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Leselupe.de > Ungereimtes
Grenzland
Eingestellt am 28. 12. 2017 11:40


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Frodomir
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Registriert: Sep 2015

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Grenzland
Erz├Ąhlungen

I.

uns geh├Ârte ein Land, irgendwo
lie├čen sie uns
zur├╝ck, richteten
kein Feuer mehr auf den Treck,
flogen heim, als Mutter starb,
verdarb uns der Atem, der Hunger
brannte wie ein Bauchschuss, Vater
hatte Erde gefressen und uns
den Hund zu den Ratten gelegt,
drau├čen vor der T├╝r
hingen die B├Ąume voll.

II.

wir hatten geh├Ârt, hier m├╝ssen wir
bleiben, zwischen zwei Fl├╝ssen
bauten wir Zelte, sammelten wir
Taubenfedern als Schmuck f├╝r den H├Ąuptling,
nannte man mich Severino, f├╝r unseren Stamm
suchte ich Wurzeln, da
kamen die W├Âlfe, in Rudeln
schlichen sie hin├╝ber, umkreisten
unser Kollektiv, fra├čen die Schwachen,
zerfleischten die Krieger, die Kinder,
zerrissen die Plane unseres Wagens.

III.

als wir tr├Ąumten
von Vaters Mandarinengarten, teilte sich
die Welt, kauften wir unseren Kindern
Indianerfiguren, sie lebten
im K├╝chenschrank, ein letztes Mal
bemalte ich mein Gesicht mit
Erinnerungen, meine Heimat
w├Ąhlte ich, warf man mir vor,
ich glaube an eine falsche
Geschichte, alles lie├č ich
zur├╝ck f├╝r ein neues Jahrtausend.

IV.

wir hatten die Grenze erreicht, ├╝berall
wachten Soldaten, die Hunde
wollten uns zerrei├čen, Vater
senkte den Blick, die Blumen
fielen zu Boden, auf Mutters Grab
h├Ątten wir sie gelegt, irgendwo hier
ging der Krieg f├╝r sie zu Ende.

V.

als sie Vater fanden, irrte er
auf der Stra├če, hinter ihm
riefen sie noch: Das Volk
sind wir! Zwei Uniformierte
brachten ihn zur├╝ck
ins Heim.

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HerbertH
???
Registriert: May 2007

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Hallo Frodomir,

starke Bilder, die sich vor meinem geistigen Auge noch nicht ganz zu einer Geschichte verbinden, die zusammengeh├Ârt.

Aber vielleicht sollen sie das gar nicht, immerhin sind es ja Erz├Ąhlungen.

Grenzland, Indianer, die verlorenen Seelen, Jack London, man kann so viel assoziieren.

Ein starkes St├╝ck Lyrik, an dem man als Leser gut zu knabbern hat.

Herzliche Gr├╝├če

Herbert
__________________
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Tula
Routinierter Autor
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Hallo Frodomir

Ein starkes St├╝ck, da habe ich gern mitbewertet.

An einigen Stellen w├╝rde ich gern nachhaken, obwohl du dich wie anderswo angegeben jetzt zu jenen gesellst, die ihr Werk nicht erkl├Ąren m├Âchten

Im Detail:
- in Strophe 1, der f├╝r mich bildliche Widerspruch zwischen Trek und wieder heim fliegen
der zweite Zweifel ist inhaltlicher Natur, weil das heimfliegen bedeutet, dass es durchaus ein zu Hause gab

- Strophe 2: das Kollektiv klingt im Kontext merkw├╝rdig, besser vielleicht Volk als Synonym f├╝r Stamm

- In der letzten Strophe: hier spannt sich der geschichtliche Bogen f├╝r mich etwas unerwartet in die letzten Wochen der DDR. Ich sehe den Bezug in Sachen Heimatlosigkeit im weiteren Sinne (der Traum von einem Land, in welchem man sich nicht nur in geografischer Hinsicht zu Hause f├╝hlen kann und darf); als Abschluss wird das Thema zur zentralen Idee des Gedichts oder auch nicht, bleibt eine von mehreren von sich unabh├Ąngigen Erz├Ąhlungen. Das l├Ąsst mich noch gr├╝beln ...

LG
Tula

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Frodomir
Routinierter Autor
Registriert: Sep 2015

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Hallo HerbertH,

vielen Dank f├╝r deinen Kommentar! Ja, es handelt sich um lyrische Erz├Ąhlungen, die sicherlich viele Ankn├╝pfungspunkte bieten, aber - so habe ich es zumindest intendiert - durchaus aufs Engste verkn├╝pft sind. Ich sage in der Antwort auf Tula noch etwas dazu.

Viele Gr├╝├če
Frodomir

***

Hallo Tula,

vielen Dank auch f├╝r deinen Beitrag! Nun, dann m├Âchte ich an den Haken gehen und dir (und auch HerbertH) beim Gr├╝beln helfen, denn es ist nat├╝rlich nicht meine Absicht, dass alle Fragezeichen in den Augen haben ;-)

Vielleicht kl├Ąren sich deine Fragen besser, wenn ich vor allem auf deine Gedanken zur letzten Strophe eingehe. Hier erw├Ąhnst du n├Ąmlich das zentrale Thema dieses Gedichtes, in dem du von der DDR schreibst. Mein Text handelt von Menschen aus dem Osten Deutschlands und verfolgt in chronologischen Erz├Ąhlungen eine Familiengeschichte angefangen von der Flucht aus den ehemals deutschen Ostgebieten im heutigen Polen bis in die Gegenwart hinein.
Unabh├Ąngig sind diese Erz├Ąhlungen also nicht und ich m├Âchte fast sagen leider, weil ich als ein Mensch, der ganz kurz vor der politischen Wende in Karl-Marx-Stadt geboren wurde und so mit der DDR und dem Dritten Reich eigentlich kaum noch etwas zu tun haben d├╝rfte, beinahe t├Ąglich die Verwobenheit von Geschichte und Gegenwart erleben darf und muss. Und gerade das muss hat mich dazu getrieben, irgendwie eine Verortung des Ganzen zu finden, wodurch dann Grenzland entstanden ist.

Viele Gr├╝├če
Frodomir (In der Hoffnung, nicht zu viel erkl├Ąrt zu haben)

***

Hallo Andere Dimension,

was du vor deinem geistigen Auge gesehen hast, sah ich auch vor meinem. Vielen Dank f├╝r deinen einf├╝hlsamen Kommentar!

Viele Gr├╝├če
Frodomir

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