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Leselupe.de > Fremdsprachiges und MundART
Grabrede für die ewigen Jagdgründe
Eingestellt am 10. 05. 2014 16:19


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Wolfgang Bessel
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Grabrede für die ewigen Jagdgründe

Mittlerweile kannten meine Ehegemahlin und ich jeden Kläffer im Ort.
Mit keinem Dorfbewohner hatten wir Zoff, im Gegenteil: Keine Feier – ohne die Püttmanns. Hier kam ne Einladung zum Geburtstag, da eine vom Gesangverein oder vonne Freiwilligen Feuerwehr. Die alljährlichen Burschenfeste mit dreitägigem Sauf- und Brüllprogramm im Dorfgemeinschaftshaus waren gesellschaftliche Höhepunkte, bei denen auch die Jäger nich fehlen durften.
Mein Jagdchef, der Engelbert, war froh, dat er mit mir en Mann gefunden hatte, der ihn bei solchen Festen würdig vertreten tat. Er und der Jagdhüter waren gesundheitlich nich mehr so gut drauf und schwächelten inne letzten Zeit beim Kampfschlucken.
Meine Berta allerdings freute sich auf diese Feiern, weil se dann ihre feinen Jagdfummel präsentieren und wie besessen schwofen konnte. Sie ließ keinen Tanz aus. Fast alle Dorfgockel baggerten sie wie blöd an. Und sie genoss et.

Wie bestusst auffe Tanzfläche rum zu hüppen und sich dabei tot zu schwitzen, war noch nie mein Ding. Ich übersah bei Bertas Tanzerei schon ma wat großzügig, aber registrierte ihr Balzgehabe trotzdem sehr genau.
Tanzen war für mich immer nur Mittel zum Zweck. Um damals in meiner hohen Balzzeit Berta „treten“ zu dürfen, war Schwof son notwendiget Übel. Als ich se aber eingefangen und von meinen Qualitäten überzeugt hatte, war damit Sense. Danach gab et nur noch kleine Pflichttänzchen, weil Höflichkeit bei bei mir angewölft iss.
Mein Platz war an so Festtagen direkt am Tresen. Da wurde ich erstens schneller mit Bier versorgt und zweitens löste ich dort so manche Zunge. Ich wurde da immer wat gewahr.
Die vielen Festlichkeiten gingen mir aber mit die Zeit schwer aufen Zeiger. Wenn man deshalb am Wochenende nich zum Jagen kommt, wiersse langsam sauer. Also hab ich kurzerhand alle Einladungen mit die Begründung abgelehnt, dat ich dringend die Wutzen inne Felder bejagen müsste, weil sonst die Ernte ausfallen tät. Dat haben alle verstanden. Nur meine Berta war am motzen. Dat war mir aber egal. Die Zeiten der Tänze und erotischen Verlockungen waren damit auch erledigt.
Bei mir lief jagdlich, privat und geschäftlich allet wie geschmiert. Und wenn allet schön rund läuft, dauert et inne Regel nich lange, bisse wieder einen mit dem Vorschlaghammer vor die Birne kriss. So war dat auch damals.
Eines Morgens rief mich der Jagdhüter an: „Willi, ich muss Dir ne traurige Mitteilung machen – der Engelbert ist tot“. Ich fiel fast vom Stängel.

Engelbert erlitt bei ner Bärenjagd in Alaska en Herzschlag. Die Strapazen und Aufregung schickten ihn mit 75 Jahren inne ewigen Jagdgründe.
Dat war ne verdammt bittere Nachricht. Berta heulte und ich lief wie en geprügelten Dorfköter inne Wohnung rum. Ich konnte zwei Tage nich arbeiten. Es fehlte mir einfach die Konzentration. Ich wollte niemanden sehn und hörn.

Am nächsten Morgen läutete kurz vor sieben dat Telefon: „Bertaaa“, rief ich aussem Bad, „geh ma dran. Ich bin nich da!“
Anne Strippe hing die junge Lebensgefährtin vom Engelbert, dat Else. Sie wollte mich unbedingt sprechen. Berta reichte mir den Hörer. Sicher wollte die Frau mit mir über die Fortsetzung vonne Jagd sprechen. Sie hielt sich nich lange bei die Vorrede auf und kam direkt zur Sache:
„Willi, Du weißt ja, dass Engelbert nicht in der Kirche war. Der hiesige Pastor weigert sich deshalb die Trauerrede zu halten. Du hast mal erzählt, dass Du in den siebziger Jahren freier Grabredner warst. Mein guter Willi, Du musst mir helfen und als Redner einspringen.“
„Ich? Wieso ich, Else? Bei aller Liebe zu Dir und tiefer Zuneigung zum Engelbert – ich bin raus aus dem Geschäft mit die Toten, ich kann dat nich mehr. Et tut mir leid.“
Die Frau fing an zu schluchzen, dann sachte se nix mehr. Ich fragte: „Ey, Else, bisse noch dran?“ Ich hörte nur noch dat Freizeichen.
Verdammte Hacke, meine Vergangenheit hatte mich eingeholt.
Berta stand neben mir: „Aus wat für’n Totengeschäft bisse raus, Wilhelm?“
„Berta, stell Dir ma vor, wat dat Else von mir verlangen tut, die will, dat ich die Grabrede für den Engelbert halte, dat läuft aber nich, ich bin viel zu befangen. Vor lauter Trauer könnte ich am Grab kein Wort rauskriegen.“
Oh, da war ich bei Berta aber anne richtigen Adresse: „Wilhelm, Du rufst dat Else sofort an und sachs ihr, dat Du die Grabrede halten wirst. Verdammt und zugenäht, dat bisse doch wohl unserem Gönner und Jagdfreund schuldig.“
Meine ausweglose Lage schlug mir wieder derart auffen Darm, dat ich erst ma zum Hüsken flitzten musste. In solch befreienden Momenten komm ich meistens schnell zur Vernunft.
„Überredet, Berta, ruf se an und sach ihr, dat die tiefe Trauer et mir fast unmöglich machen tut, zu sprechen. Aber wenn se keinen anderen Trottel fände, ich dat ausnahmsweise übernehmen würde.“
„Willi, Du Feigling, Du rufst selbst an, und entschuldigst Dich bei ihr, verstanden?“
Ich mach et kurz: Else und ich trafen uns einen Tag später im Country-Hotel. Sie verzieh mir und berichtete zwei Stunden aus Engelberts Leben. Junge, da hab ich aber die Ohren angelegt, wat die Frau mir da allet verklickern tat. Natürlich bequatschten wir auch die Feinheiten fürn geordneten Ablauf der Abschiedsfeierlichkeiten.
„Willi, sachte se, „ hier im Country-Hotel wird auch dat „Reuessen“ stattfinden.“
„Else, sach ma, wat iss dat? Hat dat wat mit Fellversaufen zu tun? Ist dat der Leichenschmaus?“ Ich hatte richtig getippt.
„Else, ich kümmer mich um die Bläsergruppe und die Rede, Du um die Einladungen und den üblichen Kram mit die Aasgeier vom Friedhof und Beerdigungsinstitut. Und lass Dich mit die Moppen nich übern Tisch ziehen. Dat sind allet Blutsauger und Halsabschneider.
Da iss noch wat. Ich komm aussem Ruhrpott. Wie Du vielleicht schon gemerkt hass, sprechen wir da son bissken anderet Deutsch – Kohlenpottisch, wenne verstehen tus. Ich bin auch kein Pastor und auch kein Heiligen. Wenn ich ma wat sagen tu, wat für manche Lauscher nich ganz koscher iss, verzeihsse mir dann?“ Und während ich so dösig fragte, dachte ich: Dat Else sieht für ihr Alter noch ganz brauchbar aus.
Sie musste meine Gedanken gelesen haben. Sie schaute mich etwat verunsichert an und kraulte mir plötzlich den Handrücken. Dat hieß wohl übersetzt: Willi, mach nur, et wird schon klappen. Oder lag da inne Kraulerei noch wat anderet drin?
Ich fuhr nach Hause und erzählte Berta, wat ich über den Engelbert erfahren hatte. Berta sollte sich ihr eigenet Bild machen und mit Vorschlägen für meine Rede ausse Höhle kommen.
Die pfiff mir wat. „Willi, kommt nich inne Tüte. Wenn ich wat vorschlagen tu, hasse immer wat zu meckern, mach Deinen Kram alleine, alter Knötterkopp.“
Rumms! Ich kriegte wieder einen vorn Dez.

Ich schloss mich in mein Büro ein und begann mit die Vorbereitungen. Sollte ich für die Grabrede meinen alten Schappoklack aufsetzen und den schwatten Hochzeitsanzug vom Oller holen? Nee, die Zeiten hatten sich geändert. Dat lief heute nich mehr. Ich sprang auf, lief inne Küche und rief:
„Berta, sofort mitkommen! Ich brauch nen feinen Jagdzwirn. Ich halte meine Rede standesgemäß in ‚Grün’.
Ruck zuck war meine Berta umgezogen, verdächtig schnell. Berta brauchte natürlich auch wieder wat Neuet am Hintern, dat war mir sofort klar.

Zwei Tage später war die Beisetzung. Etwa vierhundert Personen wollten vom Engelbert Abschied nehmen. Ich kriegte beim Anblick dieser Menschenmassen die Flatter und rannte zu nem kleinen Donnerbalken am Kapellchen. Den hatte ich abends noch schnell mit meinem Lehrling gebaut, weil auf dem Dorffriedhof kein Lokus installiert war. Er stand wie son kleiner Erdsitz hinter nem Lebensbaum und war wunderschön von zwei Rhododendronbüschkes eingerahmt.

Ich sah viele bekannte Jäger. Der Präsident vom Landesjagdverband stand mit dem Kreisjägermeister inne vierten Reihe, sie tuschelten. Der Kreisjägermeister war son komischen Adeligen. Der sah ja so wat von vererbt aus! Schrecklich! Aha, da standen der cholerische Kreisgruppenvorsitzende und viele andere Schlitzohren. Sogar der Landrat und die Ortsbürgermeister ausse Umgebung waren anwesend.
Am liebsten hätte ich mich in Luft aufgelöst. Ich war mit dem Trauergedöns einfach ausse Übung. Berta bemerkte meinen elenden Zustand und drückte mir fünf Baldriankapseln inne Hand und zischte: „Los, rein damit, mit einem Rutsch weg!“
Hinter der Kapelle hab ich vorsichtshalber noch zwei Kümmel verkimmelt. Dann war ich einigermaßen gedopt. Et konnte losgehn.

Würdevoll schritt ich an dat Grab und blickte Achtung gebietend inne Runde. Den Auftritt hatte ich in den Siebzigern hundertfach vorm Spiegel einstudiert.
Mit fester Stimme begann ich meine wohldurchdachte Rede:
„Glück auf und Waidmannsheil, liebe Trauergäste. Hier stehe ich und kann nich besser. Wieder ma hat dat Schicksal grausam reingehauen und uns en guten Jagdkameraden ausse Mitte gerissen.
Engelbert iss in Kanada mit fünfundsiebzig Jahren inne ewigen Jagdgründe marschiert. Nein, nich wie son normalen Sterblichen, nee, nich unser Engelbert. Ihn traf bei die Grizzly-Jagd, also bei die Jagd auf den Ursus arctos horribilis, der schönste Tod, den sich ein Jäger vorstellen kann. Son typischen Wunschtod war dat. Wie oft hatte Engelbert inne Jagdhütte nach der dritten Pulle Rotwein davon geschwärmt, bei die Jagd oder inne Arme von einer seiner Geliebten zu verenden.“ Ich hörte die Trauergäste laut lachen.
„Engelbert pirschte mit einem Wildhüter in Alaskas Bergen, als plötzlich en riesigen Grizzly vor die beiden auftauchte. Engelbert riss blitzschnell seine Waffe hoch und schoss dem Bären genau zwischen die Lichter. Wie en gefällten Baum krachte dat mächtige Tier tödlich getroffen zusammen.“
Ich vernahm ein Raunen. Meine Rede kam an.
„Dat plötzliche Zusammentreffen mit dem Grizzly und die körperlichen Strapazen waren einfach zu viel für seine alte Pumpe. Wie der deutsche Wildhüter seiner Lebensgefährtin berichten tat, sank Engelbert nach dem Meisterschuss auf den Bären nieder. Er glaubte zunächst, dat er sich vor Freude auf ihm rumkugeln wollte. Leider war dat ne falsche Annahme. Engelbert war auf dem Grizzly für immer eingeschlafen.
Aber, Herrschaftern, sacht doch ma ehrlich: War dat nich en wundervollen Tod?
Wir falten die Hände! ‚Heiliger Hubertus, wir Jäger bitten Dich, dat uns auch son Abgang beschert werden möge. Et muss ja nich immer en Bär sein. Son Hirsch, ne Sau oder en braven Bock im Westerwald tun et doch auch beim Hinschied. Amen’.“
Die Jäger ringsum nickten zustimmend, einige schluchzten laut vor Rührung. Nur Berta schüttelte ständig den Kopp. Dat juckte mich überhaupt nich. Ich redete weiter:
„Wir trauern hier nich nur um einen großen Jäger, sondern auch um einen großartigen Mann, der dat Leben in vollen Zügen genießen tat. Er hatte in Düsseldorf en paar Häuser an Damen aussem horizontalen Gewerbe vermietet. Vier Ehen mit zwölf Kindern, die übrigens alle heute mit ihren Müttern hier erschienen sind, sprechen für unseren hochkapitalen, lendenstarken Engelbert. Er hat mit seiner Dauerbrunft auch wat für unser Rentenloch getan. Kinder sind heut en Segen für die marode Rentenkasse.“
Die Trauergemeinde griente, manche lachten lauthals, andere klatschten.
„Ja, liebe Trauergäste, lacht nur, dat wird dem Engelbert da unten inne Kiste Freude bereiten.“
Wen sah ich denn da inne fünften Reihe? Der örtliche Pastor war dat. Oh, dat war Schmiere auf meiner Seele.
„Liebe Trauergemeinde. Unser Engelbert war kein Kirchenmitglied. Warum auch? Sein frommer Blick im grünen Wald zum Himmel war ehrlicher als dat falsche Gebet von so manchem scheinheiligen Kirchenmann. Ihr seht inne fünften Reihe einen so genannten Geistlichen.“ Ich zeigte mit gestrecktem Arm und Zeigefinger auf den Pastor.
„Dieser Mann dort hat et abgelehnt, für unseren lieben Engelbert ne Trauerrede zu halten. Verstehn Sie dat? Ich nich! Dieser Oberhirte meinte, dat er keine Sozialstation für Kirchensteuerpreller wär. Ich hab ma geglaubt, man spräche bei Kirchen-Aussteigern von „verlorenen Schäfchen“.
Engelbert lebte zwei Jahre in Indien in einem Spezialkloster mit mehreren Hindu-Frauen zusammen. Er glaubte, wie meine Ehefraugemahlin Berta, ganz fest an eine ‚Rekarnatio’ oder wie die Körper-Seelenwanderung auch genannt wird. Herr Pfarrer, unser Engelbert wird Sie dieser Tage sicherlich in anderer Gestalt aufsuchen. Ziehn Se sich schon ma warm an.“
Dat saß! Der Pastor machte mit hochrotem Kopp ne Schleife.
Herrschaften, Sie können et sich nich vorstellen, wie die Leute gewiehert haben.

Ich kam zum Schluss. „So, liebe Freunde, Engelberts Lebensgefährtin lädt alle Anwesenden ganz herzlich zum Schüsseltreiben, ääh, ich meine zum Reuessen in dat Country-Hotel ein.
Bläsergruppe Dierdorf, bitte Aufstellung nehmen und ‚Jagd vorbei’ - Halali’ blasen.“
Die Gäste nahmen mit herrlichem Hörnerklang Abschied vom lieben Engelbert.
Danach trafen wir uns zum fröhlichen Fellversaufen, dat sich bis weit nach Mitternacht hinziehn tat.
Die Heiterkeit, die ich am Grab ausgelöst hatte, wurde übrigens von den meisten Abschiedsgästen dankbar als tolle Trauerhilfe empfunden. Auch vonne lieben Else. Dat falsche Mitgefühl hätte ich ihr genommen, sagte se anerkennend.

„Falschet Mitgefühl“? Wat sollte dat denn heißen?


















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Wolfgang M. A. Bessel
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