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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Grrrh ... Weihnachten
Eingestellt am 28. 11. 2002 15:23


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Hannes Nygaard
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Sep 2002

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Nein, es kommt nicht zu pl├Âtzlich, wie es in einem alten Bonmot immer wieder hei├čt. Weihnachten k├╝ndigt sich lange im voraus an. Das beginnt mit den ersten Lebkuchenherzen, die rechtzeitig zum Ende der Sommerferien die Regale f├╝llen. Es folgen das hohe Fest vorbereitende Werbespots im Fernsehen, die man bei angenehmen sommerlichen Temperaturen im Herbst von der Terrasse aus genie├čen kann. Und in den ersten Novembertagen, wenn der herbstliche Grauschleier des Morgens den Tag begr├╝├čt, leuchten uns die ersten Weihnachtsdekorationen den noch viele Wochen w├Ąhrenden Weg bis zum Wiegenfest des Christkindes aus. Und wem das immer noch zu wenig ist, der kann zw├Âlf Monate im Jahr im romantischen Rothenburg durch die festlich dekorierte Weihnachtsausstellung schlendern. Dieses ist besonders im Hochsommer attraktiv, wenn man, in kurzen Hosen, das k├╝hlende Eis schleckend, durch die winterlich dekorierte Weihnachtslandschaft schleicht.

Weihnachten steht wirklich nicht ├╝berraschend vor der T├╝r. F├╝r mich ist eigentlich nur der Januar der Zeitraum im Jahr, in dem ich nicht an das h├Âchste deutsche Familienfest denke.

Ab Februar beginnt es bereits ÔÇô noch sehr zaghaft ÔÇô im tiefsten Herzen zu grollen. Vorsichtig bereitet sich die Furcht aus, ich beginne schon mit den ersten Notizen auf kleinen Merkzetteln, die mir zum entscheidenden Zeitpunkt die Argumentation f├╝r meinen Standpunkt erleichtern sollen.
Diese Situation erf├Ąhrt dann vorsichtige Steigerungen, bis sie im Hochsommer ein zeitweiliges Zwischenhoch erreicht hat und ich erste Vorgespr├Ąche mit meinem pers├Ânlichen Rechtsberater f├╝hre.

Diese elf Monate des Wartens, Bangens, Hoffens sind f├╝r mich ein Gr├Ąuel, das mich seit Jahrzehnten begleitet und dem ich bisher weder mit psychiatrischer Beratung noch mit geistlichen Beistand beikommen konnte.

Die letzten Monate vor dem Ereignis lassen mich missgelaunt die Welt betrachten, der Wille zur freudvollen Aufnahme kulinarischer Delikatessen ist darauf reduziert, nur das ├ťberlebensnotwendige zu sich zu nehmen, die angeblich sch├Ânen Seiten des Lebens rauschen an mir vorbei, mein angstvolles Harren sieht nur diesem einen Tag entgegen, den ich elf Monate lang f├╝rchte wie sonst nichts auf der Welt.

Irgendwann l├Ąsst es sich nicht mehr vermeiden:

Ich muss den Weihnachtsbaum aufstellen!

Nat├╝rlich ist in der Nacht zuvor nicht an Schlaf zu denken. Aufgeregt habe ich Wochen zuvor Heimwerkerzeitschriften studiert, einen passenden Kursus an der Volkshochschule besucht, wie jedes Jahr neues Elektrowerkzeug eingekauft. Freiwillig verzichtet ich morgens auf das Fr├╝hst├╝ck.

Dann stehen wir uns gegen├╝ber. Der, so wird mir gesagt, wunderbarste, gerade gewachsene, sch├Ânste je in Mitteleuropa verkaufte Tannenbaum und ich.

Wir sehen uns tief in die Augen. Ich zeige dem Baum meine neue Elektros├Ąge, den patentierten Automatikfu├č, der einen absolut senkrechten und geraden Halt garantiert, ich demonstriere dem gr├╝nen Edelgew├Ąchs mit einem Probelauf den neu auf dem Markt gekommenen automatischen, elektronisch gesteuerten Baumanspitzer. Ich drohe dem Gr├╝nling mit meiner langj├Ąhrigen Erfahrung im Umgang mit renitenten Weihnachtsb├Ąumen. Es hilft nichts. Er bleibt unbeeindruckt.

Und hinter mir steht die Familie und knurrt mich an: Wird der Tannenbaum dieses Jahr gerade stehen? Da ist es. Der Schwei├č bricht aus allen Poren heraus. Der allj├Ąhrliche Kampf mit dem Weihnachtsbaum hat begonnen, an dessen Ende in jedem Jahr das Familiendrama steht, dessen Bandbreite von der relativ harmlosen Drohung, sofort und noch vor den Festtagen die Scheidung einzureichen bis hin zum angek├╝ndigten Gattenmord reicht.

Elf Monate Angst vor diesem Augenblick brechen mit Urgewalt aus meiner Seele.

Ich ziehe mir also die festen Arbeitshandschuhe an, setzte die Tauchermaske auf und sch├╝tze meinen Restk├Ârper hinter dem Schwei├čerschutzanzug, um mich vor den b├Âsartigen Nadeln meines Erzfeindes, des j├Ąhrlichen Tannenbaumes zu sch├╝tzen.
Beh├Ąnde und mit der langj├Ąhrigen Erfahrung vergangenen Dramen befestige ich den Stamm im neuartigen Automatikfu├č und ....stelle fest, dass der Stamm f├╝r dieses Modell zu dick ist.

Im Eiltempo wird das extra f├╝r Familienv├Ąter wie mich entwickelte Spezialger├Ąt zum automatischen Anspitzen der Tannenbaumf├╝├če in Betrieb gesetzt. Einige wenige ge├╝bte Handgriffe und schon ist der Stamm auf Normma├č gestutzt.
Jetzt wird der Baumsockel erneut angepasst, fest geschraubt, was leider nur auf die konventionelle mechanische Art erfolgen kann, und schon steht der Baum.

Vorsichtig richte ich ihn auf. Tats├Ąchlich. Gerade, als h├Ątte ich ihn mit dem Lot ausgerichtet.

W├Ąhrend ich mich meiner staunenden Familie zuwende, um die bewunderten Blicke f├╝r mein Tun abzuholen, neigt sich der Baum, zuerst ganz langsam, dann mit einem satten Rauschen zur Seite und f├Ąllt um. Anscheinend war das angespitzte Ende, dass im Tannenbaumfu├č Halt finden sollte, doch etwas kurz.

So l├Âse ich also wieder die Schrauben und s├Ąge vom wundervoll gewachsenen Baum einfach einige der unteren Zweige ab. Der n├Ąchste Versuch, den Fu├č zu befestigen, erinnert mich allerdings daran, dass jetzt der von den ├ästen befreite Stamm wiederum etwas zu dick ist.

Also nehme ich ihm etwas von seinem Durchmesser.

Der Fu├č wird erneut angesetzt und, m├╝hsam genug, festgeschraubt.

Inzwischen machen sich die Finger bemerkbar, die die restlichen 364 Tage des Jahres nur Bleistifte und Computertastaturen zum Gegner haben.

Nun steht der Baum. Felsenfest! Selbst eines der in unserer Region noch nie aufgetretenen Erdbeben w├╝rde ihn nicht aus seiner Position verdr├Ąngen k├Ânnen.

Ich bin stolz auf mich.

Wenn man das linke Knie ein wenig einknickt, dazu in der H├╝fte noch ein wenig nachgibt und die K├Ârperhaltung insgesamt nach links verlagert, passend dazu auch den Kopf neigt, so dass der ganze K├Ârper eine Schr├Ąglage von etwas mehr als 20 Grad aufweist, und dann direkt auf den Baum sieht, steht er kerzengerade.

Auch in diesem Jahr gelingt es mir nicht, meine Familie zu ├╝berzeugen, dass eine wohlausgerichtete senkrechte K├Ârperhaltung nat├╝rlich nicht synchron zum fest installierten Tannenbaum passt. Schon prasseln die ersten unangemessenen Kommentare und Anmerkungen meiner Familie auf mich ein. Wenn ich zuh├Âren w├╝rde, w├╝rde ich sicher Wortfetzen wie ÔÇ×...nun geht es schon wieder los...ÔÇť vernehmen.
So bleibt mir nichts anderes ├╝brig, als den Fu├č wieder zu l├Âsen, die Schr├Ąglage durch Entfernen eines weiteren St├╝ckes des Stammes zu begradigen und dabei nicht zu vergessen, wiederum mehrere Lagen von jetzt wieder st├Ârenden Zweigen abzuschneiden.

Immerhin hat die gesamte Aktion den positiven Nebeneffekt, dass sich f├╝r Dekorationszwecke bereits ein stattlicher Haufen von Tannenzweigen angesammelt hat.

Nur haben wir in unserer Familie leider nicht so viele liebe Verblichene, dass wir mit der bereits angefallenen Menge an Tannengr├╝n alle Gr├Ąber winterlich abdecken k├Ânnen.

So k├Ąmpfe ich mich St├╝ck f├╝r St├╝ck den Stamm des immer k├╝rzer werdenden Tannenbaumes nach oben. Die Kommentare, Beschimpfungen und Drohungen meiner Familie werden immer professioneller. Sp├Ątestens zu diesem Zeitpunkt danke ich meinen Schwiegereltern inbr├╝nstig f├╝r die gute Erziehung, die sie ihrer mir heute zur Ehefrau ├╝berlassenen Tochter haben zuteil werden lassen. So habe ich zumindest von dieser Seite ├╝ber das Verbale hinausgehende Handgreiflichkeiten nicht zu erwarten.

Nachdem der Baum eine Gr├Â├če erreicht hat, die es gestattet, ihn bequem auf einer Anrichte unterzubringen, ohne dass er die Zimmerdecke ber├╝hrt, steht er auch zur Zufriedenheit aller relativ gerade.

Zum Ausrichten und Stabilisieren habe ich die drei Wandhaken sowie die ├ľse an der Zimmerdecke genutzt, an denen ich bereits in den Vorjahren die zur Verstrebung des Baumes erforderlichen Schn├╝re und Stricke befestigt hatte.

Tief atme ich durch. Jetzt habe ich einen Monat Ruhe, bevor die Angst vor dem n├Ąchsten Weihnachtsfest wieder elf Monate lang nach meinem Herzen greift.



__________________
Hannes Nygaard

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Archetyp
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Hallo Hannes, die Geschichte ist gradlienig, gut lesbar und auch sonst f├╝r den ein oder anderen nachvollzihbar. Ich teile deine Angst, ganz bestimmt. Ich m├Âchte mich aber nicht ├╝ber Weihnachten generell ├Ąu├čern. Gut finde ich hier z. b den viertletzten Absatz. "Verwandte die berblichen sind"

Auch gut so ein einfacher sch├Âner, aber f├╝r mich Kernsatz
"Ich muss den Weihnachtsbaum aufstellen"

"Heimerkerzeitschriften studiert"... hey, es geht ins satirische

Was ich nicht so gut finde, ist die L├Ąnge f├╝r ein einfaches Thema. .... aber das hab ich ja schon mal erhw├Ąhnt. Haareinf├Ąrbebescheinigung.

Okay, bis dann Archetyp

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flammarion
Foren-Redakteur
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gro├če

klasse, deine geschichte! habe mich k├Âstlich am├╝siert und grinse imer noch. mach mal so weiter!
ganz lieb gr├╝├čt
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Old Icke

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Hannes Nygaard
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Registriert: Sep 2002

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Hallo Stefan,

ja, die L├Ąnge einer KURZGESCHICHTE...

Seit der "Haareinf├Ąrbebescheinigung" kommen wir beide nicht mehr von diesem Thema los. Ich hoffe immer noch, irgendwann einmal nach Zeilen (oder Anschl├Ągen) honoriert zu werden. So ├╝be ich mich derweil in ausf├╝hrlicheren Texten.
Oder liegt es einfach daran, dass man(n) einfach etwas mehr zu berichten wei├č, wenn man nicht mehr im Twen-Shop einkaufen (darf!!!)?

Diese Anmerkungen sind nicht sehr ernst gemeint, sondern sollen auch als eine Art Replik auf Deine Kritik den lockeren Tonfall meiner weihnachtlichen Betrachtung unterstreichen.

Wenn wir den sicher sehr individuell gepr├Ągten Anschauungen zum f├╝r viele Menschen bedeutsamsten Fest des Jahres auch etwas Heiteres abgewinnen k├Ânnen, haben wir ALLE sicher keinen Verlust erlitten.

Ich w├╝nsche Dir ein Frohes Weihnachtsfest.

Liebe Gr├╝├če nach Oldenburg
Hannes

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Hannes Nygaard

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Hannes Nygaard
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Hallo Flammarion,

vielen Dank f├╝r Deine netten Worten. Auch Dir w├╝nsche ich ein Frohes Weihnachtsfest.

Liebe Gr├╝├če nach Berlin
Hannes
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Hannes Nygaard

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