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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Glück im Unglück
Eingestellt am 09. 06. 2015 17:33


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klein lottchen
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Mit einem Seufzen ließ sich Maja auf das kleine Sofa fallen. Es war also geschafft. Sie ließ ihren Blick durch das Zimmer schweifen. Das würde nun also ihr neues Zuhause sein, eine kleine 2-Zimmerwohnung in Braunschweig, Am Schwarzen Berg. Hier wollte sie nun neu starten, alles auf Reset, sozusagen.
Sie betrachtete den Stapel Kartons, der neben der Tür stand. Sie waren gefüllt mit ihren paar Habseligkeiten. Viel ist es nicht, dachte sie. Drei Umzugskartons mit allem was sich in ihren 25 Lebensjahren angesammelt hatte. Einer davon enthielt einige ihrer Kleidungsstücke und ein Paar Schuhe, in dem zweiten befanden sich praktische Dinge, wie eine Kaffeemaschine, ein paar Teller, sowie einige Küchenutensilien und der dritte enthielt ihre Lieblingsbücher, Unterlagen und auch ein paar persönliche Dinge. Von den wenigen Möbelstücken, die sie selber während ihrer Beziehung mit Daniel angeschafft hatte, hatte sie nur den Schuhschrank, der nun in Einzelteilen zerlegt auf dem Flur stand, ein kleines Tischen und ein Badezimmerschränkchen mit ihren Hygieneartikeln mitgenommen.
Maja lächelte traurig, ihr ganzes Leben passte in gerade mal drei Umzugskartons. Ihre Gedanken wanderten zu Daniel. Daniel, mit dem sie die letzten 5 Jahre ihres Lebens verbracht hatte. Daniel, den sie so sehr geliebt und dem sie auch so sehr vertraut hatte. Daniel, der sie dann aber auch so sehr enttäuscht und so eiskalt hintergangen hatte. Verschenkte Jahre, dachte sie bitter, nahm sich eine Zigarette und trat auf den kleinen Balkon hinaus. Kurz nachdem sie sich kennen gelernt hatten, zog Maja zu ihm. Dann eines Tages, nach 5 Jahren Beziehung, eröffnete Daniel ihr, dass er sich neu verliebt hatte und sich von ihr trennen wolle. Sie könnten aber Freunde bleiben. Für ihn war alles so einfach, für sie schien die Welt zusammen zu brechen. Als sie dann aber heute tatsächlich die Tür zu der Wohnung, in der sie die letzten fünf Jahre ihres Lebens verbracht hatte, endgültig schloss, fühlte sie sich befreit. Es war, als wären zentnerschwere Mauern, die sie die letzten Jahre umgeben hatten, plötzlich zu Staub pulverisiert. In diesem Moment erkannte sie, Daniel und sie könnten niemals Freunde sein.
Sie nahm einen tiefen Zug von ihrer Zigarette und bewunderte die tolle Aussicht, die man von hier ganz oben aus dem 8. Stock hatte. Dass sie hier gelandet ist, hat sich mehr oder weniger so ergeben. Sie wollte ihr Leben neu ordnen, alles auf Reset. Und sie hatte einfach Glück. Ulla, ihre beste Freundin, wohnte ebenfalls hier am Schwarzen Berg und als sie mitbekam, dass ein paar Häuser weiter eine kleine Wohnung frei stand, gab sie Maja sofort den Tipp, es einfach mal zu versuchen.
Und Maja hatte Glück. Die kleine Wohnung schien ideal für sie. Sie befand sich in einem mittelgroßen Wohnblock, nicht ganz so anonym, dass man seine Nachbarn nicht kannte, aber anonym genug, um Abstand zu halten. Die Miete war erschwinglich und sie konnte mit dem Rad zu ihrer Arbeitsstelle fahren. Im Notfall hielt die Straßenbahn fast direkt vor der Tür.
Sie ließ den Blick schweifen. Die Nacht begann bereits, sich über die Stadt zu senken. Am Horizont zeichneten sich die Umrisse der Häuser am abendlichen Himmel ab. Die zum Teil erleuchteten Fenster malten ein unregelmäßiges Muster und weiter unten warfen Laternen ein bezauberndes Licht auf die Straße. Hier sollte also ihr neues Leben beginnen. Wer weiß wozu es gut war, dachte Maja und sie freute sich darauf.
In den nächsten Tagen begann sie, sich häuslich einzurichten und in den nächsten Wochen fing sie dann auch tatsächlich an, sich hier einzuleben.
Seinen Teil dazu bei trug auch ihre Freundschaft zu Ulla, die ja nur einige Häuser weiter wohnte. Ulla war im gleichen Alter wie Maja und wenn es die Zeit erlaubte, bummelten sie oft gemeinsam durch die Innenstadt, tranken irgendwo einen Kaffee, oder aßen eine Kleinigkeit. Ihr Start hier schien geglückt und sie war zufrieden. Noch konnte sie nicht ahnen, welch teils dramatische Wendung ihr Leben bald nehmen würde.
Nach etwa einem halben Jahr, fingen dann die nächtlichen Ruhestörungen an. Nach einem anstrengenden Arbeitstag in der Kanzlei, in der sie als Rechtsanwalts- und Notarsgehilfin arbeitete, fiel sie abends schlag kaputt ins Bett. Dann wurde sie urplötzlich wach. Benommen nahm sie ihr Handy zur Hand. Ein Blick auf das Display verriet ihr, dass es 1:30 Uhr war. Sie hatte noch gar nicht lange geschlafen, überlegte sie, schaltete die Handybeleuchtung wieder aus und ließ das Handy zurück, neben sich aus dem Bett auf den Boden gleiten.
Gerade wollte sie ihren Kopf wieder in die Kissen versenken, als sie mitten in der Bewegung plötzlich inne hielt und lauschte. Da weinte doch jemand! Ja, jetzt konnte sie es ganz genau hören, irgendwo nebenan schien ein Baby zu schreien.
Während sie lauschte, begann sie zu überlegen. Von wo konnte das kommen? Neben ihr wohnte nur die alte Bergmann und die war ihrer Meinung nach weit über 70 und lebte allein. Da sie selber unter dem Dach ganz außen im Gang wohnte, kam auf der anderen Seite nebenan und über ihr niemand in Frage. Was war unter ihr? Überlegte sie. Nein, sie schüttelte den Kopf. So viel sie wusste, wohnte dort ein alleinstehender Mann, so ca. Ende 30. Sie hatte ihn kurz kennen gelernt, als sie gemeinsam ein Stück im Fahrstuhl nach oben fuhren. Maja hatte sich höflich vorgestellt, aber er war sehr knapp angebunden und offenbar nicht sehr redselig. Dass er alleine lebte, wusste sie von Ulla. Sie lauschte weiter. Das Baby schrie immer noch ohne Unterlass. Ganz vorsichtig und immer noch lauschend, legte Maja sich wieder hin und wartete. Offenbar hielt es niemand für nötig, nach dem Baby zu sehen. Still lag sie da und horchte weiter auf das Geschrei. Nichts geschah. War das Kind vielleicht alleine in der Wohnung und wie sollte sie sich jetzt am besten verhalten? Wieder nahm sie ihr Handy zur Hand und sah auf das Display. Das Baby schrie jetzt schon seit über 20 Minuten. Sie beschloss noch 10 Minuten zu warten, um sich dann auf die Suche nach der Ursache zu begeben, als das Geschrei so abrupt, wie es begonnen hatte, verstummte. Sie wagte es kaum sich zu bewegen und lauschte noch eine Weile angestrengt in die Dunkelheit, aber es blieb alles still. Während sie so dort in ihrem Bett lag, tauchten vor ihren Augen Bilder von schreienden Babys auf, die alleine gelassen wurden und dann plötzlich aufhören zu schreien, weil sie auch einfach aufhören zu atmen. Und am nächsten Morgen werden sie dann von ihren Eltern tot in ihrem Bettchen gefunden. Welch furchtbare Vorstellung, dachte sie und versuchte die Bilder zu verdrängen. Wenn sie einmal ein Kind hätte, dann würde sie es nachts nie alleine lassen. Niemals, dachte sie, bevor sie in einen unruhigen Schlaf fiel.
Nachdem sich ähnliches auch in den darauffolgenden Nächten wiederholte und Maja das Gefühl hatte, dass sich das Weinen immer dringlicher anhörte, beschloss sie, bei Gelegenheit mit Ulla darüber zu sprechen.
Es war gerade Anfang Mai und seit langem ein Tag, der Sonnenschein statt Regenwolken und kalte Temperaturen, versprach. Ulla und sie waren während der Mittagspause in der Innenstadt verabredet. Nachdem sie Am Altstadtmarkt ein lauschiges Plätzchen unter einem der großen Schirme ergattern konnten beschlossen die Beiden hier ein Eis zu essen und einen Capucchino zu trinken. Der Augenblick war günstig und Maja berichtete Ulla von den Vorkommnissen der letzten Nächte.
„Weißt du, zum einen bin ich ja ganz froh darüber, dass das Kind offenbar bei Gesundheit ist, aber so langsam bin ich auch echt genervt.“
„So weit ich mich erinnere, wohnt in eurem Haus niemand mit einem Baby. Vielleicht kommt das Geschrei ja von weiter her.“ Überlegte Ulla und ging selber in Gedanken die Bewohner des Blocks durch. Dann schüttelte sie vehement den Kopf. „Nee, da fällt mir ehrlich gesagt niemand ein.“
„Das Geschrei klang so nah, das man hätte annehmen können, es käme direkt aus dem Nebenzimmer.“
Ulla schlürfte an ihrer Tasse und sah Maja an. „Vielleicht spukt es ja bei dir, hast du darüber schon mal nachgedacht? Und noch was, du siehst müde aus.“ Maja sah tatsächlich müde aus. Dunkle Ringe, die sie mühsam mit Make Up zu übertünchen versuchte, zeichneten sich unter ihren Augen ab. Sie war auch müde, aber war das ein Wunder, wenn sie keine Nacht mehr durchschlief. Nicht einmal die Ohrenstöpsel, die sie sich besorgt hatte, hatten dagegen etwas tun können. Um Punkt 1:30 Uhr in der Nacht wurde sie wach und dann fing das Schreien und Wimmern an. „Wie meinst du das, es spukt?“ Maja sah sie fragend an. „So viel ich weiß, hat vor dir in der Wohnung eine junge Frau mit einem Baby gewohnt. Keine Ahnung, was aus ihr geworden ist. Irgendwann hab ich sie nicht mehr gesehen. Vielleicht ist ihr und dem Baby ja irgendetwas zugestoßen und sie will dir irgendetwas sagen.“ Maja lächelte spöttisch. „Das ist nicht wirklich dein Ernst.“ „Du kannst ja bei Gelegenheit die alte Bergmann von nebenan mal anhauen, die kann dir vielleicht mehr darüber erzählen.“ Damit machte sich Ulla daran, sich vom Stuhl zu erheben. „Lass uns schnell nochmal zu Reno rübergehen, bevor unsere Pause vorbei ist. Ich hab da letztens im Vorbeigehen so ein nettes Paar Sandalen im Schaufenster entdeckt. Die würden meinen Schuhschrank sicher um einiges bereichern.“ Grinste sie und Maja musste unwillkürlich lächeln, als sie an Ullas riesigen Schuhschrank dachte, in dem nach ihrer groben Schätzung so um die 80 Paar Schuhe immer wieder aufs Neue um Ullas Gunst kämpfen mussten. Ihre Lieblingsschuhe wechselten fast so oft wie ihre Unterwäsche und ständig kamen neue hinzu.
„Na vielleicht hast du Recht, ich hau die Alte bei Gelegenheit mal an.“ Maja nahm ihre Tasche vom Stuhl und gemeinsam schlenderten sie Richtung Schuhparadies.
Die Gelegenheit, die alte Bergmann anzusprechen, sollte sich schneller ergeben, als Maja erwartet hatte und bereits am nächsten Tag traf sie die Alte im Treppenhaus. „Hallo Frau Bergmann, schön sie zu Sehen.“ Begann sie. Die Alte war gerade dabei den Flur zu fegen, als Maja mit ihren Einkaufstüten aus dem Fahrstuhl kam. Frau Bergmann trug eine rotbraune Kittelschürze und sie erinnerte Maja einen Moment lang an ihre Großmutter, die sich auch immer in bunten Kittelschürzen am wohlsten fühlte. „Ach hallo Fräulein Winter. Vom Großeinkauf zurück?“ antwortete sie und zeigte mit dem Besen in ihrer Hand Richtung Einkaufstüten. „Nur ein bisschen was fürs Wochenende.“ Maja überlegte, wie sie es am Besten anfangen sollte. „Sagen Sie Frau Bergmann, darf ich Sie etwas fragen?“ „Aber immer Kindchen. Fragen Sie nur.“ Sagte die Alte freundlich. „Die junge Frau mit dem Kind, die vor mir hier gewohnt hat, kannten Sie sie?“ fragte sie dann einfach gerade heraus. Die Alte hielt inne und runzelte die Stirn. „Warum fragen Sie das?“ Maja überlegte einen Moment, ob sie der Alten von dem nächtlichen Geschrei und Ullas Vermutungen, es könnte sich um einen Geist handeln, erzählen sollte. Sie musste sich eingestehen, wie lächerlich sich das anhörte. Gedankenverloren machte sich die Alte wieder ans Fegen. „Traurige Geschichte. Wirklich traurige Geschichte.“ Murmelte sie vor sich hin. „Wie meinen Sie das? Traurige Geschichte, was ist mit den Beiden passiert?“ hakte Maja nach. Die alte Bergmann musterte sie mit kritischem Blick und einen Moment lang befürchtete Maja, sie könnte gleich mit dem Besen auf sie losgehen und sie beschimpfen, weil sie so neugierig sei, als die Alte schließlich antwortete: „Ach Kindchen, wenn Sie mögen, dann kommen Sie doch nachher auf eine Tasse Kaffee vorbei. Ich würde mich wirklich sehr freuen, dann erzähle ich Ihnen gerne von Katharina und der kleinen Sophia.“ Dann begann sie leise summend wieder ihrer Arbeit nachzugehen.
Gut 90 Minuten später saß Maja dann auf dem kleinen Balkon der alten Bergmann und genoss die nachmittäglichen Sonnenstrahlen. Das Balkongeländer war umrahmt von Blumenkästen, aus denen gelbe, blaue, wie rote Blumen, von denen Maja die Namen nicht kannte, prachtvoll wucherten. Die Luft war warm und erfüllt vom Gezwitscher der Vögel und nur hin und wieder drang das Geräusch eines fahrenden Autos zu ihnen herauf, oder der Wind trug in unregelmäßigen Sequenzen das Gejubel aus dem Stadion an der Hamburger Straße herüber, in dem die Eintracht heute eines ihrer Heimspiele absolvierte.
„Ich liebe es hier zu sitzen.“ Sagte die Alte und schenkte Kaffee ein. „Das kann ich gut verstehen.“ Maja lehnte sich zurück und sog die warme Frühlingsluft tief in ihre Lungen. Der Balkon kam ihr fast vor wie eine Insel in dem grauen Alltagseinerlei und sie beschloss, ihren eigenen Balkon demnächst ebenfalls mit Blumen zu verschönern.
Bei dem Gespräch mit der Bergmann erfuhr Maja, dass vor ihr eine junge Frau namens Katharina, in der Wohnung gewohnt hatte. Wie die Alte berichtete, war Katharina hochschwanger, als sie in die Wohnung nebenan einzog. Sie wurde von dem Vater des Kindes in Stich gelassen, ganz auf sich alleingestellt, ohne Job, ohne Geld und ohne sonstige Familie im Rücken. Maja musste an ihre eigene verkrachte Beziehung denken und war froh, dass sie ohne Kind aus dieser Geschichte herausgekommen ist.
„Wir saßen oft zusammen hier.“ Seufzte die Alte. „Ich hier und sie da. Genau da wo Sie jetzt sitzen.“ Sie nickte mit dem Kopf in Majas Richtung.
Maja betrachtete die Alte und ihr fiel auf, wie alt und zerbrechlich die Alte wirkte. Ihre Haut schimmerte fast wächsern und auch der halbherzig gebundene Nackenknoten konnte nicht verhindern, dass ein Großteil ihrer weißen Haare wild von ihrem Kopf abstanden.
„Sie war eine starke Frau, eine gute und eine wirklich starke Frau. Und sie war so glücklich, als die kleine Sophia gesund zur Welt kam.“ Gedankenverloren rührte die Bergmann in ihrem Kaffee. „Und sie war so ein hübsches Kind, die Kleine. Genauso hübsch, wie ihre Mutter.“ Sie seufzte tief und ihre Augen blickten traurig in die Ferne.
Majas Gedanken wanderten zu der Wohnungsbesichtigung, die der Hausmeister mit ihr durchgeführt hatte. Bei der Besichtigung war die Wohnung noch möbliert und wie der Hausmeister ihr mitteilte, hätten die Möbel auch übernommen werden können. In Majas damaliger Situation ein wirklich gutes Angebot, bis sie in der Lage war sich etwas Neues zu leisten. So hatte sie sich die Möbel ganz genau angesehen und gegen einen geringen Betrag ja dann auch den Kleiderschrank, das Sofa und einige Vorhänge übernommen. Angestrengt versuchte sie sich die Bilder wieder in Erinnerung zu rufen, aber an irgendetwas, das auch nur annähernd auf ein kleines Baby hätte hinweisen können, konnte sie sich nicht erinnern. Sie kannte sich nicht sonderlich gut aus mit Babys, aber sie nahm doch an, dass ein Baby zumindest ein eigenes Bettchen benötigte, alles andere konnte man sicher improvisieren.
„Was passierte mit den Beiden?“ fragte Maja und die Alte begann wieder gedankenverloren in ihrem Kaffee zu rühren.
„Die Kleine war gerade mal ein halbes Jahr alt,“ erzählte sie dann weiter, „als Katharina die schreckliche Nachricht bekam.“ Die Alte fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und wischte sich verstohlen ein paar Tränen aus den Augenwinkeln. Dann nestelte sie an ihrer Kitteltasche und brachte ein Taschentuch hervor.
Im weiteren Gespräch erfuhr Maja, dass die arme Katharina erfahren musste, dass ein Krebs in ihrem Körper wütete. Der Tumor hatte bereits Metastasen in ihrem Gehirn gebildet. Inoperabel, hätte es geheißen. Eine Behandlung lehnte Katharina ab. Die Ärzte sagten ihr ganz ehrlich, wie es um sie stand. Ohne Behandlung lag die Lebenserwartung bei ca. drei Monaten. Da eine Operation bei multiplen Hirnmetastasen nicht in Frage kam, wollte man es mit Bestrahlung versuchen. Die Belohnung dafür wäre eine neue durchschnittliche, optimistische Lebenserwartung von sechs Monaten gewesen. Katharina entschied sich dagegen. Gegen drei weitere Monate Leben, aber entscheidend für sie, auch gegen drei weitere Monate voller Leid und Schmerzen. Die Prognose war unausweichlich und da wollte sie es lieber schnell hinter sich bringen. Und dann ging auch alles ganz schnell. Die kleine Sophia kam in eine Pflegefamilie und ein paar Wochen später beschloss Katharina in ein Hospiz zu gehen.
„Ich stand am Fenster und habe gesehen, wie sie Sophia abgeholt haben. Alles was Katharina ihr in diesem kurzen Beisammensein mitgeben konnte, passte in einen von diesen Pamperskartons.“
Maja musste an ihre eigenen drei Umzugskartons denken. Wenn man das in Relation zum Alter setzte, überlegte sie. „Ein Pamperskarton mit ein paar Stramplern, einem gebrauchten Flaschenwärmer, zwei Rasseln, eine Spieluhr und die restlichen Gläschen mit dem Babybrei. Und natürlich das Bettchen mit der Bettwäsche, welche ich der Kleinen zur Geburt geschenkt habe. Mehr gab es nicht, was Katharina der kleinen Sophia mitgeben konnte.“ Die Bergmann selber hatte keine Kinder und während sie erzählte, konnte man erahnen, welche Trauer die Alte empfunden haben muss, als diese kleine Familienidylle, von der sie selber ein Teil sein konnte, plötzlich zerstört wurde.
Als Maja später alleine in ihrem Bett lag, wanderten ihre Gedanken zwangsläufig zu Katharina. Wie furchtbar musste das für diese junge Frau gewesen sein, so jäh von allem Abschied nehmen zu müssen und je länger sie über die Sache nachdachte, desto lauter klangen ihr die Worte von Ulla in den Ohren. Vielleicht spukte es hier tatsächlich? dachte Maja und unwillkürlich überkam sie eine Gänsehaut. Wenn es so sein sollte, was wollte ihr Katharina dann wohl mitteilen? War irgendetwas mit ihrem Baby und sie wollte, dass Maja das aufdeckte und dagegen etwas unternahm? Aber wie sollte sie herausfinden, wo die kleine Sophia jetzt war. Das wusste die Bergmann nicht und sie konnte sich kaum vorstellen, dass die Behörde ihr dazu ohne weiteres einfach Auskunft geben würde. Dennoch wollte sie den Dingen weiter auf den Grund gehen. Sie nahm sich vor, gleich morgen Ulla von den Neuigkeiten zu berichten, bevor sie in einen unruhigen Schlaf fiel.
Mitten in der Nacht wurde sie wieder wach. Sie musste nicht erst auf ihrem Handy nach der Uhrzeit sehen, um zu wissen, dass es genau 1:30 Uhr sein würde. Das Gejammer klang heute viel eindringlicher als sonst und Maja beschlich ein ungutes Gefühl. Sie saß kerzengerade in ihrem Bett und dachte an Katharina und Sophia und an den Plan, den sie vorhin noch so mutig gefasst hatte, nämlich der Sache auf den Grund zu gehen. Sie schauderte und zog sich die Bettdecke bis zum Kinn heran. Das Mondlicht, das schwach durch das Fenster fiel, zauberte lange, dunkle Schatten auf die Wände. Als sich ihre Augen langsam an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte sie die Umrisse des Stuhls erkennen, der neben der Tür stand und über dessen Lehne sie am Abend fein säuberlich ihre Sachen gelegt hatte. Für einen Moment bildete Maja sich ein, das kleine Kinderbett, das zuvor anstelle des Stuhls dort stand, zu erkennen. Sie schloss die Augen und lauschte. Fast war es, als könne sie die Melodie der Spieluhr hören und sie summte in Gedanken mit. ‚Schlaf Kindlein schlaf...’ Es schien ganz nah, als würde sich das Kind nur hinter der Tür, gleich im Nebenraum befinden. Sie fasste sich ein Herz, schob entschlossen die Bettdecke zur Seite und schwang ihre Füße aus dem Bett. Dann tastete sie sich vorsichtig zur Tür und als sie diese erreicht hatte, drückte sie erleichtert auf den Lichtschalter. Sofort erleuchtete das Schlafzimmer in hellem Licht und damit verflog auch die unheimliche Atmosphäre, die sie kurz zuvor noch gespürt hatte.
Sie schaltete auch alle übrigen Lichtschalter ein und als auch der Rest der Wohnung in hellem Licht lag, suchte sie jeden Raum ab, immer, wie sie meinte, dem Geschrei folgend. Doch jedes Mal, wenn sie einen Raum betrat, schien das Geheul plötzlich wieder aus dem Nebenzimmer zu kommen. Und nachdem sie gut 5 Minuten lang von Zimmer zu Zimmer gegangen war, war sie sich sicher, dass das Geschrei zumindest nicht von hier drinnen kam. Wenn es tatsächlich der Geist von Katharina war, der ihr etwas mitteilen wollte, dann hatte das offenbar nichts mit ihrer Wohnung zu tun.
Sie schlich zur Eingangstür und legte ein Ohr daran. Das Geschrei kam nun aus dem dahinter liegendem Treppenhaus. Entschlossen nahm sie den Schlüssel vom Haken und legte ihre Finger auf die Klinke. Ein mulmiges Gefühl beschlich sie, was würde sie finden? Ihre Hände zitterten leicht, als sie die Tür zum Gang aufstieß. Das Licht, das aus ihrer Wohnung fiel, zeichnete ein helles Dreieck in den Laubengang.
Vorsichtig tastete sie nach dem Lichtschalter. Das Weinen schien sie in eine bestimmte Richtung locken zu wollen. Sie trat in das Treppenhaus und lauschte wieder. Langsam und fast lautlos ging sie den langen Gang entlang. Am Ende des Ganges befand sich der Fahrstuhl und rechts davon lag eine Tür hinter der eine Treppe in das darunterliegende Stockwerk führte. Sie schlich weiter den Gang entlang, bis sie die Tür erreicht hatte. Maja drückte die Klinke und öffnete die Tür einen Spalt. Vorsichtig spähte sie in das dahinter liegende Treppenhaus. Es war nichts zu sehen. Sie hielt inne und lauschte wieder. Das Weinen und Schreien kam nun eindeutig aus dem unter ihr liegenden Flur. Mit ein paar Schritten war sie die Treppen bis zum nächsten Absatz hinunter, doch gerade, als sie auch den zweiten Absatz hinunterlaufen wollte, erlosch plötzlich das Licht und um sie herum war alles schwarz. Unvermittelt hielt sie in ihrer Bewegung inne. Für einen Moment musste sie gegen eine aufkommende Panik ankämpfen. Vorsichtig streckte sie die Arme zur Seite aus und war etwas beruhigter, als sie mit der rechten Hand die Hauswand berührte. Das kleine Stück bis zum nächsten Lichtschalter würde sie schaffen. Sie atmete tief durch und tastete langsam mit ihrem Fuß nach der Treppenstufe. Vorsichtig schob sie den anderen Fuß hinterher während sie sich mit der Hand an der Wand entlangtastete. Wieder schob sie ihren Fuß vorsichtig vor und diesmal schritt sie ins Leere. Sie hatte die Treppe erreicht. Geh einfach ganz vorsichtig weiter, machte sie sich Mut, als das Babygeschrei plötzlich verstummte. Angestrengt lauschte sie in die Dunkelheit. Es war nichts zu hören, außer ihrem eigenen Atem, der nun hörbar schneller ging. Plötzlich stockte sie, aber nein, da war noch etwas. Ein eigenartiges leises Summen schien plötzlich die Luft zu erfüllen und Maja hatte das Gefühl, als würde ein eisiger Hauch an ihr vorüber ziehen. Sie spürte, wie sich ihre Nackenhaare aufstellten und sie am ganzen Körper eine Gänsehaut bekam. Das Summen ging durch ihren ganzen Körper und plötzlich war die Luft erfüllt von Lichtblitzen. Später würde Maja ihrer Freundin Ulla anvertrauen, dass sie in den Blitzen eine junge Frau erkannt hätte, bevor sie das Bewusstsein verlor und 14 Stufen in die Tiefe stürzte.
Als sie wieder zu sich kam, war sie bereits umringt von Sanitätern. Der alleinlebende Mann unter ihr war durch das Gepolter und ihren Schrei aufmerksam geworden und nachdem er sie im Treppenhaus gefunden hatte, hatte er die Feuerwehr alarmiert. Sie hatte eine Platzwunde am Kopf und blutete stark. Der Rettungswagen brauchte nur ein paar Minuten vom naheliegenden Holwede-Krankenhaus bis hierher.
Wie sich auf den Röntgenaufnahmen zeigte, hatte sie sich zwei Rippen gebrochen und noch Glück im Unglück gehabt. Sie verbrachte die Nacht auf der Überwachungsstation und kam am nächsten Tag auf ein Krankenzimmer. Wie die Nachtschwester ihr erzählt hatte, sollte sie wohl die nächsten beiden Tage zur Überwachung noch hier bleiben. Das würde aber der zuständige Arzt noch mit ihr klären, fügte sie dem noch hinzu und so blieb Maja nichts anderes übrig, als abzuwarten.
Gegen Mittag klopfte es kurz, bevor sich die Tür zu ihrem Krankenzimmer öffnete und ein Mann in weißer Hose und weißem Oberteil in der Tür erschien. „Hallo, ich bin Mark und Krankenpfleger hier.“ stellte er sich vor und streckte Maja seine Hand entgegen. Mark war ihr auf Anhieb sympathisch. „Sie haben einen Termin mit Professor Dr. Wagner und ich darf sie dahin begleiten, also bitte Platz zu nehmen.“ Sagte er mit einem breiten Lächeln und obwohl Maja sich gut genug fühlte, allein gehen zu können, bestand Mark darauf, sie in einem Rollstuhl durch das Haus zu fahren. Einen Moment überlegte Maja, warum der Arzt nicht einfach zur Visite kam. Bis auf eine Gehirnerschütterung und zwei gebrochenen Rippen, war sie zum Glück nicht weiter verletzt worden, warum also sollte sie ein Gespräch mit ihm in seinem Büro führen. Den Grund dafür erfuhr sie schneller und deutlicher, als ihr tatsächlich lieb war. Dr. Wagner sprach nicht lange um den heißen Brei herum. Bei der Röntgenuntersuchung haben sie mehr durch Zufall einen Tumor an ihrer Leber entdeckt. Noch war er sehr klein und er rechnete ihr gute Chancen aus, wieder ganz gesund zu werden.
Krebs, das war eine Nachricht, die sie erst mal verdauen musste. Nun hatte es also auch sie erwischt.
Gleich in der nächsten Woche wurde sie in das Klinikum an der Celler Straße verlegt und dann ging alles ganz schnell, OP und anschließende Chemo. Während der gesamten Zeit im Krankenhaus erhielt sie täglich Besuch von Mark, der sich wirklich rührend um sie kümmerte. In dieser Zeit lernten sie sich nicht nur kennen, sondern auch lieben.
Das alles war nun etwas mehr als 3 Jahre her und Maja hatte den Krebs tatsächlich besiegt. Für die Ärzte galt sie offiziell zwar erst nach 5 Jahren ohne neue Metastasen als geheilt, aber sie wusste es jetzt schon. In ihre kleine Wohnung, kehrte sie nur kurz zurück, aber von nun an verliefen die Nächte wieder ruhig. Nach einigen Monaten zog sie dann mit Mark zusammen. Sie wollte nicht wieder den Fehler machen alles Eigene aufzugeben und sofort wieder zu einem Mann ziehen, aber als er ihr vorschlug eine neue und vor allem gemeinsame Wohnung zu suchen, war sie schließlich einverstanden. Nun wohnten sie gemeinsam nördlich von Braunschweig in Bienrode, wo sie eine geräumige schöne Wohnung fanden. Der Ausbau des Flughafens im naheliegendem Waggum hatte dafür gesorgt, dass die Mieten im Vergleich zur Innenstadt recht günstig waren. Maja war glücklich. In 4 Monaten würde ihr erstes gemeinsames Kind zur Welt kommen.
Das alles hatte sich also in den letzten Jahren ergeben und ihr Leben schien nun fast perfekt, aber Maja wusste, dass sie nun noch einen Weg zu gehen hatte. Dafür war sie heute hier her gekommen.
Sie drehte sich um und sah Mark an dem großen Tor stehen, wo er auf sie warten wollte. Mark hatte es mit seinen unerlässlichen Recherchen möglich gemacht, dass sie nun hier stand, aber ab hier wollte sie alleine sein. Sie wandte sich wieder um und ging weiter den geteerten Weg entlang. Das nachmittägliche Herbstlicht kündigte bereits den bevorstehenden Abend an und tauchte alles in ein unheimliches Zwielicht. Nach einigen hundert Metern hatte sie ihr Ziel erreicht. Vor ihrem geistigen Auge ließ sie die letzten 3 Jahre noch einmal Revue passieren und trotz des Kummers und der Schmerzen, die ihre Krankheit mit sich gebracht hatte, empfand sie doch tiefe Dankbarkeit. Dankbarkeit für den tollen Mann, den sie nun an ihrer Seite hatte. Dankbarkeit für das Kind, dass sie unter ihrem Herzen trug. Aber vor allem Dankbarkeit dafür, dass sie ihre Krankheit überwunden hatte und am Ende alles gut ausgegangen ist. „Sie haben wirklich großes Glück gehabt, dass der Tumor so rechtzeitig entdeckt werden konnte,“ hatte der Professor damals zu ihr gesagt und auch dafür war sie unglaublich dankbar.
Nach ein paar Schritten hatte sie schließlich ihr Ziel erreicht. Sie betrachtete den schwarzen quadratischen Stein vor sich. ‚Dein Licht hat viel zu kurz die Welt erhellt’ stand in geschwungenen goldenen Lettern darauf. Darunter ‚Katharina Huber 18. 03. 1987 – 24. 06. 2013.
„Ich weiß nun wofür alles gut war.“ Sie legte die mitgebrachten Blumen vor den Stein, drehte sich um und ging ohne sich noch einmal umzusehen, den Weg wieder zurück. Zurück zu Mark und zurück in ihr neues Leben.


Version vom 09. 06. 2015 17:33
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DocSchneider
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Hallo klein lottchen, herzlich Willkommen in der Leselupe!

Schön, dass Du den Weg zu uns gefunden hast. Wir sind gespannt auf Deine weiteren Werke und freuen uns auf einen konstruktiven Austausch mit Dir.

Um Dir den Einstieg zu erleichtern, haben wir im 'Forum Lupanum' (unsere Plauderecke) einen Beitrag eingestellt, der sich in besonderem Maße an neue Mitglieder richtet. Hier klicken

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Ansprechende Geschichte, die Du aber vielleicht etwas straffen könntest. Du hast sehr viel hineingepackt. Der Beginn mit Daniel braucht zum Beispiel nicht so ausführlich zu sein. Es reicht, wenn der Leser erfährt, dass Maja ein neues Leben beginnt.

Viele Grüße von DocSchneider

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Hyazinthe
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Hallo, klein lottchen!

Deine Geschichte ist mir schon deswegen sympathisch, weil ich auch einmal am Schwarzen Berge in Braunschweig gewohnt habe. Was für ein Zufall!
Zu deinem Text:
Ich glaube, du hast zuviel auf einmal in deine Geschichte hinein gepackt. Als Leser weiß man am Ende nicht, ob es eine Spukgeschichte war, die Geschichte einer jungen Frau, die nach einer gescheiterten Beziehung ein neues Glück findet, oder die Geschichte einer Frau, die den Krebs überwindet.
Man könnte also gut und gerne drei Kurzgeschichten daraus machen.
Du schreibst anschaulich und flüssig, aber oft auch zu ausführlich, so dass man als Leser leicht die Geduld verliert.
Gerade bei short stories: Weniger ist mehr!

Gruß, Hyazinthe
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klein lottchen
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Hallo und meinen besten Dank für die Anregung. Diese Geschichte habe ich für eine Freundin geschrieben und die Vorgabe war etwa 30 Minuten vorlesen. Für hier vermutlich zu viel. Meine nächste Story wartet schon in der Schublade und die wird dann kurz und knackig.
Viele liebe Grüße, klein Lottchen

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