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Leselupe.de > Kurzprosa
Gewebe der Zeit
Eingestellt am 31. 07. 2006 07:53


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Gerard
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Jul 2005

Werke: 5
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Gewebe der Zeit


RĂ€tselhafte GefĂŒhle, berauschende Momente, Herzflimmern und Verzweiflung. Hauchzarte Gespinste von TrĂ€umen hervorgerufen und dazu verdammt beim leichtesten Atemzug zu zerfallen. Gewebe, so fein gesponnen das ein Luftzug genĂŒgt um sie zu zerstören und doch sind sie es, die uns am Leben erhalten, uns immer wieder Mut machen. Netze gewoben aus filigranen Materialien, die einem MĂ€rchen entsprungen zu sein scheinen. Welch großartige Magie kann solch Meisterwerke der Phantasie zustande bringen, legt den Zauber des Überirdischen auf unser zerbrechliches Herz und unsere empfindsame Seele, lĂ€ĂŸt TrĂ€ume vor unserem geistigen Auge aufsteigen an die wir uns klammern, gibt uns Hoffnung auf ein wenig von dem Erhofften und stĂŒrzt uns ins tiefste Tal des Jammers.
Gewebe der Zeit lassen keinen RĂŒckschluß zu, auf unerfĂŒllte Hirngespinste, verzweifeltes Warten, unausgesprochene Worte und nie wahr gewordene Vorstellungen. Der Faden wird uns zum Zeitpunkt unserer Geburt aus der Hand genommen und von einem anderen, höheren Wesen gefĂŒhrt. Welch edles Netz es spinnt ist unvorhersehbar, doch weh dem der an einen unfĂ€higen Weber gerĂ€t, dem sei großes Leid prophezeit. Kein Entrinnen möglich, die Spule des Lebens liegt in einer fremden, unbeeinflußbaren Hand, die ihre FĂ€den fleißig durcheinander wirbelt und Muster entstehen lĂ€ĂŸt die uns vielleicht gar nicht in dem Kram passen wollen. Nur der Tod kann den Lauf der Windungen, Knoten und Nahtstellen beenden und erlöst uns von dem Netz, das so gar nicht auf unseren Leib zugeschnitten ist.
Das Wesen, daß die Spule meines Geschicks in der Hand hĂ€lt, hat mich durch seine handwerkliche Fehlinterpretation meiner TrĂ€ume und Hoffnungen dazu verdammt selbigen immerzu hinterherzulaufen und sie niemals einzuholen. Die Gewebe der Zeit rauben mir Tag um Tag, Woche um Woche, Monat um Monat und Jahr um Jahr meines unerfĂŒllten Lebens. Das Netz, das um mich herum gewoben wird beginnt mich bereits einzuengen, drĂŒckt mir die Luft ab, beraubt mich jeglichen Glaubens, nimmt mir meine liebsten TrĂ€ume und gibt mich der Verdammnis preis.
Oh Schicksal, laß den Faden zerreißen, schlag diesem StĂŒmper die Spule aus der unfĂ€higen, verkrĂŒppelten, gichtgeplagten Hand, oder gib meinen weiteren Lebensweg in fĂ€higere, geschicktere Finger, die mir ein wenig Zufriedenheit zugestehen und das Netz ein kleines bißchen nach meinem Geschmack ausschmĂŒcken.
Manch Werk ist derart zart, daß es im frĂŒhesten Schaffensstadium zerstört und ein Neubeginn ermöglicht wird. Doch die Falle in der ich sitze wurde mit unverwĂŒstlichen Hanfseilen gefertigt, hĂ€lt ein langes, unerfĂŒlltes Leben allen Widrigkeiten stand und ist so eng, daß es kein Entrinnen gibt. Ich kann nur stillhalten und den verhaßten Lauf der Spule verfolgen, abwarten wann der nĂ€chste Knoten geknĂŒpft wird und ich wieder einen blauen Fleck von den Druckstellen bekomme, die er in meinem Fleisch hinterlĂ€ĂŸt, wie all die Knoten vor ihm.
Gebt mir eine Schere und ich zerschneide dieses Gespinst aus Bosheit, verlorenen TrĂ€umen, Verlusten und Resignation. Befreie mich von den klebrigen FĂ€den des Geschicks, nehme die Spule in die eigenen HĂ€nde, werfe sie hoch in die Luft, fange sie wieder auf und ziehe meine FĂ€den ganz nach dem eigenen Geschmack. Lasse Formen und Farben entstehen die mich glĂŒcklich machen, die mir ein Lachen entlocken, mein Herz erwĂ€rmen, meinen Geist schĂ€rfen, werde mein eigener KĂŒnstler.
Gewebe der Zeit, du hast mich in deinem teuflischen Netz gefangen. Noch zapple ich und wehre mich gegen deine UnfĂ€higkeit, doch irgendwann in nicht allzu ferner Zeit rege ich mich nicht mehr und der letzte Widerstand erstirbt. Dann hast du die Schlinge endgĂŒltig zu eng gezogen, jede Hoffnung erstickt in deinem Gespinst aus peinlichen Fehlern und FettnĂ€pfchen fĂŒr jede Gelegenheit. Dann bin ich zur Marionette geworden, hĂ€nge hilf- und willenlos an deinen FĂ€den und lasse mich von einem fremden Willen in Bewegung versetzen. Ist es das was du mit deinem Netz aus Verdruß und Langeweile bezweckst?

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