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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Grenzerfahrung
Eingestellt am 25. 10. 2008 15:23


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McEL
Hobbydichter
Registriert: Oct 2008

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ER

Sonja war nicht darauf vorbereitet, IHN zu treffen. Doch von einer Sekunde zur anderen stand sie ihm gegenüber. Schwarz sollte er sein, ganz schwarz. Das hatte man ihr erzählt, so lange sie denken konnte. Doch das einzig Schwarze an ihm war seine Kleidung: eine weite Hose aus glänzendem Stoff und ein eng anliegendes Shirt aus demselben Material. Sein Haar war silberweiß und fiel ihm über den Rücken bis zu den Hüften. Seine Augen waren von hellem Grau und blickten Sonja freundlich an.
Sie schüttelte den Kopf. ER konnte unmöglich freundlich sein. Auf keinen Fall! Dabei war sein Gesicht so jugendlich schön wie das eines Engels und sein Körper durchtrainiert, wohl proportioniert und harmonisch wie der eines jungen Gottes.
Als er jetzt die Hand nach ihr ausstreckte, wich Sonja angstvoll zurück. „Nein!“, rief sie und barg ihren Kopf in den Armen, um ihn nicht mehr ansehen zu müssen. „Lass mich in Ruhe! Ich will nicht mit dir gehen. Ich werde nicht mit dir gehen!“
Er lächelte, was sein Gesicht beinahe strahlen ließ. „Das musst du auch nicht, Sonja. Noch nicht. Bis jetzt ist nichts entschieden.“ Seine Stimme klang tief, ruhig und friedvoll.
„Warum bin ich dann hier?“, fragte Sonja verwirrt und wagte es, ihn wieder anzublicken.
Er ließ sich anmutig wie ein Tänzer im Schneidersitz auf dem Boden nieder. „Du stehst an der Schwelle, und die endgültige Entscheidung ist noch nicht gefallen. Du kannst dich also gefahrlos zu mir setzen. Ich verspreche dir, dass dir nichts geschieht.“
„Das glaube ich dir nicht. Du bist ...“ Sonja unterbrach sich, weil sie nicht wagte, IHN bei seinem Namen zu nennen. Sie fürchtete, dass den auszusprechen auf der Stelle das Ende bedeutete.
Er lachte herzlich. „Sonja, hier gibt es keine menschlichen Tücken und Falschheiten. Hier ist ein Wort genau das, was es aussagt.“ Er streckte die Hand nach ihr aus. „Komm. Hier kannst du Vertrauen haben, ohne es am Ende zu bereuen.“
„Ja, das verspricht der Teufel allen, die er einfangen will.“ Sonja war nicht bereit, ihm zu glauben.
„Aber ich bin nicht der Teufel. Ich bin nur ein Bote, der den Willen Gottes erfüllt.“
Sonja wich einen weiteren Schritt zurück. „Ich werde nicht mit dir gehen!“, sagte sie vehement.
Er zuckte mit den Schultern. „Sollte die Entscheidung so lauten, Sonja, wirst du mit mir gehen müssen. Niemand kann sich mir entziehen.“
„Ich hasse dich!“, platzte es aus ihr heraus.
Er nickte gelassen. „Ich weiß. Es gibt nur wenige, die akzeptieren wie und was ich bin und mich nicht als ihren Feind sehen.“
„Aber du bist der Feind“, beharrte Sonja, „der ultimative Feind, der alles zerstört! Aber ich will nicht, dass du mich zerstörst!“
Er schüttelte den Kopf. „Ich zerstöre gar nichts. Du zerstörst dich selbst. Deshalb bist du jetzt hier. Ich bin lediglich der Begleiter, der Führer, der dafür sorgt, dass ihr Menschen dorthin geht, wohin ihr gehört, wenn eure Zeit gekommen ist.“
„Aber meine Zeit ist doch noch nicht gekommen!“, rief Sonja voller Panik und merkte, dass nun eine Flut von Tränen über ihr Gesicht rann.
Er stand neben ihr, ohne dass sie gesehen hätte, wie er aufgestanden war. Bevor sie sich wehren konnte, nahm er sie in die Arme, drückte sie sanft an sich und streichelte sie beruhigend. Seine Berührung war nicht kalt, wie sie hätte sein sollen und erst recht nicht bedrohlich. Stattdessen fühlte Sonja sich in seinen Armen geborgen, warm und wohl. Im nächsten Moment saßen sie beide am Boden, Sonja zusammengerollt wie ein Embryo mit dem Kopf auf seinem Schoß.
„Nun, Sonja“, sagte er leise, aber vorwurfsvoll, „du hast schon seit Monaten alles dafür getan, möglichst schnell zu mir zu gelangen.“
„Das habe ich doch gar nicht“, protestierte Sonja, doch es klang nicht sehr überzeugt.
„Natürlich hast du das. Hier funktionieren Lügen nicht, Sonja. Hier gibt es nur die Wahrheit. Sieh selbst!“
Er machte eine Bewegung mit der Hand, und vor Sonjas Augen erschien ein Bild wie in einem Fernseher. Sie sah sich selbst in einem Raum mit weißen Kacheln auf einem Operationstisch liegen. Sie war mit Schläuchen an Maschinen angeschlossen, und eine Horde weiß gekleideter Ärzte und Schwestern kämpfte um ihr Leben.
„Du weißt genau, warum du dort liegst“, erinnerte ER sie unnachgiebig. „Erst kleine bunte Pillen und obendrauf auch noch Komasaufen. Dein Herz ist stehen geblieben, und die Ärzte versuchen alles, um es wieder in Gang zu bringen. Warum tust du dir das an, wenn du gar nicht sterben willst?“
„Das Leben ist doch so beschissen“, jammerte Sonja. „Die Scheiß-Schule, meine beschissenen Alten, und Sven hat mich auch verlassen. Alles ist so unerträglich!“ Aber auch das hörte sich an diesem Ort dazwischen deutlich unwahr an.
„Das Leben“, widersprach ER entschieden, „ist wertvoll, wunderbar und kostbar.“
„Das musst du gerade sagen!“, höhnte sie. „Du bist doch derjenige, der es zerstört.“ Sie wagte immer noch nicht, seinen Namen auszusprechen.
„Ja, ich bin der Tod“, stimmte er ihr zu. „Aber nicht ich zerstöre dein Leben, sondern du selbst. Ich hole dich lediglich ab, wenn es zu Ende ist. Nicht mehr und nicht weniger.“ Er fasste sie unters Kinn, hob ihren Kopf an und zwang sie, ihm in die Augen zu sehen. „Sonja“, sagte er sanft in einer Weise, wie noch niemand ihren Namen ausgesprochen hatte.
Der Klang umfasste ihr ganzes Wesen, ihr Inneres und Äußeres und alles, was dazwischen noch existieren mochte. Er erweckte etwas in Sonja, von dem sie nicht einmal geahnt hatte, dass es in ihr sein könnte, etwas Starkes und Großartiges. Es fühlte sich fremd an, und es fühlte sich vertraut an, wie die Erinnerung an etwas Schönes, das sie längst vergessen zu haben glaubte.
„Sonja“, sagte er noch einmal. „Ist es wirklich dein Wunsch, schon jetzt zu sterben?“
Sie schaute auf das Bild, das immer noch zeigte, wie die Ärzte um sie kämpfen. „Es ist doch schon zu spät“, sagte sie traurig und begriff auf einmal in aller schmerzhafter Deutlichkeit, was sie während der letzten Monate getan hatte. Alkohol und Drogen, Drogen und Alkohol und Abhängen mit Leuten, die ihre eigene Langeweile und Perspektivlosigkeit auf sie übertrugen. Die das Ende feierten, als wäre es ein Spiel, das sie jederzeit wieder abbrechen konnten. Aber sie konnten es nicht mehr aufhalten. Und für Sonja war es nun zu spät.
„In einigen Grenzfällen“, sagte ER jetzt ruhig, „besteht die Möglichkeit, eine zweite Chance zu gewähren. Das geht aber nur, wenn diese Chance verdient ist und nicht wieder weggeworfen oder missbraucht wird. Du bist so ein Grenzfall, und es liegt jetzt allein bei dir. Wenn du wirklich glaubst, dass das Leben nicht mehr wert ist, gelebt zu werden, werde ich dich mitnehmen, und du hast es hinter dir. Allerdings muss ich dir sagen, dass du in dem Fall sehr viel Schönes und Gutes aufgibst, das in der Zukunft noch auf dich wartet, aber dann natürlich niemals geschehen wird.“
„Was ist das denn?“, fragte Sonja und wurde jetzt doch neugierig.
ER schüttelte den Kopf. „Das darf ich dir nicht sagen. Du musst deine Entscheidung ohne Kenntnis deiner möglichen Zukunft treffen.“
Sonja starrte immer noch auf das Bild, das sie auf dem Operationstisch zeigte. „Wenn ich das Leben wähle, wird dann alles wieder gut?“
Er seufzte tief. „Du hast es immer noch nicht begriffen, Sonja“, tadelte er sanft. „Nichts wird von alleine wieder gut. Du musst es gut machen. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Dein Leben bringt sich nicht von selbst in Ordnung, und niemand anderes tut das für dich. Du musst die Verantwortung für dich und deine Ziele übernehmen. Es sind allein deine Entscheidungen und Taten, die dein Leben in Ordnung bringen oder frühzeitig beenden. Leicht wird das nicht, denn das Leben ist selten leicht. Und ohne den Willen, es zu schaffen, wirst du immer wieder versagen. Aber mit Drogen und Alkohol verlierst du in jedem Fall vollständig die Kontrolle darüber.“
ER fasste sie bei den Schultern und sah sie ernst an. „Triff jetzt deine Wahl, Sonja. Willst du mit mir gehen oder dem Leben noch eine Chance geben?“
Vielleicht lag es an dem, was er vorhin in ihr erweckt hatte, aber auf einmal erschien es Sonja nicht mehr unmöglich, das Leben doch irgendwie zu meistern.
„Ich will leben!“, entschied sie.
ER ließ sie lächelnd los und schob sie sanft auf eine Tür zu, die plötzlich da war.
„Wohin führt diese Tür?“, fragte sie ängstlich.
„Nach Hause, Sonja. Zurück ins Leben. Ich sage dir jetzt auf Wiedersehen, denn wir werden uns eines Tages wiedersehen. Ich hoffe nur, das dauert diesmal seine vorbestimmte Zeit.“
„Ich werde mir Mühe geben“, versprach Sonja. Sie sah IHN noch einmal an und wusste, dass sie nie wieder Angst vor ihm haben würde. „Danke“, sagte sie nur noch, trat durch die Tür und fiel zurück in ihren Körper und hinein in ein neues Leben.

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McEL

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