Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5685
Themen:   98430
Momentan online:
90 Gäste und 1 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Gruber auf Tour
Eingestellt am 08. 09. 2019 13:41


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
anbas
H├Ąufig gelesener Autor
Registriert: Mar 2006

Werke: 830
Kommentare: 5220
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um anbas eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Gruber auf Tour

Gruber ist auf dem Weg von Hamburg an die Ostsee. Er f├Ąhrt mit der Bahn. Ab L├╝beck muss er den Schienenersatzverkehr nehmen, da p├╝nktlich zur Urlaubssaison die Gleise erneuert werden. Gruber tr├Ągt es mit Fassung, er hat sich vorab informiert und wei├č daher, was ihn erwartet. Hier kommt ihm seine fatalistische Grundeinstellung zugute. Weshalb soll er sich ├╝ber Dinge aufregen, die er sowieso nicht ├Ąndern kann.
Leicht am├╝siert beobachtet er am L├╝becker Busbahnhof andere Reisende, die hektisch nach dem Bus suchen, der sie weiter mitnehmen soll. Eltern, am Rande des Nervenzusammenbruchs, treiben ihre Kinder beim Umsteigen zur Eile an, und dann sieht man noch jene, deren Finger emsig ├╝ber das Smartphone jagen, um die versp├Ątete Ankunft mitzuteilen.
Unter den Reisenden befinden sich viele Touristen ÔÇô vom angenehmen Zeitgenossen bis zur absoluten Nervens├Ąge ist so ziemlich alles an menschlichen Lebensarten vertreten. Nat├╝rlich h├Ąlt sich Gruber f├╝r die angenehme, pflegeleichte Variante, aber ihm ist durchaus klar, dass dieses Bild fast jeder Mensch von sich selber hat. Also ├╝bt er sich auch hier in stoischer Nachsicht bez├╝glich der Macken seiner Mitreisenden und den eigenen Anfl├╝gen von ├ťberheblichkeit ÔÇô denn, wie sagte Kater Garfield schon: "Abgesehen von meiner grenzenlosen Bescheidenheit bin ich vollkommen!".
Aber seine Nachsicht hat auch Grenzen. So sind ihm Touristen, die sich auff├╝hren, als w├Ąren sie Kaiser Gro├čkotz, der am Urlaubsort Hofstaat h├Ąlt, ein Dorn im Auge. Diese Leute scheinen tats├Ąchlich der Meinung zu sein, dass sie mit ihrer Urlaubskasse nicht nur f├╝r Unterkunft, Verpflegung und Infrastruktur zahlen, sondern die Menschen vor Ort inklusive ihrer Lebensgewohnheiten gleich mit einkaufen. Sie benehmen sich so, als m├╝sste jeder Einheimische ihnen auf Knien f├╝r ihren Besuch danken.

Inzwischen hat sich der Bus in Bewegung gesetzt. Da Gruber bis zur Endstation f├Ąhrt, lehnt er sich zur├╝ck und macht es sich bequem. Es sind insgesamt sechs Bahnh├Âfe, die der Bus anf├Ąhrt. Zwischendurch gibt es keine weiteren Haltestellen. Doch in einem der kleinen Orte macht der Fahrer eine Ausnahme und l├Ąsst eine junge Frau direkt im Ortskern aussteigen, da der Bahnhof au├čerhalb des Dorfes liegt und sie sonst zu Fu├č zur├╝ckgehen m├╝sste.
Sofort st├╝rzt sich ein Touristen-Rudel auf den Bus und bittet den Fahrer, sie zu einer bestimmten Haltestelle mitzunehmen. Dieser erkl├Ąrt ruhig und freundlich, dass es sich bei seinem Bus um einen Schienenersatzverkehr handeln w├╝rde, der nur die einzelnen Bahnh├Âfe anf├Ąhrt. Ferner weist er noch darauf hin, dass er ansonsten ortsfremd ist und nur diese Strecke kennt, weshalb er gar nicht wei├č, wo sich die gew├╝nschte Haltestelle befindet.
Der stark dialektsprechende Rudelf├╝hrer der Touristengruppe l├Ąsst aber nicht locker. Er will verhandeln und Ausk├╝nfte haben, die ihm der Busfahrer gar nicht geben kann. W├Ąhrend dieser immer wieder betont, dass er und sein Busunternehmen nichts mit dem ├Âffentlichen Nahverkehr vor Ort zu tun haben, sondern nur ersatzweise die einzelnen Bahnh├Âfe anfahren w├╝rde, redet sich der Tourist immer weiter in Rage. Er schimpft ├╝ber das schlechte Netz des ├Âffentlichen Nahverkehrs und die insgesamt schlechten Bedingungen f├╝r eine Urlaubsregion. Der Busfahrer bem├╝ht sich, weiterhin freundlich zu sein. Doch seine Anspannung nimmt zu, schlie├člich verz├Âgert sich die Weiterfahrt immer mehr. Noch einmal versucht er, dem Urlauber klarzumachen, dass er ihm wirklich nicht weiterhelfen kann. Doch dieser steht inzwischen mit einem Fu├č in der T├╝r und besteht darauf, sofort zu besagter Haltestelle mitgenommen zu werden.
Nun ist f├╝r Gruber die Grenze erreicht, an der seine Gelassenheit endet. F├╝r alle deutlich h├Ârbar l├Ąsst er verlauten, dass er endlich weiterfahren m├Âchte. Dies bringt den Touristen, der Gruber scheinbar f├╝r einen Einheimischen h├Ąlt, nun richtig auf Zinne. Er p├Âbelt ihn an, dass dieser sich nicht einmischen solle, schlie├člich w├╝rde er hier in der Region viel Geld lassen. Grubers Verhalten und das des Busfahrers w├Ąren absolut gesch├Ąftssch├Ądigend f├╝r den Tourismus vor Ort.
Gruber atmet langsam durch. Er sp├╝rt, wie eine dunkle Seite in ihm geweckt wird. Eine Seite, der es Spa├č macht, in den Krieg zu ziehen, das Gegen├╝ber zu vernichten anstatt es bedingungslos zu tolerieren. Gruber wei├č, dass er rhetorisch einiges zu bieten hat.
"Sie scheinen zu denken, dass ich von hier bin", sagt Gruber ganz ruhig. "Das ist aber nicht so."
"Aha, woher kommen Sie dann, dass Sie denken, sich hier einmischen zu m├╝ssen?"
"Aus Berlin", l├╝gt Gruber.
"Na, das merkt man. Die sind da alle so unh├Âflich", raunzt der Mann. "H├Âren tut man das aber nicht."
"Ich habe Hochdeutsch gelernt", erwidert Gruber gelassen. "Das w├╝rde Ihnen auch gut tun!"
"Arschloch!"
"Na geht doch", sagt Gruber grinsend. "Das war jetzt sauberes Hochdeutsch."
F├╝r norddeutsche Ohren unverst├Ąndlich fluchend tritt der Mann vom Bus zur├╝ck, w├Ąhrend es sich Gruber wieder in seinem Sitz bequem macht, etwas entt├Ąuscht dar├╝ber, dass der verbale Schlagabtausch schon so schnell endete. Aber die Fahrt kann jetzt endlich weitergehen.


__________________
Wenn der Weg das Ziel ist, kann man nicht falsch abbiegen.
(anbas)

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Blumenberg
H├Ąufig gelesener Autor
Registriert: Feb 2016

Werke: 29
Kommentare: 369
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Blumenberg eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Andreas,

ich hoffe du nimmst mir das nicht ├╝bel, aber mir kommt die Geschichte, so wie sie jetzt ist noch wie ein Entwurf vor. Die Grundidee und der Name des Protagonisten passen, ich glaube aber, dass an dem Text noch ein bisschen was zu tun ist.

Ich beginne mal mit der inneren Aufbau:

Zun├Ąchst finde ich die Dopplung der Touristen (im Bus und au├čerhalb) st├Ârend, weil im Prinzip zweimal das gleiche Motiv vorkommt. Im ersten Abschnitt als generelle Reflexion. Gruber hat nichts gegen Touristen, aber solche, "die sich auff├╝hren, als w├Ąren sie Kaiser Gro├čkotz, der am Urlaubsort Hofstaat h├Ąlt, ein Dorn im Auge." Im unteren Abschnitt das Gleiche dann in Persona des Touristen der mitfahren will. Ich w├╝rde auf die Touristen im Bus verzichten und den reflexiven Teil in den unteren Abschnitt verschieben, dort macht er Sinn.

Dies h├Ątte noch einen anderen Vorteil, es w├╝rde die Erz├Ąhlung ein wenig straffen. Das ist ein weiterer Punkt, besonders im ersten Abschnitt. Hier gehst du teilweise sehr reflexiv ins Detail, was dem Text den Schwung nimmt.

Den Satz: "Hier kommt ihm seine fatalistische Grundeinstellung zugute" braucht es beispielsweise gar nicht, da die Einstellung des Protagonisten direkt danach im Satz: "Weshalb soll er sich ├╝ber Dinge aufregen, die er sowieso nicht ├Ąndern kann" zum Ausdruck gebracht wird und das erheblich leichtg├Ąngiger in einer Floskel und erlebter Rede.

An dieser Stelle (und l├Ąsst eine junge Frau direkt im Ortskern aussteigen...Sofort st├╝rzt sich ein Touristen-Rudel auf den Bus") bin ich ins Stocken geraten. Hier geh├Ârt in meinen Augen eine Haltestelle hin. Warum sollte sich ein Touristenrudel, deren Anf├╝hrer auf Mitnahme pocht auf einen Bus st├╝rzen, der irgendwo wild an der Stra├če h├Ąlt um einen Fahrgast aussteigen zu lassen. Das w├Ąre zumindest begr├╝ndungsbed├╝rftig.

Als letzten Punkt sehe ich den Dialog am Ende, der ja die Schlusspointe bilden soll, im Augenblick aber noch nicht wirklich der H├Âhepunkt ist, auf den die Erz├Ąhlung zul├Ąuft. Er wird eingeleitet mit: "Gruber wei├č, dass er rhetorisch einiges zu bieten hat." Dann erwarte ich als Leser gerade als pointierten Abschluss der Geschichte, ein rhetorisches Feuerwerk in Grubers Dialogteil und m├Âchte vergn├╝gt dabei zusehen, wie er den R├Ądelsf├╝hrer verbal vorf├╝hrt und zur├╝ckschl├Ągt. Daf├╝r ist der Dialog aber in meinen Augen zu kurz und argumentativ zu weit vom eigentlichen Thema (dem eingebildeten Anrecht auf Mitnahme vs will endlich weiter) entfernt. Vor allem weil, die Frage woher Gruber kommt, f├╝r den Streitpunkt ├╝berhaupt keine Rolle spielt. Das Wortduell funktioniert genauso, wenn Gruber als ortsfremder kenntlich ist. Hier w├╝rde ich ausf├╝hrlicher werden und versuchen etwas mehr Komik einzubauen. Au├čerdem w├╝rde ich versuchen, die beiden Sprecher sprachlich weiter von einander abzusetzen, wof├╝r es ebenfalls noch ein wenig mehr Raum br├Ąuchte.

Ich glaube aber, dass du aus dem Stoff in jedem Fall eine vergn├╝gliche Geschichte herausholen kannst. Vielleicht helfen dir meine Leseeindr├╝cke dabei ja ein wenig weiter.

Liebe Gr├╝├če

Blumenberg


Bearbeiten/Löschen    


anbas
H├Ąufig gelesener Autor
Registriert: Mar 2006

Werke: 830
Kommentare: 5220
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um anbas eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Blumenberg,

was soll ich Dir ├╝bel nehmen? Wegen solcher R├╝ckmeldungen bin ich in der Leselupe!
Du kritisierst in einem absolut fairen "Tonfall", bist weder polemisch noch wirst Du pers├Ânlich und begr├╝ndest Deine Kritikpunkte f├╝r mich sehr gut nachvollziehbar. Daher danke ich Dir sehr f├╝r Deine R├╝ckmeldung (die aus meiner Sicht das hier hin und wieder vergebene "rote Redaktions-Bienchen" verdient h├Ątte ).

Ich wei├č aber noch nicht, wann ich es schaffe, an diesem Text weiter zu arbeiten. Im Moment bin ich froh, wenn ich ├╝berhaupt mal etwas schreibe oder ├╝berarbeite. Auf jeden Fall habe ich "den Gruber", den ich eigentlich demn├Ąchst an anderer Stelle ver├Âffentlichen wollte, zun├Ąchst einmal in den Ordner "Warteschleife" verschoben, in dem meine noch einmal zu ├╝berarbeitenden Texte ihr Dasein fristen .

Liebe Gr├╝├če

Andreas
__________________
Wenn der Weg das Ziel ist, kann man nicht falsch abbiegen.
(anbas)

Bearbeiten/Löschen    


Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Werbung