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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Gleis 10
Eingestellt am 17. 04. 2006 01:46


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anbas
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Gleis 10

"Kein Bahnsteig f├╝r Gleis 10 !"
Viktor sch├╝ttelte verst├Ąndnislos den Kopf.
"Im Hamburger Hauptbahnhof gibt es keinen Bahnsteig f├╝r Gleis 10 !"
Viktor war m├╝de. Er war so m├╝de, wie er es schon seit Jahren Tag f├╝r Tag war. Seine Gedanken kreisten. Langsam, sehr langsam kreisten sie nur um dieses eine Thema: 'Kein Bahnsteig f├╝r Gleis 10 !'

Er war erst vor ein paar Tagen nach Hamburg gekommen. Doch obwohl er sich seit dem fast t├Ąglich im Bahnhof und seinem Umfeld aufgehalten hatte, war ihm die Sache mit Gleis 10 bisher noch gar nicht aufgefallen. Wahrscheinlich h├Ątte er es auch in den folgenden Tagen und Wochen nicht bemerkt, wenn da nicht die Sache mit den drei jungen M├Ąnnern gewesen w├Ąre.
"Der Kiosk an Gleis 10 hat noch offen", hatte ihm einer von den Dreien gesagt, nachdem er sie gefragt hatte, wo er denn hier noch ein paar Dosen Bier bekommen k├Ânne.
Mehrmals war er danach den S├╝dsteg auf und ab gegangen, bis ihm endlich klar geworden war, dass sich die drei einen Spa├č mit ihm erlaubt hatten. Es gab keinen richtigen Bahnsteig f├╝r Gleis 10, sondern lediglich eine Art Zugang, der ausschlie├člich f├╝r das Bahnpersonal gedacht war. Weder vom Nord- noch vom S├╝dsteg aus war dieser zu erreichen. Und einen Kiosk gab es nat├╝rlich erst recht nicht.
Inzwischen war es kurz vor Mitternacht und Viktor stand auf dem S├╝dsteg direkt ├╝ber dem Gleis 10. Er stand dort auf das Gel├Ąnder gest├╝tzt und starrte einfach nur hinunter. In seinem alten verdreckten Rucksack hatte er doch noch eine Dose Bier gefunden. Seine letzte Dose. Er hatte noch keine Idee, woher er seinen Vorrat f├╝r die Nacht und den n├Ąchsten Morgen bekommen sollte. Beim Kiosk an Gleis 10 sicherlich nicht.
"Ein Gleis f├╝r die Durchreise."
Dieser Gedanke gefiel Viktor. Auch er war auf der Durchreise. Er war sein Leben lang immer auf irgendeiner Durchreise gewesen. An viele Stationen davon konnte er sich schon l├Ąngst nicht mehr erinnern. Zu viel war passiert und noch mehr gab es, dass er vergessen wollte. Seine Erinnerungen d├Ąmmerten irgendwo hinter einem diffusen Nebel aus langsamen, tr├Ągen Gedanken vor sich her. Nur manchmal tauchten pl├Âtzlich in seinem Kopf ein paar Bilder oder Worte auf, die aus einer anderen, l├Ąngst vergangenen Zeit stammten. Erinnerungsfetzen, die dann genau so schnell wie sie gekommen waren wieder in diesem dichten Nebel seines m├╝den Kopfes verschwanden. Selbst an die aufregende Zeit, als er gemeinsam mit seiner Frau und seinen beiden Kindern nach Deutschland gekommen war, konnte er sich nur noch bruchst├╝ckhaft erinnern. Und nur noch schemenhaft fielen ihm seine Versuche ein, der Familie zuliebe endlich ruhiger und sesshaft zu werden.
Doch Viktor blieb auf der Durchreise, und seine Familie blieb letztendlich auch nur eine Zwischenstation in seinem Leben - genauso wie die windgesch├╝tzte Ecke des Abbruchhauses, die ihm als Schlafplatz diente, nur eine weitere Zwischenstation sein w├╝rde. Irgendwann w├╝rde er wieder seine Sachen zusammenpacken und weiterziehen. Eine andere Stadt, ein anderer Schlafplatz, ein anderer Bahnhof.
Immer noch schaute er gedankenverloren auf das Gleis 10 hinunter und nippte an seinem Bier. W├Ąhrend auf den anderen Gleisen noch hin und wieder ein paar Z├╝ge ein- und ausfuhren, lag Gleis 10 wie ausgestorben unter ihm. Auch auf Gleis 9 - ebenfalls ohne Bahnsteig - war noch kein Zug durchgefahren seit er dort oben stand. Wahrscheinlich handelte es sich um zwei Rangiergleise.
"Rangieren, ausrangieren, hin- und herschieben, herumgesto├čen werden ....." - Viktors Gedanken wurden immer schwerer. Irgendwann in seinem fr├╝heren Leben hatte er wohl ├Âfters solche tiefen Gedankeng├Ąnge gehabt. Doch die Erinnerungen an diese Zeit schob er meistens schnell wieder beiseite. F├╝r sie war ein Gleis 10 genau das Richtige - blo├č nicht anhalten, blo├č nicht aussteigen.
Er nahm noch einen kr├Ąftigen Schluck, stellte dann die Dose auf den Boden zwischen seine F├╝├če, um sich langsam eine Zigarette zu drehen.
Es war eigentlich ein guter Tag gewesen. Gleich am Morgen hatte ihm jemand ein halbes P├Ąckchen Tabak geschenkt. Au├čerdem hatte er auf dem Wochenmarkt in der N├Ąhe seines Schlafplatzes beim Auf- und Abbauen helfen k├Ânnen und sich so ein paar Euro dazuverdient. Doch was half ihm das Geld, wenn er jetzt nirgendwo mehr ein paar Dosen Bier bekommen konnte.
Es wurde langsam Zeit f├╝r ihn, sich auf den Weg zu seinem Schlafplatz zu machen. In wenigen Minuten w├╝rde die letzte S-Bahn fahren. Vielleicht gab's ja unterwegs noch einen Kiosk oder eine Tankstelle, an der er etwas zu Trinken bekommen konnte. So gut kannte er sich in Hamburg noch nicht aus.
Viktor nahm sein Bier in die eine und die Zigarette in die andere Hand und schlurfte langsam hinunter zum Bahnsteig. Das Risiko, jetzt noch in eine Kontrolle zu geraten, war gering. Also verzichtete er darauf, sich eine Fahrtkarte zu kaufen. Bisher hatte er fast immer den richtigen Riecher gehabt, nur sehr selten war er in seinem Leben beim Schwarzfahren erwischt worden.

"Na, Alter! Hast du dein Bier noch bekommen?"
Viktor drehte sich langsam um. Hinter ihm standen feixend die drei jungen M├Ąnner, die ihn kurz zuvor zu dem nicht vorhandenen Kiosk an Gleis 10 geschickt hatten. Einen Moment lang schaute er musternd von einem zum andern. Dann deutete er mit einer fl├╝chtigen Kopfbewegung auf seine Dose Bier hin.
"Ja, vielen Dank! Hat gerade noch geklappt!" sagte er nach einer kleinen Pause, und der Hauch eines leicht sp├Âttischen L├Ąchelns huschte ├╝ber sein m├╝des Gesicht.

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wolfsilbertal
Bl├╝mchendichter
Registriert: Nov 2005

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mysteri├Âs-aber lustig und spannend!

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anbas
H├Ąufig gelesener Autor
Registriert: Mar 2006

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Danke f├╝r Deine R├╝ckmeldung. Sch├Ân, dass Dir die Geschichte gef├Ąllt. Allerdings sehe ich das mysteri├Âse nicht.
Gru├č Andreas

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Gorgonski
Wird mal Schriftsteller
Registriert: May 2003

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Hallo Anbas

Ich finde die Geschichte gut gelungen, den Lebensweg des Prot mit dem eines unbefahrenen Gleises (10) festzumachen, an dem nicht einmal ein Bierkiosk steht. Dennoch hat der Prot seine Genugtuung, als er die ├╝berheblich- arroganten Jungen am Ende verschei├čert.

MfG; Rocco
__________________
dEr Heftchenliterat und Poet aus dem Erzgebirge

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Burana
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo anbas!
Ich schlie├če mich den Worten meines Vorredners an... Wo Wolfsilbertal was Mysteri├Âses entdeckt hat wei├č ich auch nicht. Sprich, Wolfsilbertal! Vielleicht hab ich da was ├╝bersehen?
Liebe Gr├╝├če! Burana

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aboreas
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2002

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Na ja, das Mysteri├Âse wird das nicht vorhandene Gleis 10 sein. W├Ąre ja wirklich mysteri├Âs: ein Weltbahnhof ohne Gleis 10, zumal die Gleise dar├╝ber hinaus gehen. W├╝rde mich mal interessieren, ob es in Hamburg wirklich kein Gleis 10 gibt. Sollte man als Hamburger eigentlich wissen. -;

Gute Geschichte, gut geschrieben, ich sage nichts Neues, wenn ich behaupte, dass sie in ihrem sozialen Ausschnitt sehr lebensnah ist.

Gru├č. abo

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