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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Gewalt und Religion. Ursache oder Wirkung?
Eingestellt am 11. 09. 2011 10:08


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Winfried Stanzick
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Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Rene Girard, Gewalt und Religion. Ursache oder Wirkung?, Matthes und Seitz 2010, ISBN 978-3-88221-632-5

Das vorliegende kleine Buch dokumentiert zwei GesprĂ€che, die Rene Girard im Jahr 2000 und dann noch einmal im Jahr 2006 ( also nach 9/11), mit dem österreichischen Professor fĂŒr Systematische Theologie, Wolfgang Palaver, gefĂŒhrt hat und einen kurzen einfĂŒhrenden Essay, der dem Buch seinen Titel gab. FĂŒr Menschen, die sich zunĂ€chst einmal relativ kurz mit der faszinierenden und ĂŒberaus ĂŒberzeugenden Theorie Rene Girards auseinandersetzen wollen, bietet diese Einleitung gute und wichtige Informationen.

"Ausgangspunkt der mimetischen Theorie von RenĂ© Girard ist die Feststellung, dass menschliche Gesellschaften nur dann ĂŒberleben können, wenn sie in der Lage sind, dem Ausbreiten der Gewalt innerhalb der Gruppe erfolgreich entgegenzuwirken. Ursache zwischenmenschlicher Konflikte ist das Aneignungsverhalten von Menschen, die in engem Kontakt miteinander leben: Dieses Verhalten stiftet RivalitĂ€t, Neid und Eifersucht, ist ansteckend, wird von allen Mitgliedern der Gruppe mitgetragen und fĂŒhrt zu raschen Gewalteskalationen, in denen das ursprĂŒngliche Objekt keine Rolle mehr spielt: sie werden lediglich durch das Imitieren des Anderen in Gang gehalten.
FĂŒr das Aneignungsverhalten und die nachfolgende Nachahmung des gewalttĂ€tigen Verhaltens wird von Girard der Begriff 'Mimesis' verwendet, um damit den Abstand von der gelĂ€ufigen Thematisierung des imitativen Verhaltens als Nachahmung Ă€ußerlicher Darstellungen, Gestik oder Mimik hervorzuheben." (aus dem Artikel von wikipedia zu Rene Girard)

In diesem Buch geht es nun insbesondere um die Rolle der Religionen in diesem Prozess und die Bedeutung des Opfers fĂŒr die EindĂ€mmung von Gewalt, die durch die Mimesis endemisch wurde. Dabei waren, wie er betont, entgegen herkömmlicher EinschĂ€tzung die archaischen Religionen keineswegs die Ursache fĂŒr Gewalt, sondern zum einen deren Folge und zum anderen boten sie Schutz vor ihr. „Der Mechanismus der Opferung, der die archaischen Religionen hervorbrachte, wurde so einhellig angenommen, dass das zuerst dĂ€monisierte und spĂ€ter vergöttlichte Opfer genauso fĂŒr die mimetische Krise wie auch fĂŒr die glĂŒckliche Lösung des Problems verantwortlich schien. Jene, die sich der Stimmung des Mobs ĂŒberließen, betrachteten ihre EinmĂŒtigkeit nicht als Folge mimetischer Ansteckung, worum es sich in der Tat aber handelte, sondern als einen besonderen Beweis ihrer richtigen Auslegung des Dramas vom einzelnen Opfer.“

Es ist die von der Theologie (Wolfgang Palaver und seine Mitarbeiter sind da eine Ausnahme) noch gar nicht richtig und ausreichend aufgenommene Erkenntnis von Girard, dass er in den biblischen Überlieferungen der hebrĂ€ischen Bibel und des Neuen Testamentes, vor allen Dingen in den synoptischen Evangelien, hier eine grundlegende Änderung sieht, einen Paradigmenwechsel von großer Bedeutung:
„Die hebrĂ€ische Bibel und die christlichen Evangelien sind die einzigen religiösen Texte, die eine Umkehrung dieses mythischen Schemas darstellen. Der Mob in den jĂŒdischen und christlichen Schriften denkt und handelt genauso wie der Mob in den archaischen Mythen. Nicht die Ereignisse machen den Unterschied, sondern deren Interpretation. In den Mythen haben die Opfer tatsĂ€chlich die Verbrechen begangen, derer sie von ihren Verfolgern bezichtigt werden. In den jĂŒdischen und christlichen Schriften wird der Mob dafĂŒr verantwortlich gemacht, unschuldige Opfer zu verfolgen.“

Dabei sind in den Evangelien, die Menschen, die anders denken als der Mob, nur sehr wenige, „doch so ungewiss ihre Perspektive auf den ersten Blick zu sein scheint, so trĂ€gt sie aus meiner Sicht letztlich den Sieg davon: Weil sie nĂ€mlich wahr ist.“

Doch bis weit hinein in die christlichen Kirchen ist ein Umstand zu beklagen, dass die moderne Welt diese biblische Entmystifizierung nicht erkennt. Die biblischen Texte werden hĂ€ufig fĂŒr Mythen gehalten (auch von den Theologen), da sie Mythen gleichen. Doch die prophetischen Texte der hebrĂ€ischen Bibel und der Evangelien stehen in absolutem Gegensatz zur mythischen und opfernden Geisteshaltung der archaischen Religionen. Jesus etwa sagt den Menschen, sie sollten sich zuerst mit ihren BrĂŒdern versöhnen, ehe sie irgendwelche Opfergaben in den Tempel bringen. Er warnt sie also davor, auf das Opfer als ein kĂŒnstliches Mittel zu vertrauen, um mit ihrem NĂ€chsten in Frieden zu leben.
„Die Wahrheit des Opfers, die sich durch die Kreuzigung enthĂŒllt, wird ein fĂŒr alle Mal und auf lange Sicht gesehen jedes andere und weitere Opfer nichtig machen. Da es unmöglich geworden ist, der Gewalt durch das Ritual zu entgehen, wird die persönlichen Versöhnung zum einzigen Mittel, um die zerstörerische Entfesselung der mimetischen Gewalt zu vermeiden.“

Girard lĂ€sst keinen Zweifel daran, dass er dies fĂŒr den einzig möglichen Zugang hĂ€lt, der mimetischen Gewalt auf der Welt Herr zu werden. Doch er warnt vor einem Prozess, der die Religionen als etwas verdammt, „ was unserer modernen HumanitĂ€t fremd ist. Selbst wenn wir es besser machen, als es die alten Religionen taten, so sehen wir doch ein, dass das Unterfangen unendlich komplizierter ist, als man noch vor hundert Jahren dachte. Die Gewalt, fĂŒr die wir gerne die Religion verantwortlich machen wĂŒrden, ist tatsĂ€chlich unsere eigene und ihr mĂŒssen wir uns ohne Umweg stellen. Die Religionen zum SĂŒndenbock fĂŒr unsere eigene Gewalt zu machen, kann letzten Endes nur nach hinten losgehen.“

In dem zweiten GesprĂ€ch mit Wolfgang Palaver 2006 geht es, verstĂ€ndlicherweise, auch um eine EinschĂ€tzung des Islam. Ihm traut Girard, obwohl es sich mit dem Islam nicht so ausfĂŒhrlich beschĂ€ftigt hat, wenig zu in dieser Richtung, weil der Islam fĂŒr das, was bei den alttestamentlichen Propheten und dann mit Christus im neuen Testament geschieht, nur Verachtung ĂŒbrig hat.

Wer sich ausfĂŒhrlicher mit Rene Girards mimetischer Theorie und dem Zusammenhang mit der Religion und dem Heiligen beschĂ€ftigen will, der sei auf die 2011 im Patmos Verlag erscheinende Neuausgabe des schon 1972 erschienenen Buches „Das Heilige und die Gewalt“ hingewiesen.


Version vom 11. 09. 2011 10:08

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