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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Grenzen
Eingestellt am 15. 07. 2001 10:15


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muskl
???
Registriert: Jul 2001

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Grenzen


Das Wasser hatte eine dunkle Farbmischung, es schien sich aus Schwarz, Braun und Grau zusammenzusetzen. Leute die es nicht besser wussten, nannten es Brackwasser oder Br├╝he, extreme verstiegen sich sogar zu der Aussage Kloake. Die letztgenannten waren entweder Menschen, die noch nie die Nordsee aus der N├Ąhe gesehen haben, oder die nicht n├Ąher als 10 Meter an sie heran gekommen waren. Die Ansicht aus der Entfernung wirkt auf viele Menschen abschreckend, sie wirkt nicht nur dunkel, sondern auch kalt und grundlos. Wenn der Sturm peitscht, spr├╝ht die Gischt und schie├čt kleine Tropfen wie N├Ągel. Selbst wenn der Wind nur stark weht, rollt sie schwarze Wellen mit kurzer D├╝nung an das Land. Nur in den Momenten in denen kaum ein L├╝ftchen wehte oder die Sonne schien, wirkte sie heller, farbiger und friedlich.

Die Menschen die sie kannten hatten nur noch wenig Angst, aber einen gro├čen Respekt vor der selten warmen Nordsee. Die an ihr lebten und auf ihr arbeiteten, wussten was sie anrichten konnte, welche Macht sie hatte und wie es war, sich ihr auszuliefern. Es geh├Ârten Mut dazu sie zu befahren oder sich auf ihrem Grund zu bewegen, was m├Âglich war, wenn die See dem Mond gehorchte und sich f├╝r Stunden zur├╝ck zog. Vertrauen war n├Âtig um sich ihrem Willen hinzugeben, immer in der Hoffnung, dass sie einen nicht holte.

Sehr gef├Ąhrlich wurde sie immer, wenn sie ihr Land zur├╝ck holen wollte. Die Menschen an der K├╝ste hatten sie ├╝ber Jahrhunderte immer weiter zur├╝ck gedr├Ąngt, um dadurch Land zu gewinnen. Sie hatte es ihnen nie leicht gemacht, es waren harte K├Ąmpfe, mit vielen Opfern. Aber eine immer bessere Technik hatte sie immer weiter entfernt. Aber von Zeit zu Zeit kam sie mit Gewalt und forderte ihr Land, auch dabei nahm sie meistens ein paar Menschenleben mit hinaus. Allerdings lernten die Menschen schnell, waren inzwischen in der Lage, sie weitestgehend zur├╝ck zu halten. Nur manchmal kam sie zu schnell und ├╝berraschend, dann hinterlie├č sie wieder Opfer und gro├če Sch├Ąden.

Am ├Ąu├čersten Zipfel des sogenannten Elbe-Weser-Dreiecks liegt Cuxhaven, eine Stadt zwischen den M├╝ndungen von Elbe und Weser. Von manchen wegen ihres direkten Zugangs zur Nordsee als Tor zur Welt bezeichnet, von manchen j├╝ngeren Einheimischen oft als Ende der Welt. Man hatte es hier nicht einfach, umgeben von Wasser schr├Ąnkte es die M├Âglichkeiten ein, eine Arbeit zu finden oder gute Gesch├Ąfte zu machen, vor allem bei einem Menschenschlag, dem es noch wichtig war etwas in die Hand zu versprechen und dem anderen dabei in die Augen zu schauen. Die jahrzehntelange Haupteinnahmequelle der Menschen, der Seefischfang, war innerhalb von 2 Jahrzehnten zusammengebrochen, daran erinnerten nur noch die alten Fischhallen. Inzwischen hatte sich die Stadt zu einem Touristenziel gewandelt. Die frische Meeresluft war angenehm, die Unterk├╝nfte waren bezahlbar und es gab verschiedene Str├Ąnde und Kuranlagen. Selbst die Einheimischen hatten sich an die manchmal merkw├╝rdigen Besucher gew├Âhnt und sie als Einnahmequelle akzeptiert.

An der Grenze zum Wasser liegt ein kilometerlanger Sandstrand, aber es gibt auch eine Bucht als Gr├╝nstrand. Halbreisf├Ârmig zieht sie sich ├╝ber eine L├Ąnge von mehreren hundert Metern am Wasser entlang. An ihrer ├Ąu├čeren Grenze zum Land zieht sich der Deich ebenfalls halbkreisf├Ârmig dahin. Die Bucht ist wie eine Arena, ein hoher Deich langsam abfallend, davor eine gro├če Fl├Ąche Gr├╝nland, auf dem im Sommer viele Strandk├Ârbe standen, sich viele Menschen der Sonne und der Salzluft aussetzten. Vor der Wassergrenze gab es ein schmales Band Teerstra├če, auf dem es sich gut laufen oder Fahrrad fahren lassen konnte. Danach kamen dann nur noch ein kleiner gemauerter Rand und viele Felsbrocken davor als Wellenbrecher. An einigen Stellen gab es Aussparungen in der Mauer, als Zugang zu einem kleinen Strandabschnitt, ansonsten sind die Steine die Grenze zum Wasser.

Wenn man so nahe dabei stand, dass Wasser ├╝ber die Felsbrocken laufen sah, erkannte man die wirkliche Klarheit der Nordsee. Die Luft war kalt und feucht, der Wind stark, dass Wasser kam nahe bis an die Grenze zum ├ťbergang. Die kleinen, kurzen Wellen waren wild und brachen sich ungest├╝m an der Kante. Ein wenig mehr Wind als Energie w├╝rde ihnen die Kraft geben, auf das Land zu springen und wieder einen Anfang zur Eroberung zu machen. Die Bucht war im Winter ruhig, zu dieser Zeit waren kaum Menschen unterwegs, nur die es liebten waren unentwegt dabei sich dem Wetter auszusetzen.

Dort stand er schon seit fast einer Stunde an der Schwelle zur K├Ąlte, dicht vermummt, scheinbar bewegungslos. Er hatte schon an Grenzen gestanden, offene, geschlossene und eigene. Eigene Grenzen, wenn es denn k├Ârperliche waren, standen permanent offen und luden st├Ąndig zum ├ťberschreiten ein, was er dann auch zu oft tat. Die seelischen Grenzen waren, wenn er sie denn kannte, oft verschlossen und auch an diesen Grenzen verausgabte er sich oft. Nur mit dem Unterschied, dass es kein Ergebnis erbrachte, es war wie ein immer w├Ąhrendes Rennen gegen Mauern, nach dem Abprall kam unerm├╝dlich der n├Ąchste Anlauf, nur um wieder abzuprallen.

Die Wassergrenze war leicht zu ├╝berschreiten, er musste blo├č den ersten Schritt machen, sich vor wagen. Mit dem "vor wagen" hatte er schon immer Probleme gehabt, nicht das er Feige war, nur vorsichtig, oft zu vorsichtig. In seinen pers├Ânlichen Beziehungen war es, zu seiner Verbl├╝ffung, immer schnell erkannt und wurde als "Hintert├╝rchen" benannt, bisher mit einer ├ťbereinstimmung die ihn immer wieder aufhorchen lie├č. Wie hatte er sich ├╝ber das st├Ąndige Gerede vom "Hintert├╝rchen" aufgeregt, sich hei├č geredet um davon zu ├╝berzeugen, das es sie f├╝r ihn nicht gab. F├╝r ihn war es immer eine Entscheidung zur Sicherheit gewesen, mit einem Bein in einer Beziehung zu stehen, aber mit dem anderen drau├čen. Das erlaubte ihn, seiner Meinung nach, die Beziehung auch als Au├čenstehender zu betrachten, also mit einer gewissen Distanz. Wenn Partner Probleme hatten, suchten sie Hilfe bei einem Au├čenstehenden mit Distanz zur Beziehung, das war oft die einzige Rettung. Wenn er mit einem Bein drau├čen blieb konnte es nur gut sein, zumindest hatte er dann noch einen gewissen ├ťberblick und eine scheinbare Kontrolle ├╝ber die komplizierten Vorg├Ąnge innerhalb seiner Beziehungen.

Einen weiteren Vorteil hatte diese Art der Beziehung, indem er nicht ganz drinstand, konnte er auch nicht ungesch├╝tzt und ungest├╝tzt herauskippen. Er erhielt sich immer eine Chance sich leicht zur├╝ck ziehen zu k├Ânnen, das mit m├Âglichst wenig Schmerz und ohne gro├če Umst├Ąnde. Ein Bein heraus zu ziehen hatte er oft geschafft, aber das zweite herein zu bringen war ihm nie m├Âglich gewesen. Er hatte sich nie ganz gewagt, nur das Bein gezeigt, welches er f├╝r das Beste hielt und was ihm richtig schien. Dabei kam es ihm nie als ein Fehler vor, er zeigte doch alles von dem Bein, selbst die h├Ąsslichen Stellen mit den Narben und den unsch├Ânen Flecken. Mit dem Bein war er offen und ehrlich, da gab es eine oft auch schockierende Wahrheit die ├╝berzeugte. Das andere Bein war seine Sache, geh├Ârte zu seiner Freiheit und Freiheit sch├Ątzte er ├╝ber alles.

Es gab viele M├Âglichkeiten das Bein zur├╝ck zu ziehen, zum einen die selbstsch├Ądigende Variante, wenn er Selbst die Folgen trug, zum anderen die Sch├Ądigende, wobei es nicht selten vorkam, dass sich beide erg├Ąnzten. Bestimmend f├╝r beide Varianten war die Angst. Die Angst zuviel von sich zeigen zu m├╝ssen, die Angst das jemand sehen w├╝rde wie wertlos er sich f├╝hlte. Das er nicht wertlos war wusste er, er Begriff aber nicht woher das Gef├╝hl kam und wieso es immer wieder siegte und zerst├Ârte. Das verstand auch keiner der die Folgen mittragen musste, einerseits das Gef├╝hl inniger N├Ąhe, aber dann ein r├╝cksichtsloses Fortsto├čen wie ein seelischer Befreiungsschlag, kaum war eine undefinierbare Grenze ├╝berschritten.

Hier an der Wassergrenze wurde ihm klar, er musste nicht die Grenze ├╝berschreiten, er musste sie ├Âffnen, damit sich die Gef├╝hle ihr Land zur├╝ckholen konnten, dass er ├╝ber eine lange Zeit immer weiter ausgegrenzt hatte. Er durfte seine Seele mit keinem Deich sch├╝tzen, Gef├╝hle waren zwar manchmal verletzend und forderten Opfer, aber ob sie t├Âdlich waren, kam auf seinen Umgang mit ihnen an. Seine Seele hatte durch die Trockenlegung gelitten. Er w├╝rde den Deich vorsichtig ├Âffnen m├╝ssen, damit die Gef├╝hle ihr altes Land wieder versorgen konnten und zu der urspr├╝nglichen Nat├╝rlichkeit zur├╝ck kehrten. Wenn es sich selbst reguliert hatte, brauchte er nicht mehr die v├Âllige Kontrolle, dann konnte er es flie├čen lassen und die Sch├Ânheit der Natur genie├čen.

In der Phantasie sah er seine Seelenwiese bl├╝hen, voller Leben, ohne einfachen Weg, aber immer mit seinem eigenen. Er w├╝rde vorsichtig ├╝ber diese Wiese gehen m├╝ssen, um nicht zu stolpern und nichts wachsendes zu zertreten, vielleicht w├Ąre es besser, jemand w├╝rde ihn begleiten. Wenn er seine sch├Âne Wiese offen zeigte, d├╝rfte es kein Problem sein, jemanden zu finden der mit ihm ging. Er brauchte eine Schleuse und die w├╝rde er nicht alleine bauen, vielleicht reichte ja schon das Versprechen auf eine sch├Âne Wiese.

Mit diesen Gedanken kehrte er dem Wasser den R├╝cken zu und lief zu seiner Wohnung, selbst warme Gedanken sch├╝tzen an der Nordsee nicht vorm frieren.

2001 / Michael

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flammarion
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donnerwetter,

hier hast du zwei geschichten sehr geschickt zu einer verwoben. alles recht plastisch, man riecht die nordsee f├Ârmlich und deinem protagonisten m├Âchte man von ganzem herzen alles gute w├╝nschen. so wie dir. ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

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muskl
???
Registriert: Jul 2001

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liebe gr├╝├če zur├╝ck. Mein Vorteil bei dieser Geschichte ist, ich habe die k├Âstlich riechende Nordsee direkt vor der T├╝r und auch in dieser Bucht habe ich schon oft gestanden. Deshalb freut es mich nat├╝rlich doppelt, dass Du die Nordsee sp├╝ren kannst.

Lieben Gruss
muskl

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