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Gewollte Begriffsverwirrung
Eingestellt am 31. 01. 2018 14:26


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Kassandro
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Gewollte Begriffsverwirrung
oder
„unter Umständen auch unter Verletzung der Rechte des Einzelnen“


Auch ein reiner Nebenfachlehrer muss hin und wieder Vertretungsstunden halten. Etwa 15 Jahre mag die einprägsame Szene her sein. Was machen mit dieser großen Hauptschul-Neunten? Vielleicht, wo jetzt einmal das ganze Potpourri beisammen ist, etwas grundlegend Allgemeinbildendes. Welche Religionen gibt es denn alles auf der Welt? Und dann vertiefend: Die Verwandtschaft der drei abrahamitischen Weltreligionen. Tafelbild mit drei Spalten, dem Alter nach: Judentum, Christentum, Islam, dazu ihre Symbole: Davidsstern, Kreuz und Halbmond. Als ich den Davidsstern zeichne, kommt Rumor auf bei den reichlich vertretenen Muslimen. Im Klassengespräch stellt sich heraus, dass sie ihn nur als Emblem des Staates Israel kennen, der ihnen verhasst ist, weil er die Palästinenser bekämpft (Zu der Zeit war die Tempelberg-Intifada in allen Medien.). Von der jüdischen Religion haben alle nicht die geringste Ahnung. Die wiedererbaute Synagoge halten sie wegen des Davidssterns davor für eine israelische Botschaft. Da liegt eine riesige Bildungsaufgabe, sagte ich mir damals.

Diese Verwirrung aufzuklären ist 2018 eine immer noch anstehende Bildungsaufgabe. Als bei den Demonstrationen in Berlin gegen Donald Trumps einsame Ernennung Jerusalems zur israelischen Hauptstadt selbstgemalte Nationalflaggen Israels verbrannt wurden, war die Aufregung über antisemitische Ausschreitungen groß. Man kann aus unguter historischer Erinnerung (Ketzer-, Hexen-, Bücherverbrennungen…) von solch pyromanischen Symbolhandlungen gar nichts halten – eine andere Frage ist es, ob diese Wutakte sich wirklich gegen Juden und das Judentum richteten, also ein Ausdruck von Antisemitismus waren. Ein religiöses Symbol in der Fahne eines Staates lässt eine Doppeldeutigkeit entstehen: Ist er gemeint oder die Religion? Kannten diese Demonstranten das Judentum und seine Symbole besser als jene Schüler damals? Der politische Anlass, das Protestziel, die Tatsache, dass es die Nationalflagge des Staates Israel und nicht etwa ein jüdischer Kultgegenstand war, sprechen dafür, dass sie den Staat Israel meinten und nichts anderes. So simpel, wie bento, die Jugendrubrik von Spiegel-online, es als fettgedruckten Merkvers den jungen Usern zum Auswendiglernen anbietet, ist es leider nicht: „Was die Flaggen-Verbrenner anscheinend nicht kapiert haben: Wer gegen Trumps Entscheidung auf die Straße geht, ist ein Demonstrant. Wer dabei den Davidstern anzündet, ist einfach nur: ein Antisemit.“
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Zentrale Bildungsaufgabe zu allen Zeiten ist und bleibt, unterscheiden zu lernen, kritisch denken zu lernen - das nämlich bedeutet die griechische Wortwurzel krinein = unterscheiden. Eine ganz wichtige Unterscheidung, so meine ich, müsste die sein zwischen der Religion Judentum, bzw. den ihr Angehörenden, den Jüdinnen und Juden, und dem Staat Israel, deren Staatsbürger Israelis heißen. Letztere sind nicht alle jüdisch und Juden leben nicht alle in Israel, sondern überall auf der Welt. Viele davon unterstützen Israel, andere kritisieren die Politik dieses Staates, manche stellen sich im Nahostkonflikt auf die Seite der Palästinenser. Wenn man jungen Türken und Immigranten aus dem arabischen Raum diese Unterschiede klarmachen würde, wäre m. E. viel gewonnen. „Ich habe doch keine Palästinenser im Keller!“ antwortete der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Rostock als er mit der Parole ‚Freiheit für die palästinensischen Gefangenen’ angegangen wurde. Das gilt es zu begreifen. Aber ist ein solches Bildungsziel in unseren staatlichen Bildungsinstitutionen überhaupt erwünscht?

„Die Bundesregierung hat das Verbrennen von israelischen Fahnen bei Anti-Israel-Protesten in Berlin scharf verurteilt."Man muss sich schämen, wenn auf den Straßen deutscher Städte so offen Judenhass zur Schau gestellt wird", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag. Die Meinungs- und Demonstrationsfreiheit sei "kein Freibrief für antisemitische Entgleisungen, für Hetze und für Gewalt".“ – so die regierungsamtliche Reaktion auf die Demonstrationen in Berlin. Bei diesem Antisemitismus-Vorwurf liegt es nicht an fehlender Bildung, dass Protest gegen den Staat Israel nicht unterschieden wird von Hass auf Juden in Deutschland. Hier wird mit Absicht verwirrt. Denn seit Jahren tut sich beim Thema Israel eine Schere auf zwischen Regierungskurs und Rechtsempfinden der Regierten. Früher, als die Verdrängungen der Adenauerära in Bezug auf den Holocaust ihr Ende fanden, gab es einmal viel Sympathie für ein bedrängtes Israel, selbst wenn es Präventivkriege führte. Aber als die Politik Israels immer deutlicher auf eine Aneignung fremden Landes, auf Missachtung von Regeln und Appellen der Vereinten Nationen, die diesen Staat erst ermöglicht hatten, und auf ein endloses, mit systematischen Menschenrechtsverletzungen einhergehendes Besatzungsregime hinauslief, da entzog die deutsche Bevölkerung diesem regierungsoffiziell befreundeten Staat die Sympathie. Spätestens seit dem Zusammenbomben des abgeriegelten Gaza-Streifens 2008/9 mit dem Faktor 1:100 (UN-Feststellung: 14 gefallene Israelis, 1400 tote Palästinenser) waren die Regierungserklärungen von der legitimen Selbstverteidigung eines existenzgefährdeten Landes nicht mehr glaubhaft. Wiedergutmachung für Nazigräuel in Form von Waffenlieferungen an den Staat Israel oder Nein-Stimmen zu UN-Resolutionen, die dessen Politik verurteilen, haben keine Akzeptanz mehr bei der Mehrheit der Deutschen.

Auf dieses Legitimationsdefizit hat Bundeskanzlerin Angela Merkel auf fatale Weise reagiert. Statt die deutsche Politik gegenüber Israel zu überdenken, hat sie die Unterstützung Israels bekanntlich zur „Staatsräson“ erklärt. Nun ja, mag mancher denken, so kennen wir sie: weitermachen wie bisher. Aber das ist ein Irrtum. Man schaue einmal die Wortbedeutung von „Staatsräson“ im Duden nach. Sie lautet: „Grundsatz, nach dem der Staat einen Anspruch darauf hat, seine Interessen unter Umständen auch unter Verletzung der Rechte des Einzelnen durchzusetzen, wenn dies im Sinne des Staatswohls für unbedingt notwendig erachtet wird.“ Schon werden israelkritische Veranstaltungen und Solidaritätsbekundungen mit den Palästinensern in manchen Städten administrativ verhindert.
Hier klicken Die internationale BDS-Kampagne, die mit zivilgesellschaftlichen Boykottmaßnahmen Druck auf die israelische Regierung ausüben will, zu der u.a. der Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu aufruft und der sich in anderen Ländern prominente Künstler und Universitäten, große Unternehmen und ganze Kirchen angeschlossen haben, wird in Deutschland kriminalisiert.

Bundestag und -regierung lassen sich seit Jahren regelmäßig von einem „Unabhängigen Expertenkreis“ über die Entwicklung des Antisemitismus informieren. Der jüngste Bericht 2017 stellte eine stetige Abnahme antisemitischer Einstellungen in der deutschen Bevölkerung im Beobachtungszeitraum von 2002 bis heute fest (S. 62). Hier klicken Entgegen dem eigenen Gutachten aber wurde ein Hype um eine angeblich wachsende antisemitische Gefahr veranstaltet, der man mit einem Antisemitismus-Beauftragten begegnen müsse. Ein Sonderbeauftragter wäre allerdings sinnvoll, nämlich ein Antirassismus-Beauftragter, denn wirklich besorgniserregend sind Ressentiments und Attacken gegen Flüchtlinge. Der Bundestagsantrag „Antisemitismus entschlossen bekämpfen“ macht gar keinen Hehl daraus, dass es entscheidend darum geht, den Staat Israel unter den Schutzschild der Antisemitismusabwehr zu stellen und Proteste gegen sein Agieren zu unterbinden.

Die Rechte des Einzelnen, die beim Staatsinteresse Israel unter Umständen verletzt werden dürfen, lassen sich inzwischen konkretisieren: Es sind das Recht auf Informationsfreiheit und das Recht auf freie Meinungsäußerung. Hier klicken
Gerechtfertigt werden solche Eingriffe mit dem ehrenwerten Ziel der Antisemitismusbekämpfung, wobei der Begriff Antisemitismus so manipuliert wird, dass er Kritik am Staat Israel mit umfasst. Die Autorin Alexandra Senfft hat in der Freitag einen klugen Gastbeitrag unter dem Titel Verwirrung der Begriffe veröffentlicht. Hier klicken

Für die Bildungsziele Unterscheidungsvermögen und Aufklärung indes wird es schwer, wenn Verunklarung und Begriffsverwirrung die Agenda bestimmen. Schade, denn was gäbe es da nicht alles zu entdecken, das gewollte Klischees in der einen oder anderen Richtung durch unterscheidende Bildung ins Wanken brächte. Man stelle sich nur einmal vor, heute, im Zeitalter des E-learning forderte ein Lehrer eine Klasse mit vielen türkischstämmigen Schülern auf, einmal ein mittelalterliches türkisches Reich in Anatolien zu recherchieren: Eingabe Karaman in wikipedia.
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Ergänzung April 2018
Ich freue mich ĂĽber eine geradezu hundertprozentige Ăśbereinstimmung mit dem israelischen Politikwissenschaftler David Ranan:
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Version vom 31. 01. 2018 14:26
Version vom 22. 02. 2018 13:25

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