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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Gott im Waschsalon
Eingestellt am 11. 05. 2009 17:01


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Epiklord
Festzeitungsschreiber
Registriert: May 2009

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Die Freiheit liegt darin, dass man sie denken kann.

Wenn ich nicht gerade Kandisberge auf meinem Gedankenstrahl versetze, bewege ich mich ganz bewusst im Kreis. Ich bin ein enthusiastischer Kreisg√§nger. Circulus vitiosus ‚Äď alles andere w√§re vermessen. Columbus wusste auch, die Erde ist rund und man kommt so an seinen Aufbruchspunkt zur√ľck. Ich laufe ebenso herum, denn wer sich nicht fortbewegt, w√ľrde Amerika nicht entdecken oder aufs verschollene Bernsteinzimmer treffen. Mir ist nat√ľrlich ebenso klar, dass die Erde rund ist und dass sich an dieser Erkenntnis nichts √§ndern wird.

Den gemeinen Strandfloh trifft man nicht selten verh√§ltnism√§√üig weit am Lande im feuchten Sand an, wo er sich unter Algen befindet, mit denen er angesp√ľlt wurde. Das Wiederfinden seines schmalen, am Strande gelegenen Lebensraumes bedeutet f√ľr ihn eine Lebensfrage. Interessanterweise findet er stets zur√ľck. Man k√∂nnte den Floh mitten in der Sahara aussetzen, er w√ľrde mit Sicherheit zielstrebig zum Meer wandern, und zwar, ohne jemanden nach dem Weg gefragt zu haben, und ohne die Hilfe eines Reiseleiters von Neckermann in Anspruch zu nehmen. Auch unsere Brieftauben finden sich zurecht. Diese Tatsachen versetzen uns Menschen leicht in Erstaunen, denn den Tierchen fehlt ja in ihrer Ausstattung jegliches geistige Selbstbewusstsein, wie es unsere Population ziert.

W√§re es voreilig, den Schluss zu ziehen, was f√ľr den gemeinen Strandfloh gilt, w√§re auch f√ľr den Menschen denkbar? Anhand des Flohverhaltens erkennen wir ja, dass eine √§u√üerst zweckbezogene Handlung auch ohne geistiges Selbstbewusstsein zustande kommt. Also, wir w√ľrden dennoch unseren Mercedes finden, unseren Sonntagsanzug, und bestimmt auch den Knopf f√ľr die Atombombe. Die Frage stellt sich nun, warum wir trotzdem ein Selbstbewusstsein haben. Es gibt unz√§hlige Leute, die Unsinn treiben, was Tiere nicht tun. Ist es ein Beweis daf√ľr, dass das geistige Selbstbewusstsein etwa ein zum Unsinn pr√§destiniertes Organ darstellt? Das √Ąrgste ist, dass jene Leute sich auch noch bei ihrem Unsinn vor Stolz in Affenmanier auf die Brust schlagen.

Die Galaxien rotierten, Mutter Erde rotierte und die Waschtrommeln im Waschsalon. W√§hrend ich meine W√§sche beobachtete, wie sie in den Maschinen kreiste, kam mir Gott in den Sinn, was immer es auch sein mag. Im Waschsalon hat man auch die Mu√üe dazu, und wird nicht durch Musik und Werbung abgelenkt. Im Waschsalon √ľber Gott nachzudenken, ist so, als wenn man an einem kalten Ofen sitzend √ľber dessen Funktionsweise reflektieren w√ľrde, und sich so an ihm w√§rmen k√∂nnte (wie klimaschonend das doch w√§re!). Die n√ľchterne Atmosph√§re des Waschsalons bot mir eine konkrete Versuchung Gott n√§her zu kommen.

Und der Gang in den Waschsalon ersparte mir zudem den in die Kirche. Die Moralpredigten dort bringen einen auch mehr den Menschen mit ihren mehr oder wenigeren Defiziten in diesem Bereich n√§her als Gott. Und dann soll Gott uns nach seinem Bild geschaffen haben. Dort vor dem Trockner hatte jemand einen Socken liegen lassen. Einen Socken stricken, der ja auch nach unserem Bild entsteht, aber eben kein Bild von uns ist. W√ľrden fremde Wesen eine derartige Fu√übekleidung von uns untersuchen, k√∂nnten sie wohl kaum anhand derer eine ann√§hernd genaue Phantomzeichnung von uns anfertigen. Selbst ein Kunstwerk, das seinen Produzenten sofort verr√§t, kann keinen algorithmisch pr√§zisen Aufschluss √ľber diesen wiedergeben. Und Gott l√§sst sich nicht in ein Denkschema eines Kausalit√§tsprinzips einordnen, denn wenn wir durch ihn entstanden sind, woher stammt dann Gott. Als Kind musste man sich ja schon mal anh√∂ren: ‚ÄěVon nichts kommt nichts!‚Äú, f√ľhlte sich zu Unrecht von der Mutter angefrotzt, lag dann nach dem Gute-Nacht-Gebet in seinem Bettchen und befreite sich mit dem Gedanken: Der liebe Gott hat alles gemacht. Er selbst kann aber nur von Nichts stammen; kommt also doch was von nichts ‚Äď b√§h!

K√∂nnte er nicht durch sich selbst zustande gekommen sein. Aber dieser Gedanke ist so, als wenn man √ľber die f√ľnfte Dimension redet, ohne sich die vierte vorstellen zu k√∂nnen. Trotzdem f√ľhle ich dabei eine Gottn√§he, weil ich dank meiner Phantasie √ľberhaupt so etwas annehmen kann, und es mich √ľber unsere reale Welt erhebt, deren physikalische Funktionsweise dieser Vision zuwiderl√§uft, und ich sp√ľre dankbar jene Befeiung in mir. Sie verleiht mir eine eigenartige W√ľrde, die ich als Teilmenge meiner kosmischen Religiosit√§t empfinde.

Diese W√ľrde entsprach nicht der jener Blondgelockten mir gegen√ľber sitzend, deren einstig seelenvoller, stolzer Blick mich verwirrte. Sie war mit einem Alkoholiker verheiratet, der seinen ganzen Unrat menschlicher Entt√§uschung von sich und der Welt √ľber seine Frau ausgesch√ľttet hatte, unter dem ihre W√ľrde zu ersticken drohte. Sie b√§umte sich auf, k√§mpfte, erlebte ihre Menschenw√ľrde als was Kostbares und ihr inneres Bewusstsein pr√§gte ihre Physis. Die K√∂rperhaltung erschien straff und stolz. Doch das Erleben einer sinnlosen, gottverlassenen Existenz teilte sie mit ihrem Mann gleicherma√üen, und in ihnen spukte st√§ndig das Gespenst von Langeweile. Aber ihr Mann war mit seinem Alkoholleiden gewisserma√üen von ihr abh√§ngig, wimmerte oft wie ein Kleinkind. Das gab ihr St√§rke. Die Nachbarn bedauerten sie, wenn ihr Mann mal wieder volltrunken heimkam, doch ihr Selbstwertgef√ľhl wurde nur noch gesteigert.

Vor einem halben Jahr war ihr Mann gestorben. Seitdem hatten ihre Augen einen gleichg√ľltigen, traurigen Ausdruck, ihr K√∂rper war wabbelig und tr√§ge geworden, eine Batterie ohne Spannung. Ihre W√ľrde hatte die Frau kl√§glich eingeb√ľ√üt. Mit schlabberigem Pullover, in sich zusammengesunken, sa√ü sie auf der harten Holzbank, einsam und leer, ein Nichts in der riesigen Stadt. B√§ume, die Unwettern ausgesetzt sind, werden halt st√§rker, pr√§gnanter, als die, welche im Schutz des Waldes vor sich hinvegetieren.

In diesem Augenblick war Heidi in den Waschsalon gekommen. Eine ‚ÄěReaktion√§re‚Äú dachte ich anfangs, weil sie das Aussehen und Gebaren eines Modells hatte. Doch ich kam mit ihr ins Gespr√§ch, und meine Vorstellung ihr gegen√ľber entpuppte sich als Vorurteil. Sie arbeitete bei einem Kreditinstitut im Kundenservice und man verlangte nun mal von ihr ein derartig angepasstes Outfit. Sie tr√§umte von einer br√ľderlichen Gesellschaft und h√§tte sich gerne ihrer Einstellung und ihrem Geschmack gem√§√ü gestylt und bedauerte, dass die Kollegen sie dann bek√§mpfen w√ľrden wie einen Albino in einem Starenschwarm von seinen konform schwarzen Artgenossen. Heidi meinte, ihr Mimikry sch√ľtze sie, die Schizophrenie hatte sich damit gleichzeitig manifestiert.

Ich fragte Heidi nach Gott, ob sie sich seine Anwesenheit im Waschsalon vorstellen könne. Nun, meinte sie, Gott ist in den Köpfen der Leute gespeichert, wie ein Teil von einem Computerprogramm, man bräuchte es nur aktivieren. So ist am Feierabend der Waschsalon eine gottfreie Zone, denn mit dem letzten Kunden ist auch Gott verschwunden.

Eine korpulente Dame war gerade vorbeistolziert, und pl√∂tzlich verlor sie eine schwarze Strapse aus ihrer Plastiktasche. Ich machte sie darauf aufmerksam. Geschwind steckte sie das Teil mit ihren fleischig-patschigen H√§nden wieder ein, mit vor Scham err√∂tetem Gesicht. Ja, ja, die verlogene Doppelmoral und ihr gesellschaftlicher Sittenkodex und diese kleine Dickmadam als ein Opfer. Von mir aus br√§uchte sie sich doch nicht zu sch√§men. Ich mag Dicke. Und ich stellte mir vor, es w√§re pl√∂tzlich eine Methode da, Menschenk√∂rper nach dem Ideal umstrukturieren zu k√∂nnen. Oh, Gott, was w√ľrde dann mit unserem molligen B√§cker Herr Mertens am Ende unserer Gasse und seiner d√ľrren Bohnenstange von Frau geschehen, bef√§nden sie sich auf einmal in diesen Superk√∂rpern. Wir liebten Herrn Mertens drollige Glatze und seine gutm√ľtigen Augen, auch wenn seine Ehefrau behauptete, er w√§re ein arger Choleriker. Man h√∂rte sie ab und zu mit ihrer schrillen Stimme schimpfen und er dackelte mit gesenktem Haupt und vorgeschobener Wampe hinterdrein. Wenn sie jetzt mit diesen gest√§hlten sch√∂nen K√∂rpern daher kommen sollten, ginge alle diese spie√üb√ľrgerliche Herzigkeit, alle Sympathie, die wir in ihnen erblickten, verloren. Eine scheu√üliche Vorstellung. Da war ich froh √ľber diese nudeldicke Dame mit Strapse.

Erstaunlich diese vielf√§ltige Palette von Klamotten, zweckm√§√üiger Berufskleidung gleicherma√üen wie verspielten, irgendwie neckisch anmutende Sachen, welche die Schrullen und Eitelkeiten ihrer Besitzer unbewusst offenbarten. Ich √ľberlegte, ob unser Sch√∂pfer in den Kleidungsst√ľcken erkennbar wird, sind wir doch vielleicht ein Abdruck, wenn auch nur eine winzige Facette seiner selbst. Ich glaube nicht. Gott hat die Evolution ausgel√∂st, sie am Anfang mit einigen Pr√§missen als Weichenstellung versehen, und einen ungewiss verlaufenden Automatismus als sch√∂pferisches Element gewollt, und so wird jede einzelne Kreatur eigenst√§ndig und frei von ihm (und Gott weniger einsam).

So sehe ich meine von mir entworfene und gestaltete Seidenbluse als von Gott unmanipulierte eigene Erfindung an, die ausschlie√ülich etwas von mir widerspiegelt. Sicher h√§tte Gott eine Welt kreieren k√∂nnen, in der es keine Blusen geben k√∂nnte. Und dann kommt mir der Gedanke, gibt es √ľberhaupt Blusen. Real, so wie wir t√§glich mit ihnen Umgang pflegen, gewiss nicht. So gaukeln uns bestimmte Lichtwellen eine farbige Scheinwelt vor. Die K√∂rper und Stoffe sind physikalisch gesehen str√∂mende Energie, Bestandteile von Atomen mit Protonen als Kerne, um die negativ-geladene Elektronen kreisen (einfachstes Modell). Das Wissen darum aber ist der Freude an meinem inneren Bild von meiner Bluse nicht abtr√§glich. Im Gegenteil macht sich ein Knistern beim Nachdenken √ľber die verborgenen Dinge dieser Welt und bei dessen Ann√§herung in mir breit, bedeutet mehr Transparenz meines Selbst zu Gott. Diese Transparenz in uns ist jederzeit abrufbar, ist in uns bewusst zu machen, und l√§sst uns sogar in einem Waschsalon einen Hauch g√∂ttlich werden.

*


Version vom 11. 05. 2009 17:01

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