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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Gold im Strom
Eingestellt am 25. 09. 2006 20:44


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klanghoff
Festzeitungsschreiber
Registriert: Sep 2006

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von Kerstin Langhoff

Wie w├Ąre mein Leben verlaufen, w├Ąre sie damals nicht auf der Br├╝cke stehen geblieben? Es gibt Fragen, die bleiben, doch es gibt Antworten, die sind viel wichtiger.

Damals, an jenem Septembermorgen, schob eine junge Mutter einen Kinderwagen ├╝ber die Br├╝cke zum Westteil der Stadt. Das gesch├Ąftige Treiben konnte ihr nicht die Ruhe nehmen, mit der sie ihre sieben Monate alte Tochter betrachtete. Auf der Mitte der Br├╝cke blieb die Frau stehen und nahm ihre Tochter auf die Arme. Ihr langes braunes Haar wehte im Wind. Sie schmiegte ihre Tochter an sich und lehnte sich mit dem R├╝cken an das warme Gel├Ąnder. Zahlreiche Frachter verkehrten mit tonnenschweren Containern auf dem Strom. Das monotone Ger├Ąusch der Schiffsgetriebe verbreitete einen Hauch von Freiheit und endloser Weite. Wie fl├╝ssiges Gold trieb das Wasser vor sich hin, dem Meer entgegen.
Auf der westlichen Uferseite, nahe der Br├╝ckenpfeiler, angelten drei alte M├Ąnner. Sie waren kurz davor aufzubrechen, da die Sonne ihnen jeglichen Erfolg vereitelte. Mit Gummistiefeln und einem fransigen, weiten Strohhut, klappte ein Mann seinen Fischerschemel zusammen, um sich mit seinen Freunden einem ausgiebigen Fr├╝hst├╝ck zu widmen. Das tat er fast jeden Tag, seitdem ihn Zuhause nur Einsamkeit erwartete. In dem Jahr, als er pensioniert wurde, starb seinen Frau an einem Schlaganfall. Sie hatten sich f├╝r die Zeit danach so viel vorgenommen, doch das Schicksal hatte ihnen einen Strich durch den gemeinsamen Lebensabend gemacht.
Von der kleinen Kate am Binnenhafen aus, wo die M├Ąnner gemeinsam R├╝hrei mit Speck a├čen, wanderte er h├Ąufig alleine am Ufer des Flusses entlang zu einsameren Gegenden au├čerhalb der Stadt. Seit je her faszinierte ihn der Strom, der geheimnisbeladen Geschichten aus fremden Landesteilen chauffierte. Oft begab sich der Mann in die Uferb├Âschung, die so hoch war, dass er auf einige Meter Entfernung nicht mehr zu sehen war. Dann erz├Ąhlte er dem wandernden Wasser von seiner Frau, wie er sie liebte und jetzt so schmerzhaft vermisste. Selbst wie sie im Alter ihre grauen langen Haare trug, lie├č sein Herz bis zum Ende h├Âher schlagen. Immer noch traten Tr├Ąnen in seine Augen, wenn er an sie dachte. Der Fluss kannte die Geschichten der Menschen. Doch selten nahm er eine Liebesgeschichte wie diese mit auf seine Reise. Nach ihrem Tod streifte der Mann orientierungslos durch die Stra├čen bis er eines Abends ein hell erleuchtetes Geb├Ąude in der Innenstadt bemerkte. Lebendige Musik tanzte aus den R├Ąumen. Ehe er sich versah, sank er auf die hintere Bank einer Kirche. Die munteren Kl├Ąnge schienen ihm die Last zu erleichtern, die seit zwei Monaten sein Herz fast erdr├╝ckte. An den darauffolgenden Sonntagen lernte er Menschen der Gemeinde kennen. Bei ihnen fand er Trost und ein St├╝ck Lebensmut wieder.

Als er an jenem Septembermorgen seinen Fischerschemel zusammenklappte und nach seinen Freunden rief, ├╝bert├Ânte ihn ein ohrenbet├Ąubendes Krachen. Entsetzt wandte er sich zur Br├╝cke. Er sah, wie der gesamte Mittelteil sich binnen von Sekunden heulend entzwei bog. Die Str├Âmung erfasste die Menschen wie ein riesiger Hai, der gierig sein Maul nach seiner Beute aufsperrt. Die panischen Hilferufe verblassten neben dem unertr├Ąglichen Quietschen der Br├╝ckenpfeiler. Unbedacht riss sich der alte Mann die Stiefel von den F├╝├čen und st├╝rzte sich in den Pfuhl des Schreckens. Seine Freunde blieben entsetzt am Uferrand zur├╝ck. Der Wahnsinnige graulte mit der Kraft eines Zwanzigj├Ąhrigen den nach Luft ringenden Menschen entgegen. Sie warfen ihre Arme aus dem Wasser und kreischten in Todesangst. Ein gewaltiger Frachter mit Containerladung trieb mitten im Ungl├╝cksort. Die wenigen Schiffsm├Ąnner schmissen Taue in die Str├Âmung, um die noch Lebenden zu retten. Der alte Mann hechelte weiter, bis das helle Schreien eines Babys zu ihm drang. In einigen Metern Entfernung sah er Arme, die wild versuchten, einen S├Ąugling ├╝ber Wasser zu halten. Immer wieder schwabten Wellen ├╝ber das kleine K├Âpfchen. Er tauchte zu der Stelle, wo er das Baby das letzte Mal gesehen hatte. Das dreckige, mit Blut vermischte Wasser versperrte ihm die Sicht. Glieder taumelten reglos im Wasser. Als er auftauchte, um Luft zu schnappen, ersp├Ąhte er lange Haare und dann die zwei Arme, die das Baby in die H├Âhe stemmten. Er ergriff es. In dem Moment sank die Mutter in die Tiefe des Stromes. Der alte Mann legte das kleine K├Âpfchen auf seine Brust und st├╝tzte es, w├Ąhrend er mit dem anderen Arm schwamm, als wollte er den Tod besiegen. Seine Augen blickten zur Sonne, die unbetr├╝bt und kraftvoll am Himmel stand und ihn zum Ufer leitete. Zwei kr├Ąftige Arme nahmen das Baby von seiner Brust.
In dem Moment sp├╝rte er seine nasse Kleidung nicht mehr. Leicht wie eine Feder schwebte er dem Licht entgegen. Er wusste, jetzt w├╝rde er sie wieder sehen- seine Frau, an einem Ort mit Kl├Ąngen, die ihm auch noch die letzten Lasten seines Lebens nehmen w├╝rden.
W├Ąhrend ich hier am Westufer des Flusses stehe, schaue ich auf die Stadt. Die Br├╝cke, die der Frachter vor zwanzig Jahren am Mittelpfeiler rammte und damit 48 Menschenleben in den Tod riss, wurde neu erbaut. Goldene Sp├Ątsommerstrahlen spiegeln sich im Wasser. Hier starben zwei Menschen, die ich vermisse. Ich lausche dem Fluss, wenn er mir von ihrer Tapferkeit erz├Ąhlt. Sie sind Teil meiner Seele. Bei ihnen hatte der Tod nicht das letzte Wort, denn sie wu├čten, dass ich weiterlebe.
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klang

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HKunert
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Registriert: Not Yet

Hallo,
der Stoff der Geschichte ist gro├čartig, monstr├Âs. F├╝r meinen Geschmack zu monstr├Âs f├╝r eine Geschichte dieser K├╝rze. Ich hatte zuwenig Zeit, um mich auf die Charaktere und ihr Handeln einzulassen. Der Einstieg in die Geschichte ist gut. Du solltest Dir und dem Leser aber mehr Zeit g├Ânnen, um den Fragen und Antworten, die in der Geschichte schlummern, gerecht zu werden.
Weiter viel Spa├č beim Schreiben w├╝nscht,
Heiko

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klanghoff
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Gold im Strom

Hallo Heiko,
ich danke Dir f├╝r Dein Interesse an dem Text und Deinen Beitrag. Ja, urspr├╝nglich war der Text auch viel l├Ąnger mit deutlich mehr Charakterbeschreibung. Dann habe ich ihn zu einer Kurzgeschichte gek├╝rzt und Du hast recht, vielleicht habe ich ihm damit, im Anbetracht des Stoffes, zu viel genommen.
Herzliche Gr├╝├če auch aus Hamburg
von Kerstin
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