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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Glück und Glas
Eingestellt am 16. 01. 2003 22:06


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Joerg Feierabend
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Nov 2002

Werke: 8
Kommentare: 7
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Es gibt ein Mädchen, ein wundervolles Mädchen, und manchmal besuche ich sie auch. Sie wohnt in einem ganz seltsamen Haus, in dem die Wände, die Decken, selbst die Dachziegel aus Glas gefertigt sind. Erst wenn ich mich innerhalb der Wände dieses Hauses befinde, erkenne ich seine Einrichtung, die von außen zu sehen mir gänzlich unmöglich war. Jetzt sehe ich ihre Tiere, ihren Schwan, ihren Vogel, dessen Namen ich nicht mehr weiß und all die vielen anderen Tiere, die, wenn ich genau nachdenke, mir auch alle Vögel zu sein scheinen. Wirklich genau sehe ich nur ihre Farben, blau, gelb, grün, rot, jede Farbe, die ich benennen kann und etliche, für die ich keine Worte habe. Eigentlich gelingt es mir nicht einmal, eine von ihnen beim Namen zu nennen, sie sind nicht blau wie der Himmel oder das Meer oder eine klare Sternennacht, nicht rot wie der Mohn, der auf dem Feld blüht, nicht gelb wie die Sonne und nicht grün wie ein Smaragd. Es sind einfach Farben, für die es keine Laute gibt, da das Licht, das sie brechen, bestimmt, wie sie auszusehen haben. Wann immer ich, nun über die Schwelle getreten, meine Stimme erhebe, um zu ihr zu sprechen, erklingen gläserne Glocken. Sie sind es, die eine Bemerkung zu ihrem Haus in mir immer wieder unterdrücken, auch weil sie in diesen Augenblicken stets ihr silberhelles Lachen freiläßt. Sie wirft dann jedesmal den Kopf zurück, so daß die Sonne nie umhin kann, nicht mit den Farben ihres dunklen Haares zu spielen, in denen nur die Augen hervorstrahlen, deren zuweilen heller, selten dunkler Glanz mich verwirrt. In diesen farbenprächtigen Momenten, wenn ihre Glocken klingen dürfen, möchte ich sie berühren, aber schrecke zurück, solange ich für Sekunden ihre Körperkonturen nur teilweise, durch ihr glänzendes Lichterspiel verfolgen kann. Ich muß in ihre Haare sehen, damit ich sie nicht verliere, in ihre Haare, die keine Feuersbrünste sind, auch keine unendlich anschmiegsamen Wellen. Sie sind mehr farbiges Licht.
Denke ich, ein Teil ihrer Pracht hat sich vom Ganzen gelöst, taucht da auch schon wieder die Brücke auf, die dieser Teil ihrer wundervollen Gesamtheit braucht, um sich in ihr Farbenspektakel einzureihen. Von nichts anderem kann meine Aufmerksamkeit gefangengenommen werden als von diesem gläsernen Wechselspiel von farbigem Leuchten, welches ich ein Mädchen nenne. Wage ich es, meine Furcht zu überwinden, nach den Farben zu greifen, sind sie schon einen Schritt weit von mir entfernt, lachen ein angenehmes, heiteres Lachen, dem ich nur einmal vielleicht Unsicherheit anzuhören glaubte. Nie kann ich dem Spiel vor meinen Augen folgen. Ich habe es nie ernsthaft versucht. Obwohl ich immer bemüht bin, sie zu fragen, warum ihr Haus direkt an den Klippen steht, vielleicht sogar schon etwas darüber, warum ich dieses gläserne Werk erst sehe, wenn ich davorstehe, es fast mit der Hand berühren kann, weshalb ich trotzdem weder sie noch ihre Tiere darin zu erkennen vermag, lache ich immer nur und vergesse über dem Farbenspiel meine Fragen.

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