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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ground Zero
Eingestellt am 05. 09. 2003 11:11


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Haselblatt
Festzeitungsschreiber
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Der Pilot lehnte sich unruhig in den Pilotensessel zurĂŒck, griff in seinen Hosensack und zog ein dĂŒnnes glĂ€sernes Röhrchen hervor.
»Sobald du die Maschine in der Hand hast - aber erst dann, hörst du? - , öffnest du das Absperrventil dieser Kapsel«. So lautete die Anweisung. Er drehte am Verschluss des glĂ€sernen Röhrchens und spĂŒrte, wie sich dessen GehĂ€use infolge des raschen Ausströmens des Gases abkĂŒhlte. Dann legte er die Kapsel in die Vertiefung der Konsole, wo die Piloten normalerweise ihr SchreibgerĂ€t und die Sonnenbrille ablegen.
Sei unbesorgt, hatten sie ihn wissen lassen, das ausströmende Gas wird die Kraft und Helligkeit deiner Sinne erhöhen und dein GemĂŒt mit dem Bewusstsein absoluter Gelassenheit durchströmen.

Das Wetter war wie aus dem Bilderbuch, die Sicht war perfekt, und der Höhenmesser zeigte knapp zwölftausend Fuß, die optimale Höhe zum Einleiten des Endanflugs auf Target One. Er schob die Gashebel eine Fingerbreite nach hinten. Heading zwo-null-drei, das passte genau. Keine fĂŒnfzehn Minuten wĂŒrden vergehen, und dann, ja dann. Dann wĂŒrde die Welt den Atem anhalten.
Vor seinen Augen zog das silbergrau glĂ€nzende Band des East Rivers eine weite Schlinge in sĂŒdwestlicher Richtung. Das Höhenvariometer zeigte an, dass die Maschine mit sechzehn Fuß pro Sekunde zu sinken begonnen hatte. Das Licht der Morgensonne war von einem hellen Orange, ein Orange, wie er es noch niemals zuvor in seinem Leben als Farbe des Lichts wahrgenommen hatte. Es war dasselbe Orange, in das die Kutten der heiligen Derwische von Baalbek getrĂ€nkt waren, damals, als dutzende von ihnen zum Massaker gefĂŒhrt wurden, um auf PfĂ€hlen angebunden, von der verzehrenden Kraft des Feuers versengt zu werden. Damals hatte niemand den Atem angehalten, denn die Welt hatte keine Ahnung vom gewaltsamen Tod der Derwische, und diese sangen nur monotone Lieder, die sich langsam zu grausamen Schreien steigerten, ehe ihre Körper von den Flammen verzehrt wurden.
Aber diesmal, ja, diesmal wĂŒrde es gewiss anders sein. Alle Welt wĂŒrde den Atem anhalten, und sein Vater wĂŒrde zu ihm sprechen: Du bist ein Held, mein Sohn. Ich liebe dich, du bist mir der Liebste all meiner Söhne, weil du unbĂ€ndige Kraft bewiesen hast, und Mut. Du hast dich nicht beirren lassen vom kalten Hauch des Todes. Nein, du blicktest ihm leibhaftig ins Angesicht, mit unverrĂŒckbarer, leidenschaftlicher Entschlossenheit, wie von Mann zu Mann, oder eigentlich von Mann zu Frau. Der Tod ist eine Frau, weißt du? Du hast diesem eisig kalten, fordernden Blick ohne zu zögern standgehalten, und deshalb bin ich sehr stolz auf dich!
Und er wĂŒrde seines Vaters Lob und Anerkennung in bescheidener Demut und dankbar entgegennehmen. Er wĂŒrde seinen Kopf zu Boden neigen und des Vaters Hand kĂŒssen.
Sei bedankt, mein Vater, wĂŒrde er zu ihm sprechen. Und sein Vater wĂŒrde mit ruhiger Stimme erwidern: Erhebe dein Haupt, mein Sohn. Es ist jetzt die Zeit der Wonne angebrochen, und du, mein Sohn, du hast deinen verdienten Anteil daran. Du selbst bist die personifizierte Wonne im Antlitz der Ehre deines Volkes. Du bist wie das Glitzern des GlĂŒcks im Herzen der Geknechteten, Geschlagenen und Vergewaltigten. Du bist das Schwert des Propheten, mit dem das Feuer von Strafe und Gerechtigkeit ĂŒber den HĂ€uptern der Satansknechte entfacht werden wird.

Ein warnender Pfeifton holte den Piloten zurĂŒck aus der Tiefe seiner Fantasie. Der kĂŒnstliche Horizont signalisierte eine SchrĂ€glage der LĂ€ngsachse um knapp achtzehn Grad. Gib acht, du bist bald am Limit! Der Fluglehrer hatte es immer wieder betont: Ihr dĂŒrft die Schnauze der Maschine niemals um mehr als zweiundzwanzig Grad nach unten drĂŒcken. Niemals, habt ihr mich verstanden? Höchstens in einer extremen Notsituation zum Ausweichen oder bei einer Notlandung, aber sonst niemals!
»Warum eigentlich?«, hatte er damals den Trainer am Simulator gefragt. »Was hat das fĂŒr Auswirkungen? Ist es gefĂ€hrlich, oder geht es dabei nur um den Komfort der Passagiere?«
Ja, es sei riskant, hatte der Trainer erwidert. Eine Maschine dieses Typs sei fĂŒr soche Extremlagen nicht konstruiert. Die Strömung der Luft am Leitwerk könnte turbulent werden, und das fĂŒhre zu gefĂ€hrlichen Vibrationen. »Versuch es ruhig einmal. Der Simulator wird dir sehr prĂ€zise vor Augen fĂŒhren, welche Auswirkungen das haben kann«. Also wagte er den Versuch und stellte die Probe aufs Exempel. Und der Trainer hatte, wie erwartet, Recht gehabt: Die Maschine wurde dermaßen instabil, dass er sie beinahe ins Trudeln gebracht hĂ€tte. Er fiel mehr als viertausend Fuß, ehe er das System wieder unter Kontrolle hatte. WĂ€re er tiefer geflogen, hĂ€tte er Bruch gebaut. Ein Bruch am Simulator hĂ€tte bedeutet, dass er am Abend in der Bar fĂŒr die ganze Truppe eine Runde hĂ€tte spendieren mĂŒssen. Eine Runde Scotch fĂŒr diese Hohlköpfe, die neben ihrer Ausbildung nur Gedanken der Unzucht in ihren Gehirnen mit sich trugen. Football, nackte Frauenkörper und Alkohol. Und das wollten eines Tages Berufspiloten sein? Sie sollten sich schĂ€men, hatte er bei sich gedacht. Und all die anderen mĂŒden Figuren dieser von Dekadenz und Langeweile zerfressenen Zivilisation, sie sind nicht einen Cent wertvoller oder besser, als diese verkommenen Playboys an der Bar. Sieh dir bloß ihre Schriften an: Geld, Sex, Gewalt und Drogen, das sind die Götzen ihres Glaubens, und Gottlosigkeit bestimmt das Ende ihres Daseins, obwohl sie stĂ€ndig von einer bigotten Scheinmoral umgeben sind, so wie eine billige Hure vom Duft eines ebenso billigen Parfums.
Du weißt ja: Vibrationen am Leitwerk des Flugzeugs sind gefĂ€hrlich und riskant! Also gut, ich kann warten, dachte der Pilot fĂŒr sich, und zog die Nase des Flugzeugs wieder leicht nach oben. Wir haben noch ausreichend Zeit. Ich muss mich nicht auf das Risiko der gefĂ€hrlichen Vibrationen einlassen, noch nicht. Er lachte halblaut vor sich hin. Vibrationen, Schwingungen! Wieso Schwingungen? Am Ende wird das deutlich mehr abgeben als ein paar Schwingungen. Oh nein: es wird vielmehr ein Beben sein, ein Beben, das die Köpfe der Feinde bersten lassen und ihr GemĂŒt bis in die Grundfesten erschĂŒttern wird. Sie alle werden erzittern wie am Tage des JĂŒngsten Gerichts. Sie werden schreien vor Angst, und brĂŒllen vor Zorn. Sie werden, - ja, was weiß ich, was die noch alles werden. Erst einmal muss ich dort sein. Heading zwo-null-drei, bis November Yankee Charly inbound, und danach fĂŒnfzig Grad nach links. Der Höhenmesser meldete neuntausendachthundert Fuß. Jetzt den Transponder des SekundĂ€rradars abschalten. Klick. Die Anzeige am Display erlosch. Von diesem Augenblick an war der Flug AA011 nicht mehr, als ein anonymes Echo auf den Radarschirmen der Airtrafficcontrol im Luftraum ĂŒber New York.

Und danach, wenn alles vorbei war, wĂŒrde er an der rechten Seite seines Vaters Platz nehmen dĂŒrfen, und er wĂŒrde zu ihm sprechen, und sein Vater wĂŒrde ihm mit ruhiger wĂŒrdevoller Gelassenheit zuhören.
Ja, ich habe allen Grund zu Freude und Stolz, wĂŒrde er sagen. Ich habe mein halbes Leben damit verbracht, die Wunden meines Volkes zu beweinen. Ich habe tausende Male das Blut meiner BrĂŒder vom Boden aufgewaschen. Sie starben ohne ein Wort der Bitternis, aber ihre Herzen waren betĂ€ubt von Zorn und Hass. Ich habe oft mit angesehen, wie schreiende Kinder aus den Armen ihrer getöteten MĂŒtter gerissen wurden. Ich spĂŒre noch heute die Druckwelle der explodierenden Bomben und Granaten, ich spĂŒre jetzt noch das Kratzen des Betonstaubs in ihren Lungen und in ihren Augen, und ich rieche den Gestank von verbranntem Fleisch und Blut in meiner Nase. Wer wird jene zur Verantwortung rufen, die all das in die Welt gesetzt haben? Wer wird diese dĂ€monischen Gestalten der Finsternis ins Verhör nehmen, die das Wasser unserer Brunnen vergiftet und die Äcker unseres Landes mit Minen und Sprengfallen unbegehbar gemacht haben, auf Generationen hinaus? Wer wird die Baumeister von Betonbunkern und StacheldrahtzĂ€unen zur Rechenschaft ziehen, die quer durch unsere GĂ€rten und Herzen gezogen wurden? Wer sollte all das tun, wenn nicht ich, mein Vater?
Und ich habe das jahrzehntelange HohngelĂ€chter unserer Peiniger im Ohr, die sich am Leid meines Volkes ergötzten und mit salbungsvollen Worten ihre Schandtaten verniedlichten, wĂ€hrend die kranken Gehirne der DunkelmĂ€nner, die hinter ihnen standen, stĂ€ndig neue Methoden von Erniedrigung, Ausbeutung und UnterdrĂŒckung ersonnen. Wer wird all diese MĂ€chte aufhalten können, in ihrem zerstörerischen, selbstsĂŒchtigen GrĂ¶ĂŸenwahn, wenn nicht einer wie ich?
Und damit nicht genug: Eine Hand voll unersĂ€ttlicher, gefrĂ€ĂŸiger Riesenschlangen spannt ihren gierigen WĂŒrgegriff ĂŒber alles und jedes, was Eigentum der gesamten Menschheit ist. Sie scheuen nicht einmal davor zurĂŒck, die Natur, die Grundfeste jeder physischen Existenz auf diesem Planeten, bis zur Neige des ErtrĂ€glichen auszupressen und zu zerstören. Sie missachten die wehrlose Kreatur und vergehen sich konsequent an allen kosmischen und irdischen Gesetzen. Nach ihnen wird nichts mehr so sein, wie es vorher war, denn sie werden die Fundamente des Menschseins zerfleischt haben in ihrer unersĂ€ttlichen Gier nach Macht und Geld. Sie sind pervertierte Bestien, die alles an sich raffen und töten, ohne Wahrheit, ohne Verantwortung, ohne Sinn. Und als Ersatz fĂŒr eine verlorene Welt wollen sie uns ihre verdrehte, an wertlosem Glanz ausgerichtete Lebensweise aufzwingen, ein steriles Leben, verpackt in bunte BlechbĂŒchsen und KunststofftĂŒten. Und dort, wo die friedvolle Stille der Oase oder des Dattelhains seit Generationen die Sorgen und Schmerzen meiner BrĂŒder und Schwestern linderte, wird das Ohr durch das laute Getöse schriller KlĂ€nge, und das Auge durch die Bilder obszöner Nacktheit beleidigt. Die Jahrtausende alte Kultur unseres Volkes wird von den Ă€tzenden Exkrementen einer seelenlosen Scheinwelt zerfressen und zersetzt. Mein Vater, sag mir: Wer außer mir hĂ€tte die Kraft, diesem schĂ€ndlichen Treiben Einhalt zu gebieten? Wenn wir diese DĂ€monen jetzt nicht auslöschen, wer wird es dann fĂŒr uns tun? Denn nicht einmal vor ihresgleichen haben sie den leisesten Respekt, nicht die geringste Ehrfurcht vor der Einzigartigkeit individuellen Seins. Sie hetzen die Hunde der Böswilligkeit auf einander los, bis einer nach dem anderen verblutet und auf der Strecke bleibt. Und dann heult schon das nĂ€chste Rudel in der nĂ€chst höheren Etage, die Beißerei geht endlos weiter, und jedesmal wird das Fleisch der Gegner zĂ€her und die Luft dĂŒnner. Aber der Natur sei es gedankt: Irgendwann ermĂŒden selbst die kraftvollsten Kiefer, werden selbst die schĂ€rfsten und giftigsten ZĂ€hne stumpf, und auch die Seelen werden rostig, wie ein alter eiserner Trog. Denn alles, was da an Böswilligkeit unachtsam hinein geschĂŒttet wurde, vergĂ€rt ĂŒber die Jahre ganz langsam zu einer trĂŒben stinkenden BrĂŒhe, die an den WĂ€nden dieses Trogs klebt und ihn von innen her wie ein Ekzem zerfrisst. Und am Ende bleiben nur frustrierter Gram und unbefriedigte Habgier. Am Ende werden sie denselben Weg gehen wie die Opfer, die sie unterwegs zurĂŒck gelassen haben, und sie verkommen alle zu einem faulig stinkenden BĂŒndel von Fleisch und Knochen, von dem zuletzt nichts weiter ĂŒbrig bleibt, als ein kleines HĂ€ufchen Staub. So gesehen, mein Vater, hatte ich eigentlich gar keine andere Wahl. Ich bin ein Getriebener, und ich wurde getrieben, ein Zeichen des kalten Zorns zu setzen.

Die Maschine war inzwischen auf etwa achthundert Fuß gesunken. Da, sieh an! Dort vorne glĂ€nzte Target One in den orangegelben Strahlen der Morgensonne. Symbolhaft erhob sich das Ziel wie zwei lĂ€sternd gegen den Himmel ausgestreckte Finger. Mit diesem Ziel vor Augen, schaltete Mohammed Atta das Mikrofon auf die Kabinenlautsprecher und sprach:
»Werte Passagiere, ich habe den Platz des KapitĂ€ns dieses Flugs eingenommen und bitte höflichst um Ihre Aufmerksamkeit. Ihr alle und ich, wir werden in wenigen Augenblicken gemeinsam aus dieser Welt treten. Viele, vielleicht die meisten von Euch, sind frei von Schuld, und deshalb bedauere ich aus tiefstem Herzen, dass ich Euch keine Wahl lassen kann, jetzt, wo Ihr vor der Erfahrung steht, meine letztgĂŒltigen Begleiter zu sein auf dem Weg zur Zerstörung eines der Hauptangelpunkte der Achse des Bösen. Ihr werdet dieser Erfahrung gewiss mit Angst und Entsetzen entgegenblicken, aber ich sage Euch: FĂŒrchtet Euch nicht, denn unser Ende ist Teil eines höheren Auftrags. Mehr noch, es dient einer höheren Ordnung, die Ihr jetzt, in diesem Augenblick, noch nicht erfassen könnt. Deshalb bitte ich Euch nicht um Vergebung, sondern ich sage Euch Dank fĂŒr die Bereitschaft zu diesem Opfer, auch wenn ich weiß, dass Ihr dieses Opfer nicht freiwillig darbietet. FĂŒr diese erzwungene Bereitschaft wird man Euch spĂ€ter irgendwann ein Denkmal setzen. Mich und meine Gesinnungsfreunde wird man hingegen verdammen, und all jene, die im Hintergrund geblieben sind, wird man bis ans Ende der Welt jagen und hĂ€ngen, aber glaubt mir: Das Recht des Blutes ist das einzige universelle Recht, es ist unteilbar und gilt fĂŒr jedes Lebewesen auf diesem Planeten. Es wird selbst dann noch gelten, wenn die Menschheit nicht mehr existiert, denn Blut ist ein kosmisches Elixier.
Ihr habt jetzt noch genau dreizehn Sekunden Zeit, um mit Euch und Eurer Vergangenheit ins Reine zu kommen. - Jetzt sind es nur noch acht. NĂŒtzt die Zeit, es gibt kein ZurĂŒck, denn Eure Zukunft wird sich an diesem Ort nicht mehr weisen. – Wir sind da, ich sehe meinen Vater, er erwartet mich, und Euch ebenso, und...«
Ground Zero.

__________________
Auf bald - Heimo B.
As long as you continue to do what you always did, you will continue to get what you always got. (Abraham Lincoln)

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wondering
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Hallo Haselblatt,

ich habe mich lange mit deiner Geschichte beschĂ€ftigt. Auf die AusfĂŒhrung gehe ich gleich ein, will vorher noch sagen, dass mich das Thema, wie du es angepackt hast, ganz schön durchgerĂŒttelt hat. Aus der Sicht des Piloten zu schreiben hat was... und ich bin sehr unschlĂŒssig, ob es etwas Abstoßendes oder Mutiges hat.
Deine Schreibe ist flĂŒssig. Es sind ein paar Rechtschreib-und Zeichenfehler drin, die ich dir bei Bedarf auflisten kann. Ob die flugtechnischen Einzelheiten stimmen, wirst du recherchiert haben. Davon verstehe ich nichts. Ansonsten hat dein Text LĂ€ngen. Die Szene im Flugsimulator z.B. tut in dieser AusfĂŒhrlichkeit nichts zur Sache. Die Gedanken des Piloten beschreibst du so weitschweifend, dass es auf mich den Eindruck macht, als solle seine Tat gerechtfertigt werden. „Alle Welt wĂŒrde den Atem anhalten und sein Vater wĂŒrde zu ihm sprechen[...]“ Dieser Abschnitt hĂ€tte (mir) vollauf genĂŒgt. Statt dessen liest man wieder und wiederwas Atta denkt, einmal im Simulator, dann noch einmal im Endanflug. Wobei es mir hier doch recht unwahrscheinlich erscheint, dass der Pilot, der sich voll auf das Ziel konzentriert, in diesem Moment all diese Gedanken hat. Woher hast du den Wortlaut der Durchsage, die Atta an die anderen Passagiere richtet? Ausgedacht? Puuuhhhh... Und genau das, macht mir bei deiner Geschichte Bauchschmerzen. Du denkst dich in der Geschichte verdammt tief in den Kopf des (Todes)Piloten hinein und ich frage mich, ob die Geschichte tatsĂ€chlich eine Art Rechtfertigung der Tat sein soll, oder einfach den Flug AA011 aus der Sicht des Piloten beschreibt. DafĂŒr allerdings wĂ€re sie m.E. dann nach zu straffen.
Ich will jetzt um Himmels Willen keine polit.Diskussion auslösen, wollte lediglich schreiben, wie dein „Ground Zero“ auf mich wirkt.

Viele GrĂŒĂŸe
wondering

__________________
Wenn man die Ruhe nicht in sich selbst findet, ist es umsonst, sie woanders zu suchen.

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Rainer
???
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völlig unkonstruktiv

hallo haselblatt und wondering,

ich habe mit einem Àhnlichen problem wie wondering zu kÀmpfen:
schreibst du wertend oder nicht wertend. ich kann mir darĂŒber nicht schlĂŒssig werden.
aber, ein ambivalenzen erzeugender text war noch nie schlecht...er regt zum nachdenken an.


grĂŒĂŸe

rainer
__________________
ist meine, und damit nur EINE Meinung

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Andrea
???
Registriert: Aug 2000

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Ich schließe mich wondering v.a. in einem Punkt an: straffen, straffen und nochmals straffen. Ich schĂ€tze, du könntest gut zehn bis zwanzig Prozent kĂŒrzen, so daß die Geschichte an Dichte gewinnt. Inhaltlich habe ich am meisten Probleme mit der Abschiedsrede, da ich an die Grenzen meiner Kenntnisse des Islams stoße – gibt es dort auch dieses sehr starke Buße-Motiv wie im Christentum? In diesem Fall wĂ€re der Aufruf zur Aussöhnung durchaus einem Fanatiker zuzutrauen; wenn es das Buße-Motiv aber nicht gibt, empfinde ich die Rede als zu menschelnd und zu mitfĂŒhlend; und ich möchte bezweifeln, daß fĂŒr einen Fanatiker tatsĂ€chlich die meisten FluggĂ€ste „frei von Schuld“ sind und er sie als Begleiter auf seiner letzten Reise betrachtet; viel eher fĂ€nde ich die Bezeichnung „Werkzeug“ als realistischer.
Abgesehen von diesem Punkt (und der fÀlligen Straffung) gefÀllt mir der Text aber gut.

__________________
Andrea Rohmert

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Haselblatt
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politische Momentaufnahme

Werte Kolleginnen und Kollegen,

erst mal danke fĂŒr eure Kommentare.
Wenn das Thema den einen oder anderen "durchgerĂŒttelt" hat, dann war das durchaus beabsichtigt. Immerhin hat das zugrunde liegende Ereignis die ganze Welt durchgerĂŒttelt, und das nicht wenig.
Der vorliegende Text ist ob seiner Bauart ideal als Kurzgeschichte geeignet: Eine einzelne Person in einer einzigen, zeitlich exakt abgegrenzten Handlung.
Nur - es handelt sich eigentlich nicht um eine "Geschichte", sondern um das Schlusskapitel eines 260 Seiten langen Romans, der gg. Jahresende unter dem Titel "Die KĂ€lte des Zorns" erscheinen wird. So gesehen ist dieser Text nur eine Momentaufnahme, ein Auszug aus einem grĂ¶ĂŸerem Zusammenhang, in dem er eigentlich zu sehen und zu lesen ist, aber dieser Umstand muss auf diesem Forum zwangslĂ€ufig unerkannt bleiben.
Die "Weitschweifigkeit" des Textes reduziert sich aus diesem Aspekt auf das notwendige Minimum zur AusfĂŒllung der davor nur angedeuteten Gedanken. WĂŒrdet ihr das gesamte Werk kennen, wĂ€re das leichter zu verstehen.
Der Roman hat NICHT 11/09 zum Thema, sondern ist ein hoch angriffiger politische Text, wobei die ggst. Szene als Metapher auf einen Punkt zu verstehen ist, auf den sich eine verdrehte politische Unkultur hinentwickelt. Und die politische Entwicklung der zurĂŒckliegenden zwei Jahre zeigt ja sehr deutlich, in welche Richtung der Zug abgeht: Afghanistan, Irak, Kelly, Berlusconi, Schröders Rotweinkeller, usw...
In einem der vorigen Kapitel könnt ihr z.B. folgendes lesen:

"...Und was mich am allermeisten schmerzt ist der Umstand, dass ausgerechnet jenes Land, dem wir einen wesentlichen Teil unserer staatlichen Existenz verdanken, mehr und mehr in die HĂ€nde verbrecherischer Syndikate gerĂ€t und von Leuten beherrscht wird, die jedes Augenmaß fĂŒr die VertrĂ€glichkeit politischer Fehlleistungen verloren haben. Eine kleine Schar ausgewĂ€hlter DunkelmĂ€nner gibt die Leitlinien vor und zieht in ihrem Schlepptau ganze Kolonnen von Epigonen und Dilettanten mit sich, seien sie PrĂ€sidenten, Senatoren, Premierminister oder WirtschaftskapitĂ€ne. Sie titulieren sich als Manager und demokratisch legitimierte Mandatare, und sie bilden sich womöglich ein, zur Elite der Nation zu gehören. LĂŒge, Betrug und Eitelkeit sind die Hauptinhaltsstoffe ihres tĂ€glichen Credos, und dabei vergiften sie mit ihrer kurzsichtigen Dummheit und Inkompetenz das internationale Klima der Staatengemeinschaft..."

Ich mache kein Hehl aus meiner 68-er Vergangenheit, und dazu gehört unter anderem auch ein Zitat von Che Guevara:
"Muerte al capitalismo imperialista Yankee..."
Quot erat demonstrandum.

__________________
Auf bald - Heimo B.
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