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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Grenzen überschreiten
Eingestellt am 28. 06. 2013 16:01


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Silberpfeil
Festzeitungsschreiber
Registriert: May 2013

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Andreas war zuversichtlich. Ich nicht. In meiner schwersten Stunde war niemand anderes greifbar und so rief ich ihn an, obwohl ich nicht damit gerechnet hätte, dass ausgerechnet er genau die richtigen Worte finden würde. Jeder stößt irgendwann einmal an seine Grenzen und du hast deine Grenze erreicht, sagte er zu mir. Diese Erkenntnis tat unheimlich weh, denn sie drückte genau das aus, was ich niemals wahr haben wollte. Tränen des Versagens, der Demütigung und der Verzweiflung strömten daraufhin über meine Wangen. Mein Leben ist nicht vorbei und doch weiß ich nicht, wie es weiter gehen soll. Ich stehe vor einem Scherbenhaufen, bestehend aus schlechten Noten, nicht bestandenen Klausuren und der Gewissheit, die Vorgaben der Uni für das Bestehen des Grundstudiums nicht erfüllt zu haben. Ich muss die Uni verlassen. Plan B, wo bist du? Ich habe mir keinen überlegt, denn zu versagen passt nicht zu mir, das ist keine Option.
Normalerweise war Andreas nicht so der fürsorgliche Bruder. Umso mehr überraschte mich sein Vorschlag, spontan mit mir in die Berge zu fahren. Nur wir zwei.
Und was willst du jetzt machen, fragt Andreas mich auf dem Weg nach Österreich. Er fährt und ich schweige, denke nach, schäme mich. Ich glaube, zu wissen, dass ich versagt habe, ist für mich am schlimmsten. Und ja, ich schäme mich tatsächlich. Ich wollte es allen zeigen. Den blöden Bürotussen, die mich, lästernd wie die Hühner auf der Stange, ausgegrenzt hatten. Und auch mir selber wollte ich beweisen, dass ich es schaffen kann und dass ich irgendwann einmal über diesen idiotischen Weibern stehen würde, die im Büro Papierhütchen basteln und Törööö machen wie ein Elefant. Ich bin kein Genie, würde nie zur Elite gehören, doch auch mit Fleiß kann man viel erreichen. Jetzt allerdings bin ich am Boden, mit nichts in den Händen als Luft. Ich weiß noch nicht, wie es weiter gehen soll, antworte ich, nicht sehr geistreich.
Wir gehen früh zu Bett. Am nächsten Tag brechen wir in der Frühe auf, es ist noch bitter kalt im Tal. Schon als wir noch Kinder waren haben unsere Eltern mit uns hier Urlaub gemacht. Für Andreas und mich war es schon immer unser liebster Ferienort. Heute hier zu sein bedeutet für mich vor allem eines: Seelenfrieden. Wir begegnen nur wenigen Menschen, die sich auf den gleichen Weg machen wie wir, denn es soll ein heißer Tag werden und die Tour wird anstrengend und lang. Vor allem tut es mir gut zu wissen, dass Niemand hier von meinem Versagen weiß. Bei unserer ersten Rast, nachdem uns der Weg über eine steile Blumenwiese in einen kühlen Wald geführt hat – es ist mittlerweile richtig heiß geworden – lockt der Anblick der in der Sonne glitzernden, fernen Gletscher ein Lächeln auf meine Lippen. Dennoch kann ich mein Übel nicht vergessen. Es ist, als schleppte ich einen Korb voller Sorgen mit mir den Berg hoch. Als wäre jeder Schritt doppelt so anstrengend und ich komme nur mühsam voran. Als würde ein Schatten mich verfolgen, obwohl ich im Wald gar keinen Schatten werfe.
Andreas ist ebenso schweigsam wie ich. Vielleicht weiß er nicht, was er sagen soll, doch ich bin ihm dankbar, dass er nicht versucht, in mich zu dringen. Nach einer Ewigkeit verlassen wir den Wald und gelangen auf einen steinigen Weg, an dessen Wegesrand dichte Sträucher wachsen. Latschenkiefer. Es ist fast Mittag und die Hitze steht in der Luft wie eine Wand aus feuchter Saunaluft. Als wollte eine unsichtbare Macht uns aufhalten, die Hütte zu erreichen. Wir müssen jetzt öfter Pausen einlegen als zuvor im Wald, doch umkehren wollen wir nicht.
Siehst du, da oben ist schon der Verarscher-Hügel! Andreas deutet auf eine Stelle viele Höhenmeter über uns. Ja, dann ist es zum Glück nicht mehr weit, antworte ich, ironisch. Wer zum ersten Mal hier wandert, sieht den Verarscher-Hügel irgendwann über sich - den Namen haben wir übrigens vergeben, als wir noch Kinder waren - und denkt, er wäre fast am Ziel. Doch Andreas und ich wissen es besser, denn dort angekommen muss man feststellen, dass die Hütte noch fern ist. Man blickt auf einen breiten Abgrund, die Hütte befindet sich auf der gegenüberliegenden Seite, viel weiter oben und ist nur über einen schmalen Weg erreichbar, der rechtsseitig in einem Bogen direkt am Fels entlang führt. Wir machen eine letzte Rast und genießen den kühlen Luftzug, der unsere erhitzten Gesichter umspielt. Dann brechen wir auf, die Hütte fest im Blick. Die letzten Biegungen legen wir in der prallen Mittagssonne zurück und mein Asthma macht mir schwer zu schaffen. Ich keuche und bleibe alle paar Meter stehen, zu erschöpft um die Natur um mich herum noch genießen zu können. Doch ich weiß genau, gleich habe ich es geschafft und dann habe ich genug Zeit mich zu erholen.

Endlich erreiche ich die Hütte und kühle meine Arme in einem Holztrog mit eiskaltem Wasser. Andreas sitzt bereits in der Sonne, hat sein Shirt ausgezogen und an einer Wäscheleine befestigt. Ich ziehe mich schnell in der Hütte um, denn auch mein Shirt ist komplett von Schweiß durchtränkt. Jetzt fühle ich mich wohl, erfrischt und tiefenentspannt. Andreas lächelt mich an. Immer wieder schön, hier oben zu sein, seufzt er. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Und tatsächlich, in der vergangenen Stunde konnte selbst ich von meinen Gedanken abschalten.
Und wie fühlst du dich jetzt? Andreas schlürft seine Gulaschsuppe. Besser, antworte ich, nur weiß ich immer noch nicht, wie es weiter gehen soll.
Hmm. Andreas schaut nachdenklich an mir vorbei, den Blick auf das Gipfelkreuz gerichtet. Aber ich weiß es, wirst schon sehen!
Ich schaue ihn fragend an. Was meint er? Will er mir gleich die Lösung all meiner Probleme präsentieren? Als er von sich aus keine Erklärung abgibt, lasse ich es gut sein, denn eigentlich mag ich mich gerade nicht über das Thema unterhalten. Meine Sorgen werden meine Gedanken schon früh genug wieder dominieren und hier oben ist es einfach zu herrlich, um die Schönheit der Natur nicht wahrzunehmen.
Nachdem wir unser Mahl beendet haben, höre ich mir Andreas Geschichte über seine Tour zum Gipfel vor ein paar Jahren an. Ich schließe meine Augen und stelle mir vor, selbst dort oben zu sein. Welch berauschendes Glücksgefühl muss man empfinden, wenn man die Spitze eines Berges erreicht hat. Was kann einen dann noch umhauen?
Hey, nicht einschlafen! Steh lieber auf und schnapp dir deinen Rucksack, wir wollen weiter. Andreas ist bereits auf den Beinen. Verwirrt blinzele ich in die Sonne. Was hat er vor, will er schon wieder zurück? Na komm schon, ich habe doch vorhin gesagt, dass ich weiß, wie es weiter geht. Er grinst verschlagen. Ich ahne nichts Gutes und tatsächlich führt Andreas mich um die Hütte herum auf einen Pfad, der in Richtung Gipfel zu führen scheint. Trotz meiner Angst vor dem Weg, der zunächst noch sehr angenehm über ein Plateau verläuft, vertraue ich meinem Bruder und folge ihm. Doch schon nach ein paar Minuten wird es steiler und ich beginne erneut zu schwitzen.
Wir folgen den roten Markierungen auf dem Boden, denn nicht immer ist zu erkennen, wo entlang der Weg führt. An einigen Stellen müssen wir klettern. Ich versuche, mich an den scharfen Kanten der Felsen festzuhalten und schramme nicht selten meine Hände an ihnen auf. Teilweise weiß ich gar nicht, wohin ich meine Füße setzen soll und bin froh, dass Andreas schon einmal hier war. Mit jedem Schritt steigen wir höher hinauf und der Abgrund an unserer Seite wird immer tiefer. Doch der Wille, den höchsten Punk dieser Steinberge zu erreichen, ist größer als meine Furcht und lässt mich die Anstrengungen überwinden. Dann gelangen wir an eine Stelle, von der aus wir das Kreuz über uns sehen können. Vorfreude packt mich. Es scheint greifbar nah. Kein Mensch ist zu sehen und tatsächlich sind wir allein, als wir den Gipfel erreichen. Ich stelle meinen Rucksack ab und einen kurzen Augenblick wird mir schwindelig. Der schmale Kamm vermittelt den Eindruck, als könnte der kleinste Lufthauch mich in den Abgrund stürzen. Schnell setze ich mich auf einen Stein und atme ruhig durch.
Andreas glüht vor Stolz und auch mein Bewusstsein füllt sich langsam mit der Erkenntnis darüber, was wir hier erreicht haben. Das Glücksgefühl, das ich mir mittags noch vorzustellen versuchte, ist noch viel gewaltiger als ich erwartet hatte. Wuhuu, schreie ich in die Welt hinaus.
Andreas lacht. So und jetzt sag mir, dass du immer noch keinen Weg aus deiner Misere siehst! Das glaube ich dir nämlich nicht. Es gibt immer eine Möglichkeit, man muss sich nur trauen.
Ich springe auf und umarme ihn. Ja Bruder, genau das hast du mir heute deutlich gezeigt. Ich werde versuchen, an einer anderen Universität angenommen zu werden. Mit ein bisschen Glück erkennen die sogar meine Noten an und ich stehe nicht wieder am Anfang.
Na siehst du! Und diesen Triumph der Freude wollen wir mit einem Foto festhalten. Andreas holt seine Digitalkamera aus dem Rucksack, richtet sie auf einem flachen Stein aus und stellt den Selbstauslöser ein. Wir positionieren uns vor dem Kreuz und ich fühle mich stark und unbezwingbar wie ein Titan. Das Bild ist großartig geworden und er knipst noch viele weitere von der gesamten Gegend. Kannst du ein Foto von mir machen, wie ich hier stehe, wo man sehen kann, wie weit es runter geht? Ich greife seine Kamera und wickel mir zunächst das Band um mein Handgelenk, damit sie nicht herunter fallen kann. Ich schaue durch den Sucher und lache laut los. Andreas grinst wie ein Honigkuchenpferd und sieht total albern aus. Außerdem fühle ich mich so losgelöst, dass ich die ganze Zeit laut lachen könnte. Ich drücke den Auslöser. Oh Moment, das war nichts, das ist total verwackelt, rufe ich. Wieder mache ich mich bereit, versuche meine Hand ruhiger zu halten, blicke durch den Sucher, doch Andreas sehe ich nicht.
Verwirrt senke ich die Kamera. Er ist verschwunden. In meinen Ohren rauscht es. Panik erfasst mich und ich drehe mich im Kreis, suche jede Stelle nach ihm ab. Entdecken kann ich ihn nicht. Dann stelle ich fest, dass das Rauschen gar kein Rauschen ist. Es hört sich an wie ein Schleifen, als ob jemand eine schwere Tasche über Geröll zieht. Unermessliche Angst steigt in mir auf, mein Körper ist wie gelähmt. Trotzdem weiß ich, dass ich mich bewegen muss. Ich muss zu der Stelle gehen, an der Andreas gerade noch stand und nachsehen. Das Geräusch verstummt und mir wird übel.
Schritt für Schritt taste ich mich voran. Die Furcht, selber abstürzen zu können, lässt alles andere verblassen und ich wünschte, ich wäre nicht hier, an diesem schrecklichen und gefährlichen Ort, der gerade noch so wunderschön war. Ich klammere mich an einen Felsen und werfe vorsichtig einen Blick nach unten. Ich sehe eine bunte Masse, regungslos, und kreische laut vor Verzweiflung. Schwärze umfängt mich und hält mich eine Ewigkeit gefangen.

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