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Giglaijo zum Letzten
Eingestellt am 01. 06. 2008 00:06


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Hedwig Storch
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2005

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Tauchen wir ein in die Wahnwelt Prosa!
D├╝rfen wir in unserem Prosawerk die Realit├Ąt nahezu 1:1 abbilden? ist eine der Fragen, die wir uns immer einmal stellen m├╝ssen. Die Antwort lautet - rasch gegeben - Nein. Wie wir zu dem Nein kommen, soll an dem Roman "Joseph Kerkhovens dritte Existenz" von Jakob Wassermann verdeutlicht werden.
Der Autor l├Ąsst ihn noch einmal lauthals schreien, den Unheilsvogel Giglaijo in seinem Roman (Quelle, S. 281). Beendet hat Wassermann die Arbeit am Ms. 1933. Das Erscheinen des Buches ein Jahr sp├Ąter hat er nicht mehr erlebt.
Sah die Welt schon jemals einen so flei├čigen Arbeiter! Mindestens 13 zumeist dickleibige Romane sowie unz├Ąhlige Erz├Ąhlungen von tw. betr├Ąchtlichem Umfang konnte Jakob Wassermann ver├Âffentlichen.

Kerkhoven ist ein weithin bekannter und gesch├Ątzter schreibender Arzt und Psychiater. Was es mit der dritten Existenz auf sich hat? Nun, Wassermann teilt Kerkhovens Leben in Abschnitte ein. Der Titel spielt auf den letzten an. Nachdem der Arzt Kerkhoven eine langsam fortschreitende, t├Âdlich endende "Blutzersetzung" an sich diagnostiziert hat, sch├Ątzt er die verbleibende Lebenszeit auf ca. 15 Monate. Somit beginnt seine dritte Existenz.
Aber darum geht es ├╝berhaupt nicht bei der "Begr├╝ndung" des obigen Nein.
In dem Roman “Joseph Kerkhovens dritte Existenz“ ist eine Ehescheidung geschildert. Aus dem sehr instruktiven Nachwort von Peter de Mendelssohn (Quelle, S. 529 - 559) geht hervor, der Autor habe das Drama der eigenen Ehe gleichsam als "Vorlage" genommen. Das Thema Ehebruch, bei dem der Mann stets die Frau wegen einer anderen verl├Ą├čt, wird in mehr als einem Fall eindringlich vor dem Leser ausgebreitet. Es geht nicht um Schuld. Es geht immer darum, da├č der Mann sich nicht beherrschen kann und die Ehe - sagen wir ruhig - beinahe gedankenlos bricht. Zwar wird der Ehebrecher nicht als Unschuldslamm hingestellt, doch ihm wird - nun, dr├╝cken wir es wieder mit einer knappen Wendung aus - irgendwie stillschweigend verziehen, etwa nach dem Motto: M├Ąnner sind eben so. Dagegen kommen die verlassenen Ehefrauen schlechter weg, besonders Ganna, die Frau des Schriftstellers Herzog. Der Schriftsteller ist einer der Patienten des erfolgreichen Psychiaters Kerkhoven und wird von dem Arzt auf ungew├Âhnliche Weise therapiert. Dr. Kerkhoven schl├Ągt Herzog vor, seine Ehegeschichte aufzuschreiben. Der Patient tut das in dem Bew├Ąltigungsthriller "Ganna oder die Wahnwelt". Und aus dem Manuskript Herzogs ist auch die Begr├╝ndung f├╝r unser eingangs artikuliertes kategorisches Nein ablesbar.

Geduld mu├č der Leser schon aufbringen; sich geradezu durch den Text bei├čen. Unser Nein entstand nicht wegen der Formschw├Ąche, die Herzogs Werk - an zahlreichen Stellen ganz m├╝helos ablesbar - innewohnt. Wir verzeihen diese kleinen Schw├Ąchen nonchalant: Herzog ist schlie├člich der Patient eines Psychiaters. Unser Nein entstand auch nicht, weil wir es ablehnen, da├č Wassermann den Stoff aus der eigenen Ehe entnommen haben soll. Wor├╝ber soll einer denn richtig schreiben k├Ânnen als ├╝ber sich selbst?

Sie merken, wir kommen ins Rudern. Wir wissen nicht, was wir von Herzogs Schriftst├╝ck halten sollen. Wir stehen auch in der oder genauer, in den Ehebruchssache(n) weder auf der Seite der Ehefrau noch auf der des Ehemanns.
Einfach herausgeplauzt, es ist der Unheilsvogel Giglaijo, den Wassermann schreien l├Ą├čt. Zwar machen wir den Vogel f├╝r unser Nein verantwortlich, doch nicht weil er schreit, sondern wie er schreit.
Der Aufschrei der gequ├Ąlten Kreatur Ganna, die Kerkhoven als normalen psychiatrischen "Schulfall" hinstellt, als "hausbackene Neuropathin" (Quelle, S. 448 unten) wird, in seiner andauernden Wiederholung, schlie├člich unertr├Ąglich.

Wenn das alles so richtig ist, wie oben kurz beschrieben, warum empfehle ich Ihnen das Buch dann als Lekt├╝re? Da k├Ânnten wir es doch gleich beiseite legen.
Sollten wir eben nicht. Der ganze Roman "Joseph Kerkhovens dritte Existenz" hat so viel reges Leben, birgt so viel tief Menschliches in sich, da├č Sie sich einfach durchbei├čen sollten.
Das Nein war also wieder einmal voreilig? Ich wei├č es wirklich nicht.

Quelle:
Jakob Wassermann: Joseph Kerkhovens dritte Existenz. Roman. Mit einem Nachwort von Peter de Mendelssohn.
M├╝nchen 1989 (2. Aufl. 1995), 559 Seiten, ISBN 3-423-10995-5

Erstausgabe:
Jakob Wassermann: Joseph Kerkhovens dritte Existenz. Roman. Amsterdam: Querido, 1934.

Ausgaben erschienen u.a. schon 1946 im Carl Posen Verlag Z├╝rich und darauf 1947 bei Kindler & Schiermeyer in M├╝nchen.

Hedwig Storch 6/2008

__________________
Hedwig

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