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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Godwi
Eingestellt am 01. 10. 2007 10:19


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Hedwig Storch
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Fragen wir uns heute: Wie soll der Autor einen Roman für uns schreiben? Wir antworten – aufbrausend nach der Lektüre: Jedenfalls nicht so wie Clemens Brentano seinen Godwi verfasst hat. Die Begründung unseres Statements fällt uns leicht. Im ersten Band des zweibändigen Romans mutmaßt der Autor Maria meistens. Wir drücken es drastischer aus: Der Autor Maria fantasiert, dummerweise Pfade beschreitend, auf denen der Leser stecken bleibt. Wir könnten den Tatbestand selbstverständlich auch positiv ausdrücken: Was für eine ausufernde Fantasie besaß Brentano! Da kommen wir heute, in unserem Zeitalter, das Techne heißt, wahrscheinlich allesamt nicht mehr mit. Aber was soll die Fantasiererei? Wir Pfadfinder wollten doch wissen, wo's lang geht. Das erfahren wir im ersten Band beim besten Willen und bei aller Aufmerksamkeit eben nicht.
Im zweiten Band dann werden wir ruhig gestellt. Der Autor Maria konnte gar nicht leserfreundlicher schreiben, bekommen wir zu wissen. Uns bleibt bei der Lektüre der Mund offen: Autor Maria macht sich unauffällig an den Protagonisten Godwi heran. Godwi gibt ihm unverzüglich ein paar schriftliche Unterlagen aus seiner Familiengeschichte. Maria kann loslegen, legt los, und endlich wird dem Leser einiges klar. Gegen Romanende werden wir wieder zappelig. Es kommt uns so vor, als wollte sich Brentano selbst veralbern. Die Hauptfigur Godwi greift den während der Roman-Niederschrift erkrankenden Autor Maria zunehmend hilfreich unter die Arme. Als Maria vor Romanschluß stirbt, nimmt Godwi das Heft in die Hand und schreibt das Werk zu Ende. Als Godwi endlich mehrfach den Autor Tieck und auch einmal Clemens Brentano beim Namen nennt, stutzen wir irritiert. Das hat ein 22-jähriger zusammengefaselt! ärgern wir uns und kommen uns, wenn wir auf die Darbietung der Fakten im Roman insgesamt zurückblicken, nun doch auch noch richtig an der Nase herumgeführt vor. Das Maß ist voll. Während des Roman wurden wir einfach zu viele Male verunsichert und mußten uns immer über alles Mögliche ärgern, ärgern – z.B. über unseren permanenten Informationshunger. Und auf welch plumpe Weise wurde der Hunger dann jedes Mal kurz und bünidg befriedigt!

Wie ermahnten uns unsere bedächtig gewordenen Großeltern in ihren letzten Tagen? Nur nichts überstürzen! Dürfen wir immer auf Fakten aus sein, auf Handlung? Wir besinnen uns mühsam und antworten Nein. Alles, was wir oben verschnupft geäußert haben, war unbedacht bis dumm sogar.
Wie sich aus dem Untertitel des Romans unter Umständen erraten läßt – Godwi ist mit dem Tod der Mutter nicht zurecht gekommen. Darum geht’s. Und es ist ein Lyriker, der darüber schreibt. Wir wollen Brentano nach unserer Kehrtwende nicht entschuldigen, sondern die „Fantasierereien“ noch mal lesen – diesmal nicht unter dem Gesichtspunkt: Wie geht’s weiter? Diese ellenlangen Fantasien müssen wir ganz anders begreifen als einen gewöhnlichen Text: Der junge Baron Karl Godwi hat von seiner Stiefmutter Molly erfahren, was Liebe zwischen Mann und Frau ist, bekommt aber von Molly den Laufpaß und macht nun seine Erfahrungen mit den jungen Mädchen. Godwi will erwachsen werden. Das ist es.
Neben den „Fantasien“, wie wir sie genannt haben, wirken die Fakten, auf die wir im ersten Anlauf aus waren, plötzlich banal. Brentano und seine Figuren Maria sowie Godwi wollen überhaupt keine Geschichte erzählen. Godwi ist ein 524 Seiten langes Gedicht, ist weiter nichts als das in Prosa gegossene Gefühl des jungen Brentano.

Ăśbrigens, im Godwi stehen zwei Denkmale unserer deutschen Sprache:

Ein Fischer saĂź im Kahne,
Ihm war das Herz so schwer,
Sein Liebchen war gestorben,
Das glaubt er nimmermehr...


und auch

Zu Bacharach am Rheine
Wohnt eine Zauberin,
Sie war so schön und feine
Und riĂź viel Herzen hin...


Der Dichter Clemens Brentano wurde am 9. September 1778 in Ehrenbreitstein (Koblenz) geboren und starb am 28. Juli 1842 in Aschaffenburg.

Ernst Behler (Hrsg.): Clemens Brentano
Godwi oder Das steinerne Bild der Mutter.
Ein verwilderter Roman.
Bremen 1801 und 1802

Neuere Ausgabe: Stuttgart 1995, ISBN 3-15-009394-5

Hedwig Storch 10/2007


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Hedwig

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jon
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Ist es Absicht, dass die Struktur des Textes offenbar der des Buches folgt? Zuerst ganz viel Verärgerung, ohne dass ich wirklich begriffen hätte, worüber eigentlich. Es fehlen Fakten – ok. In Bezug auf was? Dachte der Rezensent, es wird ein Krimi, und wartete deshalb auf die Leiche? Erwartete er einen Liebesroman? Erwartete er zu erfahren, ob es ein Krimi oder Liebsroman wird? Was für Fantasiereien? Sinnlos gereihte Worte? Sinnlos gereihte Bilder? Szenen? Gedankensprüngen durchs Nichts folgende Sätze/Bilder/ Szenen? …
Wer ist Maria- ach ja, ein Autor. Und wer Godwi, dass Maria ihn "anmacht"? Heißt das, dass Godwi im ersten Band überhaupt nicht auftaucht? Und wer ist Tieck? Und wer "schrieb" denn nun – Maria, Godwi, Tieck oder doch Bretano?

Ich meine jetzt nicht, dass all diese Fragen beantwortet werden sollten, aber wenigstens zwei oder drei davon. Sozusagen als GrundgerĂĽst, als Haltestange, an der entlang ich mich ins tiefere Wasser dieser Rezi vortasten kann.


Den Einstieg find ich allerdings Klasse…


PS: ", in unserem Zeitalter, das Techne heißt, " – Was ist "Techne"? Hab ich noch nie gehört.
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Hedwig Storch
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Godwi 11okt2007

Hallo jon,
ich möchte mir das Durcheinander im Godwi nicht zum Vorbild nehmen. Bei den Romantikern soll ja - wenn ich das recht verstanden habe - die textliche Verwilderung Programm gewesen sein. Sicherlich könnte ich künftig mehr Fakten einfließen lassen. Dann nähert sich mein Text wieder jener Nacherzählung, die ich so liebe, die aber auch nicht gewollt ist.
Maria schreibt und dann macht Godwi selber weiter. Weder Tieck noch Brentano schreiben, obwohl doch letzterer der Autor des Romans ist.
Techne - τέχνη, die wir heute Technik nennen, unterschieden die alten Griechen von der Poesie - ποιέω. Du hast Recht, ich sollte Technik schreiben. Techne - die Meisterung der Natur durch den Geist - war fĂĽr die Griechen etwas Intelligentes (Der Gentleman arbeitet nicht mit der Hand). Gegen die aufkommende Technisierung ihrer Umwelt stemmten sich meines Wissen Anfang des 19. Jahrhunderts die Romantiker. Viele GrĂĽĂźe Hedwig Storch.
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jon
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Nee, lass mal, eine Nacherzählung ist wirklich "nicht die beste Variante". Die Struktur  mitsamt der "unübersichtlichen Zusammenhänge" hat durchaus ihren Reiz, um so mehr, da sie offenbar dem Buch ähnelt. Schon beim zweiten Lesen fand ich es nicht mehr so verwirrend, ja sogar irgendwie "witzig".
Nur wie Godwi und Maria "zusammenhängen" hätte vielleicht einen Tick klarer werden können. Der Satz " Autor Maria macht sich unauffällig an den Protagonisten Godwi heran." irritiert (mich) z.B. heftig: Hat Maria über Godwi fantasiert oder taucht Godwi erst im zweiten Band auf? Ist er also auch Marias Protagonist oder nur Bretanos?
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Hedwig Storch
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120kt07

Maria ist der Autor des Ersten Bandes. Ihm fehlen Informationen über Godwi. Deshalb das Durcheinander. Im Zweiten Band dann sucht Marie den Godwi auf und reicht ihm den Ersten Band dar. Daraufhin gibt Godwi Infos, und sukzessive wird dem Leser dies und das klar. Dann schreibt Godwi selber weiter. Maria stirbt. Godwi erzählt seine Story zu Ende. Der Leser ist entzückt.
Im ersten Band hat Maria über Godwi ziemlich "unscharf" erzählt. Godwi ist der Protagonist vom Anfang bis zum Ende des Romans - also sowohl Marias als auch Brentanos Hauptgestalt.
Viele GrĂĽĂźe sendet und ein sonniges Wochenende wĂĽnscht Hedwig Storch.
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Hedwig

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