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Gödels Gesetz
Eingestellt am 09. 09. 2007 19:37


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Walther
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Gödels Gesetz

Der Terror aus Deutschland in Deutschland


I


Der Mathematiker Gödel hat beschrieben, dass eine Messung den Zustand, der gemessen wird, verändert. Damit sind mi Hilfe von Logik keine widerspruchsfreien Aussage möglich, weil per nicht nachweisbar. Sein Physikerkollege Heisenberg hat beschrieben, dass nicht exakt gemessen werden kann, wo ein Elektron sich in der Hülle um den Atomkern genau verortet. Wir kennen als den Raum, in dem sich das Elektron aufhält, wissen aber wohl nie, zu welchem Zeitpunkt es wo ist. Ebenso rätselhaft ist die Doppelnatur des Lichts als Welle und Korpuskel (Lichtquantum).

Am Rande der Schwarzen Löcher befindet sich der sog. „Ereignishorizont“. Nicht erst seit Stephen Hawkins wissen wir, dass Schwarze Löcher sich wieder auflösen und alles wieder ausspucken, was in ihnen verschwunden ist, allerdings nicht unbedingt so, wie es hineinkam.


II


Was sagen die obigen Hinweise aus? Sie führen zu der Erkenntnis, dass eine große Wahrscheinlichkeit besteht, dass selbst die Weltformel selbst, sollte sie gefunden werden, das große Rätsel des Sinns unserer Universums und unserer Existenz nicht wird erklären können. Vernunft, Rationalität und Wissenserwerb sind also kein Ersatz für Glauben. Sie können als solche keinen letzten Sinn stiften.

Nun erhebt sich die berechtigte Frage, was diese Erkenntnis für den islamistischen Terror bedeutet. Zum Einen erwächst aus ihr die Ahnung, was Konvertiten in einer gottlosen Gesellschaft wie der unsrigen antreibt: Die Frage nach der Erklärung von Leben und Tod, von Mensch und Welt nämlich. Diese Frage bleibt im Zeitalter des Materialismus unbeantwortet. Damit aber wird sie nicht weniger drängend.

Zum Anderen liefert sie einen Hinweis, warum die Aufklärung und die Befreiung des Menschen von Religion, Norm und vorgegebener Lebensführung als solche in Frage gestellt wird. Etwas, das die letzte Frage, die nach dem Sinn unseres Daseins, nicht beantworten kann, ein Lebensstil, der die Menschen in die Unsicherheit und soziales und geistiges Elend stürzt, wird als solches, als Fortschritt, bezweifelt.

Egoismus, Raffgier und Geiz, die Sexualisierung der Zivilisation erscheinen so als sinnentleert und unmoralisch. Es erwächst daraus das Urteil des falschen Wegs. Die Sinnsuche geht in Richtung von Glaubenslegungen, die die letzten Antworten vermitteln. Der Konvertit flüchtet in ein sich schlüssiges Gebäude von Antworten auf alle Fragen des Lebens. Er, der sich nach Halt, nach klaren Vorgaben sehnt, findet sie in einer rigorosen und radikalen Welt des neuen Glaubens.


III


Al-Qaida dreht ein großes Rad. Der Krieg gegen den Großen Schaitan, die USA, und den christlichen Westen, die Kreuzzügler also, ist eigentlich ein Nebenkriegsschauplatz. Letztlich wird der Kampf der Religionen dazu gebraucht, um die Gläubigen der Sunna, der größten mohammedanischen Glaubensrichtung, hinter die radikale Auslegung des Islam zu versammeln.

Das Ziel der Al-Qaida ist also ein nach innen gerichtetes. Sie entpuppt sich demnach als islamische Wiedererweckungsbewegung. Damit nimmt die Entwicklung des Islam einen Verlauf, den wir aus der Geschichte des Christentums kennen. Das ganze Mittelalter war von einer Wellenbewegung immer wieder neuer Wiedererweckungsbewegungen durchzogen. Die erfolg- und folgenreichste Bewegung ist der Protestantismus, der mit dem Anschlag von Luthers Reformthesen seinen Ausgangspunkt nahm.

Ergebnis waren erst die Bauernkriege und schließlich der 30jährige Krieg in Deutschland, beides religiöspolitische motivierte Kämpfe um den besseren Weg im Christentum. Am Ende des 30jährigen Kriegs stand die Aufklärung.


IV


Dem Konvertit geht es wie Schrödingers Katze im klassischen Gödelparadoxon. Indem er sich einer radikalen Auslegung des Islam verschreibt, führt er die Legitimation seines Tuns ad absurdum. Menschen durch Mord zu retten, die Welt durch die Selbstaufgabe als Bombe zu bessern zu wollen ist ein Widerspruch in sich.

So wie der, der misst, Teil des gemessenen Ereignisses wird und damit den Messwert verändert, wird der Konvertit zur hässlichen Fratze seines Glaubensgebäudes. Letztlich ist er eine zutiefst tragische Figur in einem Spiel von Hoffnung und Verführung, der beiden grundsätzlichen Kritikpunkte all derer am Glauben, die dessen Notwendigkeit und Nutzen bestreiten.

Von der Verführung zur Verwirrung ist ein kurzer Weg. Es ist der Drang, sich selbst in ein höheres Ganzes einzubringen, für die Zukunft der Welt von Bedeutung zu sein, der zusammen mit dem Gefühl, einer besonderen Gruppe anzugehören, Menschen vom richtigen Weg abbringen kann, der sie blind macht für die Auswirkungen ihres Tuns und die Fehler im Denken, die hinter aller Radikalisierung stecken.

Der Islam hat bis heute die Säkularisierung nicht erreicht, die die endgültige Trennung der politischen Sphäre von der Sphäre des Glaubens bedeutet. An dieser Stelle ist der Hinweis angebracht, dass das Gottesgnadentum erst im 20. Jahrhundert, endgültig mit dem Ende des ersten Weltkriegs in Europa, sein Ende fand. Es besteht also keinerlei Grund für die westliche Welt zu einer abschätzigen Betrachtung des Islam. Schließlich steht der heutige Zustand am Ende einer Entwicklung, die mit dem Ende des Mittelalters begann und fast 600 Jahre Zeit benötigte.


V


Die Sinnentleerung des westlichen Materialismus ist manifest. Die Ereignisse rund um radikale deutsche Islam-Konvertiten zeigen in die gleiche Richtung wie das Erstarken der radikalen Rechten. Das Ergebnis einer glaubenslosen Gesellschaft scheint die Radikalisierung derer zu sein, die ohne Ordnung und Strukturen, ohne verlässliche Lebensbilder und klare Vorgaben ein sinnvolles glückliches Leben nicht gestalten können.

Es ist logisch nachvollziehbar, dass Vernunft und Wissenschaft auf bestimmte Fragen keine letzte Antwort geben können. Die beseelte Natur, Lebewesen wie Menschen, haben offensichtlich etwas in sich, das mehr ist als die Summe ihrer physikalischen bzw. biochemischen Bestandteile. Komplexe Gesellschaften, soziales Gruppen, bedingen soziale Wesen.

Der Mensch ist ein soziales Wesen, dessen Bedürfnisse mehr als nur die Befriedigung materieller Notwendigkeiten umfasst. Glaube und Welterklärung, Sinn und Moral, Werte und Ethik, das Aufgehoben- und Anerkanntsein, Liebe und Bestätigung bedingen den Menschen mehr, als manchem liberalen Geist und Wohlstandbürger recht ist.

Gott- und Glaubenslosigkeit haben neben einer geistlichen zugleich eine geistige Verwahrlosung zur Folge. Die Konvertiten zum Islam zeigen ein Defizit unserer Lebensart auf. Dieses Defizit genau ist es, das die Al-Qaida zutiefst ablehnt und bekämpfen möchte, denn das ist der Weg, den der Islam zu nehmen droht, kehrt er nicht an seine Wurzeln zurück. Von dieser Überzeugung sind die Spitzen der Al-Qaida angetrieben.

Hier schließt sich der Kreis. Es ist ein Kreis, der aufzeigt, dass der Kampf der Al-Qaida zur Vernichtung des Ziels führen wird, das sie anstrebt. Wenn der Islam überhaupt eine Zukunftschance als glaubwürdige Heilslehre haben will, muss er Al-Qaida an der Wurzel ausreißen.

Ebenso aber hat die aktuelle westliche Zivilisation mit ihrer Sinnentleerung und der auf die Spitze getriebenen Ichfixierung keine dauerhafte Existenz. Der Mensch will nicht nur Materialismus: Zum Lebensglück gehört mehr als ein voller Bauch. Die Suche nach dem Sinn des Lebens kann kein Wohlstand oder materieller Erfolg abkaufen oder auflösend erfüllen.

Das Gedicht zum Essay: Hier klicken
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Walther
"Gelegenheit.Macht.Dichtung"

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dubidu
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Lieber Walther,
meines Wissens wirfst du am Anfang ein paar Begriffe und Personen durcheinander.
Gödel war Mathematiker und nicht Physiker und sein großer Beitrag zur Wissenschaft war, dass er den Glauben an eine mögliche logische Widerspruchsfreiheit ad absurdum geführt
hat.

Heisenberg hat nicht bestritten, dass man den Ort nicht feststellen könne, jedoch ist es nach der Unschärferelation
nicht möglich, Ort, Masse und Geschwindigkeit eines Objekts zugleich mit beliebig großer Genauigkeit zu messen.

Auch mit dem Einfluss des Messens auf das Ergebnis müssen wir etwas anders umgehen, denn aus den Gesetzen der Quantenmechanik folgt, dass wir durch Messung eines einzelnen Quantensystems unmöglich den exakten Zustand herausfinden können, in dem es sich vor der Messung befunden hat.

Was die Weltformel anbelangt, auch da reklamieren einige Physiker bereits für sich, sie gefunden zu haben. Die Stringtheorie und auch die Quantenfeldtheorie Burkhart Heims unterstellen eine Mehrdimensionalität, in der sich die vier Kräfte letztendlich in einer einzigen auflösen. (Wir wissen allerdings nicht, was ein paar Nanosekunden nach dem Urknall passierte, aber dafür geben wir ja Hunderte von Millionen für die Teilchenbeschleuniger aus, z.B. CERN etc.)


Ob wir in den Zeiten des Materialismus leben, auch das könnten wir anders sehen, da Esoterik un New Age ganz schön im Aufwind sind.

Was allerdings die Grundaussage deines Beitrages anbelangt - da bin ich wieder bei dir. Sehr interessantes Thema, grundsätzlich gut umgesetzt und schöne Schlussfolgerung.

Gruß
das dubidu



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Die Tollkühnheit des Schreibers und sein spontanes Bedürfnis nach Wahrheit müssen allemal größer sein als dessen Furcht vor den Konsequenzen seiner Aussagen.
RAFAEL SELIGMANN

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Walther
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Moin Dubidu,

danke für Deine Hinweise. Ich gehe in mich und gelobe Besserung. Die erneuten Recherchen habe ich oben umgesetzt. Ich hoffe, daß die Überlegungen so klarer werden.

Es ist in der Tat ein Versuch, aus einer völlig anderen Denkwelt ein paar grundsätzliche Entwicklungen unserer Zeit zu beleuchten. Wenn er Aspekte eröffnet, die die notwendige Debatte, wie wir unsere Gesellschaft gestalten wollen, befruchten, dann war der Versuch ein wenigstens interessanter Ansatz.

Danke für Deine insofern lobenden Worte.

Lieber Gruß W.
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Walther
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