufe. Sie wissen doch! Sie sagten, wenn det noch mal passiert, soll ich se anrufen. Na, und heute Morjen war es mal wieder so weit.”
“Was hat der Kerl denn gesagt?”
“Nischt, det is doch det Fatale. Da ruft eener an und ich weiß nich wer det is. Kann ich ja och nich, wenn er nischt sagt, wa?”, entgegnete mir meine Vermieterin ziemlich aufgeregt.
“Immer mit der Ruhe, Frau Krüger. Jetzt machen wir Nägel mit Köpfen! Ich sage den Kollegen wegen einer Fangschaltung Bescheid. Die melden sich dann bei ihnen. Frau Krüger, es ist spät, ich muss jetzt los.”
“Ja, is jut, Herr Schweiger und schönen Dank och.”
Der Montagmorgen ging ja schon gut an. Ich schnappte mir die SchlĂĽssel und verlieĂź das Haus.
“Morgen, alte Rennsemmel.” Ich grinste. 20 Jahre hatte mein Käfer schon auf dem Buckel. Ich mochte den alten Knaben und es störte mich nicht, dass er hin und wieder in die Werkstatt musste. Zündung - ein kleiner Huster und der Motor lief. Na also, geht ja wie geschmiert.
Konnte man von Herta nicht behaupten. Ich zog eine Grimasse, als ich an das gestrige Fußballspiel dachte. 4:2 verloren. So können die Ladys den drohenden Abstieg natürlich nicht aufhalten. Und wieder einmal waren Tod und Teufel Schuld. Nur keine Selbstkritik aufkommen lassen, bloß nicht!
“Du Blödmann, kannste denn nich aufpassen, Mensch!”
Dieser Vollidiot nahm mir doch glatt die Vorfahrt. Ich dachte daran mein Nachtlager im Büro aufzuschlagen. Immerhin würde ich mir so die Berliner Rushhour ersparen. Ein Knurren in der Magengegend sagte mir, dass eine Tasse Kaffee heute wohl doch nicht ausreichen würde. Ich pfiff auf die guten Vorsätze und hielt beim nächsten Bäcker.
Drei rote Ampeln später hatte ich es endlich geschafft. Ich grüßte den Pförtner und ließ die zwei Stockwerke bis zu meinem Büro, immer zwei Stufen auf einmal, etwas atemlos hinter mir. Ich öffnete die Tür und beförderte meine Jacke auf den Kleiderständer.
“Guten Morgen, Chef”, begrüßte mich meine Sekretärin.
Angi war ein richtiger Hingucker. Endlos lange Beine und rasante Kurven. Lockige Haare umrahmten ihr Gesicht, das von dunklen Augen beherrscht wurde. Die gebräunte Haut vollendete den südlichen Charme, den sie ausstrahlte. Glücklicherweise waren die schlaflosen Nächte ihres Vaters nicht mein Problem.
“Morjen Angi, das Wochenende gut verbracht?”
Sie verdrehte nur genüsslich die Augen, gab mir eine Aktennotiz und sagte: “Die Meldung erreichte uns vor einer Stunde. Ein sechsjähriges Mädchen konnte im letzten Moment vor dem Ertrinken im elterlichen Schwimmbad gerettet werden. Liegt derzeit im städtischen Krankenhaus.”
“Wo waren die Eltern zum Zeitpunkt des Unfalls?”
“Laut Angaben des Kindermädchens befanden sie sich auf dem Weg ins Theater.”
“Kindermädchen - eh? Nobel geht die Welt zugrunde! Hat sie die Kleine beaufsichtigt?”
“Das nehme ich an, jedenfalls gab sie zu Protokoll, das Mädchen gefunden zu haben.”
“Also, gut, wenn sonst nichts ist, fahr ich zu den Leuten raus und schau mich mal um.”

Wieder rein ins Verkehrsgewühl und diesmal bis fast ans andere Ende der Stadt. Nach Grunewald. Exklusives Villenviertel. Es versprach wieder ein heißer Tag zu werden. Gerade mal Vormittag und der Asphalt begann schon zu flimmern. Ich beschloss den kürzeren Weg über den Rathenauplatz zu nehmen. Vorbei am Halensee verließ ich relativ schnell das geschäftige Treiben der Innenstadt. Je mehr ich mich Grunewald näherte, desto großzügiger wurden die Grundtücke und die Häuser glichen eher Wohnburgen, denn gemütlichen Behausungen. Eine Tatsache fiel mir besonders auf. Je wohlhabender eine Gegend, desto leiser, ja fast wie ausgestorben liegen die Anwesen da. Kein Kindergeschrei, keine kläffenden Hunde und keine Motorengeräusche. Ich fragte mich, wie diese Leute ihren Rasen mähten.
Zum Glück fand ich die angegebene Adresse ohne Schwierigkeiten. Ich parkte meinen Wagen, ging den von Rosen eingesäumten Kiesweg bis zu Haustür hoch und klingelte. Die Tür wurde mir von einer Hausangestellten geöffnet und nachdem ich mich ausgewiesen hatte, wurde ich in ein Arbeitszimmer geführt. Einen kurzen Augenblick später betrat ein hochgewachsener, schlanker Mann den Raum. Auffällig waren die blauen Augen. Die außergewöhnliche Intensität der Augenfarbe wurde von der sonnengebräunten Haut und den schwarzen Haaren nochmals hervorgehoben. Er stellte sich als Andreas Hartmann vor. “Kommissar Schweiger”, erwiderte ich seine Begrüßung.
“Herr Hartmann, es tut mir sehr leid, aber ich muss ihnen und ihrer Frau noch einige Fragen zu dem Unfall ihrer Tochter stellen.”
“Meiner Frau geht es nicht gut. Sie hat sich ins Schlafzimmer zurückgezogen. Unser Hausarzt hat ihr vor kurzem ein Beruhigungsmittel verabreicht.”
“Gut. Ich kann sie, wenn nötig, auch noch zu einem späteren Zeitpunkt befragen. Herr Hartmann, wo waren sie und ihre Frau, als man Maja fand?”
“Meine Frau und ich befanden uns auf dem Weg ins Theater. Dort angekommen, erhielten wir die Nachricht, dass Maja im Schwimmbecken unseres Hauses leblos aufgefunden wurde. Wir sind, so schnell es ging, nach Hause zurückgefahren, aber als wir ankamen, war unser Kind schon auf dem Weg ins Krankenhaus. Wir erfuhren von dem anwesenden Polizisten, dass Maja zwar noch lebt, aber in kritischen Zustand sei.”
“Und, was taten sie dann?”
“Wir sind natürlich sofort ins Krankenhaus gefahren. Die Ärzte hatten alles in ihren Kräften stehende getan, doch wie lange Maja im Koma liegen, wann sie wieder aufwachen wird, das konnten sie uns nicht sagen. Wir müssen Geduld haben.”
“Das Kindermädchen”, so sagte man mir, “hat den Krankenwagen gerufen. Wer war außer ihr noch im Haus?”
“Niemand. Maria, die ihnen die Tür geöffnet hat, hatte an diesem Abend frei. Sonst beschäftigen wir noch einen Gärtner, der wohnt allerdings nicht bei uns im Haus.”
“Herr Hartmann, das wäre für den Moment alles. Ich würde allerdings gerne noch mit ihrem Kindermädchen sprechen.”
“Ingrid ist im Krankenhaus. Sie ist sehr verzweifelt, macht sich die größten Vorwürfe.”
Ich holte meinen Block aus der Jackentasche, machte mir einige Notizen und wandte mich zum Gehen. An der Tür angekommen, fragte ich: “Herr Hartmann, eines würde mich noch interessieren, konnte Maja eigentlich schwimmen?”
“Nein, aber sie war gerade dabei es zu lernen. Sie ist eine richtige Wasserratte.”
“Das Kindermädchen, Ingrid Beck, war sie die ganze Zeit über in der Nähe des Schwimmbeckens?”
“Ingrid sagte, sie wäre nur kurz einmal weggegangen, um für Maja noch ein Handtuch zu holen.”
“Wo bewahren sie die Handtücher auf?”
“Wenn ich voran gehen darf?”, sagte Hartmann und führte mich ins Schwimmbad. Wir betraten einen, Dank der riesigen Fensterfront, lichtdurchfluteten Raum. Der Boden des Beckens wurde von einem Mosaik in alterpersischem Muster verziert und die zahlreich aufgestellten Palmen beeindruckten mich. Ich konnte gerade noch einen anerkennenden Pfiff unterdrücken, als Hartmann sagte: “Hier, in diesem Nebenraum sind die Handtücher.”
Ich folgte der Richtung, die er mir zeigte, öffnete eine Tür und schaute mich um. Viel zu sehen gab es nicht. Ein kleiner Raum mit einem Einbauschrank und einigen Spielsachen. Ich ging zu dem Schrank, öffnete ihn, nahm ein Handtuch und kehrte zum Becken zurück. Als ich auf die Uhr schaute, war gerade mal knapp eine Minute vergangen.
“Und sie sind ganz sicher, Herr Hartmann, dass Frau Beck nur kurz in den Nebenraum ging, um ein Handtuch zu holen?”
“Ja, so hat sie es jedenfalls gesagt.”
“Wie lange arbeitet Frau Beck schon für sie?”
“Meine Frau und ich stellten sie im November ein, also ist sie jetzt seit gut einem halben Jahr bei uns.”
“Und sie waren immer zufrieden mit ihr?”
“Doch, selbstverständlich. Maja mochte sie. Ingrid konnte sehr gut mit ihr umgehen. Sie war immer pünktlich und machte einen sehr zuverlässigen Eindruck. Es ist mir unbegreiflich, wie das Ganze geschehen konnte.”
“Ein Unglücksfall hinterlässt oft dieses Gefühl”, sagte ich mitfühlend und verabschiedete mich.

Ich machte mich auf den Weg zum Auto. Mich beschäftigte die ganze Zeit ein Gedanke: Ein Kindermädchen lässt ein sechsjähriges Kind, das nicht schwimmen kann, aus den Augen, um ein Handtuch zu holen. Eine Minute Zeit zum Ertrinken? Und warum ein Handtuch, bevor die Kleine im Wasser gewesen ist, wo es doch alles andere als kalt war? Ich beschloss, als nächstes Ingrid Beck ein paar Fragen zu stellen.
Auf der Fahrt zum Revier rief ich im Krankenhaus an und erfuhr von dem behandelnden Arzt, dass die Lage nach wie vor unverändert sei. Ich bat ihn bei der Gelegenheit Frau Beck zu mir ins Büro zu schicken. Mit einem weiteren Anruf löste ich das Versprechen, dass ich meiner Hauswirtin am Morgen gegeben hatte, ein.
Die Sonne hatte die Temperaturen mittlerweile auf mörderische 40 Grad hochgetrieben. Da spendete auch die Aussicht auf Gewitter am Abend keinen Trost. Die Stimme im Radio riet den nächsten See aufzusuchen. Na, wer konnte! Immerhin hatte in der Nähe meines Büros ein Italiener seine Eisdiele platziert. Ich parkte meinen Käfer und versorgte mich mit zwei großen Eisbechern.
“Hallo Angi, ´ne kleine Abkühlung gefällig?
Ein Kopfnicken in Richtung Nebenzimmer signalisierte mir, dass Ingrid Beck schon eingetroffen zu sein schien.
“Frau Beck?” Ich dämpfte meine Stimme. “Was macht sie für einen Eindruck auf dich?”
Angi überlegte kurz zwischen zwei Löffeln Eiskrem und sagte: “Sie ist recht schüchtern. Etwas nervös vielleicht.”
“Würdest du, wenn du mit einem sechsjährigen Kind, das nicht schwimmen kann, im Schwimmbad wärst, dieses Kind allein lassen, nur um ein Handtuch zu holen?”
“Hm, kommt drauf an, wo das Handtuch ist.”
“In einem anderen Raum.”
“Ohne Schwimmhilfe? - Nein, sicher nicht.”
“Na, dann werde ich mal versuchen herauszufinden, warum ein Kindermädchen sich so verhält.”
Ich kickte den Eisbecher in den Papierkorb, was mir ein anerkennendes Kopfnicken von Angi einbrachte, und ging ins Nebenzimmer.

Als ich die Tür öffnete, sah ich eine zierliche, junge Frau mit rotblonden kurzen Haaren am Fenster stehen.
Ich ging auf sie zu und sagte: “Guten Tag, Frau Beck. Mein Name ist Schweiger. Sie wissen, warum ich sie sprechen will?”
Sie reichte mir ihre Hand, die sich kalt anfĂĽhlte, und nickte stumm mit dem Kopf.
“Bitte nehmen sie doch Platz. Darf ich ihnen eine Erfrischung anbieten?”
Sie senkte ihren Blick und sagte: “Nein, danke.”
“Frau Beck, ich möchte, dass sie mir genau erzählen, was gestern geschehen ist.”
Sie räusperte sich und sagte: “Herr und Frau Hartmann machten sich für den Theaterbesuch fertig. Maja war den ganzen Tag über etwas quengelig. Ich schob ihr Verhalten auf die schon seit Tagen anhaltende Hitze. Also machte ich den Vorschlag, vor dem Abendbrot noch ins Schwimmbad zu gehen. Ich ging mit Maja in ihr Zimmer und half ihr beim Wechseln der Kleidung. Als wir fertig waren, verabschiedete sie sich von ihren Eltern, die dann auch gleich darauf das Haus verließen. Im Bad angekommen, wollte Maja, dass ich ihr ein Handtuch hole. Ich mochte erst nicht, doch sie bestand darauf. Sie war an diesem Tag, wie schon gesagt, ziemlich schwierig.”
“Wie sind sie denn sonst mit Maja zurechtgekommen”, unterbrach ich sie.
“Im Allgemeinen hatten wir keine Probleme. Sie ist ein ruhiges, fügsames Kind. Deshalb gab ich ihr auch nach.”
“Sie ließen Maja allein am Becken, obwohl sie wussten, dass sie nicht schwimmen kann?”
Sie spielte nervös mit einem Papiertaschentuch und ihre Stimme nahm einen weinerlichen Klang an, als sie sagte: “Ja, aber ich wusste doch, dass ich nicht allzu lang weg sein würde.”
“Gut, lassen wir das jetzt. Wie ging es dann weiter?”
“Also, ich holte das Handtuch und als ich wieder zurück kam, sah ich Maja im Wasser liegen. Sie rührte sich nicht mehr und antwortete auch nicht. Ich sprang ins Wasser und holte sie raus. Ich war so aufgeregt. Dass mir so etwas passieren musste. Ich schrie wie von Sinnen ihren Namen. Immer wieder, doch sie antwortete nicht. Glücklicherweise haben wir im Schwimmbad einen Telefonanschluß, so konnte ich sofort den Krankenwagen rufen, der dann auch sehr schnell eintraf.”
“Sie fuhren mit Maja ins Krankenhaus?”
“Ja, und ich blieb auch die ganze Nacht bei ihr. Ich konnte sie da nicht einfach so liegen lassen. Es war ja schließlich meine Schuld, dass sie fast ertrunken wäre.”
“Danke, Frau Beck. Mehr Fragen habe ich nicht an sie.”
Sie schaute mich an und ich meinte in ihrem blassen Gesicht Erleichterung zu erkennen, als sie mich fragte: “Ich kann jetzt gehen?”
“Sollte ich noch etwas wissen wollen, werde ich mich bei ihnen melden.”

Nachdenklich schaute ich ihr hinterher. Irgendetwas stimmte hier nicht. Sie war hochgradig nervös. Warum nur? Sicher, während ihrer Aufsicht kam es zu einem folgenschweren Unfall und sie musste mit unangenehmen Folgen rechnen, doch vielleicht steckte da noch mehr hinter. Ich hatte ein ganz mieses Gefühl, holte meinen Block hervor und ging noch mal meine Notizen durch.
Es war mittlerweile fast fĂĽnf Uhr. Die AuĂźentemperatur hatte subtropische Dimensionen angenommen. Die ganze Stadt war ein einziger dampfender Kessel. Ich hielt es im BĂĽro nicht mehr aus.
“Angi, du erreichst mich über Piepser”, sagte ich und wandte mich zum Gehen. Als ich die Tür öffnete, sah ich mich um und erhaschte einen Blick auf meine Sekretärin, die erstaunlich frisch wirkte. Ich fragte mich, ob die Zwanzigjährigen heute nicht mehr schwitzen. Ein Blick unter ihren Schreibtisch hätte den Wassereimer freigegeben, in dem sie ihre Füße kühlte. Später einmal sollte sie mir diesen Trick verraten.

Ich hatte Lust auf ein kühles Blondes. Außerdem würde mir die Atmosphäre in meiner Stammkneipe helfen, mir einige Gedanken zu dem Fall zu machen. Ich startete also meinen Käfer, der ein paar Mal knallte und eine schwarze Rauchwolke aus dem Auspuff haute, und bog rechts in die Karlsruherstraße ein. Der abendliche Berufsverkehr hatte so ziemlich seinen Höhepunkt erreicht. Doch, Dank findiger Schleichwege, erreichte ich ohne weitere Umstände die Platanen Allee, suchte mir einen Parkplatz und ging die restlichen paar Meter zu Fuß.

Einem Kumpel aus wilden Jugendtagen gehörte die “Savanne”. Erich tingelte in seinen jungen Jahren als Fernfahrer rund um den ganzen Globus. Als er meinte, er hätte alles gesehen, was es zu sehen gibt, verkaufte er seinen Truck und entdeckte diesen klobigen Altbau in der Platanen Allee. Die Räumlichkeiten waren für diese Jahreszeit geradezu ideal. Man betrat die Kneipe durch einen Vorraum im Souterrain. Dieser Raum, dessen Fenster einen Blick auf die hastig vorbeieilenden Füße dieser Stadt preisgab, war mit allen Gegenständen, die Erich im Laufe seiner Truckerjahre sammelte, bestückt. Man musste tief ins eigentliche Kellergewölbe vordringen, wollte man seinen Durst stillen.
“N´Abend Erich, alter Schwede. Laß mal ne Molle rüberwachsen.”
Zwei blaue Augen in einem braunen, von tiefen Charakterfalten durchzogenem Gesicht sahen mich gutgelaunt an.
“Die erste geht auf mich.”
“Was ist der Anlass?”, wollte ich wissen.
Erich beugte sich über den Tresen und raunte: “Hab´ne Wette gewonnen.”
Zur gleichen Zeit nickte er mit seinem Kopf in Richtung Spielautomat, an dem eine atemberaubende Schönheit in lässiger Pose lehnte.
Ich grinste und sagte: “Noch einer in Charlys Fangemeinde!”
Erich stellte mein Bier auf den Tresen und nickte bestätigend. Ich setzte das Glas an und ließ es bis zur Hälfte durch die Kehle rinnen, fingerte aus meiner Hosentasche einen krummen Hund und inhalierte tief.
“Wolltest du nicht mit dem Rauchen aufhören?
Ich schaute ihn durch die Rauchwolken an und fragte: “Bist du meine Mutter, oder verkaufst du mir mein Bier?”
Erich versteckte sich hinter seinen erhobenen Fäusten und meinte grinsend: “Wohl nicht dein Tag, eh?”
“Kann man wohl sagen. - Wie lange braucht jemand um in den Pool zu fallen und zu ertrinken?”
“Hm, schwer zu sagen. Ich kenne Männer, die sind bis zu drei Minuten und länger unter Wasser gewesen.”
“Nee, Erich, kein Mann. Ich meine ein Kind”, unterbrach ich ihn.
“Zwei, drei Minuten? Wenn überhaupt! Es kann sich doch am Beckenrand festhalten.”
“Eben!”, sagte ich, sprang auf und machte mich auf den Weg ins Krankenhaus. Ich hoffte, Maja wäre in der Lage mir ein paar Fragen zu beantworten.

*

Sie saß still auf ihrem Stuhl. Die Hände in ihrem Schoß sah sie stumm auf die kleine Gestalt, deren zerbrechlicher Körper von dutzenden von Schläuchen zusammengehalten schien. Rein äußerlich machte sie einen ruhigen, besorgten Eindruck. Doch in ihrem Innern tobte es. Die Gedanken überschlugen sich. Sie konnte es nicht fassen, dass das Kind noch immer am Leben war. Sie hatte sie doch lange unter Wasser gehalten. So lang, bis sie sich nicht mehr wehrte. Eine Stimme in ihr, wohl eine letzte Regung menschlichen Gefühls, sagte ihr, es sei doch ein Wunder, dass die Kleine noch lebe. Schließlich träfe sie doch am allerwenigsten auch nur irgendeine Schuld an dem, was geschehen war. Doch diese Gedanken wischte sie weg. Ihr war alles genommen worden. Sie hatte ihr Leben verloren und die, die ihr das angetan hatten, mussten dafür büßen. Das war alles, was zählte.
Sie wusste von Komapatienten, die nie wieder erwachten. Andere verschliefen ein paar Tage, Wochen oder Monate, vielleicht ein oder zwei Jahre. Manche konnten sich an ihr Leben, das sie führten, bevor sie ins Koma fielen, nie mehr erinnern. Bei anderen setzte die Erinnerung Stück für Stück wieder ein. Sie war ratlos. Was, wenn Maja wieder aufwachte und sich erinnerte? Wenn sie erzählte, wie sie von ihr gepackt und unter Wasser gedrückt worden war. Das musste unbedingt verhindert werden. Eine Schwester, die leise das Zimmer betrat, unterbrach ihre Gedanken: “Frau Beck, bitte sie müssen sich etwas ausruhen.”
“Nein, Schwester, es ist alles in Ordnung. Ich fühle mich gut.”
“Glauben sie mir, hier wird alles für Maja getan. Wir rufen sie an, wenn sich etwas an ihrem Zustand ändert. “
Nur widerstrebend verlieĂź sie das Zimmer. Ihr war klar, wollte sie kein Aufsehen erregen, musste sie sich fĂĽgen. Es blieb ihr nichts anderes ĂĽbrig, als abzuwarten.

*

Ich parkte meinen Wagen auf dem Parkplatz und ließ mir in der Anmeldung den Weg zur Station acht erklären. Als ich den Fahrstuhl verließ, sprach ich eine vorbeigehende Krakenschwester an: “Mein Name ist Schweiger. Kommissar Schweiger. Bitte, könnte ich den Arzt der kleinen Patientin Maja Hartmann sprechen?”
Mit routinierter Höflichkeit antwortete sie: “Selbstverständlich. Bitte warten sie einen Moment, ich werde ihn holen.”
Wenige Augenblicke später stand mir der Arzt gegenüber und teilte mir mit, dass sich am Zustand von Maja leider noch nichts geändert hatte. Mit der Zusicherung, mich zu verständigen, wenn sich etwas ändern sollte, verließ er mich wieder. Nun war ich genauso schlau, wie vorher. Ich wollte gerade den Fahrstuhl betreten, als mich die Krankenschwester, die den Arzt für mich holte, ansprach: “Herr Kommissar, ich weiß zwar nicht, ob es wichtig ist, aber ich kenne das Kindermädchen.”
“Woher”, wollte ich wissen.
“Diese Frau heißt nicht Beck, sondern Winter. Sie war die Ehefrau meines letzten Arbeitgebers.”
“Wo waren sie denn vorher beschäftigt?”
“In der Frauenarztpraxis von Dr. Winter. Er ist vor einem Jahr gestorben.”
“Er ist tot? Was ist geschehen?”
“Es war damals eine ziemlich hässliche Angelegenheit. Dr. Winter ist bei einem operativen Eingriff ein Kunstfehler unterlaufen. Die Patientin hatte zwar zum Glück überlebt, dennoch kam es zu einem Prozess. Im Laufe der Verhandlung hat er sich dann das Leben genommen. Er war ein sehr guter Arzt, der seinen Beruf liebte. Ich glaube, er hat es nicht verkraftet, das Leben einer Patientin gefährdet zu haben.”
“Können sie sich noch an den Namen der Patientin von damals erinnern?”
“Ja, sie hieß Hartmann.”
“Nicole Hartmann?”
“Ja.”
“Bitte sorgen sie dafür, dass niemand Majas Zimmer betritt.”

Noch auf dem Weg zu meinem Auto rief ich meine Sekretärin an: “Angi, frage im Büro des Staatsanwalts nach und versuche Informationen über einen Kunstfehlerprozess vom letzten Jahr zu erhalten. Der Arzt hieß Dr. Winter.”
Da sich der zähfließende Feierabendverkehr aufgelöst hatte, traf ich wenig später bei den Hartmanns ein. Das Hausmädchen kannte mich bereits und ließ mich ohne weitere Formalitäten eintreten. Sie führte mich ins Wohnzimmer, wo ich die Hartmanns antraf.
“Entschuldigen sie bitte den späten Besuch, doch mir sind vor wenigen Minuten aufschlussreiche Informationen zugegangen. Frau Hartmann, sie waren vor gut einem Jahr in Behandlung bei einem Frauenarzt namens Dr. Winter.”
Ein Vibrieren in der Hosentasche unterbrach meinen Redefluss.
“Hier ist Angi. Ich habe ein paar Neuigkeiten. Der Prozess gegen Dr. Winter fand ein tragisches Ende. Der Doktor nahm sich das Leben und seine damals im sechsten Monat schwangere Frau erlitt durch die Aufregung eine Fehlgeburt. Aber das ist noch nicht alles. Der Mädchenname von Frau Winter ist Beck. Also, wenn sie mich fragen, ein klassisches Motiv. Rache.”
Ich musste unwillkürlich lächeln. Ich hatte manchmal den Eindruck, Angi wäre gern mehr als nur eine Sekretärin.
“Danke, Angi.”
Ich verstaute mein Handy wieder in der Hosentasche und wandte mich erneut den Hartmanns zu: “Ich würde jetzt gern noch einmal mit ihrem Kindermädchen sprechen.”
“Selbstverständlich, ich werde Ingrid holen lassen”, erwiderte Frau Hartmann.

*

Nur widerwillig hatte sie Majas Krankenzimmer verlassen. Sie musste um jeden Preis verhindern, dass das Kind wieder das Bewusstsein erlangt. Doch wie sollte sie es anstellen? Sie durchquerte die Eingangshalle des Krankenhauses und trat auf die StraĂźe.
Unverhofft stellte sich ein Zittern in den Knien und heftiges Herzklopfen ein. Panik überfiel sie. Ein Zustand, der ihr als Diabetikerin wohl bekannt war. Zu viel Zeit war seit der letzten Mahlzeit vergangen. Automatisch griff sie in ihre Tasche und holte ein Stück Traubenzucker heraus. Das würde ihr für´s erste helfen. Sie wartete auf die Wirkung des Zuckers. Verdammte Insulinabhängigkeit. Sie brauchte das Zeug in ihrem Körper, um ihren Stoffwechsel zu regulieren, doch zu viel davon konnte sie in höllische Schwierigkeiten bringen.
Plötzlich zeigte sich ein grausamer Zug um ihren Mund. Was würde wohl mit einem gesunden Menschen passieren, spritzte man ihm Insulin? Er fällt ins diabetische Koma. Da die Ärzte bei Maja niemals eine schwere Unterzuckerung vermuten würden, könnte sie mit einer mehr als großzügigen Gabe Insulin die Kleine sicher ins Jenseits befördern. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass in weniger als einer Stunde der Schichtwechsel auf Majas Station vollzogen werden würde. Diesen Moment, wenn alle Schwestern im Stationszimmer waren, um die Situation der einzelnen Patienten zu besprechen, musste sie nutzen.

*

Es dauerte nicht lange, da erschien das Hausmädchen und sagte: “Frau Hartmann, es tut mir leid, aber ich kann Ingrid nicht finden.”
“Dann wird sie wohl noch in der Klinik sein.”
“Da sollte sie sich jetzt besser nicht aufhalten”, erwiderte ich.
“Was wollen sie damit sagen? Sie meinen doch nicht etwa, dass Ingrid etwas mit Majas Unfall zu tun hat?”, wollte Hartmann wissen.
“Ich halte diese Möglichkeit leider für sehr wahrscheinlich.”

Wir machten uns sofort auf den Weg. Noch während der Fahrt verständigte ich die Kollegen vom Revier und forderte für Maja Personenschutz an. Wie sich herausstellte, keine Minute zu früh. Als wir im Krankenhaus ankamen, wurden wir in das Büro der Klinikleitung geführt.
“Ihre Kollegen kamen gerade noch rechtzeitig. Sie überraschten Frau Beck, als sie sich in Majas Zimmer aufhielt. Es konnte diese Insulinspritze sichergestellt werden.”, empfing uns der ärztliche Direktor.
“Tja, Frau Beck, oder sollte ich lieber Frau Winter sagen, jetzt haben sie ihre Sorge um Majas Wohlergehen wohl doch etwas zu weit getrieben!”
“Wieso Frau Winter? Ich verstehe das nicht. Ingrid, was hat das zu bedeuten?”, wollte Frau Hartmann wissen.
Die Augen weit aufgerissen, mit hysterischer Stimme, antwortete Ingrid: “Sie verstehen nicht?! Was wollen sie denn auch verstehen? Sie mit ihrem großen Haus und ihrem erfolgreichen Mann, dazu die süße Maja. Sie haben doch alles. Alles, was mir genommen wurde. Sie sind Schuld, dass mein Mann und mein Kind tot sind. Spüren sollten sie es am eigenen Leibe, wie es ist, wenn man die verliert, die man liebt. Ja, verdammt, ich habe es getan! Sie haben mir schließlich mein Leben gestohlen. Und dafür sollten sie zahlen.”
Mir blieb nichts anderes zu tun, als das Kindermädchen in Gewahrsam zu nehmen. Maja erlangte übrigens noch in der selben Nacht das Bewusstsein wieder und erholte sich rasch von dem feigen Mordanschlag.

Ich machte mich auf den Heimweg. Als ich meinen Käfer geparkt hatte und den Briefkasten im Treppenhaus öffnete, kam mir meine Vermieterin in Begleitung eines sehr eleganten Herrn entgegen und sagte lächelnd: “N´abend Herr Schweiger. Jetzt stell´n se sich mal vor, wat passiert ist. Also, det werden sie nich glauben. Gegen Mittag klingelt det Telefon. Wieder nischt zu hören. Aber, und jetzt kommen ihre Kollegen ins Spiel, die haben janz schnell gewusst, wer det war. Nämlich, wie sich herausstellte, dieser Herr hier.”
Mit einem verschmitzen Lächeln meinte dieser: “Ja det war eben so: Jeden Morjen seh ick diese adrette Frau beim Bäcker um die Ecke. Ick habe mich sogleich in sie verguckt. Hatte aber nie die Courage, sie anzusprechen. Naja, die Telefonnummer konnte ick mir schon besorgen, aber zu mehr hat´s denn doch nich jereicht.”
“Aber denn sind wa doch noch zusammenjekommen. Und det war doch ja nich so schwer, oder?”, warf meine Vermieterin lachend ein.
Sie verabschiedeten sich und gingen Hand in Hand davon. Lächelnd sah ich den beiden nach.


...




__________________
Christa

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Dominik Klama
???
Registriert: Nov 2008

Werke: 40
Kommentare: 685
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Du hast dir viel Mühe gemacht, eine längere Geschichte zu schreiben, sie mit Atmosphäre und Nebenhandlungen auszustatten. Aber es reißt einen wirklich nicht hin und das konnte bei dieser Erzählstruktur wohl auch kaum klappen.

Ich erinnere mich an meine Jugendzeit. Damals lief im ZDF die endlose, schwarweiße, beliebte Krimiserie "Der Kommissar" mit Erik Ode. Dann wurde vom gleichen Sender eine zweite Krimiserie gestartet, die dann auch endlos lange lief: "Derrick" mit Horst Tappert. Nun waren beiden Serien vom selben Team, Autor: Herbert Reinecker, Produzent: Helmut Ringelmann. Sie spielten auch beide in München. Bloß war "Derrick" in Farbe. Scheinbar hatte sich das Team gedacht: Wir machen es jetzt aber anders, wir liefern die Alternative zum "Kommissar". Darum waren die ersten "Derrick"-Folgen so, dass der Zuschauer gleich am Anfang erfuhr, wer der Mörder war, Derrick das aber nicht wusste. Das gefiel den Leuten gar nicht. Es hagelte Proteste. Ringelmann und Reinecker schwenkten um und von da an wusste man auch bei "Derrick" immer erst am Ende, wer der Mörder war.

Es ist einfach das, was das Publikum erwartet. Krimis müssen spannend sein. Da ist dieses Rätsellösen gut. Grausammes Verbrechen, kein Motiv ersichtlich, bzw. ganz viele Motive bei vielen Leuten, aber sie haben alle Alibis. Jetzt ermittelt einer. Und dann passieren weitere Morde. Wird es dem Ermittler gelingen, weiteren Schrecken zu verhindern?

Wenn du den Leuten gleich zu Beginn sagst, wer es war, gibt es ja dieses Fagen nicht mehr. Der Kommissar fragt zwar noch, der Leser ist dabei aber nur noch gelangweilt, denn er weiß ja Bescheid. Wenn du diese Struktur hast, musst du dem Leser etwas anderes geben, was ihn gespannt macht. Das hast du hier versucht. Die erste Frage ist die nach dem Motiv. Warum ermordet diese Frau ein kleines Mädchen? Leider hat dich irgendwas auf die unglückselige Idee gebracht, dein Exposee bzw. deine Inhaltsangabe zu der Geschichte zusammen mit ihr und vor ihr einzustellen. Die LL-Mitglieder lesen das zuerst und jetzt wissen sie auch das Motiv schon. Somit hast du diese Spannungsquelle selber erledigt.

Der nächste Versuch, Spannung zu erzeugen, ist, die Mörderin allein im Krankenzimmer mit seinem ohmächtigen, aber nicht toten Opfer zu lassen. Für so etwas ist es dann gut, dass wir wissen, sie ist die Mörderin. Jetzt können wir gespannt sein, ob sie sich mit dem Koma zufriedengibt oder noch einmal zuschlägt.

Hier in er Geschichte erreicht diese Situation aber niemals die Spannung, die sie theoretisch hätte erreichen können. Dafür lässt du uns Leser der Frau Winter zu viel in die Karten sehen. Du solltest das gar nicht schreiben, dass sie überlegt, ob dieses Mädchen wieder wach wird und ob es sich dann erinnert. Du solltest sie da nur herumgeistern und uns fragen lassen: "Will sie noch was oder guckt sie nur zu?"

Sowieso problematisch, dass du uns ihre Gedanken aufschreibst in einem Text, der angeblich von dem Kommissar in Ich-Perspektive aufgeschrieben worden ist.

Leser können dann ja einigermaßen kalt und herzlos kalkulieren. Sie kennen diese Leute nicht weiter. Es ist nicht ihre Tochter. Also sagen sie sich: Das Kindermädchen bringt jetzt das Mädchen vielleicht doch noch um, aber damit kommt sie dann nicht davon. Die wird geschnappt. Das ist ja die andere Spannungsfrage bei den Krimis, wo der Mörder von Anfang an bekannt ist: Wird er geschnappt oder kann er entkommmen? Sie mag sich selber einreden, was sie will, aber wenn ein fast ertrunkenes Mädchen, wobei die Umstände dieses "Unfalls" längst sehr zweifelhaft sind, plötzlich und ohne jede erkennbare Ursache im Krankenhaus verstirbt, dann findet eine genaue Untersuchung der Leiche statt. Da wird auch der Insulinschock bemerkt. Und eine sowieso vorher schon Verdächtigte kann dann nicht entkommen, wenn alle wissen, dass sie mit dem Kind im Krankenzimmer alleine war.

Im Übrigen gibt es einige Sätze, die recht ungelenk formuliert sind:

quote:
Ich grüßte den Pförtner und ließ die zwei Stockwerke bis zu meinem Büro, immer zwei Stufen auf einmal, etwas atemlos hinter mir.

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jon
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Was hat das Exposee hier zu suchen? Nein im Ernst, man veröffentlicht doch nicht das Arbeitsmeaterial zur Story sondern nur die Story …
Und was meinst du mit den drei Punkten am Schluss? Das das Werk noch weitergeht (klingt nicht danach)? Dann bitte den Mehrteiler-Modus wählen!


Leseranmerkungen:
Zur Spannung hat Dominik schon was gesagt.
Stilistisch fand ich es beim groben(!) DrĂĽberlesen halbwegs ok, eine Detailbetrachtung folgt, wenn ich Zeit mehr hab.
Es gibt hier und da Fehlerchen (z. B. das Wort „Sie" {2. Person Ein- und Mehrzahl} wird groß geschrieben und gelegentlich fehlen Kommas).
__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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