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Leselupe.de > Kurzprosa
Gottes Auftrag
Eingestellt am 30. 09. 2010 18:57


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sapna
Festzeitungsschreiber
Registriert: Sep 2010

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In der Nachte hatte Hilde einen Traum. Ein Engel, ganz in wei├čes Licht geh├╝llt stand in ihrem Zimmer. Seine strahlenden Fl├╝gel weit ausgebreitet, hatte er auf Hilde hinabgeschaut. Er l├Ąchelte sanft und verk├╝ndete ihr seine Nachricht. ÔÇ×Der Herr hat noch eine letzte Aufgabe f├╝r dich, dann wirst du von deinem irdischen Dasein erl├Âst.ÔÇť Mit glockenheller Stimme teilte der Engel der alten Frau mit, was Gott von ihr erwartete.
Das Herz der alten Frau hatte heftig gegen ihren Brustkorb geklopft. Ihr war der Traum so real vorgekommen, dass sie gedacht hatte, sie w├Ąre wach. Doch als sie sich endlich aufgerappelt hatte, war sie allein in ihrem kleinen Zimmer in dem Pflegeheim, in dem sie jetzt schon seit vielen Jahren wohnte. Nur das leise Ticken in der Heizung war zu h├Âren.
Zum Fr├╝hst├╝ck hatte sie allen von ihrem Traum in der Nacht erz├Ąhlt. Und alle hatten sie ausgelacht. Sogar Gerhard, mit dem sie immer Bridge spielte und der ihr schon so oft seine Liebe gestanden hatte.
Doch Hilde war ├╝berzeugt, dass ihr im Traum ein Engel begegnet war, und sie hatte ihren Auftrag erf├╝llt. Sie war mit ihrem Rollstuhl in das Zimmer von Inge gefahren, hatte sich neben sie an das Bett gestellt und Inges Hand in ihre genommen. Inge war es in den letzten Wochen immer schlechter gegangen. Sie wurde beatmet und keiner wusste, was sie ├╝berhaupt noch mitbekam. Eigentlich mochte Hilde Inge nicht einmal besonders. Fr├╝her hatten die beiden sich immer gestritten. Aber jetzt? Jetzt tat sie ihr nur noch leid. Seit Monaten hatte niemand mehr Inge besucht. Sie war ganz allein auf der Welt.
Hilde hielt Inges Hand und weil sie nicht wusste, was sie
ihr sagen sollte, sang sie einfach f├╝r sie. Nach einer Weile, als ihr keine Lieder mehr einfielen, las sie ihr aus der Bibel vor. Und dann war es soweit. Das durchdringende Piepen der ├ťberwachungsanlage sagte Hilde, dass ihr Auftrag erf├╝llt war. Inge war gegangen, genau wie der Engel es angek├╝ndigt hatte. Und Hilde hatte sie in der Stunde des Todes nicht allein gelassen.
Jetzt stand Hilde mit ihrem Rollstuhl unter dem alten Ahornbaum im Park des Altersheims und wartete auf den Engel. Er hatte ihr versprochen, dass er sie holen w├╝rde, noch heute Nachmittag. Hilde l├Ąchelte. Und wenn sie gegangen war, dann w├╝rde niemand mehr ├╝ber sie lachen, dann w├╝rden alle wissen, dass sie einen Boten Gottes gesehen hatte. Alle w├╝rden wissen, dass sie keine verr├╝ckte alte Frau war.
Die Bl├Ątter des Baumes wiegten sich sanft im Wind und schienen ihr etwas zu zufl├╝stern. Dann schob sich ein Schatten vor die Sonne. Zwei riesige Fl├╝gel bewegten sich auf Hilde zu und sie wusste, dass es Zeit f├╝r sie war, zu gehen. Mit letzter Kraft streckte sie ihre von Arthritis geplagten Arme der Silhouette entgegen, die sich gegen die Sonne abzeichnete. Ein letzter Atemzug. Ein letzter Schlag ihres Herzens. Dann umh├╝llten sie warme weiche Federn und Hilde hie├č den Tod willkommen.

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