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Leselupe.de > Humor und Satire
Gilmon und die Kunst
Eingestellt am 13. 04. 2003 22:25


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Gilmon
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Gilmon und die Kunst: Ein Leben mit Fragmenten

Mehr als 25 Jahre meines Lebens sind bereits verstrichen. Ich sitze hier vor dem fast leeren Blatt und denke an die Kunst – und mich. Bereits sehr fr├╝h kam ich mit der Kunst in Ber├╝hrung, als ich mich als 1-2 j├Ąhriger zusammen mit einem Kollegen dazu entschied, mein Zimmer durch Wandmalereien zu versch├Ânern. Meinen Eltern als erste Betrachter wollte diese Kunst nicht zusagen, zu modern erschienen sie ihnen wohl. Und da schon meine Familie nicht zu meiner Malerei stand, gab ich sie auf.
Wenige Jahre sp├Ąter wand ich mich dem Theater zu. Im Kindergarten f├╝hrten wir damals die Vogelhochzeit auf. Ich bewarb mich mit aller Vehemenz f├╝r die Rolle des Vogelbr├Ąutigams, erhielt jedoch nur die Rolle eines Vogelmusikanten. Es war besch├Ąmend. Ich stand in einer Gruppe von etwa acht Kindern, jeden von uns hatte man einen roten Schnabel aus Papier umgebunden und wir sollten so tun, als ob wir Musik spielen w├╝rden. Was wir auch taten. Entt├Ąuscht ├╝ber diese unbefriedigende Rolle, wand ich mich vom Theater ab.
Wenig sp├Ąter ging ich in die erste Klasse und kam das erste Mal mit der Musik in Ber├╝hrung. Das Instrument, dass im Lehrplan f├╝r die Grundschule vorgeschrieben war, war die Blockfl├Âte. In der ersten Stunde lernten wir ein St├╝ck, welches sich „Hexengeheul“ nannte. Dazu nahm man den unteren Teil der Fl├Âte ab, blies nur in das Mundst├╝ck und musste dabei versuchen, soviel Krach wie m├Âglich zu machen. Dabei war ich wirklich gut, und auch in der n├Ąchsten Stunde beim Imitieren von Vogelstimmen tat ich mich hervor. Bald kamen andere St├╝cke und mein erster Auftritt. Es war die Weihnachtsfeier im Kinderhort und jedes Kind wurde gebeten etwas aufzuf├╝hren. Ich entschied mich daf├╝r, ein Fl├Âtenst├╝ck zum Besten zu geben. Die Melodie und der Text waren denkbar einfach. Es war eine Abfolge identischer T├Âne, die nur in L├Ąnge und Lautst├Ąrke variierten. Ich hatte lange ge├╝bt, spielte daheim immer wieder die erste Strophe (Liebes Christkind, sieh mich an, was ich schon alles spielen kann), wie auch die zweite Strophe (Lieber Schneemann, sieh mich an, was ich schon alles spielen kann) und war perfekt vorbereitet. Und dann geschah das Unfassbare. Ich hatte mich vor Schulkindern und Eltern postiert, nahm die Fl├Âte und spielte die erste Strophe. Entweder das Lampenfieber hatte mich gepackt oder ich hatte einen rabenschwarzen Tag erwischt. Ich vergriff mich bereits am Anfang, wurde nerv├Âs und versaute das ganze St├╝ck. Auf die zweite Strophe verzichte ich. Zwar klatschten alle, doch alle wussten, an diesen Abend war die Karriere eines jungen Musikers in die Br├╝che gegangen. Sicher, ich hielt das Fl├Âtenspiel noch einige Jahre am Leben, aber ein Erfolg sollte sich nie wieder einstellen.
Im Verlauf der Grundschule kehrte ich wieder zum Theater zur├╝ck, die Schmach des Vogelmusikanten hatte ich bereits ├╝berwunden. Es war wieder Weihnachten und im Hort f├╝hrten wir die Geburt Jesu auf. Mir fiel die Rolle eines Herbergsvaters zu. Im St├╝ck durfte ich Maria und Josef keine Unterkunft gew├Ąhren. Ich sa├č in einem sch├Ânen H├Ąuschen aus Papier und sollte heraustreten und rufen: „Nein, nein, ihr Leut, hier ist kein Platz mehr frei!“ Dies sollte allerdings erst dann geschehen, wenn Josef angeklopft hatte. Die erste Auff├╝hrung vor versammelten Eltern und Kindern verlief perfekt. Ich spielte fehlerlos und man war begeistert. Dies sollte jedoch nicht die einzige Auff├╝hrung bleiben. Gleich nach den Weihnachtsfeiertagen bat man uns, das gleiche St├╝ck im Kindergarten nebenan aufzuf├╝hren. Ich sa├č wieder in meinen Papierh├Ąuschen und wartete auf Maria und Josef. Doch dieses mal tat ich etwas Unbegreifliches, ich wartete nicht darauf, bis der heilige Josef anklopfte, sondern sprang kurz davor heraus und rief: „Nein, nein, ihr Leut, hier ist kein Platz mehr frei!“ Den Kindergartenkindern fiel dieser Fehler gar nicht auf, doch ich war erneut tief besch├Ąmt.
Ich gab das Theater wiederum auf und wandte mich ein weiteres mal der Musik zu. Ich gab mich sehr modern und w├Ąhlte das Keyboard als Instrument. Ich nahm w├Âchentlich eine Musikstunde und das ├╝ber Jahre hinweg, spielte das Instrument sehr gekonnt und das Niveau der St├╝cke stieg im Verlauf der Zeit. Der H├Âhepunkt war eine Auff├╝hrung in der F├╝rther Stadthalle, wo ich mit drei anderen ein St├╝ck spielte. Mir kam die schwierige und verantwortungsvolle (so sagte man es mir zumindest) Bassstimme zu. Keiner von uns griff einen Ton falsch und am Ende umgab uns brausender Applaus. Doch die aufkommende Pubert├Ąt lie├č mein Interesse an der Musik bald schwinden, ich gab sie auf und sollte nie wieder zu ihr zur├╝ckkehren.
Noch einmal wand ich mich dem Theater zu, ein letztes Mal, wie sich zeigen sollte. Es war wieder mal Weihnachten und wir spielten die Geburt Jesu. Dieses mal gab man mir die Rolle des heiligen Josefs. Ich hatte keinen Text und nichts zu tun. Ich sollte nur in der Krippe stehen, dazu heilig und w├╝rdevoll wirken. Das tat ich auch. Doch der H├Âhepunkt meiner Theaterlaufbahn sollte noch kommen. Im darauffolgendem Sommer, ich war bereits in der 8. Klasse, spielten wir ein l├Ąngeres St├╝ck, an dessen Titel ich mich nicht mehr erinnere. Ich spielte den Baron Wurz in zwei Auff├╝hrungen. Ich gab alles und bekam Lob von allen Seiten. Ich war ein gefeierter Star. Doch auf dem H├Âhepunkt meiner Laufbahn warf mich nur Monate sp├Ąter eine Darmgrippe hernieder und fesselte mich wochenlang an mein Krankenbett. Wieder genesen war an eine R├╝ckkehr zum Theater nicht mehr zu denken, zu gro├č war das Pensum, welches ich in der Schule nachzuholen hatte, dazu hatte sich die Theatergruppe in der Zeit meiner Abwesenheit aufgel├Âst.
Danach trat eine lange Pause ein, keine Kunst konnte mich mehr locken. In dieser Zeit fand ich etwas neues, was mich v├Âllig erf├╝llte, das Fantasy-Rollenspiel. Begeistert gab ich mich dieser Sache hin, traf mich zeitweise dazu jede Woche mit meinen Freunden. Daraus erwuchs etwas, was man nicht wirklich als Kunst bezeichnen kann. Ich war mit einem mal beseelt davon, das perfekte Rollenspiel zu erschaffen. Ich befand mich bereits in den letzten Jahren des Gymnasiums und ein Freund erz├Ąhlte mir von einem Angebot, dass er von Schmidt Spiele erhalten hatte und wo es darum ging, ein Rollenspiel zu „schreiben“. Ich war begeistert. Wir gr├╝ndeten ein Arbeitsteam und machten uns ans Werk. Das erste Mal in meinen Leben arbeitete ich intensiv in einem Team mit. Das Projekt verlief irgendwann im Sande, zu schlecht hatte ich wohl meine Kollegen gew├Ąhlt. Der eine war v├Âllig unf├Ąhig, verbrachte seine Zeit lieber mit Computer spielen und schrieb als Gesamtbeitrag etwa 2-3 Seiten und diese auch noch sehr schlecht. Ein zweiter, ein begnadeter Zeichner, der mit Vorliebe halbnackte Frauen malte, entschied sich, sich diesen Frauen auch in der Realit├Ąt zuzuwenden und ging auf einen l├╝sternen Kreuzzug. Ein dritter kam sp├Ąter dazu, der das Layout ├╝bernehmen sollte. Aber ob es nicht gereicht h├Ątte, dass sich die Gruppe in einer Krise befand, der Neuling stellt sich wesentlich sp├Ąter als ├╝bler Intrigant heraus. Die Gruppe zerbrach letztendlich, Zeichner und Layouter gingen (und das t├Ąglich) nach N├╝rnberg auf Frauenjagd, der Unf├Ąhige spielte weiter Computer und Schmidt Spiele ging pleite, was allerdings nicht unsere Schuld war.
Doch die Sache war noch nicht vorbei. Ich tat mich mit dem Layouter zusammen. Wir arbeiteten an einer mittelalterlichen Staatssimulation, stellten unser Konzept sogar bei der Spielwarenmesse in Essen vor und fanden dort Anklang. Die Sache verlief erneut im Sande. Die Simulation wurde immer komplexer, der Arbeitseifer des Layouters immer geringer und seine Vergn├╝gungslust immer gr├Â├čer. Wir hielten das Projekt noch einige Zeit am Leben, kurz nach meiner Bundeswehrzeit befand es sich bereits in den letzten Zuckungen und bald darauf trennten sich unsere Wege. Allein konnte ich die Sache nicht mehr bew├Ąltigen und das Spiel blieb nur ein Fragment. Sp├Ąter sollte das Fragment meine bevorzugte Kunstform werden.
Danach versuchte ich, allein sporadisch immer wieder die eine oder andere Spielidee durchzusetzen, doch es blieb immer bei Ans├Ątzen. In dieser Zeit arbeitet ich auch an einer DIN A1 Karte, die einst die L├Ąnder eines Fantasykontinents tragen sollte und kehrt so zur „Malerei“ zur├╝ck, wenn man es so nennen kann. In dieser Zeit begann mein Studium in T├╝bingen. In den ersten ruhigen Wochen, als ich noch niemand in T├╝bingen kannte, vollendete ich die Karte. Und diese Karte stellt auch die einzige gr├Â├čere Sache dar, die ich bis heute vollendet habe, in ihr steckt eine Arbeit von 7 Monaten. Es dr├Ąngte mich daraufhin, die Karte irgendwie einzusetzen, und ich wand mich wieder dem Rollenspiel zu und fand Gleichgesinnte. Und dieser Zeit geschah etwas eigenartiges. Ich fing zu Schreiben an. Ich wei├č heute nicht mehr, wann ich meine erste Seite geschrieben habe und vor allem warum. Die Anf├Ąnge und Motive meines Schreibens liegen f├╝r mich im Dunklen. Der Beginn meines Schreibens muss zwischen dem ersten und zweiten Semester liegen, denn bereits in der Mitte des zweiten Semesters las ich das erste Kapitel meines Burnie-Romans (heute Fragment) im Rahmen eines bunten Abends in einer Seminarveranstaltung vor. Ein schreckliches St├╝ck Literatur, ├╝berm├Ą├čig ├╝berladen, voll von nicht zwingend notwendigen, ├╝berreichen und zu zahlreichen Adjektiven. Einen Fehler, welchen ich heute nicht mehr mache. Das Publikum schien begeistert, klatschte aber auch bei jeden anderen Beitrag.
Kurz darauf entdeckte ich die durch Zufall die Leselupe, genau genommen die alte Leselupe in ihren letzten Tagen. Wenige Tage sp├Ąter meldete ich mich bei der neuen Leselupe an und die Literatur lie├č mich von dann an nie wieder los. Mein Schreiben jedoch blieb die ganze Zeit ├╝ber immer sporadisch. Sehr unregelm├Ą├čig stellt ich „Literatur“ in Lupe. Und auch heute flie├čt mein Schreiben langsam dahin. Das Unvollst├Ąndige ist mir bis heute die liebste Kunstform geblieben. Mittlerweile habe ich etwas Neues entdeckt (ohne dabei mein langsames B├Ąchlein der Literatur aus den Augen zu verlieren), wohin ich mich st├╝rzen kann: Die Wissenschaft. Mal sehen, wo hier die Reise endet.

Marius Pieruschka

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