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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Getroffen
Eingestellt am 14. 11. 2015 21:15


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Pattip
AutorenanwÀrter
Registriert: Oct 2015

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Getroffen

Der Großvater kam aus dem Garten ins Haus, beĂ€ugte die Reihe der EinmachglĂ€ser und kommentierte die erfolgreiche Ernte. Den herrlichen Geruch des Gelees lobend, ließ Oma ihn von einem Holzlöffel kosten. Dabei lief ihm ein Teil der erlesenen Fracht am Kinn entlang. Das rote Gelee sah aus wie Blut. So musste die frische Wunde ausgesehen haben, stellte ich mir vor. Dass es sich um eine Kriegsverletzung handelte, wusste ich, doch mehr nicht, leider.
Als ich ihn wÀhrend der gemeinsamen Arbeit an einem Abakus in der Kellerwerkstatt danach fragte, murmelte Opa:
„Das ist nichts fĂŒr neunjĂ€hrige MĂ€dchen.“
„Na sicher, ich habe doch sogar die gruseligen Göttersagen gelesen,“ begehrte ich auf.
Er musterte mich mit gerunzelter Stirn und brummte: „Aber Kriegstote können nicht zum Leben erweckt werden wie in Göttersagen. Es war reines GlĂŒck dass ich ĂŒberlebt habe. Willst du wirklich wissen, wie?“
Ich nickte so heftig wie der Wackeldackel im Opel meines Onkels.
Der Großvater drehte sich auf dem Hocker und lehnte sich an die Werkbank. Die bequemere Haltung ließ auf eine lĂ€ngere ErzĂ€hlung hoffen.
„Nun gut, als der II. Weltkrieg begann, wollte ich nicht hin, denn deine Oma musste mit deinem Papa und seinen Geschwistern allein zu Hause klar kommen. Aber danach fragt keiner. Ich hatte gelernt Flugzeuge zu fliegen und war Pilot einer Junkers Ju 87, einer Stuka, was die AbkĂŒrzung fĂŒr Sturzkampfbomber ist. Ich war ein guter Pilot und traf fast jedes Ziel. Aber bei der Schlacht um DĂŒnkirchen im Jahr 1940 sind wir nachts abgeschossen worden. Die Maschine war am Benzintank getroffen worden, stĂŒrzte ab und begann bereits zu trudeln, wĂ€hrend die Jericho-Trompeten wild kreischten. Ich hatte gerade noch Zeit rauszuspringen.“
„Wer hat denn da noch Trompete gespielt?“ wunderte ich mich.
Opa lachte. „Die spielten von allein. So nannten wir eine Art Sirene, die am Fahrwerk angebracht war und im Sturzflug ein irres Getöse verursachte, was den Feinden Angst einjagen sollte. Ihr Name stammt ĂŒbrigens aus der Bibel. Hast du das Buch Josua im Religionsunterricht noch nicht gelesen?“ Ich schĂŒttelte den Kopf.
„Da heißt es, dass der Klang der Trompeten die Stadtmauern von Jericho zum EinstĂŒrzen gebracht hat.“
„Ach was, “ winkte ich ab, „Musik macht doch nichts kaputt. In der Bibel stehen ĂŒberhaupt komische Sachen.“
„Was denn zum Beispiel?“ fragte Opa mit erhobener Braue.
„Na, da waren doch Kain und Abel, die ersten Kinder von Adam und Eva, oder?“
„Richtig. Und weiter?“
„Na, wenn sie die ersten Menschen waren, vor welchen anderen Leuten hatte Kain Angst erschlagen zu werden?“
„Kind, die Bibel ist eine heilige Schrift und seit Jahrhunderten glauben die Menschen an das, was dort geschrieben ist. Du solltest nicht an ihr zweifeln sondern einfach glauben was drin steht und basta. Merk dir das!“ brummte der Alte barsch.
„Na gut,“ murmelte ich und schluckte hinunter, dass mir die griechischen Mythen, Erdenmutter Gaia und der Götterahne Uranus glaubwĂŒrdiger schienen, und ich erklĂ€rlicher fand, dass Prometheus die Menschen geformt und die kluge Pallas Athene ihnen Wissen und Weisheit eingehaucht hatte.
„Wo war ich stehen geblieben?“ unterbrach der Großvater meine Gedanken.
„Da, wo du rausgesprungen bist!“
„Ah ja. Zum GlĂŒck öffnete sich der Fallschirm. Ich glitt ĂŒber einen Wald, sah das brennende DĂŒnkirchen und in Flammen stehende Schiffe. Und in diesem gleißenden Schein habe ich dann den Tod gesehen. Soldaten auf einer Lichtung. Sie legten auf mich an. Ich hoffte zwischen den Baumwipfeln entkommen zu können, aber schon flogen mir Geschosse um die Ohren. Und da habe ich die Kugel direkt auf mich zu kommen sehen.
Weißt du, wenn du an einem Fallschirm hĂ€ngst, kannst du nicht ausweichen. Ich wusste, halte ich den Kopf nach unten, trifft sie dir in die Stirn und du bist sofort tot. Halte ich den Kopf nach oben, trifft sie dir in den Hals, ist das auch das Ende. Da hab ich versucht sie mit den ZĂ€hnen zu fangen. Wie du siehst, habe ich ihre Flugbahn nur geringfĂŒgig falsch eingeschĂ€tzt und sie ist mir im Kinn gelandet.“
Ich pfiff anerkennend durch die ZÀhne und betrachtete die kraterförmige Narbe aus der NÀhe. In der Mitte klaffte ein Loch, drei bizarre Rillen furchten das rundherum aufgeworfene Fleisch von rot blÀulicher Farbe.
„Was ist dann passiert?“ fragte ich gespannt.
„Ich war in einem Baum hĂ€ngen geblieben“, erklĂ€rte der Großvater sinnierend und dabei sah er mich so eindringlich fragend an, bis ich schließlich zustimmend nickte, als sei ich mit dabei gewesen und wisse, alles habe sich genau so ereignet und nicht anders. „Mehrere Stunden mĂŒssen es gewesen sein. Ich dachte ich bin im Himmel, schwebe als Engel zwischen Wolken und dazu diese Helle ringsum. Aber irgendwann öffnete ich die Augen, was ich gleich bereute. Mein Kopf tat höllisch weh und statt dem erwarteten weißen Gewand trug ich meine Uniform, die rot von Blut war. Ich wusste nur nicht warum.“
Der Großvater starrte auf einen entfernten Punkt ĂŒber meinem Scheitel.
„Da erinnerte ich mich an schießende Feinde und dass sie getroffen hatten. Heftiger Wind kam auf, die Äste schaukelten, mir wurde schwindelig, ich erbrach. Dabei merkte ich erst so richtig dass ich wirklich wieder lebte und womöglich nur vorĂŒbergehend tot gewesen war. Und weißt du, was ich dann tat?“
Ich zuckte die Achseln.
„Geweint habe ich, geweint, geflennt, geheult!“
„Weil du dich vollgekotzt hast?“
EntrĂŒstet schĂŒttelte Opa den Kopf. „Quark mit Soße. Vor Freude. Weil ich lebte, weil ich meine Frau und meine Familie wahrscheinlich wieder sehen wĂŒrde!“
Opa wandte das Gesicht von mir ab, sagte lange Zeit nichts. Als er sich wieder nach mir umdrehte, glitzerte es in seinen Augen.
„Ich wunderte mich darĂŒber, dass die französischen Soldaten mich nicht gesucht hatten. Die Franzosen, dass waren damals unsere Feinde, weißt du? Na ja, sie sind es heute auch noch ein bisschen“, grinste der Großvater.
"Und was passierte dann?" wollte ich wissen.
„Ich habe die Fallschirmseile gekappt und bin mĂŒhselig vom Baum geklettert. Mir tat alles weh. Besonders der Kopf. Als ich endlich unten war, humpelte ich einfach los und konnte kaum fassen, dass ich nach nur wenigen Schritten auf einen Trupp meiner Leute stieß. Die hatten die Maschine abstĂŒrzen sehen und nach mir und dem BordschĂŒtzen gesucht. Du ahnst nicht wie fest ich meine Retter umarmt habe. Ich wurde gefeiert wie ein Held. Allen schien wie ein Wunder dass ich ĂŒberlebt hatte.“
Opa atmete tief auf und klopfte mir auf die Schulter, als sei ich es, die er fĂŒr das Überleben aus einer tödlichen Situation beglĂŒckwĂŒnschen wollte. Aber er war der Held, das hatte er selbst gesagt!
„Opi, du bist ein Held, vielleicht bist du wie Achilles, nur an der Ferse verwundbar, oder gar unbesiegbar!“
Großvaters Kopf schnalzte empor, in seinen Augen ein eisiger Blick fuhr er mich an:„Im Krieg gibt es weder Helden noch Sieger. Alle verlieren. Auch in den Überlebenden stirbt etwas.“
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Du wirst keine neuen Meere entdecken, solange du nicht den Mut hast die KĂŒste aus den Augen zu verlieren!

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Hyazinthe
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Hallo Pattip!

Schön geschriebene ErzĂ€hlung, lebendig und frisch, auch wenn das Thema ein altbekanntes ist. Es ist wohl die naive Neugier des Kindes, die die Erlebnisse des Großvaters neu erscheinen lassen. Nur den letzten Satz mit dem "eisigen Blick" finde ich etwas moralisch aufgesetzt.

Du erzĂ€hlst flĂŒssig, die Dialoge wirken echt. Angenehm zu lesen.

Gruß, Hyazinthe

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