Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5437
Themen:   92201
Momentan online:
161 Gäste und 3 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Grossvater erzählt
Eingestellt am 21. 12. 2002 15:08


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
gelahh
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Dec 2002

Werke: 10
Kommentare: 4
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

DER GROSSVATER ERZÄHLT
ODER: WIE WAR DAS FRÜHER EIGENTLICH?

Ihre Erwartungen waren groß - wie so oft, wenn sie diesen kurzen Fußweg zurücklegten. Sie hatten sich heute extra beeilt mit ihren Schularbeiten, um die Großeltern, die auch auf dieser Seite der Stadt wohnten, zu besuchen. Egon, der ältere, war gerade vierzehn geworden und Ernst, Egons kleiner Bruder, war zwölf Jahre alt.
Zu Hause hatten sie ihrer Mutter noch schnell zugerufen: „Wir sind mit unseren Schularbeiten fertig und gehen jetzt rüber zu Oma und Opa. Die warten sicherlich schon.“
Der Großvater, dem dieser Besuch hauptsächlich gelten sollte, freute sich ebenfalls bereits auf den Besuch der beiden Enkel, die ihn oft an seine eigene Jugend erinnerten.
Wenn er alleine war, und das war er als Pensionär den größten Teil des Tages, dann wanderten seine Gedanken immer zurück in die Vergangenheit - zu seiner aktiven Zeit. Das waren die mehr als vierzig Jahre bei der Bahn. Diese Jahre hatten ihm aber auch sehr viel bedeutet.
Es war ihm damals tatsächlich gelungen, den Traumberuf aller gleichaltrigen Jungen zu ergreifen. Er hatte die vielen Eignungsprüfungen bestanden und dann zuletzt wirklich für viele Jahre eine der großen D-Zug Lokomotiven gefahren. Ja, man hatte ihn dann später auch noch umgeschult - auf eine der neuen E-Loks. Aber das war doch nicht mehr dasselbe gewesen. So wie heute kaum noch etwas so wie früher war. Aber das konnten schließlich nur die Alten verstehen, die sich an die lange zurückliegenden Zeiten erinnern konnten. Die letzten Jahre seiner aktiven Zeit hatte er sich mit der Ausbildung des Nachwuchses befaßt. Das war ein guter Abschluß gewesen.
Natürlich hatten seine Söhne recht, wenn sie ihn neckten mit der ‚alten Zeit‘. Aber die alte Zeit war eben seine Zeit gewesen. So manches Mal dachte er zurück an den Tag, an dem er damals, als der jüngste Lokomotivführer seiner Vaterstadt, den Mut aufbrachte und den Kaufmann Möller um die Hand der hübschen Ursula bat. Damit hatte ja alles begonnen. Aber auch so etwas läuft ja heute ganz anders. Es war vollkommen zwecklos, den jungen Leuten von heute, etwas von damals zu erzählen.
Wenn er nämlich von damals sprach, versetzte er sich unwillkürlich zurück in die alte Zeit. Nach fast fünfzig Jahren fiel ihm das oftmals selbst schwer genug. Die Zeit war ja wirklich so sehr anders gewesen. Seine jüngeren Zuhörer konnten ja aber nur die Worte verstehen. Die Bilder, die sie sich daraus zusammenstellten, waren Bilder der heutigen Zeit. So hatte das, von dem er erzählte, oftmals recht wenig mit dem zu tun, was die Zuhörer in ihrer Vorstellung daraus erstehen ließen. Gewiß, man konnte die alten Fotografien noch erklären, aber die Gefühle, die aus den Erfahrungen der damaligen Zeit entstanden waren, nein, die ließen sich nicht in Worte fassen. Er konnte das jedenfalls nicht.
Aber jetzt kamen Egon und der kleine Ernst um die Ecke. Die beiden wollten auch immer, daß er erzählte. Dann saßen sie, andächtig seinen Worten lauschend, um ihn herum. Ständig hatten sie neue Fragen. Wenn er den beiden kleinen Jungen von früher erzählte, hatte er komischerweise nie das Gefühl, daß er nicht richtig verstanden wurde. Die Kinder waren ja noch in dem Alter, in dem man alles Neue wie ein Schwamm in sich aufsaugt, selbst aber noch kaum Erfahrungen gesammelt hat. Und, sie hatten noch eine rege Phantasie. ihre Art, die geschilderten Umstände durch mehrmaliges Hinterfragen noch verständlicher zu machen, gefiel ihm besonders. Lange war es her, seit er selbst als kleiner Junge den Erzählungen der Alten gelauscht hatte.
„Hallo, Opa!“ ließ sich der kleine Ernst vernehmen und Egon meinte: „Du sitzt ja da, als wenn du schon auf uns gewartet hättest. Machen wir heute wieder einen Spaziergang durch den Wald?“
„Nun kommt man erst einmal herein. Die Oma wartet schon mit Kaffee. Dann können wir weitersehen.“
Und wirklich, da kam auch die Großmutter zur Tür, die natürlich ihre beiden kleinen Enkel bereits gehört hatte. Bei Oma und Opa schmeckten auch die Kuchen immer ganz anders als zu Hause. Die beiden bekamen jetzt Kaffee mit Wasser verdünnt, denn die Oma, die selbst gerne starken Kaffee trank, sagte immer, „starker Kaffee ist nichts für kleine Kinder“. Heute ließ auch der Großvater sich den Kaffee verdünnen: „Das ist ja fast schon türkischer Kaffee, den eure Oma da für uns zusammengebraut hat.“ „Heißes Wasser ist genügend da“ meinte die Großmutter nur.
Als der Kuchenteller, trotz seiner Größe, fast völlig leer geworden war und die Großmutter auf die fragenden Blicke der beiden Kinder die Kaffeetafel aufhob, blickten diese den Großvater erwartungsvoll an.
Bedächtig trat er vor die Tür, sah forschend zum Himmel, und meinte dann: „Es sieht aus, als wenn sich das Wetter halten wird. Ich will aber lieber doch den großen Schirm als Wanderstock mitnehmen. Man kann nie wissen.“
„Gehen wir wieder am Waldrand entlang, das mag ich ja am liebsten, oder durch das Dorf oder über die Felder?“ wollte jetzt Ernst wissen. Egon zischte seinen kleinen Bruder an: „Nun frag nicht so viel, sonst wird Opa noch ärgerlich und überlegt es sich anders.“ Aber der Großvater streichelte dem kleinen Ernst über das Haar und sagte: „Laß man, Egon, wenn der kleine Ernst am liebsten am Waldrand entlanggehen möchte, dann können wir das ja machen. Also, Oma, wir drei melden uns ab. Um sieben, zum Abendbrot, sind wir aber spätestens zurück.“
Die Kinder waren inzwischen schon hinausgestürmt, denn das mochten sie beide am liebsten, mit dem Opa spazierengehen. Opa hatte immer so viel zu erzählen. Wenn sie ihn fragten, hatte er stets eine Antwort, und man konnte ihn ja alles fragen. Da waren die vielen Dinge, von denen man schon gehört, die man aber bisher nie so richtig verstanden hatte. Ihre Eltern und auch die anderen Erwachsenen hatten ja nie ausreichend Zeit für sie.
Jetzt, nachdem sie bereits ein gutes Stück zurückgelegt hatten, machte sich der Großvater aber erst einmal seinen üblichen Spaß, indem er ihre Naturkunde-Kenntnisse abfragte.
„Dort drüben steht ein einzelner Baum. Um was für einen Baum handelt es sich da?“
Egon war der erste, der meinte, das beantworten zu können. „Ich würde sagen, Opa, daß es sich dabei um eine Buche handelt. Denn sie hat einen glatten Stamm und auch die Blätter sehen so aus.“
„Stimmt, mein Junge. Doch jetzt eine Frage an deinen kleinen Bruder. Wir gehen hier jetzt ja schon eine Weile an den Getreidefeldern entlang. Kannst du uns denn sagen, um welche Getreidesorte es sich dabei handelt, Ernst?“
Der kleine Ernst, der wohl wußte, daß der Großvater immer versuchte, Kenntnisse dieser Art bei seinen kleinen Enkeln zu fördern, wurde ganz aufgeregt. „Ja Opa, ich glaube, das habe ich mir gemerkt. Bei diesen Ähren sind kaum Borsten zu sehen, das heißt doch, daß es sich um Weizen handeln muß, nicht? Denn die mit den langen Borsten ist die Gerste und mit den mittellangen, das ist der Roggen. Und das dort drüben, das ist Hafer.“
„Ja, das habt ihr ja sehr gut gemacht. Die Borsten, wie du sie nennst, Ernst, heißen übrigens Grannen. Gewiß ist das alles für die meisten Kinder, hauptsächlich, wenn sie in der Stadt leben, heute nicht mehr so wichtig. ihr könnt mir aber glauben, daß solche Spaziergänge noch einmal so viel Spaß machen, wenn man sich in der Natur so ein bißchen auskennt.“
„Dürfen wir auch wieder anfangen zu fragen, Opa?“ wollte Egon jetzt wissen.
„Na, denn man los. Was habt ihr denn diesmal auf Lager?“
„Als wir das letzte Mal bei dir waren,“ begann Egon, „erzähltest du uns von deiner Kindheit. Und daß damals alles noch so viel anders war als heute. Gingst du denn auch mit deinem Opa hier in dieser Gegend spazieren?“
„Nein, dazu kam es nie. Mein Opa, der Vater von meinem Vater, wohnte zwar nicht weit von uns, aber er war im Krieg verwundet worden und hatte ein steifes Bein. Darum konnte er nur mit Hilfe eines Stockes gehen. Trotzdem erinnere ich meinen Großvater, euren Ururgroßvater, aber als einen überaus lustigen Mann. Er war, wenn ich ihn sah, immer gut gelaunt und machte gerne einen Spaß mit uns Kindern. Ihr wißt ja aber, daß jeder zwei Großväter hat. Leider sterben die Alten oftmals, bevor die Enkel sie richtig kennenlernen können. So wie ihr aber noch den anderen Opa in Berlin habt, den Opa-Helmers, den Vater von eurer Mutti, hatte ich in eurem Alter das Glück, auch noch zwei Opas zu haben. Der Vater meiner Mutter hieß Opa-Schulze und der wohnte in Hannover. Da er jünger war als mein anderer Großvater, war er nicht im Krieg gewesen. Mit ihm machten wir auch weite Wanderungen, wenn wir bei Oma und Opa-Hannover, so nannten wir den Opa und die Oma-Schulze, zu Besuch waren.“
Jetzt wollten die beiden Jungen aber mehr wissen. „Erzähl uns doch noch etwas von damals, Opa. War das Leben denn damals wirklich so viel anders als heute? Ich meine für einen kleinen Jungen zum Beispiel?“
„Ja, es war anders. Der Hauptunterschied für einen Jungen war wohl, daß man auch in den Städten noch in den meisten Nebenstraßen auf der Fahrbahn spielen konnte. Der Verkehr war damals ein ganz anderer. Es gab noch nicht sehr viele Autos. Wenn man welche sah, so waren das im allgemeinen Personenwagen. Lastautos sah man kaum, dafür aber viele Fuhrwerke, die von Pferden gezogen wurden. Ich kann mich noch gut erinnern, daß auch die Paketpostauslieferung mit einer gelben Postkutsche, mit zwei Pferden davor, erfolgte. Aber selbst die Personenautos sahen damals noch ganz anders aus. Einer meiner Onkel hatte so ein Auto, das hatte nur an der linken Seite Türen. Handbremse und Ganghebel befanden sich an der rechten Außenseite und mußten durch das Fenster bedient werden.“
„Das muß aber komisch gewesen sein. Warum hatte man denn die Hebel nicht im Wagen, so wie in einem richtigen Auto?“ Wollte da gleich der kleine Ernst wissen.
„Das weiß ich, ehrlich gesagt, auch nicht. Es war früher auch nicht so viel Platz vorne im Wagen. Die Motorhaube ging nach vorne schmal zu. Dadurch wurde es im Fußraum vor den Vordersitzen ziemlich eng. Aber ihr habt diese sogenannten Oldtimer ja doch auch schon gesehen.“
„Ach du meinst im Museum. Aber die waren doch schon hundert Jahre alt“ meinte jetzt Egon.
„Na, nun übertreibe man nicht. Hundert Jahre alte Autos sehen noch wieder anders aus, als die von denen ich euch jetzt erzähle. Schließlich bin ich ja auch noch keine hundert Jahre alt. Aber wie heute auch, gab es damals Autos, die schon zehn oder fünfzehn Jahre auf dem Buckel hatten und andere die ziemlich neu waren. Man sah viele offene Autos, in denen Leute mit Auto-brillen und leinenen Kappen saßen. Und man fuhr damals im Vergleich zur heutigen Zeit noch ziemlich gemütlich. Da gab es auch Zweisitzer, die Notsitze im Kofferraum hatten. Bei Bedarf wurden dann der schräg abfallende Kofferraumdeckel aufgeklappt und heraus kam eine Sitzbank mit Platz für zwei, wenn sie sich ganz eng zusammendrückten. Es gab auch bereits ausgesprochen schöne Autos. Mit langen Motorhauben aus denen an den Seiten chromblitzende Auspuffrohre, eines für jeden Zylinder, herauskamen. Das waren die Autos mit Kompressor. Aber so eines hatte mein Onkel natürlich nicht.“
„War dein Onkel denn ein reicher Mann, daß er damals schon ein Auto hatte?“ Wollte jetzt der kleine Ernst wissen.
Nachdenklich kratzte der Großvater seinen Kopf bevor er antwortete. „Ja, wißt ihr, ich dachte ja auch immer, daß mein Onkel ein reicher Mann sein müßte. Denn er war zu der Zeit der einzige, den ich kannte, der ein eigenes Auto hatte. Aber das war so. Er hatte auch beruflich mit Autos zu tun und kannte sich ziemlich gut mit Motoren aus. So konnte er sich bereits damals ein preiswertes gebrauchtes Auto leisten. Außerdem war er noch Junggeselle. Später, als er meine Tante geheiratet hatte und meine Cousinen da waren, hatte er auch kein Auto mehr.“
„Aber was machten denn die anderen Leute, die kein Auto hatten? Konnten die dann auch nicht in den Urlaub fahren? Es gibt doch nicht überall Eisenbahnen und mit dem Flugverkehr war es damals doch auch nicht weit her.“ Überlegte jetzt Egon.
„Erstmal gab es damals noch mehr Eisenbahnen als heute und zweitens dachten die Menschen früher nicht so viel ans Verreisen, wenn sie Urlaub hatten. Mein Vater hatte damals, glaube ich, zwei Wochen Urlaub. In den Sommerferien fuhren wir, wenn ich so zurückdenke, fast immer zu den Eltern meiner Mutter nach Hannover. Darauf freuten wir uns immer mächtig.“
„Wart ihr damals denn arm?“ Wollte jetzt Ernst aber doch etwas genauer wissen.
Jetzt mußte der Großvater aber doch lachen. „Gott, Kinder, ihr könnt euch die damalige Zeit nicht so recht vorstellen. Natürlich waren wir nicht arm. Ganz im Gegenteil, es ging uns sogar ganz gut. Mein Vater hatte nicht nur Arbeit, das war auch damals nicht immer so selbstverständlich, sondern er hatte auch gute Arbeit. Er war im Büro einer unserer alten Speditionsfirmen und war dort, soviel ich weiß, für die Buchführung und das Finanzielle zuständig. Im Büro gab es jedenfalls noch drei weitere Angestellte, die ihm unterstanden. Er hatte, glaube ich, für damalige Zeiten ein ganz gutes Gehalt. Wir konnten also wahrhaftig nicht zu den armen Leuten gerechnet werden.“
Der letzte Teil der Erzählung war oftmals von kurzen Schnaufern unterbrochen worden, denn es ging schon eine ganze Weile bergan. Dabei kam der Großvater langsam doch etwas aus der Puste. Sie hatten jetzt aber den höchsten Punkt ihrer Wanderung, Opas Lieblingsplatz, erreicht.
Der Weg bog scharf nach links ab und die drei kamen zu einer kleinen Lichtung, auf der eine einsame Bank stand. „Die schönste Bank im ganzen Land“ sagte der Großvater immer, wenn er auf dieses Fleckchen zusteuerte. Und ganz so unrecht hatte er damit nicht. Für den Wanderer, der den teilweise etwas beschwerlichen Aufstieg hinter sich hatte, bot sich hier ein herrlicher Ausblick über die weite Landschaft mit dem Fluß und einigen kleinen, weit verteilt liegenden Dörfern und ganz links konnte man gerade noch die ersten Häuser der Stadt sehen.
Natürlich waren Egon und Ernst zuerst an der Bank angelangt, die genau dort stand, wo der Ausblick am schönsten war. „Das ist Neuhaus und dort drüben, das ist Wellingsdorf und hier unten am Stadtrand kann man noch das Kunze-Haus sehen, das am Ende eurer Straße steht, Opa. Schade, daß wir nicht auch dein Haus von hier aus sehen können.“ Das war Egon, der sich in dem weiten Gesichtsfeld einen Überblick zu schaffen versuchte.
Inzwischen hatte auch der Großvater die Stelle erreicht und nahm als erster auf der Bank Platz. „Nun kommt man her und setzt euch auch erstmal hin. Daß man unser Haus nicht von hier sehen kann, hat mich noch nie gestört. Wenn einem so viel Schönes geboten wird, muß man nicht gleich Wünsche nach noch mehr haben.“
Nachdem sie jetzt alle drei gemütlich auf der Bank saßen, ließ sich der kleine Ernst leise vernehmen: „Opa?“ Als der Opa nicht gleich reagierte, sagte er noch einmal zaghaft fragend „Opa?“
Jetzt wandte sich der Opa aber, aus seinen Gedanken zurückkehrend, seinem kleinen Enkel zu. „Ja, mein Junge, was hast du denn auf dem Herzen, daß du gar so zaghaft damit ankommst?“
„Du wolltest uns immer noch die Geschichte von der Kriegsgefangenschaft weitererzählen. Du warst von dem großen Lager gerade in ein kleines Lager, das ihr Hotel nanntet, gekommen.“
„Aber von früher, von dem Leben zu deiner Kindheit meine ich, mußt du uns auch noch mehr erzählen.“ Rief jetzt Egon dazwischen.
„Na, Kinder, man nicht so stürmisch. Natürlich werde ich versuchen, für euch noch ein bißchen in meinem Gedächtnis 'rumzukramen. Also erst einmal zu Ernst. Ich dachte, ich hatte schon alles aus England erzählt. Aber, wenn ich versprochen hatte, mehr davon zu erzählen, dann muß ich mein Versprechen ja auch halten. Aber ihr kennt ja meine Erzählungen. Da kommen mir immer neue Sachen dazwischen, die mir gerade einfallen. Denn mit dem Gedächtnis ist das so eine Sache. Auf das, an das man sich gerade erinnern will, kommt man oftmals nicht sofort. Dafür kommen dann aber viele andere Dinge, für die man im Augenblick gar keine Verwendung hat, aus der Tiefe des Gedächtnisses hervor. Das ist bei alten Leuten natürlich besonders so. Aber auch ihr kennt das mit dem Erinnern zur richtigen Zeit ja schon. Denkt daran, wenn Vokabeln abgefragt werden, die ihr vorher so gut gelernt hattet.“
Bedächtig machte es sich der Opa auf der Bank noch bequemer, indem er sich zurücklehnte und ein Bein über das andere schlug.
„Also das muß wohl Ende 1946 gewesen sein. Wir waren jedenfalls fast zwei Jahre lang in einem großen Lager gewesen, als eine kleine Gruppe, zu der auch ich gehörte, verlegt wurde. Die Engländer sagten übrigens zu unseren Lägern Camp und zu den kleinen Außenlägern, die einem solchen Camp angeschlossen waren, sagten sie Hostel. Nicht Hotel, wie du vorhin sagtest, Ernst. Zwischen so einem Hostel und einem Hotel gibt es doch gewisse Unterschiede. Im Hotel gibt es zwar auch jemand, der auf den Eingang aufpaßt, das ist der Portier. Der paßt aber hauptsächlich auf, wer in das Hotel hineingeht. Beim Hostel, so wie wir sie damals kannten, war das gerade umgekehrt. Da war eine kleine Mannschaft von Soldaten nur dafür verantwortlich, aufzupassen, daß alle von uns auch ja dablieben. Der Eingang war bewacht, der Zaun rundherum bestand aus Stacheldraht und abends, wenn wir in unseren Betten sein mußten, marschierte der diensthabende Unteroffizier durch die Baracken und überzeugte sich davon, daß wir auch noch alle da waren.“
„Das hört sich ja doch an wie im Gefängnis, Opa.“ Meinte Egon.
„ Wir waren ja Gefangene. Im Laufe des Jahres 1947, also zwei Jahre nachdem der Krieg zu Ende war, wurden diese strengen Regeln aber auch endlich gelockert, jedenfalls in den kleinen Hostels. Das Tor war nicht mehr bewacht, gezählt wurde auch nicht mehr jeden Abend, und wir konnten uns während unserer freien Zeit, hauptsächlich an den Wochenenden, aus dem Lager entfernen. Da hatten wir denn auch Gelegenheit, etwas mit den Menschen dort zusammenzukommen. Und die waren in den meisten Fällen sehr nett.“
„Trotzdem war das sicherlich eine sehr schlimme Zeit für dich, nicht Opa?“ wollte jetzt der kleine Ernst wissen.
„Ach Gott, wißt ihr, wir hatten den Krieg ja gerade hinter uns und ich gehörte zu den Glücklichen, die ihn mit heilen Knochen, wie man damals sagte, überstanden hatten. Zu Hause waren diese Jahre ja auch alles andere als einfach. Dort hatte man bei der täglichen Essenbeschaffung oftmals große Probleme, etwas, das es bei uns nicht gab. Auch in der Zeit, als in England viele Nahrungsmittel rationiert und nur auf Marken erhältlich waren, - auch dort mußte sich die Bevölkerung damals für viele Jahre sehr einschränken - brauchten wir uns über das tägliche Essen keine Gedanken zu machen. Wenn unsere eigenen Köche aus den zur Verfügung stehenden Lebensmitteln dann nicht immer etwas vollbrachten, was allen von uns schmeckte, wurde natürlich gemeckert. Das gab es ja aber überall dort, wo für viele gleichzeitig gekocht wurde. Das war so beim Militär, aber auch in allen anderen Lägern, nicht nur in der Kriegsgefangenschaft. Aber das kennt ihr ja sogar schon. Denke nur an deine große Liebe für den wöchentlichen Kochfisch, Ernst. „
„Mußtet ihr denn immer essen, was es gerade gab, oder konntet ihr auch mal wählen?“ Wollte Ernst noch wissen.
„Nein, wählen konnten wir einzelnen nicht. Der wöchentliche Speiseplan wurde zwar, soweit ich weiß, zwischen den Köchen und der Lagerleitung abgesprochen, aber davon hörten wir nichts. Wir lasen am Eingang in den Speisesaal auf einer großen Tafel, was auf uns wartete. Da wir aber alle jung und nicht verwöhnt waren, ging es uns, gerade am Anfang unserer Gefangenschaft, meistens mehr um die Quantität, also um die Menge, als um die Qualität des Essens.“
Nachdem die beiden Jungen eine Zeitlang darüber nachgedacht hatten, fragte Egon: „Und wie war das mit der Arbeit? Mußtet ihr nicht arbeiten?“
„Ja, ab Herbst 1945 mußten wir arbeiten. An sich waren die meisten von uns ganz froh darüber, denn das bedeutete, daß wir auch einmal aus dem Lager herauskamen. Dadurch verging die Zeit schneller und abwechslungsreicher. Wir konnten uns dabei ja auch etwas Taschen-----geld, denn das war alles, was wir für unsere Arbeit erhielten, verdienen. Zuerst waren es stets größere Gruppen, sogenannte Arbeitskommandos, die morgens mit Lastwagen, zum Teil aber auch mit Bussen abgeholt wurden. Es ging dann zum Beispiel zu Baustellen, auf denen Gräben geschaufelt oder andere einfache Arbeiten, das heißt solche, bei denen man keine Kenntnisse haben mußte, zu verrichten waren. Erfahrene Kameraden verlegten aber manchmal auch in den von uns vorbereiteten Gräben Abflußrohre. Andere Arbeitsgruppen wurden auf große Bauernhöfe, Farmen genannt, in der näheren oder weiteren Umgebung des Lagers verteilt.“
„Was hast du denn da gemacht? Du warst doch vorher, wie du uns mal erzählt hast, nur auf der Schule und dann kurze Zeit im Büro gewesen. Konntest du denn auf einer Baustelle oder beim Bauern arbeiten?“ Wandte Egon ein.
„Jeder, der jung und gesund ist, kann körperlich arbeiten. Ich war wahrhaftig nicht der einzige, der zum ersten Mal eine Hacke, eine Schaufel oder eine Mistgabel in der Hand hatte. Natürlich merkte man die ungewohnte Arbeit unseren Händen nach kurzer Zeit an. Aber auch das ging nach einigen Tagen vorbei.
„Zuerst war ich mit einigen Kameraden auf einem Bauernhof, wo wir einen großen Hof--raum ausmisten mußten. Dann haben wir auch bei der Ernte geholfen. Damals wurden die Getreidefelder ja noch mit sogenannten Mähbindern abgeerntet. Diese Maschinen schnitten die Halme, banden sie zu Garben zusammen und warfen diese Garben dann zur Seite raus. Anschließend mußten die Garben, paarweise oder zu dritt, zum Trocknen auf dem Feld zusammengestellt werden, bevor sie mit den Wagen in die Scheune gefahren werden konnten. Im Herbst wurde dann aus den trockenen Ähren mit der eigenen, oder der von Hof zu Hof fahrenden Dreschmaschine das Endprodukt, das Korn, herausgedroschen und in Säcke gefüllt.
„Hast du das denn auch alles mitgemacht?“
„Ja Jungs, jede dieser Arbeiten habe ich mehrmals auf verschiedenen Farmen mitgemacht. Das ging vom Garben aufstellen, über das Aufladen - im hohen Bogen auf den großen Wagen. Wozu schon etwas Übung gehörte, wenn man mit Hilfe der langen Gabel eine, oder sogar zwei Garben gleichzeitig, richtig oben ankommen lassen wollte. Und dann, oben auf dem Wagen, das kunstgerechte Packen der Garben, die einem von allen Seiten zugeworfen wurden. Was man da um sich herum und unter sich aufbaute wurde immer höher und breiter. Ich habe so manchem drei oder vier Meter hoch beladenen Erntewagen besorgt nachgeblickt, wenn er da langsam über das Feld dem Hof zu fuhr. Ob das auch alles gut ging? Oder ob ich ihn vielleicht doch etwas einseitig beladen hatte. Denn während des Packens oben hat man ja nicht die Übersicht, die man anschließend von unten hat. Und beim Dreschen war ich auch mehrmals dabei. Aber ihr hört ja aus meiner Erzählung, daß selbst die Erinnerung an so manches dabei noch Spaß macht. Waren es doch alles Aufgaben, die für mich, der ja aus der Stadt kam, völlig neu waren.“
„Ich weiß wirklich nicht, ob ich das machen möchte.“ Sagte jetzt Egon nachdenklich.
„Das bringt mich jetzt aber zu etwas ganz anderem. Wenn ihr euch an die großen Felder erinnert, an denen wir vorhin vorbeigegangen sind, könnt ihr euch auch vielleicht vorstellen, wieviel Arbeit früher damit verbunden war und wie viele Menschen daran beteiligt waren, bis der Bauer das Korn in Säcke gefüllt zum Mahlen weitergeben konnte. Er war also mit seiner Ernte nicht nur vom Wetter, sondern vom gleichzeitigen Bereitstehen ausreichender Arbeitskräfte und der notwendigen Maschinen abhängig.“
„Darüber habe ich noch nie so nachgedacht. Ich habe auch noch niemals so eine Ernte, wie du sie beschreibst, gesehen.“ Meinte jetzt der größere der beiden Enkel.
„Ja, sicherlich werdet ihr euch jetzt wundern, daß man heute so wenig davon sieht, wenn man zur Erntezeit auf das Land kommt. Der Grund ist natürlich, daß auch auf dem Lande inzwischen die neue Zeit längst angebrochen ist. Das, was früher vielleicht ein halbes Dutzend Arbeiterinnen und Arbeiter in vielen Arbeitsgängen über Wochen verteilt machten, schafft jetzt ein einzelner. Und das oftmals an zwei oder an drei Arbeitstagen. Die modernen Mähdrescher werden nur noch von einem Mann bedient und fahren kreisförmig oder immer hin und her über die großen Felder. Gleichzeitig mäht und drischt die Maschine in einem fort. Der Fahrer braucht nur noch hier und da anzuhalten, um das ausgedroschene Korn in Säcke zu füllen, fertig für den Abtransport. Da gibt es kein separates Schneiden, Garbenbinden, Aufstellen zum Trocknen, Einfahren und aufwendiges Dreschen mehr wie früher. Der Bauer, der selbst keinen Mähdrescher hat, läßt die Arbeit von einem verrichten, der mit seiner Maschine von Hof zu Hof fährt. So wie früher, als der Mann mit seiner Dresch-maschine kam.“
Nun wollte aber der kleine Ernst wissen: „Was machen denn jetzt all die Arbeiter, die früher diese vielen verschiedenen Arbeiten, von denen du uns erzählt hast, gemacht haben? Die müssen ja alle irgendeine andere Arbeit gefunden haben. Oder hat das etwas mit der Arbeitslosigkeit zu tun?“
„Gut beobachtet, Ernst. Darauf will ich gerade hinaus. Denn die Arbeitsweise hat sich ja nicht nur bei den Erntearbeiten in der Landwirtschaft in den vergangenen 40 oder 50 Jahren geändert. Überall arbeitet man heute anders, als man vorher für Jahrhunderte gearbeitet hatte. Die vielen Erfindungen in den letzten hundert Jahren sind ja auch immer weiterentwickelt worden. Und das wirkt sich überall im täglichen Leben aus. Ihr könnt euch vielleicht nicht vorstellen, daß in meiner Kindheit kaum jemand einen Kühlschrank oder etwas für die Hausfrau noch viel schöneres, nämlich eine Waschmaschine, hatte. Ich kann mich noch gut erinnern, wie stolz ich war, als meine Mutter einmal zu Weihnachten einen Staubsauger bekam.
„So wie sich die Abläufe in unserem normalen Leben zu Hause änderten, so hat die Technik mit ihren ständigen Verbesserungen natürlich in noch viel stärkerem Maße die Arbeitswelt verändert. Darum ist es kein Wunder, wenn die vielen Arbeitsgänge, die man früher kannte, immer weniger wurden oder, wenn sie zum Teil sogar ganz verschwanden. Wenn ihr dann noch daran denkt, daß eure Oma und mehr noch eure Uroma mit der früher auch viel schwereren und zeitraubenderen Hausarbeit genug zu tun hatten und sich keine Arbeit außer Hause suchen konnten, wie das bei eurer Mutti und euren Tanten selbstverständlich ist, könnt ihr vielleicht verstehen, warum heute immer von Arbeitsplätzen, und daß zu wenig davon da sind, gesprochen wird.“
Während das Thema immer schwieriger wurde, verlangsamte der Großvater den Fluß seiner Erzählung. „Aber vielleicht sollten wir doch lieber wieder von England sprechen. Das mit der Arbeit ist nicht so leicht zu erklären und noch schwerer zu verstehen.“
Nachdem Egon einen Augenblick nachgedacht hatte, sagte er langsam: „Warte doch noch etwas, Opa. Denn das finde ich sehr interessant. Ich weiß nicht, ob ich das alles richtig verstanden habe. Aber, daß man durch das Einfachermachen von vielen Arbeiten anschließend mit weniger Arbeitern auskommt, - na, du weißt schon, was ich mein' - das habe ich, glaube ich, verstanden.“
Selbst der kleine Ernst hatte sich schon seine Überlegungen gemacht. „Kann man dafür nicht neue Arbeiten finden, die es früher noch gar nicht gab? Denn einer muß ja doch auch die Maschinen bedienen, die die Arbeitsplätze weggenommen haben.“
„Natürlich hast du recht, Ernst. Es entstehen ja auch immer mehr neue Arbeiten. Aber in unserem Beispiel braucht man statt der fünf oder sechs Erntearbeiter, von denen ich euch gerade erzählte, jetzt nur noch einen, und das ist der, der die Maschine bedient. Dieser Unterschied zwischen den alten und den neuen Arbeitsgängen ist natürlich nicht in allen Fällen so kraß, aber stark bemerkbar macht er sich überall - in den Werkhallen der Industrie ebenso wie in den großen Büros.
„Es gibt heute viele Arbeiten, die es früher nicht gab. Aber leider immer noch nicht so viele, daß jeder, der arbeiten will, auch Arbeit finden kann. Überlegt euch jetzt doch noch mal etwas, das dabei auch zu bedenken ist. Denn leider macht es das Ganze noch schwieriger.
„Die vielen landwirtschaftlichen Arbeiter brauchten nur gesund und kräftig genug sein, um da anzupacken, wo der Bauer oder der Verwalter es für richtig hielt. Sie bekamen natürlich im Laufe der Zeit eine gewisse Fertigkeit, weil sich die Arbeitsgänge ja während vieler Jahre immer wiederholten. Sie brauchten den Arbeitsplan aber nicht zu verstehen. Ja, selbst wenn sie ihn verstanden, konnten sie die Arbeit dadurch nicht besser machen. Sie konnten dann nur hoffen, selbst einmal Verwalter zu werden.
„Ganz anders ist das nun aber bei dem einen, der in unserem Beispiel von allen Erntearbeitern übriggeblieben ist, nämlich mit dem Bediener des Mähdreschers. Wenn der Bauer die Maschine nicht sogar selbst fährt, wird er wohl versuchen, sich einen Arbeiter zu suchen, der nicht nur fahren kann. Jetzt erwartet er von seinem einen Arbeiter, daß der beurteilen kann, wie ein bestimmtes Feld zu mähen ist. Er erwartet, daß sein Arbeiter auch eine gewisse Verantwortung für die ihm anvertraute Arbeit empfindet. Der Fahrer muß ja auf alle möglichen Hindernisse, die auf dem Feld beim Fahren sichtbar werden, richtig reagieren. Denn eine mögliche Beschädigung der großen Maschine würde nicht nur teure Reparaturen verursachen, sondern unter Umständen den Zeitplan für die Ernte durcheinanderbringen. Sicherlich erwartet der Bauer auch, daß sein Arbeiter die Arbeitsweise der Maschine versteht und kleinere und einfache Reparaturen selbst erledigen kann. Ideal wäre es natürlich, wenn der Fahrer, nachdem die Ernte zu Ende ist, sonstige Arbeiten auf dem Hof erledigen könnte.“
Jetzt hielt es der kleine Ernst nicht länger aus. „Ja, was erwartet er denn sonst noch alles von dem einen Mann? Das ist dann ja gar kein Landarbeiter mehr, sondern eher ein Monteur mit landwirtschaftlichen Kenntnissen, der gut fahren kann und dazu noch die Verantwortung aufgebürdet bekommt. Du hast doch alle Erntearbeiten auch selbst mitgemacht, Opa. Meinst du denn, daß du das mit diesem Dreschmäher auch könntest?“
„Gibt es da denn keine Gewerkschaft?“ Wollte jetzt auch Egon wissen.
„Kinder, Kinder, ich beschreibe euch doch hier nur ein Beispiel. Es ist ja nicht gesagt, daß es wirklich so funktioniert. Aber ihr müßt doch verstehen, daß der Bauer versuchen würde, so einen Mann zu finden und einzustellen. Hauptsächlich dann, wenn er sich unter vielen, einen auswählen kann.
„Und um jetzt auch noch deine Frage zu beantworten, Ernst: Nein, ich war ja auch nur einer von denen, die dort anpacken konnten, wo der Bauer es für richtig hielt. Ich selbst hatte doch gar keine Ahnung von der Landwirtschaft. Ich wäre also nicht der richtige Mann gewesen für den Mähdrescher, oder Dreschmäher, wie du ihn nennst, Ernst.“
„Da euch das Thema Arbeit ja aber anscheinend doch interessiert, können wir noch ein bißchen weitermachen. Unser Staat hat da zur Zeit große Probleme, die von einsichtigen und erfahrenen Leuten gelöst werden müssen. Nein, Jungs, ihr braucht mich jetzt nicht so erstaunt anzuseh'n. Ich weiß die Antwort auch nicht. Wir drei wollen auch nur versuchen, wenigstens die Fragen halbwegs zu versteh'n. Also gehen wir in unseren Gedanken noch ein wenig weiter.
„Die Arbeiter, die heute Arbeit haben, verdienen inzwischen viel besser als früher. Und die sonstigen Bedingungen, wie Kündigung und Urlaub, haben sich auch merklich verbessert. So haben denn auch die Arbeiter einen Anteil an den allgemeinen Verbesserungen, die die neue Zeit mit sich gebracht hat. Das haben übrigens die Gewerkschaften erreicht, Egon. Diese verbesserten Arbeitsbedingungen sind auch für die Arbeiter in sämtlichen gleichartigen Betrieben gültig. Solche strikten Vereinbarungen gibt es ja heutzutage nicht nur für sogenannte Arbeiter, sondern auch für Angestellte, ja sogar für solche im Staatsdienst. So ist es jedenfalls heute nicht mehr möglich, wie es leider früher oft geschah, daß der Arbeiter bei schlechter Bezahlung und gleichzeitig vielen Arbeitsstunden von seinem Arbeitgeber ausgenutzt wird.
„Das ist natürlich etwas Gutes. Der Haken daran ist nur der, daß die Arbeiten, die früher manchmal günstig erledigt werden konnten - und die es heute auch noch geben würde - jetzt nicht mehr gemacht werden können. Und zwar, weil die Preise dafür zu hoch wären. So hatte eure Uroma, also meine Mutter, früher auch mal eine Hilfe im Haushalt, als mein Bruder und ich noch klein waren. Das war möglich, obgleich mein Vater damals noch nicht so sehr viel verdiente. Heute würde eine Haushaltshilfe für eine junge Familie viel zu teuer sein.
„Natürlich verdiente solch eine Haushaltshilfe nicht so sehr viel. Man ging aber davon aus, daß sie sich in dieser Zeit möglichst viele Kenntnisse aneignete, die ihr bei der Gründung einer eigenen Familie später von Vorteil sein würden. Die Hausfrau versprach bei der Anstellung der Mutter des Mädchens, ihre eigenen Kenntnisse und Erfahrungen, an das Mädchen weiterzuvermitteln. Ich kann mich noch ganz gut erinnern, als Mütter mit ihren Töchtern zur Vorstellung bei meiner Mutter kamen. Es sollte so ein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden. Ähnlich war es früher bei der Einstellung von Lehrlingen in handwerkliche Berufe. Der Verdienst war gering, aber das Bewußtsein und der Stolz von einem guten Meister als Lehrling angenommen zu sein, wog dies in den meisten Fällen auf. Das zahlte sich natürlich immer erst später aus. In der Jugendzeit meines Großvaters mußten die Eltern dem Meister sogar noch Geld dafür geben, daß er sich um die Ausbildung ihres Sohnes bemühte.
„Wenn ich jetzt so an meine Kindheit zurückdenke, dann waren da aber noch so viele andere Dinge, die ganz anders waren als heute. Ihr werdet staunen, wenn ihr hört, daß damals die Post in den Städten mehrmals am Tage ausgetragen wurde und daß auch die Briefkästen öfter geleert wurden als heute. Auch wurden alle möglichen Kleinreparaturen in den meisten Fällen äußerst preiswert ausgeführt. Davon kann man heute nur noch träumen. Man muß ja jetzt bei immer mehr Dingen gleich etwas neues kaufen, weil die Reparatur, im Vergleich mit dem Neupreis, zu teuer werden würde. Und darum lohnt sich so etwas heute nicht mehr.
„In Ländern, die wirtschaftlich und technisch nicht so weit fortgeschritten sind, könnt ihr im Urlaub noch die vielen zimmergroßen Kleinstbetriebe sehen, die nur vom Reparieren aller möglichen Sachen leben.
„In den allermeisten Fällen können sich bei uns heute diejenigen, die Arbeit haben, das teurer gewordene Leben auch leisten. Dazu gehören all die vielen Dinge, die das Leben angenehmer oder sogar leichter machen. Selbstverständlich auch die Urlaubsreisen.
„Wenn ihr jetzt mal überlegt, daß vom Staat, in Zusammenarbeit mit den Unternehmern und den Gewerkschaften, erwartet wird, daß sie gemeinsam zwei Dinge gleichzeitig sicherstellen.
„Daß nämlich einerseits die Arbeiter zu ihrem Recht kommen - daß sie also genug verdienen und daß auch die Arbeitsbedingungen gut sind - und daß auf der anderen Seite möglichst alle, die arbeiten wollen, auch Arbeit finden.
„Die Arbeitsplätze, wenn es heute mehr davon gäbe, müßten ja aber nicht nur den Arbeiter und vielleicht noch seine Familie ernähren. Gleichzeitig müßten auch möglichst alle Bedingungen erfüllt sein, die für diejenigen, die bereits Arbeit haben, vereinbart wurden.
„Der Teil der Bevölkerung, der im Besitz von Arbeit ist, möchte verständlicherweise auf nichts von dem bisher Erreichten verzichten. Darum ist die Hürde für die Schaffung neuer Arbeitsplätze ziemlich hoch. Denn, wie ihr euch vorstellen könnt, steht auf der anderen Seite das Interesse derer, die diese Arbeitsplätze schaffen und dafür bezahlen sollen. Das war in unserem Beispiel der Bauer, der einen möglichst fähigen Arbeiter einstellen wollte. Die Voraussetzung wird ja immer sein, daß der neu geschaffene Arbeitsplatz sich auch für den Arbeitgeber lohnt. Und bei diesem Arbeitgeber kann es sich um einen Betrieb oder auch um einen privaten Haushalt handeln.
Es kann sich bei dem Arbeitgeber aber auch um den Staat handeln, der der gesamten Bevölkerung gegenüber für eine wirtschaftliche und umsichtige Verwendung von Steuermitteln verantwortlich ist.
Sicherlich habt ihr auch schon von sogenannten staatlichen Hilfen gehört. Das sind vom Staat gezahlte Zuschüsse oder Vergünstigungen bei der Berechnung von Steuern. Wenn ihr davon hört, denkt immer daran, der Staat selbst hat überhaupt kein Geld. Er ist ja nur unser Verwalter und hat als solcher nur das, was er an Steuern und Gebühren einnimmt.
„Um auf unseren Bauern mit dem einen Arbeiter zurückzukommen. Was nützt es dem Bauern oder seinem einen Arbeiter, wenn der Betrieb durch die Einstellung eines zweiten Arbeiters langsam unrentabel wird. Denn, weil bei der Neueinstellung natürlich die gleichen guten Bedingungen wie für den ersten Arbeiter vereinbart wurden, kann der Bauer diesen Schritt auch nicht so leicht rückgängig machen.
„Vielleicht würde der Bauer dann als nächstes überlegen, ob er nicht den Mähdrescher verkaufen sollte. Dann würde er für ein paar Tage im Sommer jemand kommen lassen, der das Ernten für ihn erledigt. Damit wäre die Hauptarbeit des ersten Arbeiters dahin. Ja, vielleicht gibt der Bauer nach diesen Erfahrungen seinen Hof auch völlig auf - weil es sich nicht mehr lohnt.
„Und unser Arbeiter, was kann der nun machen?
„Der kann nun natürlich erst einmal versuchen, dem Bauern zu beweisen, daß er der bessere der beiden Arbeiter ist.
„Sollte er seine Arbeit aber verlieren, dann könnte er auch etwas anderes versuchen, da wir ihn ja, wie ihr meintet, zu einem Universalgenie gemacht hatten. Nämlich mit Hilfe der Bank den alten Mähdrescher des Bauern, mit dem er sich ja gut auskennt, kaufen und damit Kontraktarbeit annehmen. Natürlich nur, wenn er vorher ausreichende Gespräche mit den Bauern der Gegend geführt hat.
„Da er ja aber wohl kein Universalgenie sein wird, bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich zusammen mit dem zweiten Arbeiter arbeitslos zu melden.
„Jetzt langt's aber wirklich für heute, denn ich glaube nicht, daß ihr diese ganzen Zusammenhänge verstanden haben könnt.“
Das wollte Egon aber nicht auf sich sitzen lassen.
„Hör dir doch mal das folgende Beispiel an und sage mir dann, ob ich das Ganze nicht wenigstens einigermaßen verstanden habe, Opa.
Zum Beispiel: Ich habe Arbeit, der Ernst aber nicht.
Mein guter Lohn, mein fünfwöchiger Urlaub und meine langfristige Kündigungszeit etc. etc. sind tariflich vereinbart.
Ernst möchte bei meiner Firma auch die gleiche Arbeit machen.
Die Firma sagt: Nein. Das Risiko ist uns zu groß, weil wir die Geschäftsentwicklung für das nächste Jahr noch nicht übersehen können.
Es sei denn, daß du für 500 DM weniger Lohn und einer Woche weniger Urlaub arbeiten würdest und statt der langfristigen Kündigung auch eine kurzfristige akzeptieren würdest. Dann könnten wir dich einstellen.
Ernst, der nicht verheiratet ist und der auf jeden Fall lieber arbeiten will, als Arbeitslosenunterstützung zu beziehen, ist bereit zu akzeptieren.
Das Ganze geht aber nicht, weil der Betrieb keinen Arbeitnehmer zu anderen, als den Standardbedingungen, beschäftigen darf.“
Der Opa war zuerst ganz baff, lachte dann aber schallend. „Ja, da hätte ich mir wohl den ganzen komplizierten Kram sparen können. Wenn mir doch auch so ein einfaches Beispiel eingefallen wäre. Aber die wirklichen Probleme sind natürlich doch viel komplizierter. Leider könnte ich euch das auch nicht alles erklären. Denn die Aspekte, die mir jetzt dazu noch einfallen, sind selbst für kluge Oberschüler, mein lieber Egon, ohne tiefere Kenntnisse der Struktur des Arbeitsmarktes nicht so einfach zu verstehen. Es geht dabei ja nicht allein um Logik, sondern auch um das Verständnis und die Emotionen der arbeitenden und nicht arbeitenden Bevölkerung ebenso wie um die, die darauf Einfluß ausüben können.
„Nachdem wir jetzt aber so viel abwechselnd erzählt, zugehört und nachgedacht haben, wird es glaube ich Zeit, den Rückweg anzutreten. Ihr wißt, daß eure Oma nichts mehr haßt als Unpünktlichkeit.“
Gesagt getan. Der Rückweg ging verhältnismäßig schnell vonstatten, da es ja immer bergab ging.
Als sie wieder an den großen Kornfeldern vorbeikamen, blieb der kleine Ernst für einen Augenblick stehen. Dann fragte er: „Waren eure Felder in England auch so groß?“
Nachdem der Opa auch noch einen prüfenden Blick über das große Feld geworfen hatte, sagte er: „Es ist zwar lange her, aber ich glaube, daß die üblichen Felder dort etwas kleiner waren.“
Dann waren sie auch schon wieder in Sicht des großelterlichen Hauses. Es war fast sieben und die Großmutter hatte den Abendbrottisch schon gedeckt.
Nach dem Essen brachte der Großvater die beiden Enkel noch bis an die Ecke. Von hier waren es für die beiden nur noch etwa sieben Minuten bis zur elterlichen Wohnung.
„Erzählst du nächstes Mal weiter, Opa? Ich möchte nämlich noch wissen, warum heute keiner mehr Angst vor dem nächsten Krieg hat. In der Geschichte haben wir doch gelernt, daß es immer schon Kriege gegeben hat.“ Wollte der kleine Ernst noch wissen.
„Und ich werde mir das noch mal gut überlegen, das mit dem Bauern und seinen Arbeitern.“ Ließ sich jetzt auch Egon vernehmen.
„Ja, Kinder. Und laßt euch man nicht entmutigen. Nur wer die nötige Neugier verspürt, wird sich nicht scheuen, mehr und immer mehr zu lernen.“
Und nachdem die Kinder sich verabschiedet hatten und der Großvater schon wieder auf dem Heimweg war, dachte er noch: „ Und bei euren vielen Fragen wird es für mich auch immer schwieriger, die richtigen Antworten zu finden. Aber noch wird es schon gehen.“.........


















Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zurück zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!