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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Gloomy Sunday
Eingestellt am 02. 08. 2004 10:29


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arle
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2004

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Steve tanzt mal wieder. Aus seinem Zimmer höre ich seit zwei Stunden immer dieselben Kommandos: And one, two, three and rock and close and one, two..... Er hat sich „eine deutsche Fraulein“ eingeladen, der er Westcoast-Swing und SĂŒdstaaten-Blues und was weiß ich nicht alles beibringen will. Es ist Sonntag, zwölf Uhr, und ich bin kurz vorm Durchdrehen. Vor allem, weil die Fraulein wohl nicht ganz so gelehrig ist wie ihre VorgĂ€ngerin gestern.

Steve, oder auch „Panzer“, wie er sich gerne nennt, seit er vor nunmehr zwanzig Jahren fĂŒr drei Monate in Idar-Oberstein stationiert war, wohnt vorĂŒbergehend bei mir. Panzer (im ĂŒbrigen beschreibt dieser Name sein durch tĂ€gliche Besuche in der Muckibude gestĂ€hltes Äußeres mehr als zutreffend) möchte sich in Deutschland niederlassen. Wegen der Geschichte. Und der Kultur. Und der Menschen. Und ĂŒberhaupt. Im Moment scheint er vor allem wegen des guten Bieres hier zu sein. Er genießt sein Dasein und Hier sein im wahrsten Sinne des Wortes in vollen ZĂŒgen und ist keine Nacht zu hause.

Es sei ihm ja gegönnt. Aber trotzdem frage ich mich: MĂŒssen deshalb, wenn ich frĂŒh morgens schlecht gelaunt aus dem Bett krieche, alle TĂŒren offen stehen und alle Lichter brennen? Muss er, ohne anzuklopfen, in mein Zimmer platzen und mir genauestens berichten, wohin er geht und wie lange er zu bleiben gedenkt? Das interessiert mich nicht. Warum redet er lautstark dazwischen, wenn ich telefoniere? Warum stellt er immer das falsche Programm an der Waschmaschine ein? Warum wischt er nie nie nie den Kaffee auf, den er verschĂŒttet hat? Und vor allem: Warum lĂ€sst er immer den Klodeckel offen?! Gibt es in Bethlehem / Pennsylvania keine Klodeckel?! Morgen werde ich ĂŒberall in der Wohnung kleine Zettel verteilen: Hey, du blöder Ami! Sprich leiser, setz dich hin beim Pinkeln, bleib aus meinem Zimmer raus, wann gehst du zurĂŒck nach Bethlehem? Und jetzt fĂ€ngt’s auch noch an zu regnen.

Als ich das Fenster schließe, sehe ich einen alten Golf mit dem Kennzeichen ausgerechnet dieser kleinen Provinzstadt vor meiner TĂŒre stehen. Der Stadt, aus der ich heute vor einer Woche heulend weg gefahren bin, fĂŒr immer; weil "er" mich nicht mehr will. Meine Stadt hat sechshunderttausend Einwohner und ich weiß nicht, wie viele HĂ€user. Und diese hĂ€ssliche rote Karre fĂ€hrt Hunderte von Kilometern und sucht sich dann ausgerechnet mein Haus aus, um davor zu parken? Das kann doch kein Zufall sein. Aber was ist es dann? HĂ€me? „Ätsch, morgen fahr ich zurĂŒck, und du darfst nicht mit“? Die bittere Pille, die mir verabreicht wird, um den Abschiedsschmerz noch ein wenig auszudehnen, hinĂŒber zu retten in die Nacht? Vielen Dank. Ich weiß auch so, dass es vorbei ist. Ich hĂ€tte solche Lust, die Spiegel abzubrechen, die Antenne zu verbiegen und mit meinem SchlĂŒssel tiefe Kratzer in den Lack zu ritzen. Aber dann bekĂ€me ich Ärger mit dem Besitzer der Rostlaube, und der ist bestimmt ganz nett. Außerdem kann er ja auch nichts dafĂŒr.

Eine Freundin ruft an und erzĂ€hlt mir eine Stunde lang von ihrer neuen Liebe. Komisch – heute fehlt mir irgendwie die Geduld, alle zwei Minuten „ach wie schön ich freu mich so fĂŒr dich“ zu murmeln. Ich lege einfach auf und werde morgen behaupten, der Akku habe den Geist aufgegeben.

Es hat sich schon mal Einer von mir getrennt, weil an einem Sonntag kein Toilettenpapier mehr da war. Nun ja. Wenigstens das kann mir heute nicht mehr passieren. Ist ja keiner da, der sich trennen könnte. GlĂŒck gehabt. Panzer und seinem Fraulein, die von dieser Situation völlig ĂŒberfordert sind, mache ich den Vorschlag, zum Zwecke der Darmentleerung doch in die nĂ€chste Kneipe zu gehen. Frohen Herzens und dankbar fĂŒr diese wirklich gute Idee ziehen sie ihrer Wege. Himmlischer Frieden kehrt in meinen vier WĂ€nden ein. Und der Klodeckel bleibt zu. Sieg! Triumph! Zum ersten Mal fĂŒr heute bin ich richtig glĂŒcklich. Ja.

Es regnet immer noch. Ende Juli. Letzten Sonntag schien die Sonne. Und heute wieder : grau in grau... Irgendwie kleben die Zeiger der KĂŒchenuhr am Zifferblatt fest. Das werde ich morgen gleich mal nachsehen.

Ich könnte ja... Ich mĂŒsste eigentlich... Ich sollte wirklich... Ach nein, das mach ich auch morgen.

Im Fernsehen lĂ€uft „Hurra, die Schule brennt“. Also, ich bin ja hart im Nehmen; aber das halte selbst ich nicht durch.

Ich glaub, ich werde noch ein bisschen heulen. Mal sehen, ob der rote Golf noch da steht...


__________________
Am jĂŒngsten Tag, wenn die Posaunen schallen und alles aus ist mit dem Erdeleben, sind wir verpflichtet, Rechenschaft zu geben von jedem Wort, das unnĂŒtz uns entfallen. - J.W. Goethe -

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Gagjack
AutorenanwÀrter
Registriert: Jul 2004

Werke: 5
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schwere Kost

Hallo arle,

ich habe lange gebraucht, bis ich dir einen Komm. schreiben konnte. Dieser Text geht mir sehr tief unter die Haut.

Du beschreibst sehr treffend das beklemmende, nach einem Ausweg flehend suchende GefĂŒhl der Hilflosigkeit in einer nahezu unabwendbaren Situation. Ich wurde mitgenommen auf ihrem Gang durch die Wohnung, mitgenommen von ihren Gedanken und GefĂŒhlen, ich blickte mit ihr aus dem Fenster, sah den Regen und den Golf.

Ein gelungener Text.

Gruß

Gagjack


__________________
nur wer auf den hund gekommen ist versteht und niemand kann sagen warum es mir schlecht ergeht, aber ich kenne den weg, das beste daraus zu machen

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Elisabeth Merey-Kastner
Guest
Registriert: Not Yet

Trauriger Sonntag

gloomy sunday, szomorĂș vasĂĄrnap:

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Hoffentlich geht das so, liebe Silvia.

Ein sehr trauriger Film, einer meiner Lieblinge.

Auf keinen Fall an einem traurigen Sonntag anschauen.

Liebe GrĂŒĂŸe
Elisabeth

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