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Leselupe.de > Kurzprosa
Grenzen der Offenheit
Eingestellt am 30. 10. 2004 21:59


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Oma
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Oct 2004

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Dort, wo es kaum einen Menschen hin verschlagen hatte, ragten die BÀume in den Himmel. Es war friedlich hier, nicht ein Ton zu hören. Nicht einmal ein Vogel meldete sich in diesem Schweigen. Rechts und links erhoben sich die Fronten des Gebirges.
Ein Fluss schlÀngelte sich durch das Tal zwischen den Felsenmassen, welche ich seit geraumer Zeit auf dem Wasserwege passierte.
Mauerdicke StĂ€mme bohrten sich in den Boden des Ufers. Sie bildeten ein Spalier. Kleine Wellen brandeten friedlich gegen die knorrigen AuslĂ€ufer, gegen die Wurzeln der UrgetĂŒme, am Saum des Waldes; KĂŒhl benetzte der Fluss die Gebeine der hölzernen Soldaten, die nah an der Grenze zum Flusslauf standen. Überall schimmerte es grĂŒn. Endlos war die Region. Meilen lagen flussauf und abwĂ€rts vor uns, wohin ein Blick sich hĂ€tte flĂŒchten können. Man musste sich nur treiben lassen.
Jedoch alleine eine Stelle auf der weiten Strecke hatte meine Aufmerksamkeit erregt. Am Fuße eines der dort wachsenden Giganten ragten struppige Haare hervor, war ein erdfarbenes Fell zu erkennen, aus dem ein Augenpaar sorgenvoll in die Umgebung starrte.
Eigentlich war der Geselle kaum auszumachen in der Weite dieser Landschaft. Die Böschung erstreckte sich fast monoton von einem Horizont zum anderen. Zu schnell war er im Schutz der WĂ€lder ĂŒbersehen.
Fast ein Wunder, dass ich ihn entdeckte. Geheimnisvoll verbarg das zerzauste Wesen seinen Körper hinter Wurzeln. Allein der Kopf war zu erahnen. Doch auch dieser hob sich wenig ab von seinem Unterschlupf. Verstohlen kauerte es dort, das unbekannte Wesen. Der Dunst des nahen Ufers sammelte sich zur Tarnung vor ihm und verbarg den seltsamen GefĂ€hrten in einem einheitlichen Grau, gemeinsam mit dunklen Nischen und vordergrĂŒndigem GestrĂŒpp verschwand er fast wie ein Geheimnis der Natur.
Fremd kam er mir vor, als er an der Stelle hockte. Wie versteinert sah er drein. Sein unbelebter Blick hielt fest an der Umgebung. Sicher hatte er unser Schiff bemerkt. Doch wirklich interessant waren wir wohl nicht fĂŒr ihn, bedachte man seine Lage. Ein aufgeweichter Körper am Rande seines Reiches. An der Grenzlinie; ein Schritt, und jeder hĂ€tte ihn bemerkt. Tropfen schimmerten vage auf seinem Pelz, doch Genaueres war nicht zu sehen. Hölzer schoben sich - aus meiner Sicht - bei voller Fahrt, wie TĂŒren eines Safes vor seine Gegenwart. Bald war er fortgeschlossen.

Verschwunden war er in einem Reich, wohin auch ich zu gern gehören wollte. Ach, hÀtte er mich nur mit genommen.
Widerstandslos wĂ€re ich dem seltsamen Kameraden gefolgt in die Finsternis des Unterholzes. Dort, wo alles dicht bei dicht gelegen war, verschlungen miteinander zu einem festen Wall der Wildnis. Fast freundschaftlich hatten die lebendigen Triebe mancher Schlehen ein Netz gespannt, bald einen Zaun fĂŒr die, die nicht dort ihre Heimat hatten. Geborgenheit unter einem BlĂ€tterdach.
Tausende der grĂŒnen Schindeln regten sich im Wind. Nicht ein Blick drang durch das schillernde GrĂŒn, dem jeder Reisende bis heute durchaus gerne fern geblieben war, wurde doch selbst von hartgesottenen Abenteurern ein ordentlicher Landstrich vorgezogen. Doch mochte man es auch nicht glauben, selbst an diesem modrigen Ort gab es Zufriedenheit, wenn man nur der rechte Charakter dafĂŒr war, das geeignete Geschöpf. Aber, wer war das schon.

Durch das Laub der schĂŒtzenden Baumkronen wehte nun eine krĂ€ftigere Briese; doch selbst sie wĂŒrde die Tiere im Schutz des Waldes nie berĂŒhren.
Erst gar nicht ich, getrennt durch einen starken Strom, der mich mit sich trug, zudem das Schiff auf dem ich fuhr. Unaufhaltsam fĂŒhrte uns der Weg zur nĂ€chsten Landestelle, zum nĂ€chsten Steg.

„Jetzt hör auf, du machst dir nur die FĂŒĂŸe nass!“, fuhr ein Mann sein Kind an, das auf wackeligen Beinen mit Wanderstiefeln an den FĂŒĂŸen eine Wasserschicht beiseite sprengte. Die dĂŒnnen PfĂŒtzen schreckten davon, als die kleinen Sohlen auf das Schiffsdeck platschten. Vaters Augen spannten sich zu schmalen Luken, die hinter der dicken Brille kaum auszumachen waren.
Ich verharrte geistesabwesend, die Natur vor mir, die wie ein liebevoller WĂ€chter die wunderbare Welt in sich verbarg. Eine Insel der Hoffnung. Ich hatte meine Arme ĂŒber die RĂŒckenlehne zu beiden Seiten fort gestreckt, die Beine ĂŒberkreuzt. Leicht offen stand mein Mund, in dem sich die kĂŒhle Fahrtluft fing. Der ĂŒbermĂ€chtigen Umgebung bot ich meine Brust, die WĂ€lder kamen mir beinahe entgegen, so schien es mir von meinem Sitzplatz aus. Wild strömten sie auf mich zu.
Streng voraus hatte sich das Bug gerichtet, volle Fahrt den Fluss hinunter. Wie gerne wĂ€re ich ausgestiegen; HĂ€tte meine FĂŒĂŸe in das unbekannte Land gesetzt. Bloß sah ich keine Chance. Gut, eilig hatten wir es nicht, nur konnten wir nicht einfach stehen bleiben. Bleiben. Das war nicht möglich, fernab der Zivilisation.

„Heb das nicht auf, das ist doch ekelig! So was fasst niemand freiwillig an!“ Barsch langte der Mann nach seinem Kind. Doch das war bereits enteilt und lief auf die Reling zu.
Die besorgten Rufe hörte ich nur im Hintergrund, gerne wÀre ich ihnen ganz entkommen.
Stur gebannt wandte sich mein Blick wieder der Wildnis zu. Die Sonne hatte die idyllische Landschaft bereits in seichtes Licht gepackt. Sie rief, lockte mich, wollte, dass ich meine Sicherheit aufgebe. Doch waren ihre Laute fast dumpf wie Worte hinter einer schweren TĂŒre. Nicht einmal die Sprache wusste ich zu verstehen und glaubte fast, meine blieb ihr ebenso verborgen. Nichts wĂ€re mir lieber als mit ihr zu reden, eine Stelle der BerĂŒhrung aufzutun und mit ihr zu klĂ€ren, was sie von mir wollte. Unsichtbare Schranken trennten uns jedoch.

„Wie oft muss ich dir noch sagen: Du sollst dir die Schuhe binden? Stell dir vor du fĂ€llst jetzt dort am Gitter.
Was wĂ€re, wenn du ins Wasser fielst? Komm mal her, ich binde dir die Riemen!“
Allzu gerne hĂ€tte ich das Schuhwerk aufgegriffen und in weitem Bogen in den Fluss befördert, dort, wo sie niemand mehr finden sollte. Doch hĂ€tte ich selbst mich kaum verstanden. Wenigstens ein bisschen mochte ich mich im Zaum halten. Geduld ..., nur Geduld, bald wĂ€re auch diese PrĂŒfung ĂŒberstanden.
Als der Steg sich langsam in der Ferne aus dem Dickicht schob, zeigte das bestĂ€ndige Schwanken des Schiffes seine Wirkung. Mein Atem ging schwer, ein Gewicht zog an meinem Magen. Nur dem DrĂ€ngen nachgeben wollte ich nicht, aufgeben kam nicht in Frage. Schnell suchte ich in meinem Rucksack nach einem starken Mittel. Meine Hand hielt es fest umschlossen. Meine Finger klammerten sich an die bittere Medizin, die kaum zu schlucken war. Die Tasche hatte ich offen gelassen. FĂŒr den Verschluss des ledrigen BĂŒndels, fĂŒr die SchnĂŒre, fand ich keine Kraft mehr. Ich ließ sie, wie sie waren. Wie bei einem Tabaksbeutel lag der dĂŒnne Strick nun locker um den Hals des Rucksacks. Ösen aus Stahl hielten jedes StĂŒck des Stranges an seinem Platz. Ich wusste, es war nicht ordentlich sie nicht zu binden. Wie schnell konnte etwas verloren gehen, wie rasch hatte ein Fremder mit einem Griff etwas entwendet. Schon hĂ€ufig fehlte plötzlich etwas, wenn man es dann an sich nehmen wollte. Doch hatte ich ehedem nicht vor den Missstand auf sich beruhen zu lassen. Ich beschloss mich darum zu kĂŒmmern, sobald ich mich besser fĂŒhlte. Der sichere Boden der Zivilisation wĂŒrde mich schon dazu befĂ€higen.

Viele Blicke zog ich auf mich in meinem Elend. Matt glitt meine Hand entlang des Stahlseils, das dem unsicheren Gast beim Verlassen des Schiffes UnterstĂŒtzung bieten sollte. Mitleidige Minen glitten an mir entlang, einige Buben grinsten hĂ€misch, als ich blĂ€sslich von Bord stiefelte. Die Stimme, die sonst den kleinen Jungen ermahnte, war verstummt. Vielleicht gab es einmal nichts zu nörgeln.
Und so baumelten die BĂ€nder meines Rucksackes im Takt meines unsicheren Schrittes. Die des kleinen Jungen saßen scheinbar bombenfest ...

Und bald war auch unsere Gruppe in ihrer Welt verschwunden.

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