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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Golden Gate an der A 6
Eingestellt am 07. 03. 2002 13:13


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knychen
Routinierter Autor
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Golden Gate an der A6
Irgendwann vor einigen Jahren, es muss im Mai oder Juni gewesen sein, fuhr ich ĂŒber Nacht von Berlin nach Stuttgart. Als mir gegen drei Uhr mein ganz persönlicher Biorythmus befahl, mĂŒde zu sein, steuerte ich den nĂ€chsten Parkplatz an und natĂŒrlich war dieser schon knĂŒppeldicke voll.
Der zweite Versuch einige Kilometer weiter fĂŒhrte zum Erfolg. Ich stand sogar in reichlicher Entfernung zum Durchgangsverkehr, was den Erholungseffekt des geplanten SchlĂ€fchens immens erhöhen wĂŒrde.
Nach zwei bis zweieinhalb Stunden werde ich ĂŒblicherweise wach, da brauche ich mir nicht mal einen Wecker zu stellen. So auch an diesem Tag.
Ich stand um fĂŒnf Uhr dreißig auf, schaltete die Kaffeemaschine an und stieg aus dem Volvo.
Zum einen um mir die Beine zu vertreten, aber auch um ein Klo aufzusuchen. Obschon der Parkplatz mit einer Toilette bestĂŒckt war, zog ich es nach einem kurzen Rundblick in selbiger vor, einen kleinen Spaziergang in die freie Natur zu unternehmen. Es wĂ€re einfach zu wĂŒrdelos gewesen.
Genau wusste ich nicht, wo ich mich befand, irgendwas mit A6 zwischen NĂŒrnberg und Heilbronn hatte ich in Erinnerung und eigentlich war es auch völlig egal, aber als ich aus dem Unterholz zurĂŒckkehrte, erkannte ich, dass es der Parkplatz vor der KochertalbrĂŒcke war.
Diese BrĂŒcke ist mit einer LĂ€nge von ĂŒber tausend Metern und einer betrĂ€chtlichen Höhe ein imposantes Bauwerk und fĂ€hrt man am Tage darĂŒber hinweg, kann man zumindest aus der erhöhten Sitzposition des Lkw heraus jenseits der Sichtblende am BrĂŒckengelĂ€nder ein liebliches Tal erspĂ€hen. In der Sohle des Tales fließt ein FlĂŒsschen, wahrscheinlich die Kocher, und wenn es am Vortag schön heiß war, gibt das Tal am nĂ€chsten Morgen Unmengen wallenden Nebels ab. Dieser Nebel steigt dann regelmĂ€ĂŸig bis in die Höhe der Autobahn und aus ebendiesem Grunde wollte ich hier schon immer in der MorgendĂ€mmerung anhalten und nach Möglichkeit ein paar Fotos schießen.
Aus Richtung NĂŒrnberg begann sich der Himmel rosig zu fĂ€rben und in vielleicht zwanzig, dreißig Minuten wĂŒrde die Sonne komplett draußen sein. Es versprach ein schöner Tag zu werden.
Mit einer soeben angezĂŒndeten Zigarette schlenderter ich zum Anfang des BrĂŒckengelĂ€nders , stand nun dort und genoss den Blick auf das Tal und den langsamen Wechsel der Farben am Himmel und auf der etwa zwanzig Meter unter mir endenden Nebelbank.
Plötzlich kam Bewegung in den Nebel, wie wenn jemand mit einem riesigen unsichtbaren Quirl umrĂŒhren wĂŒrde. Etwas Undefinierbares, Großes, Dunkles schob sich langsam nĂ€her.
Als es circa fĂŒnfhundert Meter entfernt war, konnte ich es erkennen.
Zwei senkrechte Pfeiler, jeder ein paar Meter ĂŒber den Nebel ragend, schoben sich mit gleichbleibendem Abstand zueinander nĂ€her. Als der Vorderste einen Steinwurf weit entfernt war, blieben beide stehen.
Ich hatte völlig meine Zigarette vergessen, aber sie brachte sich in diesem Augenblick schmerzhaft in Erinnerung. Instinktiv warf ich sie zu Boden und trat sie aus.
„Das tut ihr aber weh.“ rief jemand.
„Was tut wem weh?“ fragte ich zurĂŒck, obwohl ich die Sprecherin, denn es war eine weibliche Stimme, nicht sehen konnte.
„Na der BrĂŒcke tut es weh, wenn du auf ihr eine Zigarette austrittst“ kam es vorwurfsvoll als Antwort und zwar direkt aus Richtung der BrĂŒckenpfeiler.
„Alles klar“, sagte ich „die BrĂŒcke kriegt vom Austreten der Zigarette Kopfschmerzen und der Papst trĂ€gt ab heute einen Zylinder!“
„Ob der Papst einen Zylinder trĂ€gt, weiß ich nicht, aber was du eben getan hast, tut der BrĂŒcke weh. FĂŒr so was sind wir nun mal nicht gebaut.“
Dieses „wir“ ließ mich stutzig werden.
„Hör mal, wer spricht denn da ĂŒberhaupt und was meinst du mit ’fĂŒr so was nicht gebaut’?“
„Ich bin es, die Golden-Gate-Bridge, und der Sinn und Zweck von BrĂŒcken sollte dir eigentlich klar sein. Manchmal werden wir benutzt um Wege zu verkĂŒrzen oder zu vereinfachen und manchmal brauchen uns LebensmĂŒde fĂŒr die DurchfĂŒhrung ihres letzten Vorhabens. Bei mir ist es mit schöner RegelmĂ€ĂŸigkeit so einer pro Woche, der sich mit einem finalen Sprung in Jenseits katapultiert. Seltsamerweise springen FĂŒnfundneunzig von Hundert mit dem Gesicht zur Stadtseite hin, nur die wenigsten bevorzugen als letzten Blick die Aussicht zum Meer.
HauptsĂ€chlich jedoch sind wir fĂŒr die Kinder gebaut. Denn nirgendwo können VĂ€ter ihren Kindern besser erklĂ€ren wie die Schwerkraft funktioniert, als an einem BrĂŒckengelĂ€nder. RĂŒberbeugen, runterspucken, mit glĂ€nzenden Augen hinterhersehen und ,Ups’ sagen, wenn jemand getroffen wurde; jedes Kind begeistert sich an dieser Lehrstunde.“
,Golden-Gate’ hatte die Stimme gesagt und die BrĂŒcke sah auch so aus, wie ich mir die Golden-Gate vorstellte, aber Fakt ist nun mal, dass bewusste BrĂŒcke in der Bucht von San Francisco steht und ich mich auf einem Parkplatz zwischen NĂŒrnberg und Heilbronn befand.
Eigentlich bin ich ein Mensch, der schwer aus der Ruhe zu bringen ist und egal wie groß sich ein Problem vor mir aufbaut, ich werde doch immer versuchen, es logisch anzugehen.
Hier war nun gar nichts logisch.
„Okay“ sagte ich „du bist die Golden-Gate-Bridge, kannst sprechen und bist mitten in Deutschland. HĂ€ttest du nicht Lust, mir ein paar ZusammenhĂ€nge zu erklĂ€ren?“
„Was soll ich dir da erzĂ€hlen?“ seufzte sie „Sprechen können wir BrĂŒcken natĂŒrlich alle. Du solltest mal hören, was die Ältesten unter uns fĂŒr Geschichten drauf haben. Übermittelt werden die ErzĂ€hlungen durch das Profil der Autoreifen, durch das PlĂ€tschern des Wassers, welches unter uns hindurch fließt, wir prĂ€gen sie in die Schuhsohlen der Wanderer, die ĂŒber uns hinwegschreiten, kurz, es gibt sehr viele Möglichkeiten, sich mitzuteilen.
Die besten ErzĂ€hler sind natĂŒrlich solche KoryphĂ€en wie die KarlsbrĂŒcke, der Pont du Gard oder die BrĂŒcke von Mostar- Friede ihren TrĂŒmmern- eben solche, wo sich Menschen verschiedenster Nationen kennen lernen.
Hier in Deutschland bin ich, weil ich ein schlechtes Gewissen habe.
Es ist nĂ€mlich so. Als ich am 28.Mai 1937 als die damals lĂ€ngste HĂ€ngebrĂŒcke der Welt eingeweiht wurde, hatte mein Erfinder Joseph B. Strauss ohne Zweifel ein Wunderwerk der Technik vollbracht. 2,7 Kilometer LĂ€nge, jeder Pfeiler 227 Meter hoch, allein die beiden Trageseile, in deren Inneren sich 27572 StahldrĂ€hte mit einer GesamtlĂ€nge von 130 000 Kilometern befinden, 600 000 verarbeitete Nieten, all das waren Eckdaten, die mit bis dato nicht gekannter GrĂ¶ĂŸe protzen konnten. Eines jedoch hatte Mister Strauss ĂŒberhaupt nicht bedacht. Er vergaß schlichtweg, mir die Wasserscheu zu nehmen.
An und fĂŒr sich wĂ€re das kein Problem, schließlich schlafen wir BrĂŒcken meist. Aber manchmal werde ich wach. Sei es, weil ein Schiff genau unter mir sein Nebelhorn ertönen lĂ€sst, sei es, weil auf meiner Fahrbahn ein Unfall mehrere Rettungsfahrzeuge mit ihren grauenhaften Sirenen zum Einsatz bringt. Immer schrecke ich dann aus meinen Gedanken hoch und mein erster Blick fĂ€llt auf die WasserflĂ€che unter mir. Es beginnt mich zu schĂŒtteln und nur das Bewusstsein der Verantwortung fĂŒr die vielen Menschen auf und manchmal unter mir lĂ€sst mich dem Wunsch, einfach zusammen zu brechen, durch Standhaftigkeit widerstehen. Ein Zittern, dass bis in die tiefsten Tiefen meines Fundamentes geht, kann ich jedoch nicht immer unterdrĂŒcken.
Dann dauert es meist keine zwei Tage und ich lese in einer angeschwemmten oder herbeigewehten Zeitung solch Blödsinn von tektonischen Platten, ErdbebenaktivitÀt, BigBang
und was da noch alles fĂŒr Begriffe verwendet werden.
Dabei ist es doch meine Wasserscheu, die den felsigen Untergrund von San Francisco zum Erbeben bringt. Mit dieser Verantwortung kann ich nicht lĂ€nger leben. Ich werde ja schließlich auch Ă€lter, weiß man denn, ob ich mich in spĂ€teren Jahren noch so wie heute unter Kontrolle habe?
Also hab ich mich entschlossen, mir ein neues Wirkungsfeld zu suchen. Dazu musste ich mich natĂŒrlich ein wenig verkleinern, wie dir gewiss schon aufgefallen ist, aber das kann ich jederzeit wieder rĂŒckgĂ€ngig machen.“
So langsam wurde mir bewusst, was fĂŒr eine Last so eine BrĂŒcke zu tragen hat. Nicht nur praktisch, in Form der Autos, Lkw, Eisenbahnen usw., sondern viel mehr theoretisch.
„Und jetzt willst du dich hier im Kochertal ansiedeln?“
„Och, ich weiß nicht“ sagte sie „erst kam es mir hier ganz nett vor, aber in der Zeit, die wir uns unterhalten haben, konnte ich ganz gut den Verkehr auf der Straße beobachten. Mir scheint, als ob die Bedeutung des Sicherheitsabstandes bei euch in Deutschland nicht so die große Rolle spielt. Das lĂ€sst dann darauf schließen, des öfteren durch Sirenen aus dem Schlummer geweckt zu werden. Nein, ich glaube, ich werde mich noch kleiner machen und ein weniger frequentiertes Tal suchen, vielleicht auch nur einen ausgetrockneten Graben. Aber Deutschland wĂ€re schon schön, ich meine mich zu erinnern, das mein Vater aus dieser Gegend kam, das kann aber auch Einbildung sein.“
Sie sprach’s, die beiden Pfeiler entfernten sich langsam und versanken dabei immer tiefer im sich strudelförmig bewegenden Nebel.
Ich ging nachdenklich zum Lkw, trank einen Kaffee und fuhr weiter.
Manchmal, wenn ich nachts sehe, dass einer der Kollegen vor mir seine aufgerauchte Zigarette zum Fenster raus wirft und ich feststelle, dass wir gerade ĂŒber eine BrĂŒcke fahren, kann ich mir einen Kommentar am FunkgerĂ€t in der Form: „Sag mal, muss das sein, dass du deine Kippe auf die BrĂŒcke schmeißt?“ nicht ersparen. Eine Antwort habe ich aber noch nie bekommen.

__________________
kny

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annabelle g.
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hallo knychen,

du bestĂ€tigst meine vorurteile gegenĂŒber fernfahrern: statt auf die straße - mich! - zu achten, spĂ€hen sie flusstĂ€ler, sie schlafen nur zweieinhalb stunden und hören stimmen! mein entschluss steht fest: in zukunft werde ICH den ĂŒberholungsvorgang bereits 100 m vor JEDEM brummi ansetzen und die hupe NICHT LOSLASSEN, bis ich vorbei und in sicherheit bin.

jetzt mal ernsthaft - fĂ€hrst du auch nach italien und in den osten - das ist doch sehr spannend. du hast bestimmt schon drĂŒber nachgedacht, etwas ĂŒber diese reisen zu schreiben, zum beispiel allein in italien herauszukriegen, dass man das kaffeechen erst an der kasse bezahlen muss, bevor man zum barmann kann. und wie sind denn die tankstellen in der ukraine und wie macht man das mit den sprachen?

warum die stimme von der golden gate? ich fand das lokalkolorit mit der A6 schön. ich wĂŒde gern noch viel mehr von diesen fahrten und den netten leuten und idioten hören, die du alle kennenlernst.

annabelle

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knychen
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rechtfertigung

hallo annabelle g.
um da keinen irrtum aufkommen zu lassen: diese zweieinhalb stunden schlaf gönne ich mir meist, wenn ich ĂŒber nacht fahre, aber das ist natĂŒrlich nicht meine einzigste pause, die ich unterwegs mache. der gesetzgeber verbietet allerdings, mehr als viereinhalb stunden am stĂŒck zu fahren
(zu recht, wie ich meine) und da ich sowieso pausieren muß, gönn' ich mir halt ein schlĂ€fchen. was meine person angeht, kannst du auch ohne hupen ĂŒberholen, aber warte mit dem einscheren nach rechts solange, daß ich zumindest deine hecklichter erkennen kann, sonst wird es eng im falle einer vollbremsung. bin nach achtzehn jahren auf dem lkw immer noch frei von selbst verschuldeten unfĂ€llen.
thema ausland ist nicht so einfach. habe zwar vom tiefsten russland bis sĂŒdspanien so ziemlich alles durch, aber die letzten fahrten ĂŒber die deutschen grenzen hinweg liegen knapp zehn jahre zurĂŒck(mit dem lkw)
die stimme der brĂŒcke mußte einfach sein, sonst funktioniert es nicht und der pĂ€dagogische zeigefinger am ende (hinweis auf mangelnden sicherheitsabstand) war das eigentliche anliegen.
im ĂŒbrigen spreche ich russisch, englisch und leidlich französisch, damit kommt man ganz gut ĂŒber die runden
(stelle gerade fest, daß mein spanisch mittlerweile so rudimentĂ€r ist, daß ich es vergessen habe,aufzuzĂ€hlen)
immer auf der strasse bleiben wĂŒnscht knychen
__________________
kny

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annabelle g.
Guest
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hallo knychen,

so viele sprachen?
wenn du spanisch kannst, bist du auch nicht so weit weg vom italienischen.
ich will nicht darauf herumreiten - du hast es bestimmt auch schon an anderer stelle diskutiert - aber ich fÀnde ein buch mit fernfahrer-geschichten durch europa, oder wenn du nur noch deutschland fÀhrst, dann eben deutschland, klasse.
christian kracht hat vor ein paar jahren dieses buch ĂŒber eine reise quer durch deutschland veröffentlicht, aber es war so schlecht geschrieben, dass ich es nicht lesen konnte.

im eichborn verlag ist "ps hero. 50 exemplarische autogedichte" erschienen, wie gesagt gedichte.
schönes wochenende, knychen, annabelle

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flammarion
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hallo,

knychen, das ist die bisher beste geschichte von dir. nach meinem geschmack jedenfalls. ein nettes mĂ€rchen fĂŒr erwachsene. lg
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Old Icke

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