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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Gieriges Verderben
Eingestellt am 09. 04. 2015 15:47


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Claudia Rainbow
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Jan 2015

Werke: 7
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Der Tag war lang. Unendlich lang. Ich hatte nichts anderes zu tun als an die Decke zu starren, die Blumen auf dem Vorhang durchzuz├Ąhlen, oder sie zu beobachten, wie sie faul herumsass, sich mit Essen vollstopfte und anschliessend zwischen ihren Z├Ąhnen herumstocherte. Ab und zu hatte ich sie auch schon beim in der Nase bohren beobachten k├Ânnen. Sie liess es sich gut gehen. Den Fernseher hatte sie absichtlich von mir weggedreht, so dass ich nie etwas von dem mitbekam, was sie sich da reinzog. Doch wenigstens h├Ârte ich was da auf dem Schirm abging. Ich machte mir dazu meine eigenen Bilder. Am Anfang war mir das schwer gefallen, aber ich war immer schon mit reichlich Phantasie gesegnet gewesen. Das kam mir nun zu Gute. Es war schon verr├╝ckt. Dieser K├Ârper war starr und unbeweglich geworden, doch mein Geist war hellwach, auch wenn das keiner bemerkte. Ich ging die Blumenmuster durch, z├Ąhlte die Bl├╝tenbl├Ątter, mass die Abst├Ąnde mit den Augen. Manchmal vergass ich das Zimmer um mich herum und fand mich unversehens auf einer wundervoll duftenden, bl├╝henden Wiese wieder. Ich roch an den Blumen, schmeckte ihren bet├Ârenden Duft. Ich legte mich in sie hinein, blickte in den wolkenlosen, tiefblauen Himmel und sp├╝rte die Sonne warm auf meiner Haut.


Ich hatte die K├Âchin gebeten ihr noch einen L├Âffel extra obendrauf zu geben. Meine Patientin habe heute besonders viel Appetit, hatte ich zu ihr gesagt. Und sie war ganz stolz, dass ihr Essen bei den Alten so gut ankam. Ich setzte mich breitbeinig an den Tisch, stellte den Fernseher an und machte mich mit viel Appetit ├╝ber ihr Essen her. Na, sagte ich zu ihr, schade, dass sie so gar keinen Appetit haben. Sie reagierte nicht darauf. Schade, dachte ich. Am Anfang war es wirklich lustiger. Hoffentlich liess sich die Brut bald wieder blicken. Diese Pralinen machten s├╝chtig. Je mehr man davon ass, umso mehr gierte man nach weiteren. Ich r├╝lpste und wischte mir den Mund ab. Bald kam meine Lieblingssendung. Danach w├╝rde ich die Beine etwas hochlegen und ein Nickerchen machen. Ich sp├╝rte ein leichtes Stechen im Magen. Was war denn da nur los, fragte ich mich. Ich wurde doch wohl nicht krank? Ich musste mich beeilen, wollte ich den Anfang der Sendung nicht verpassen. Ich packte das Tablett mit dem schmutzigem Geschirr und steuerte auf die T├╝re zu.


Sie ass nicht, sie schlang. Passte zu ihr. Sie war ja auch eine Schlange. Eine hinterlistige, giftige Schlange. Ich hatte schon ganz zu Anfang kein gutes Gef├╝hl bei ihr gehabt. Sie war neu dazugekommen und sie war so ├╝berm├Ąssig freundlich, dass es mir unangenehm war. Ich traute ihr nicht. Und nat├╝rlich hatte ich bemerkt, dass sie dann, wenn sie dachte, ich w├╝rde es nicht mitkriegen, von meinen Pralinen naschte. Es erschien mir ewig her, seit ich eine davon hatte essen k├Ânnen. Erst hatte ich nicht verstanden, was da mit mir passiert war, aber wenn einem nur noch der Geist bleibt, kann man Dinge wahrnehmen, die einem bislang verborgen blieben. Es war schleichend gekommen. So allm├Ąhlich, dass ich es erst bemerkt hatte, als es zu sp├Ąt war, die Dinge unwiderruflich ihren Weg genommen hatte. Ab und zu hatte ich ein leichtes Stechen im Magen versp├╝rt und immer mehr f├╝hlte ich mich matt und kraftlos. Sie war in dieser Zeit noch nicht h├Ąufig bei mir gewesen. Ich wusste, dass sie sich ausschliesslich um bettl├Ągerige Patienten k├╝mmerte. Ab und zu wurde sie mir als Vertretung zugeteilt. Einmal hatte ich gerade mein Fotoalbum angeschaut und Pralinen gegessen, als sie nach mir schaute. Sie heuchelte Interesse, doch es ging ihr nur darum von den Pralinen zu kriegen. Mein Zusammenbruch war von einem Moment auf den n├Ąchsten gekommen. Ich wollte wie gewohnt aufstehen, doch ich schaffte es noch nicht mal mehr, meine Beine ├╝ber den Bettrand zu bewegen. Mein K├Ârper war erstarrt. Von einem Moment auf den anderen. Mein K├Ârper erstarrt, meine Stimme verstummt. Die ├ärzte waren ratlos. Meine Kinder weinten und klagten in ihrem Beisein, doch als sie mit mir alleine waren und mich nicht nur stumm sondern auch taub glaubten, zeigten sie ihr wahres Gesicht. Sie fielen einander um den Hals, sprachen ├╝ber das Erbe, das auf sie wartete. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen.


Die Alte d├Ąmmerte weiter vor sich hin. Ich musste ihr nun bald mal etwas zu trinken geben. Ich wollte ja schliesslich, dass sie es gut bei mir hatte. Aber erst wollte ich mir meine Sendung anschauen, trinken konnte sie danach immer noch. Ich griff nach der Schachtel, liess mich in ihren Sessel fallen und schaute gebannt in den Bildschirm. Die schwarzen waren die besten. Eindeutig. Gut, dass es davon noch so viele gab.

Ich musste eingeschlafen sein. Draussen d├Ąmmerte es bereits. Ich musste schleunigst die Alte waschen und ihr die Z├Ąhne im Mund parken. Ich wollte aufspringen, doch da tat sich nichts. Ich ├Âffnete den Mund, doch kein Ton kam ├╝ber meine Lippen. Ich schaute zu der Alten. Sie lag in ihrem Bett, sah mich an. Sie bewegte langsam ihre Hand, zeigte mit dem Zeigefinger auf die Schachtel, die mir entglitten war. "Gift" hauchte sie, "Gift" und das letzte was ich wahrnahm, war ihr mitleidiges L├Ącheln.


Version vom 09. 04. 2015 15:47

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