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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Globalisierung, Wirtschaft
Eingestellt am 11. 08. 2006 10:53


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Alfred Klassen
Schriftsteller-Lehrling
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Friedman, Die Welt ist flach

Friedman, Thomas, the world is flat, penguin books, 2005.

“Ich war [bin] persönlich begeistert, weil das Flachwerden der Welt dazu fĂŒhrt, dass alle Wissenszentren auf diesem Planeten miteinander zu einem einzigen globalen Netzwerk verbunden sind. “ (S. 8) Es geht also um nichts anderes als um das Thema Globalisierung!

Thomas Friedman, ein bekannter amerikanischer Journalist beschreibt in seinem Buch Inhalte und Auswirkungen der globalen Vernetzung, die sich weltweit sowohl technisch wie auch wirtschaftlich vollzieht. Friedman lebt und arbeitet hauptsĂ€chlich in den USA, ist aber fĂŒr die Recherchen zu diesem Buch in vielen LĂ€ndern unterwegs gewesen. Mehrere male ist ihm bereits fĂŒr seine Arbeiten der Pulitzer Preis verliehen worden.

Wie in einem heilsgeschichtlichen Aufriss, so ordnet auch Friedman die Welt aus der Sicht der Globalisierung in drei Epochen. Die erste Epoche reicht von 1492 bis 1800 als sich die Welt durch die Entdeckung Amerikas von riesiger zu mittlerer GrĂ¶ĂŸe verwandelte. In jener Zeit waren LĂ€nder die gestaltenden KrĂ€fte. Die zweite Epoche reicht von 1800 bis 2000, einer Zeit, in der die Welt durch die WirtschaftskrĂ€fte von Firmen gestaltet wurde und von mittlerer zu kleiner GrĂ¶ĂŸe schrumpft. Schließlich begann im Jahre 2000 die dritte Epoche, die den politischen Umbruch des Falls der Berliner Mauer voraussetzt und die Öffnung vieler neuer LĂ€nder; nun entfalteten die neuen technische Möglichkeiten des Internet ihre Kraft, so dass sich die kleine Welt flach geworden ist, d.h. eine Winzigkeit erhĂ€lt, in der Distanz keine Rolle mehr spielt (S. 10). In dieser dritten Epoche bestimmen Individuen aus allen Teilen der Welt die Prozesse wirtschaftlicher Entwicklungen, indem sie direkt miteinander kommunizieren und konkurrieren.

Friedmann beschreibt in seinem zweiten Kapitel die 10 KrĂ€fte, durch die die Welt flach geworden ist. Er beginnt mit dem Fall der Berliner Mauer und der Öffnung der LĂ€nder des Ostens fĂŒr westliches Gedankengut und westliche MĂ€rkte. Hinzu kommen die Entwicklung des Internetbrowsers, spezifische Software, Internetprogramme und Wissensportale, die allen zugĂ€nglich sind, das outsourcing (Auslagerung von Firmenteilen) und offshoring (Auswanderung ganzer Firmen) vieler Firmen, weltweit aufgebaute Versorgungsketten der Firmen, inscouring (Firmen integrieren ursprĂŒnglich firmenfremde Aufgaben), Informationen fĂŒr jedermann (z.B. durch Google) und Entwicklungen zum Digitalen, Mobilen und Virtuellen.

Friedmans Hauptthese lautet, dass diese 10 KrĂ€fte seit dem Jahre 2000 einer dreifachen Konvergenz unterliegen: Sie wirken zusammen auf unsere Welt ein, sie fĂŒhren zu neuen Gewohnheiten, FĂ€higkeiten und Prozessen und sie ermöglichen Millionen bisher ausgeschlossener Menschen z.B. aus Indien, China und der ehemaligen Soviet-Union die Teilnahme an dem weltweiten Marktplatz. Die Welt ist zu einem einzigen Marktplatz geworden (S. 188).

Friedman behandelt auch die Frage, warum diese epochale VerĂ€nderung seiner Meinung nach bisher nicht genĂŒgend erkannt ist. Er fĂŒhrt dies auf das Platzen der Neuen-MĂ€rkte Blase von 2001 zurĂŒck, auf den Terrorangriff vom 11. Sept. 2001 und auf Skandale wie den Betrug von Enron und anderen Firmen. Diese u.a. Ereignisse dĂŒrften unsern Blick jedoch nicht dafĂŒr trĂŒben, dass die Welt in eine neue Ära eingetreten ist, in der Technologie dabei ist, praktisch jeden Aspekt der Wirtschaft, des Lebens und der gesamten Gesellschaft zu verĂ€ndern (S. 200).

Friedman stellt sein viertes Kapitel unter die Überschrift: „The great sourting out“. Es ist recht kurz, doch ich meine, sehr wichtig. Es geht darin um die Frage, wie eine immer flacher werdende Welt die Gesellschaft verĂ€ndern kann und wird. Seine Schlussfolgerung Friedmans lautet, dass Wertschöpfung in einer flachen Welt immer seltener durch vertikale KrĂ€fte (Anweisung und Kontrolle), sondern immer öfter durch horizontale KrĂ€fte (sich verbinden und zusammenarbeiten) zu Stande kommt (S. 201). Deshalb wird sich s.E. auch die gesamte Politik verĂ€ndern mĂŒssen, weil die traditionellen Politikmuster mit ihren bisherigen Antworten nicht mehr ausreichen, bzw. nicht mehr angemessen sind. Friedmann nennt dafĂŒr Beispiele. Wichtig erscheint mir jedoch seine grundlegende Denkrichtung, dass nĂ€mlich die technisch-wirtschaftlichen UmwĂ€lzungen zwingend auch politische VerĂ€nderungen nach sich ziehen. Ein Beispiel sei angedeutet: Es ist nicht mehr so einfach möglich zu sagen, wer wen ausbeutet, wenn Firmen des eigenen Landes Teile in EntwicklungslĂ€nder verlegen, wo sie effektiver arbeiten können, den Menschen jener LĂ€nder ArbeitsplĂ€tze verschaffen, aber doch eben zugleich Arbeiter im eigenen Land frei setzen. Wichtiger noch erscheint mir die Problematik, die Friedman auf S. 204 seines Buches anspricht. Hier nimmt er vorweg, was er spĂ€ter weiter ausfĂŒhrt, nĂ€mlich die Frage, welche KrĂ€fte es sind, die sich einer immer flacher werdenden Welt entgegenstellen, bzw. welche KrĂ€fte das Flachwerden der Welt behindern können. Hierzu fĂŒhrt er bsw. die Gewohnheiten der Menschen an, er nennt Kulturen, Traditionen, Religionen und Nationalstolz. Friedmann wirft angesichts dieser beharrenden KrĂ€fte, die berechtigte ethische Frage auf, wie flach wir die Welt eigentlich haben wollen, und ob eine „Welt als ein perfekter Markt“ (S. 204) nicht den Verlust von Menschlichkeit (S. 216) bedeutet. Er bemĂŒht dazu eine Vergleich mit Fleisch, dass gegessen wird und dass s.E. dann am besten schmeckt, wenn auch etwas Fett dabei ist, das, im ĂŒbertragenen Sinne deshalb auch nicht aus den wirtschaftlichen Prozessen herausgenommen werden sollte. Der Politik sollte in einer flachen Welt deshalb ĂŒberlegen, welche Werte und menschlichen Unebenheiten (und also Fett) es wert sind, im Strom der flachen Welt festgehalten zu werden. Die politische Frage lautet demnach, wie flach unsere Welt gestaltet sein sollte. Dabei macht Friedman darauf aufmerksam, dass der Einzelne, der an diesem weltweiten Kommunikationsprozess teilhat, selber die Spannungen in sich trĂ€gt, die sich weltweit in grĂ¶ĂŸerem Maßstab zeigen: Der Einzelne ist Konsument, Aktienbesitzer, Arbeiter in einer Firma und BĂŒrger des Landes zugleich und trĂ€gt als solcher die gegensĂ€tzlichen Interessen in seiner eigenen Person. Wichtig fĂŒr den Einzelnen und fĂŒr alle LĂ€nder, die sich auf dem weltweiten Marktplatz erfolgreich bewegen wollen, ist deshalb die Notwendigkeit „realy smart“ (S. 211) zu sein, d.h. immer mehr zu lernen, kreativ zu sein und sich soviel MĂŒhe zu geben wie möglich, ja alles auf diesen weltweiten Marktplatz einzustellen.

Der Rest des Buches vom fĂŒnften Kapitel an geht folgenden Fragen nach: Wie ist gut Amerika fĂŒr diesen globalen Marktplatz gerĂŒstet? Sollte Amerika den freien weltweiten Handel fĂŒrchten oder bejahen? Auch die Auswirkungen auf EntwicklungslĂ€nder und Wirtschaftsunternehmen werden angesprochen.

Friedman hĂ€lt die Theorie des englischen Wirtschaftsforschers David Ricardo (1772-1823) fĂŒr richtig, der ĂŒberzeugt war, dass alle LĂ€nder sich auf ihre StĂ€rken besinnen sollten, damit letztlich alle davon profitieren. Friedman schlussfolgert, dass es fĂŒr Amerika deshalb besser ist, keine Barrieren aufzubauen, sondern sich in freier Konkurrenz auf dem Marktplatz der Welt zu bewegen. Amerika muss dabei alles tun, um die grĂ¶ĂŸte „Traum Maschine“ (S. 469) der Welt zu bleiben. Auf dem weltweiten Marktplatz gibt es nach Friedman jedenfalls unendlich viele BedĂŒrfnisse und ein unendlich großes Potential fĂŒr Wachstum (S. 228-230). Am besten schneiden auf deshalb die LĂ€nder ab, die entweder keine oder kaum natĂŒrliche Recourssen besitzen, sondern sich einzig und allein auf ihr Einfallsreichtum, ihre FĂ€higkeiten und ihren Fleiss verlassen können – wie z.B. Taiwan. Alle LĂ€nder stehen dabei vor einer Grundentscheidung, sich nĂ€mlich fĂŒr den freier Markt zu entscheiden oder Barrieren aufzubauen. Friedman plĂ€diert fĂŒr einen „compassionate flatism“, d.h. fĂŒr einen Weltkapitalismus, der ZĂŒge der Barmherzigkeit trĂ€gt. Seine Kennzeichen: eine politische FĂŒhrung, die wirtschaftsorientiert handelt; Bildung innerer StĂ€rke, indem Belohnung und Ausbildung der Menschen so flexibel wie möglich gestaltet werden; Auferechterhaltung der sozialen Sicherheit in einer Weise, die den Einzelnen deutlich in die Verantwortung fĂŒr seine eigene Absicherung anleitet; und: Firmen arbeiten mit sozialen Aktivisten zusammen, um sowohl ihren Gewinn zu erhöhen als auch den Lebensstil der Menschen zu verbessern (S. 297). Weiterhin ist es nötig, dass Eltern ihre Kinder zur einer guten Ausbildung und zum Fleiß antreiben.

Friedmann bedenkt ebenfalls Elemente, die den Eintritt von Menschen und LĂ€ndern in den freien Markt behindern oder verhindern können. Kulturen, die offen sind fĂŒr Ă€ußere EinflĂŒsse und Ideen, kommen am besten mit der Globalisierung zurecht. Kulturen, denen das Bewusstsein nationaler SolidaritĂ€t fehlt, die nicht vertrauensvoll mit Fremden zusammenarbeiten können und deren FĂŒhrung in die eigene Tasche wirtschaftet ohne an die Massen zu denken, werden es dagegen schwer haben oder nicht in der Lage sein, zu bestehen (S. 324f). Das Problem in Deutschland sieht Friedman bei der FĂŒhrung des Landes (s. 333): „da gibt es Demokratien, die sehr lange umherirren ohne die Kugel zu beißen- das moderne Deutschland, z.B.“ Friedman erwĂ€hnt auch andere Hindernisse, z.B. Krankheiten wie Aids. Im 10. Kapitel gibt er außerdem 7 RatschlĂ€ge, die helfen sollen, auf dem weltweiten Marktplatz zu bestehen. Die grĂ¶ĂŸte Gefahr geht seines Erachtens von Terroristen wie Al Kaida aus, die die technischen Möglichkeiten der neuen Welt ebenfalls fĂŒr ihre zerstörerischen Zwecke nutzen. Den eigentlichen Grund fĂŒr diesen Terrorismus erkennt er in der Tatsache, dass diese Menschen sich gedemĂŒtigt fĂŒhlen (S. 403), obwohl sie es eigentlich nicht mĂŒssten oder brauchten. Sie könnten viel sinnvoller am weltweiten Markt teilnehmen und wĂŒrden dadurch Besseres erreichen. Friedman wird religiös und setzt den Terrorismus in Bezug zum Turmbau zu Babel. Ben Laddens Handeln sei grĂ¶ĂŸenwahnsinnig, weil er meine, dass er die Wahrheit gepachtet habe und jedermanns Turm zerstören könne!

Der freie Weltmarkt dagegen trĂ€gt nach Friedman entscheidend zum Frieden in der Welt bei, weil alle, die an ihm partizipieren, starke ökonomische Interessen haben, die sie nicht durch Kriege zerstört sehen wollen. War Friedman frĂŒher der Überzeugung, dass zwei LĂ€nder, in denen es McDonalds gibt, nicht Krieg gegeneinander fĂŒhren, so verkĂŒndet er nun die sogenannte „Dell Theory der Konfliktvermeidung“ (S. 420), die darauf aufbaut, dass zwei LĂ€nder, die beide in weltweit operierende wirtschaftliche Versorgungsketten integriert sind, aus wirtschaftlichen GrĂŒnden nicht Krieg gegeneinander fĂŒhren werden. Auch die Partizipation Einzelner am weltweiten Markt ist deshalb das beste Mittel, um Menschen von Radikalisierung und Terrorismus fernzuhalten. Insofern sichert die flacher werdende Welt mit ihrem weltweiten Markt geradezu den Frieden unter den Völkern.

Schon fast hĂ€tte ich den Gedanken aufgegeben, dass Friedman sich in seinem Buch ĂŒber amerikanische Politik Ă€ußert. Doch dann tut er mir noch den Gefallen. Amerika mĂŒsse, so stellt er gegen Ende seines Buches fest, Beispiel und Vorbild fĂŒr die Welt sein: „Wir mĂŒssen die besten WeltbĂŒrger sein, die es gibt.“ (S. 448). Das bedeutet s.E. vor allem, dass sich Amerika durch den Terrorismus nicht in Angst und Schrecken versetzen lassen solle, sondern mit Vorsicht nach vorne blicken und fĂŒr die Freiheit einstehen, die es vertritt. Gerade darin hat PrĂ€sident Bush nach Friedman versagt, indem er die GefĂŒhle der Menschen vom 11. Sept. fĂŒr seine politischen Zwecke missbrauchte und außerdem nicht Hoffnung in die Welt exportierte, sondern Furcht. „Dies ist der wahre Grund, meiner Ansicht nach, dafĂŒr, dass so viele Menschen in der Welt PrĂ€sident Bush so deutlich ablehnen.“ (S. 452.)

Nun noch einige Worte der kritischen WĂŒrdigung zu Friedmans Buch:

1. Friedman zieht den Leser durch seinen flĂŒssigen und sehr anschaulichen Schreibstil in seinen Bann. Das Buch ist großartig und fesselnd geschrieben. Es zeigt auch ein tiefes Durchdenken der Thematik.

2. Der Autor verdeutlicht vor allem in sehr ĂŒbersichtlicher und nachvollziehbarer Weise die Kommunkationsrevolution, die sich durch das Internet vollzieht. Ebenfalls beschreibt er in ausgezeichneter Weise die wirtschaftliche Globalisierung, die durch die Kommunikationsrevolution immer schneller vorangetrieben wird. Vor allem seinen Thesen in technischer Hinsicht, was das Internet als Katalysator fĂŒr die Wirtschaft angeht, stimme ich zu.

3. Dennoch hat das Buch SchwÀchen m.E. in folgenden Bereichen entscheidende SchwÀchen:


3.1. Friedman ĂŒbergeht die Frage nach den Auswirkungen der fortschreitenden wirtschaftlichen Entwicklung auf Umwelt und Klima. Dazu möchte ich anmerken: Wenn diese Frage bei der weltweiten Globalisierung nicht sehr scharf mitbedacht und im Handeln verantwortet wird, ist es möglich, dass die Wirtschaft jene Lebensgrundlagen zerstört, die sie aufbauen will. Die Frage nach den Auswirkungen der wirtschaftlichen Entwicklung auf Umwelt und Klima nicht einmal zu stellen, zeugt von einer ungeheuren und unverzeihlichen Blindheit, die man diesem aufgeklĂ€rten amerikanischen Weltjournalisten nicht zutraut. Wirtschaft, die nach dem Prinzip des Nach-mir-die-Sintflut handelt, zerstört nicht nur jene Menschen, fĂŒr die sie produziert, sondern letztlich damit auch sich selber. Das Schweigen Friedmans zu dieser Frage ist einfach unbegreiflich – und dumm!
3.2. Friedman ĂŒbergeht die Frage wie die produzierende Wirtschaft zu ihren Recourssen (Rohstoffen) kommt. Die Frage der Recourssen wird still schweigend dem freien Markt ĂŒberlassen. Dabei ĂŒbersieht Friedman, bzw. ĂŒbergeht bewusst die Tatsache, dass der freie Markt nur ein freier Markt der Interessen sein kann, die in den westlichen Industriestaaten ihre politischen Lenksysteme besitzen. Westliche Staaten lenken wirtschaftliche Ströme und eben auch den Weg der Recourssen in einer Weise, die ihnen selber am meisten nĂŒtzt. Deshalb werden die Rohstoffe den EntwiciklungslĂ€ndern nicht nicht angemessen bezahlt, sondern man nutzt Not aus und gibt ihnen fĂŒr ihre Rohstoffe nur peants.

Friedman ist der Überzeugung, dass sich die Politik auf die VerĂ€nderungen einzustellen hat, die von einer freien Wirtschaft ausgehen. Er meint, Politik solle die Rahmenvoraussetzungen (Bildung, Gesetze
) dafĂŒr schaffen, dass Menschen befĂ€higt werden, optimal an den weltweiten Wirtschaftsprozessen teilnehmen zu können und nicht durch ein starres Festhalten an Sitten, Kultur, Tradition, Nationalismus zu scheitern. Die Politik hat der Wirtschaft zuzuarbeiten. Friedman verzichtet darauf, der Politik kritische oder gar lenkende Funktionen der Wirtschaft gegenĂŒber zuzuordnen – außer, dass diese fĂŒr Gesetze zum Schutz des geistigen Eigentums u.Ă€. zu sorgen hat. Friedman ordnet die politische Perspektive damit eindeutig der wirtschaftlichen unter. Seine Voraussetzung, dass der Weltmarkt, den er auf diese Weise zu der bestimmenden GrĂ¶ĂŸe werden lĂ€sst, fĂŒr das Wohl der Menschen sorgen werde, ja seine explizite These, dass der Weltmarkt aufgrund des wirtschaftlichen Egoismus aller Beteiligten, den Frieden erhalten wird, ist natĂŒrlich schon deshalb falsch, weil es auch die Kriege der Vergangenheit nicht nur durch verletzten Nationalstolz oder Ă€hnliches ausgelöst worden sind, sondern oft genug durch die Absicht, Land und Recourssen dazu zu gewinnen. Auch in der Vergangenheit waren Kriege oft Wirtschaftskriege, was Friedman ĂŒberhaupt nicht bedenkt.

4. All das markiert die Perspektive, aus der das Buch geschrieben ist: Es ist das Wohl der amerikanischen Gesellschaft, die den Ausgangspunkt des Autors bildet. Weil der freie Markt Amerika nĂŒtzt, ist er gut. Zwar ergĂ€nzt Friedman die These, dass der freie Markt auch allen anderen Menschen und Völkern von grĂ¶ĂŸtem Nutzen sein wird und ihnen Wohlstand und Frieden bescheren, doch einem kritischen EuropĂ€er bleibt bei dieser Gesamtperspektive einfach „die Spucke weg“! Man fragt: Sieht der Mann nicht oder will oder kann er nicht sehen, das die USA und auch die EuropĂ€ische Union ihren Wohlstand auf Kosten anderer LĂ€nder aufgebaut haben und erhalten? Sieht er nicht, dass einige, die in Indien oder China am weltweiten Markt teilhaben, eben nur einige sind und dass die vielen Völker Afrikas und z.T. auch die Völker SĂŒdamerikas nicht so Anteil an diesem Prozess haben, dass ihre Not behoben wĂŒrde? Ist er wirklich der Überzeugung, dass es erstrebenswert ist, den Lebensstil der US-Amerikaner und ihren Energieverbrauch auf alle Menschen zu ĂŒbertragen? Die These von den Möglichkeiten des unendlichen Wachstums ist nichts anderes als die Vertuschung der Tatsache, dass das Wachstum der amerikanischen Wirtschaft solange unendlich ist, wie sie in der Lage ist, Resourssen fĂŒr wenig Geld aus anderen LĂ€ndern abzuziehen. Schlimmer noch: Friedman deutet nicht einmal an, dass der weltweite Antiamerikanismus und vor allem der islamische Terrorismus gerade durch das Verhalten Amerikas selbst auf dem wirtschaftlichen und politischen Marktplatz der Welt entscheidend gefördert worden ist und gefördert wird. Die Völker des Islam fĂŒhlen sich nicht nur gedemĂŒtigt, sondern sind in vielen Jahren von Amerika als billige Rohstofflieferanten missbraucht worden und dann durch die Bushregierung auch noch politisch gedemĂŒtigt worden (Die IraklĂŒgen, Folter im Irak und in Guantanamo.) M.E. hat Bush damit auch dem Christentum schweren und wohl kaum wieder gut zu machenden Schaden zugefĂŒgt. Friedman ĂŒbergeht die Erkenntnis, dass Amerika sich seine Feinde z.T. selber geschaffen hat und nun manches tut, um sich diese als solche zu erhalten. Man möchte rufen: Wie bist du blind, Friedman, dass du nicht siehst oder sehen willst, warum Menschen so verzweifelt sind, dass sie zu Terroristen werden? Amerika verhandelt mit fast niemandem auf der Welt auf gleicher Augenhöhe, und solange sich das nicht Ă€ndert, werden solche Feinde Amerika erhalten bleiben.

(Persönliche Anmerkung: Ich meine, dass die gegenwĂ€rtige amerikanische Politik in schwerer Weise gegen die eigene Verfassung und gegen die Menschenrechte verstĂ¶ĂŸt. Es ist meine Überzeugung, dass Europa mit allen Mitteln gegen dieses Bush-desaster protestieren sollte, und dass wir unseren Freunden, dem amerikanischen Volk, auf dessen Seite ich immer gestanden habe und stehe, helfen mĂŒssen, die Perversion ihrer Demokratie in dieser schwierigen Zeit zu ĂŒberwinden. Aus diesen GrĂŒnden habe ich bereits viele Briefe an den amerikanischen Botschafter geschrieben, die ich z.T. auch unserer deutschen Regierung habe zukommen lassen.)

Friedman hat mit seinem Buch einen wichtigen Beitrag zur allgemeinen Wahrnehmung der Globalisierungsprozesse geleistet. Trotz der genannten SchwĂ€chen halte ich das Buch deshalb fĂŒr sehr lesenswert. Die Financial Times und Goldman Sachs haben es zum Buch des Jahres erklĂ€rt.

Dr. Alfred Klassen, im August 2006
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Ich habe mit „
 macht keine Lust auf mehr“ gewertet, was in doppeltem Sinn gemeint ist.
Ich persönlich tue mich schwer mit dem „akademischen Stil“ dieser Buchvorstellung, wobei ich einrĂ€umen muss, dass der Text so in einem Fachblatt (Politologie / Wirtschaft / vielleicht auch Philosophie) wohl auf in dieser Hinsicht geneigtere Leser stoßen dĂŒrfte. Auch was – und das ist der zweite Punkt – was den Inhalt angeht. FĂŒr mich entsteht der Eindruck, dass ich auch vom Buch "nicht mehr" haben muss – steht doch schon alles hier drin, oder? Ich weiß: Im Buch ist es alles viel komplexer. Nur: Lust darauf hab ich nicht bekommen
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Rezension oder Excerpt?

Lieber Alfred Klassen,

ich muss es gestehen, es ist mir schwer gefallen, aufmerksam durchzuhalten, und das ist eigentlich keine gute Voraussetzung, um ĂŒberhaupt das Wort ergreifen zu dĂŒrfen.

Dass ich es dennoch tue, liegt an der Tatsache, dass ich gerne ĂŒber die Art und Weise einer gelungenen Besprechung reden möchte.

Der wichtigste Aspekt erscheint mir, dass der Rezensent nicht einfach ein Exzerpt gibt (und selbst das mĂŒsste kĂŒrzer sein), sondern aus seiner eigenen Kenntnis heraus den Gegenstand des Buches zu werten weiß. Weil er selbst auf der Höhe des Balles ist, darf er wesentliche Herleitungen zusammenkĂŒrzen und sich auf die Hauptthesen beschrĂ€nken, deren FĂŒr und Wider er zu nennen weiß.

Ich möchte gerne aus sehr persönlicher Sicht einige Punkte herausgreifen, die ich fĂŒr kommentierungswĂŒrdig halte:

1. Das RenommĂ© eines Autors gehört nicht an den Anfang; es geht um das neue Buch, und das kann schlecht sein; fĂŒr die Besprechung ist es kein Argument

2. Was bitte ist ein "heilsgeschichtlichen Aufriss"? Wenn ein Rezensent eine Parallele zu seinem Denken findet, darf er unbedarfte Leser gerne aufklÀren

3. Es besteht die Gefahr, die kritische Distanz nicht einhalten zu können, wenn man zu nah an der DetailfĂŒlle bleibt. Wenn ich mich zu sehr dem Autor verpflichtet fĂŒhle, nehme ich mir den Raum fĂŒr die eigene Wertung.
Gleich zu Beginn ist es eine simplifizierende VerkĂŒrzung, die technische und die wirtschaftliche Globalisierung in einem Atemzug abhandeln zu wollen, als stĂŒnde das Eine fĂŒr das Andere. Soetwas muss kommentiert werden. Ich habe keine Argumente gefunden, sondern nur Behauptungen. Das scheint mir hier eine zentrale SchwĂ€che zu sein.
Ich glaube nicht, dass seit der technischen Globalisierung nicht mehr Firmen sondern Individuen die Prozesse wirtschaftlicher Entwicklungen bestimmen, indem sie direkt miteinander kommunizieren und konkurrieren. Das sind wieder diese typischen Vereinfachungen

4. Es gibt auf dem angloamerikanischen "Markt" eine Tradition der markigen Thesen und mutigen VerknĂŒpfungen, die einem in der dunklen Kammer Erbsen zĂ€hlenden deutschen Wissenschaftler sich die Haare raufen lassen. Der Schlussfolgerung, dass amerikanische PublizitĂ€t meistens "sexy", nicht immer 'korrekt' in dem Sinne ist, nicht immer der gebotenen KomplexitĂ€t seines Gegenstandes gerecht zu werden, darf berĂŒcksichtigt werden.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man solche BĂŒcher nicht aus der ersten Begeisterung heraus kommentieren darf. Eine ganze Weile muss man auf den Thesen herumgekaut haben, um wirklich die Spreu vom Weizen trennen zu können.
Nur so hat ein Dritter etwas davon, dem man seine Meinung nahe bringen möchte.

Bei amerikanischen, nicht nur politischen, Autoren ist es zudem wichtig, seine geistige Heimat zu kennen und zu wĂŒrdigen. Er schreibt klassischen Neoliberalismus und scheint mir ein den Republikanern naher Schreiber zu sein.
Es ist durchaus möglich, auch als Republikaner gegen Bush zu sein, der gerade aus den eigenen Reihen attackiert wird. Das erscheint mir sogar wie die publizistische Begleitmusik fĂŒr den sich abzeichnenden Machtwechsel. Der neue PrĂ€sident soll kein Demokrat werden, sondern ein 'gelĂ€uterter' Republikaner. Jetzt ist die Zeit, sich vom angeschlagenen PrĂ€sidenten zu distanzieren und einen gemĂ€ĂŸigteren Kandidaten zu protegieren, zum Beispiel John McCain. Hierzu kann man in der US-Wikipedia lesen: "He is currently being mentioned again as a potential candidate for the Republican presidential nomination in 2008."
Im US-amerikanischen politischen System ist die Steuerung der öffentlichen Meinung ganz selbstverstÀndlich das Hauptziel allen Wahlkampfes - dagegen sind wir in Deutschland (noch) Waisenknaben.

Noch eine Anmerkung an jon: Der Schreibstil war fĂŒr meine Begriffe mitnichten akademisch, denn dann wĂ€re eine Argumentationskette rezipiert worden (oder deren Nichtvorhandensein?) und keine Aneinanderreihung von Behauptungen. Die Auswertung der 'Quelle' wĂ€re nicht unbedingt spannender oder sprachlich ansprechender geworden, aber inhaltlich wĂ€re der Text 'aufgerĂ€umter'.

Nun, immerhin habe ich genug ĂŒber dieses Buch erfahren, um beurteilen zu können, dass es keine fĂŒr mein Denken wichtige oder ihren Wert nachvollziehbare These enthĂ€lt. Selbst das AufhĂ€ngerbild einer 'flachen' Erde halte ich fĂŒr albern.
Einfach ein anderes 'Amerika als Nabel der Welt'- Buch.

Da stöber ich doch lieber noch ein bisschen in der Leselupe

Liebe GrĂŒĂŸe
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jon
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Noch eine Anmerkung an jon: Der Schreibstil war fĂŒr meine Begriffe mitnichten akademisch, denn dann wĂ€re eine Argumentationskette rezipiert worden (oder deren Nichtvorhandensein?) und keine Aneinanderreihung von Behauptungen

Ich meinte auch weniger die (Argumentations-)Struktur als eher den Klang, sorry. Zu diesem "akademischen" Klang trĂ€gt vermutlich bei, dass Behauptungen aneinandergereiht werden und zwar mit einer Sicherheit, die mich – den „Laien“ – vermuten lĂ€sst, es handele sich um in Fachkreisen ausdiskutierte Dinge, die quasi stellvertretend fĂŒr diese Diskussion formelhaft verwendet werden.
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Hallo Jon,

verstehe. Und genau das ist sehr wahrscheinlich der Eindruck, den der Autor erwecken will.
Mir leuchtete zum Beispiel die historische Herleitung fĂŒr diese Thesen ĂŒberhaupt nicht ein. Das erinnert eher an die BemĂŒhungen des Mittelalters, ihre dynastische Legitimation an höchstwohlgeborene VorgĂ€nger anzuknĂŒpfen und in eine unangreifbare Legitimation der Nachfolge zu gelangen.
Und vielleicht wird hier sogar die historische Wahrheit nachvollziehbar geschildert, so dass beim Leser eine Art GlaubwĂŒrdigkeitgefĂŒhl gebildet wird, dass dann auch ĂŒber die Stolpersteine (Löcher in der Argumentation) hebt.

Ich denke, dass es immer ein Problem der unterhaltenden, attraktiven Darstellung von komplexen ZusammenhĂ€ngen ist, fĂŒr die Griffigkeit die Wahrhaftigkeit nicht zu vernachlĂ€ssigen.
Leider wird das nicht immer (Euphemismus) beherzigt, weil AttraktivitÀt auf diesem Markt so wichtig ist.

Aber das ist ein weites Feld.

Liebe GrĂŒĂŸe
Petra
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