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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Global, geborgen, wirtschaftlich, familiär
Eingestellt am 25. 05. 2008 19:04


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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

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Ein Dorf soll sie werden. Unsere Welt. Ein globales.
Das ruft natürlich sofort die deutschen Bedenkenträger auf den Plan, die am liebsten ewig in ihrem germanischen Kleinwohnort weiterleben möchten. Allerdings mit Strom, Zentralheizung, fließend kaltem und warmem Wasser. Und gegen Computer und Internet haben sie auch nichts mehr einzuwenden.
Aber sie fürchten um Beschaulichkeit, um Rosenstöcke, Geranien für den Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“, einen mit Entenflott bewachsenen Dorfteich, grasende Kühe und quiekende Ferkel.
Und deutsche Schnulzensänger behaupten zudem noch, nur, wer in sich selber ganz zu Haus sei, der sei überall zu Haus, um damit zu suggerieren, das in sich ruhende moderne autarke Individuum brauche weder Heimat noch Familien noch (außer sich selbst) irgendeinen Menschen. Vielmehr trüge es Geborgenheit wie in einem Schneckenhaus mit sich herum und könne damit als idealer „global player“ überall bestens bestehen. So ein unmenschlicher Unsinn!!!
Lassen wir lieber das Internet, das moderne Informations- und Kommunikationsmedium des globalen Dorfes mit harten Fakten zu Worten kommen: Allein unter „Seiten auf Deutsch“ lässt sich der Begriff Familie und Geborgenheit je über 2 Millionen Mal ergoogeln. „Globalisierung“ liegt bei einer Trefferzahl von über 5 Millionen. Und „Dorf“ behauptet sich immerhin noch mit 844 Tausend Treffern. Also der moderne globalisierende Computer-Freak benötigt familiär-dörfliche Geborgenheit. Und genau die soll er haben.

Als menschliches Grundbedürfnis kommt Geborgenheit bekanntlich von bergen und bedeutet soviel wie schützend bewahren.
Schon das ungeborene Kind erfreut sich im Leib seiner Mutter nahezu absoluter Geborgenheit. Verlässt es den Geburtskanal, will es aufgefangen werden und sich danach im Normalfall in einer Familie oder wenigstens bei einer allein erziehenden Mutter geborgen fühlen. Schließlich ist der Mensch kein Nestflüchter und bleibt als Junges lange auf sorgende Artgenossen angewiesen.
Wirtschaftlich einsichtig wie die meisten deutschen Eltern inzwischen sein müssen, flüchten jedoch sie, wenn auch mit schlechtem Gewissen gegenüber ihrem Nachwuchs spätestens nach den ersten vierzehn Lebensmonaten ihres Kindes (so lange zahlt der Staat Erziehungsgeld) arbeitszeitweise aus dem Nest. Vorher lagen sie allerdings mit dem Erziehungsgeld Vater Staat auf der Tasche und entzogen dem Arbeitgeber 14 Monate lang ihre Arbeitskraft. In der Zeit konnten sie nur begrenzt zur Existenzsicherung der Familie und zum Ausbau des anerkannt erfolgreichen freiheitlich kapitalistischen Weltwirtschaftssystems beitragen.
Elterliche Berufstätigkeit erfordert nach der Elterngeldzeit momentan noch öffentliche Nester, die Vater Staat unter Aufwendung erheblicher Steuermittel als Kinderbetreuungsein-richtungen betreibt. Wirtschaftlich weitsichtig nutzt er zwar die Chance und baut die Kinderbetreuung zur Berufsbildungsinstitution um, die bereits beim Kleinstkind freies Spiel unterbindet und stattdessen Grundlagen für die spätere Arbeitshaltung und damit für erfolgreiche Berufskarrieren legt.
Einst umfasste Bildung alle Bereiche des Lebens, auch weniger einträgliche, wie Allgemeinbildung, soziales Verhalten, Kunst und Kultur. Heute beschränkt sich Bildung vernünftiger Weise allein auf die notwendige berufliche und finanzielle Existenzsicherung. Auch und gerade in der Schule haben Fächer Vorrang, die später beruflich verwertbar sind.
Kinder, die das Leben meistern sollen, müssen lernen, Prioritäten zu setzen. Musische, sportliche und sozialkundliche Fächer gelten folgerichtig als nachrangig, fallen häufig aus, werden mit zunehmend geringerer Stundenzahl unterrichtet, von berufsbildungsbegabten Schülern als überflüssig erachtet und als Wahlfächer gemieden. Auch kulturelle Bildung ist verzichtbar. Hat sie doch nur kulturelle Unterschiede gebracht und dadurch Unfrieden gestiftet.
Nichts ist pädagogisch sinnvoller, als Kinder frühzeitig an Leistung zu gewöhnen. Daher werden Berufspädagogen von Vorgesetzten und Trägerorganisationen unter permanentem Leistungsdruck gehalten. In immer weniger Stunden müssen sie immer mehr Kindern und Schülern immer mehr beibringen, denn nur unter Leistungsdruck können Pädagogen Druck glaubwürdig an Kinder weitergeben. Leider halten Körper und Seele eine Vielzahl von Abwehrreaktionen gegen wirtschaftlich notwendigen Leistungsstress bereit. Der führt zur Zunahme psychischer Erkrankungen bei Kindern, Eltern und engagierten Pädagogen. Doch die moderne Psychotherapie und Pharmazie arbeitet immer erfolgreicher an den medikamentgestützten Therapien. Das erhält Arbeitsplätze in der Pharma-Industrie und in Kliniken. Dort verdienen akademisch vorgebildete Steuerzahler gutes Geld und erhöhen das Steueraufkommen, mit dem Wirtschaftsförderung betrieben werden kann und muss.
Nur unzeitgemäße Pädagogen, Kinderpsychologen und verblendete Globalisierungsgegner behaupten noch, leistungsfreie Geborgenheit sei für die gesunde Entwicklung eines Kindes unentbehrlich. Angeblich fühlen sich Kinder nur dann wirklich akzeptiert und können später in sich ruhen und Leistung erbringen. Wesentlich einsichtiger sind die keineswegs neuen Weisheiten: „Früh übt sich, was ein Leistungsträger werden will“ sowie „Müßiggang ist aller Laster Anfang“.
Zum Glück erlernen Kinder durch wirtschaftspädagogisch wertvolles elektronisches Spielzeug von „level“ zu „level“ die notwendige Leistungsbegeisterung, die ihnen in der Computer gesteuerten Berufswelt von allergrößtem Nutzen sein wird.
Nachdem sie ihre Kinder abends aus der noch notwendigen Kindertagesstätte abgeholt haben, arbeiten wirklich verantwortungsvolle Eltern arbeitszeitlich flexibel am Heim-Computer für die Firma weiter, um ihren Kindern den beruflich engagierten Heimarbeitnehmer vorzuleben.
Die Mütter und Väter der Zukunft werden ihre Wohnung und damit das ihnen und ihren Kindern Geborgenheit bietende Nest ohnehin in Zukunft kaum mehr verlassen müssen. Nicht einmal mehr, um ihr Kind ins öffentliche Nest der Kindertagsstätte zu bringen. Afrikanische Kleinkinder sind schließlich während der Feldarbeit auch im Rückentragetuch bei ihren Müttern. Für das europäische Kleinkind wird sich sicherlich noch eine innovative Vorrichtung für den Bürostuhl heimarbeitender Eltern erfinden lassen. Körperkontakt fördert bekanntlich das Selbstwertgefühl des Kindes. Auch zur Schule wird das Kind nicht mehr müssen. Unterricht per Computer ist sowieso spannender als die langweilende altmodische Didaktik heutiger Schulpädagogen.
Kommunikation im globalen Dorf werden Medien ermöglichen, mit denen nahezu jeder Mensch an jedem Ort erreichbar sein wird. Tür und Fenster zur Welt sind Internet, Fernsehen und Handy.
Und warum sollen Menschen zu Arbeits- und/oder Bildungszwecken die Geborgenheit ihrer Wohnung verlassen? Eltern sollten mit gutem Gewissen bei ihren Kinder bleiben und sich mit ihnen in ihrer Wohnung wohl fühlen können. Denn fühlen Arbeitnehmer sich wohl - so eine arbeitspsychologische Binsenweisheit - leisten sie mehr. Das nützt wiederum dem wirtschaftlich unentbehrlichen Aufschwung.
In Urzeiten lagen Freiheit und Weite oft unerreichbar vor der schützenden Höhle. Sie wurde zum Gefängnis, wenn vor ihr Säbeltiger, Mammuts, Unwetter, Räuber und andere Gefahren lauerten.
Dank moderner Medien werden Bewohner des globalen Dorfes ihre Wohnung kaum noch verlassen müssen, denn draußen lauern immer noch, wenn auch inzwischen andere Gefahren: Umweltverschmutzung, Taschendiebe, jugendliche Gewalttäter mit Migrationshintergrund, Islamisten und andere Terroristen sowie Unfälle, Unmoral und Unwetter. Warum also die Wohnung verlassen, wenn drinnen das Draußen gefahrlos und rund um die Uhr erreicht werden kann?
Selbst wer anerkannter Star werden will (und wer will das nicht?) muss sich nur auf die mediale Piste begeben. Einer, der nicht in Medien vorkommt, kommt sowieso nicht mehr vor. Zeigt er sich aber im Internet, hinterlässt er ewige Spuren und kann getrost nach dem Tod seine Asche in alle Winde zerstreuen lassen. Wer sich im Internet herumtreibt, bleibt.
Und aus jenen Spuren, die einer im Internet hinterlässt, können Marktstrategen seine wahren Kaufwünsche ermitteln und ihm Waren anbieten, von denen er nicht ahnen konnte, wie sehr er sie braucht. Selbst zum Kaufen braucht er die Wohnung nicht mehr zu verlassen.
Und sollte ihm beim Einkauf das Geld ausgehen, bieten großzügige Geldinstitute ihm Kredite an, die ihm kleinliche seriösere Banken am Schalter und im Beratungszimmer nie offerieren würden. Natürlich führt das zu Schulden. Doch die Schuldnerberatung kann ebenfalls per Internet konsultiert werden.

Geborgen in allermodernsten Höhlen können die Bewohner des globalen Dorfes mit Maus und Tastatur in DSL-Geschwindigkeit und sicherlich bald noch schneller problem- und gefahrlos Fortschritt, Freiheit, Arbeit, Bildung, Verdienst, ewige Berühmtheit, Wohlstand und Erziehungserfolge genießen. Und müssen sie die Höhle dennoch einmal verlassen, können sie als zeitweise autarke Individuen per Laptop und Handy den größten Teil ihrer Geborgenheit mitnehmen. Denn sollte sie ganz weit draußen die nostalgische Sehnsucht nach Dorfteichen und Entenflott ereilen, können sie auch dort bald drahtlos googeln.
„Dorfteich“ erzielt derzeit heute schon 85.000 Treffer und „Entenflott“ immerhin noch 1.210.
Die dazu gehörigen Bilder lassen sich ebenfalls aufrufen. Demnächst sicherlich sogar in
3-D-Format.

__________________
Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

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