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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Gloria
Eingestellt am 08. 09. 2006 11:41


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Stella Blue
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Sep 2006

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Es war nur eine kleine Geste, eine unwichtige Geste, die mich bezauberte.
Das Armaturenbrett verschlang eine wei├če Linie nach der anderen. Die Sonne brannte durch die Autofenster auf unsere K├Ârper. Fleisch, das gegrillt wurde. Caro ha├čt das. Sie glaubt nicht, da├č UV-Strahlen nicht durch Glas dringen k├Ânnen. Sie wei├č es besser, aber sie glaubt es trotzdem nicht. Sie ha├čt es, braun zu werden, will sich ihre Bl├Ąsse erhalten, die vornehme Bl├Ąsse, wie sie es nennt, will sich die Jugend ihrer Haut erhalten. Sie macht alle verr├╝ckt damit. Wir m├╝ssen immer auf der Schattenseite der Stra├če gehen, damit sie keinen Sonnenstrahl zu viel abbekommt.
Neil Young keifte aus dem Lautsprecher. Es waren meine Gef├╝hle, die da in Form von Musik im Auto herumflatterten, eingesperrten V├Âgeln gleich, die unsere Wangen mit ihren Fl├╝geln schmerzhaft streiften und uns selbst eingesperrt vorkommen lie├čen.
\"WHY DO I KEEP F*!#IN\' UP!\"
Caro sa├č still, war still. Ich habe sie zum Schweigen gebracht. Sie sagte nichts zur Musik, die ich f├╝r ihren Geschmack bestimmt zu laut aufgedreht hatte, und tat nichts, um ihre Haut vor der hei├čen, prallen (wenngleich durch das Glas UV-losen) Sonne zu sch├╝tzen. Ich ha├čte sie f├╝r dieses dem├╝tige Schmollen.
Sie trug eine schwarze Sonnenbrille, hatte ihre Augen vor mir verschlossen. Ab und zu kam eine Tr├Ąne unter dem linken dunklen Glas zum Vorschein, die das Sonnenlicht reflektierte, w├Ąhrend sie an der Wange herunter rollte, einer glitzernden, farblosen Perle gleich. Caro wischte sie nicht weg. Ich ha├čte auch diese Tr├Ąnen! Warum weinte sie? Jede Tr├Ąne war ein Wort, das sie mir vorenthielt. Sie redete nicht, wie immer. Sie behielt ihren ├ärger f├╝r sich. Anstatt ihn hinauszuschleudern, verwandelte sie ihn in Trauer.
Ich begann, meinen Ha├č, meine Wut, zu ignorieren, und ich begann, Caro zu ignorieren, die ja die Personifizierung meiner Gef├╝hle war. Und die Ursache. So begann ich, mich auf das Fahren zu konzentrieren. Das Fahren. Oh, wie ich es liebe. Ich lie├č die wei├čen Linien unter mir hinweggleiten, so schnell, da├č sie miteinander zu einem einzigen langen Strich verschmolzen. Die Landschaft und die Musik rauschten an mir vorbei. Die Felder, wie Flicken eines gro├čen Teppichs - gelb, gr├╝n und braun - lagen nebeneinander auf dem flachen Land. B├Ąume, die die Stra├če s├Ąumten, machten das grelle Sonnenlicht flackern, gleich einem Kind, das den Schalter einer Lampe andauernd aus- und anknipst. Ich hatte meine Sonnenbrille im Hotel vergessen und mu├čte die Augen zusammenkneifen. Der Himmel, blendend blau, spiegelte sich in der flimmernden Stra├če. Diese schl├Ąngelte sich durch die Gegend - echte Stra├čen haben Kurven - und ich nahm sie mit gro├čer Anmut und hoher Geschwindigkeit.
Pl├Âtzlich ein Mi├čklang, eine falsche Melodie, die sich auf die echte warf... gro├čer Gott, Caro sang mit... ich fa├čte es nicht. Sie kam mir vor wie eine Zikade, die versuchte, gegen eine Nachtigall anzukommen.
\"Love was the winner there... overcoming hate - like a little girl who couldn\'t wait...\"
Ja, so ist sie manchmal, wie ein kleines M├Ądchen, das nicht warten kann, und so hat es auch angefangen mit uns. Sie hat sich auf mich gest├╝rzt wie eine hungrige L├Âwin auf eine von der Herde abgeschnittene Gazelle.
Als ich an unsere erste Nacht dachte, breitete sich ein angenehmes und warmes Gef├╝hl in meinem K├Ârper aus, das meinen Mi├čmut ├╝ber Caros schlechten Gesang und ├╝ber sie im Allgemeinen ein wenig in den Hintergrund dr├Ąngte. Ich hatte lange nicht mehr daran gedacht, wie wir uns kennengelernt, uns aufeinander gest├╝rzt haben. Damals waren wir viel zu betrunken, als da├č es h├Ątte perfekt sein k├Ânnen, aber unsere Gef├╝hle f├╝reinander waren perfekt gewesen. Beinahe bekam ich Lust, am Stra├čenrand zu halten, um Caro zu nehmen und mich von ihr nehmen zu lassen.
Aber ich ha├čte sie doch! Ich ha├čte so viele Kleinigkeiten an ihr, und diese summierten sich zu einem regelrechten Ha├č auf sie. Ich wollte sie nicht mehr. Ich sollte es ihr sagen. Ich hatte es schon angedeutet...
Ich mu├čte scharf bremsen, um die vorgeschriebenen 50 km/h zu erreichen. (Nicht einmal dazu sagte Caro etwas.) Ein gelbes Ortseingangsschild flog an mir vorbei. Klein-irgendwas. Ich konnte es nicht wirklich lesen. Das Nest war klein, verschlafen, und am Rande der geschundenen Stra├če lag der verreckte Hund. Einige alte Damen in Kittelsch├╝rzen wankten den Gehsteig entlang. Ich kam mir so langsam vor wie sie mit den 50 km/h, die ich inzwischen erreicht hatte.
Die ├Âde Umgebung verlor bald mein Interesse, so blickte ich Caro an. Sie wirkte wie eine verschlossene Sch├Ânheit, eine Diva, mit ihrer undurchdringlichen Miene und der dunklen Sonnenbrille. Die k├╝hle Blonde. Die still dasa├č und mich weiterhin ignorierte, ich wei├č nicht, ob ihr bewu├čt war, da├č ich sie ansah. Eine getrocknete Tr├Ąnenspur klebte an ihrer Wange. Ich zuckte mit den Schultern. Die Kluft unseres Schweigens war inzwischen so breit geworden... zu breit, als da├č ich sie h├Ątte ├╝berspringen m├Âgen. Ich w├Ąre wahrschinlich nicht am anderen Rand angekommen, sondern w├Ąre hineingefallen und h├Ątte mir alle Knochen gebrochen. Sollte sie es doch tun.
Und dann tat sie wirklich etwas. Jene Geste, von der ich schon sprach, die mich so bezauberte. Sie raffte ihr langes Haar zu einem Strau├č zusammen und bedeckte ihre rechte, dem Fenster zugewandte Schulter damit. Ein kleiner, aber doch wirkungsvoller Schutz vor der Sonne. Einfach und charmant.
Caro nahm dann wieder ihre erstarrte, beleidigte Haltung an, aber ich hatte das Gef├╝hl, ein Ruck w├Ąre durch sie gegangen, als h├Ątte sie dieses stille Streiten satt.
Ich wei├č schon, es ist nichts besonderes daran, die Schultern mit den Haaren zu bedecken, dazu sind sie ja schlie├člich da; Tiere nutzen die Haare, um sich zu w├Ąrmen, zu tarnen oder vor der Sonne zu sch├╝tzen. Da ist nichts weiter dabei, aber mich hat diese kleine Geste doch irgendwie ber├╝hrt, sie war so typisch f├╝r Caro, die subtile Caro, die erfinderische Caro. Sie hat mich verzaubert, ohne es zu wollen. Ich hatte doch alle Kleinigkeiten vergessen, die ich an ihr liebte.
Ein h├Ą├čliches Quietschen, dann ein Klicken. Die Kassette war zuende. Die Stille brach ├╝ber uns herein wie ein unerwarteter Regengu├č. Nur das Brummen des Motors, das Rollen der R├Ąder. Unser Schweigen nahm Gestalt an.
Ich h├Ątte es gern zerbrochen, h├Ątte gern etwas gesagt, alles, was mir im Kopf herumschwirrte, aber ich war zu besch├Ąmt.
Caro war schlie├člich diejenige, die die Stille durchbrach, die ├╝ber die Kluft sprang, ohne sich zu verletzen. Daf├╝r stie├č sie mich hinab.
\"Ich glaube, wir sollten nicht mehr zusammen bleiben, Gloria. Ich meine, la├č uns jeweils unsere eigenen Wege gehen. Wir haben uns einfach voneinander weggelebt.\"
Entsetzt starrte ich sie an und fuhr dabei fast in den Stra├čengraben. Sie hatte den Mut aufgebracht, das auszusprechen, was ich hatte sagen wollen, vorhin, als ich geglaubt hatte, sie zu hassen und nichts weiter. Aber jetzt wollte ich es nicht mehr sagen, und ich wollte es auch nicht h├Âren.
\"Warum?\"
\"Ach komm, tu nicht so ├╝berrascht. Das wolltest du doch schon die ganze Zeit, oder nicht? Dieser ganze Urlaub ist eine reine Katastrophe. Denkst du, ich habe nicht gemerkt, wie sehr ich dir auf den Geist gehe?\"
\"Das tust du nicht...\"
Ich wei├č nicht, was mit mir los war, aber ich brachte es einfach nicht fertig, ihr zu sagen, was ich f├╝hlte, und da├č sie Recht hatte, aber andererseits auch wieder nicht; da├č ich gewisserma├čen aufgewacht war; und da├č ich mit ihr zusammensein wollte... wenn ich es geschafft h├Ątte, ihr all das zu sagen, was mir w├Ąhrend der Fahrt durch den Kopf gegangen war, wenn ich ihr von der Wirkung ihrer Geste auf mich erz├Ąhlt h├Ątte, vielleicht w├Ąre sie dann nicht ausgestiegen. Aber ich brachte nichts ├╝ber die Lippen. Mein kl├Ągliches \"Das tust du nicht\" nahm sie mir nat├╝rlich nicht ab.
\"Komm, Gloria, halt an, ich steige jetzt aus.\"
\"Das ist doch Wahnsinn! Wo willst du denn hier hin?\"
\"Ich werd\' schon eine Bushaltestelle finden. Halt bitte an.\"
Sie machte Anstalten, die T├╝r zu ├Âffnen. Mir blieb nichts anderes ├╝brig, als auf die Bremse zu treten und stehenzubleiben. Bei Caro wu├čte man nie, sie war, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, zu allem f├Ąhig.
Sie stieg aus, knallte die T├╝r zu und ging davon. In die Richtung, aus der wir gekommen waren, zur├╝ck zum Hotel. Hier gab es keine Schattenseite, die B├Ąume hatten wir schon lange hinter uns gelassen. Die Sonne prasselte auf sie nieder, sie w├╝rde ihre vornehme Bl├Ąsse verlieren, aber das schien ihr egal, sie lief unbeirrt. Sie h├Ątte eine gute Frau f├╝r Lot abgegeben, denn sie drehte sich nicht um.
Ich blickte ihr nach, bis sie hinter einer H├╝gelkuppe verschwand, lie├č den Motor kommen und fuhr los, in die andere Richtung.
Ich f├╝hlte mich wie vor den Kopf geschlagen, wie gel├Ąhmt. Eines nach dem anderen, fielen mir die Dinge ein, die ich an Caro liebte - den Zopf, den sie sich abends immer flocht und mit dem sie ins Bett ging, ihr ungek├╝nsteltes, nicht aufgesetztes Lachen, ihre Gulaschsuppe...
Irgendwann fuhr ich an einer Drogerie vorbei. Die brachte mich auf eine Idee. Ich hielt an, ging in den Laden und kaufte etwas. Dann fuhr ich zur├╝ck, um Caro zu suchen, einzuholen. Ich fand sie, konnte sie schon von weitem sehen. Als ich sie erreicht hatte, hielt ich neben ihr, stieg aus dem Auto, fing sie ab und gab ihr, was ich gekauft hatte - Sonnencreme und einen Hut. Es war ein alberner hellblauer Strohhut mit breiter Krempe, aber er war imstande, ein wenig Schatten zu spenden.
Caro stieg nicht zu mir ins Auto, aber sie nahm die Sonnencreme und den Hut.
Vielleicht w├╝rden wir uns am Abend im Hotel wieder sehen, vielleicht reiste sie nicht ab. Vielleicht verliebten wir uns noch einmal ineinander.

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flammarion
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Werke: 278
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zu

erst einmal herzlich willkommen auf der lupe.
eine sehr h├╝bsche geschichte hast du da geschrieben, zart und anr├╝hrend. bitte mehr davon.
lg
__________________
Old Icke

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Stella Blue
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Sep 2006

Werke: 3
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Danke f├╝r den freundlichen Willkommensgru├č :o)
Ich freue mich schon darauf, weitere Geschichten zu ver├Âffentlichen.
Bis dann!

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Law
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Registriert: Not Yet

Hallo Stella,

also diese Geschichte erinnert mich an alle Urlaube mit meiner Frau, die ist immer aus dem Auto, hat immer die T├╝ren zugeschmissen, wollte immer mit dem Bus oder der Bahn nach Hause, und immer haben wir den ersten Tag nur damit zugebracht voreinander Versteck zu spielen und ich fand sie, dann doch immer dann wenn ich dachte na endlich, ist sie mal wirklich ..(nein war Spass)das ist unser festes Urlaubsritual in immerhin 28 Jahren, mal reicht ne Bemerkung wenn sie in eine Einbahnstrasse in toscanischen Bergen ganze Dorfgruppen gegen uns aufbringt, mal irgendetwas altbekanntes gegen ihre Mutter, oder ich sage die spanische K├╝che ist doch immer nur "Paella auf dem Tella",peng rastet sie aus und die Sucherei geht los, wenn ich mich notd├╝rftig verbunden habe.

Sch├Ân das Du das von Deiner Freundin, oder eben Deine Protagonisten kennst. Scheint so ne Art weibliches Spiel zu sein, und nun kommt das ganz dicke Kompliment: " Du bist die erste die dieses Ph├Ąnomen beschrieben hat." Ich habs mich noch nicht getraut, nu ists eh zu sp├Ąt, weil Du es schriebst, und sonst h├Ątte jeder gedacht, der LAW das ist ein Unmensch, bei dem macht die Frau jeden Urlaub solche Zicken. Wie pflegt mein Sohn zu sagen " Die Mama ist eben die Mama,die ├Ąndert keiner, so sind Spanierinnen eben. Tolle Sache..Du h├Ąttest sch├Ân noch ne erotische Session dranh├Ąngen k├Ânnen, oder ne andere sch├Âne ├ťberraschung, nen Diamantring (Swarowski geht auch)im Strohhut oder sonstwas ├╝berraschendes als Finale?*lach

Nein toller Anfang, da geb ich Flammmarion recht, vor allem locker unkompliziert runtergeschrieben.

kollegialer Gru├č
Law

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Stella Blue
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Sep 2006

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Hallo Law,

danke f├╝r Deinen Kommentar. Ich mu├čte so lachen :o)
Aber nein, Du bist kein Unmensch, weil Deine Frau jeden Urlaub solche Zicken macht, das ist einfach nat├╝rlich, liegt wohl in den weiblichen Genen, ich kenne es ja von mir (es ist eben schwierig, ├╝ber den eigenen Schatten zu springen ;o)

Ich w├╝nsche Dir jedenfalls f├╝r den n├Ąchsten Urlaub alles gute und viel Spa├č (und genug Verbandszeug ;o)
Stella Blue

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