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Leselupe.de > Kurzprosa
Gruppentherapie
Eingestellt am 24. 05. 2002 11:31


Autor
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Sommersprossenelfe
???
Registriert: Mar 2002

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Eine unertr├Ągliche Stille herrschte im Raum. Die Therapeutin lie├č ihre Augen aufmerksam ├╝ber jedes Gesicht der sieben Patienten schweifen. Einige sahen durch das Fenster dem Treiben der grauen Wolken zu. Andere fixierten einen Punkt an den kahlen W├Ąnden des Raumes oder stierten auf den graublauen Teppich.
Antje wippte mit ihren Beinen auf und nieder.
„Bist du nerv├Âs?“ fragte Helga gereizt.
„Ja“, meinte sie schuldbewu├čt und konzentrierte sich krampfhaft darauf, die Beine stillzuhalten.
Die Therapeutin legte ihren Kopf schief und sah Antje mit ihren gro├čen Augen an: „Vielleicht sollte das eine Aufforderung sein.“
„Aufforderung?“ Antje schluckte. „... Zum Reden?!“
Die Therapeutin l├Ąchelte ermutigend. Erwartungsvoll richteten sich alle Augenpaare auf Antje. Sinnend betrachtete sie ihre F├╝├če. ‚Oh Gott! Was soll ich denn sagen? Wo soll ich anfangen? Wie sie mich alle anstarren!‘
„Hat Ihre Nervosit├Ąt mit den Gedanken um ein Familiengespr├Ąch zu tun?“ half die Therapeutin.
„Ja.“ Sie seufzte. „Ich wei├č nicht, ob es besser w├Ąre, erst mit meiner Mutter allein zu sprechen oder gleich mit beiden Eltern.“ Sie atmete tief durch, denn schon jetzt standen Tr├Ąnen startbereit.
‚Wird ja Zeit! Sieben Wochen bist du in der Klinik und wir wissen ├╝berhaupt nichts von dir!‘ dachte Helga.
„Ich glaube, mein Vater wei├č nicht, was damals vorgefallen ist ...“ Sie konnte die Tr├Ąnen nicht mehr zur├╝ckhalten. Mitf├╝hlend sahen alle dem inneren Kampf zu. Jana reichte ihr ein Taschentuch.
„Ich war ungef├Ąhr elf ... allein zu Hause. Mein Opa kam zu Besuch. ... Er war betrunken. ... Ich ging in mein Zimmer ... Er kam hinterher. ... Er hat mich ... er hat mich gek├╝├čt und ... Also er hat ... er hat mich sexuell mi├čbraucht.“
Jana sah, wie Antje am ganzen K├Ârper zitterte.
‚Und ich bin traurig, da├č mich noch nie ein Mann angefa├čt hat – dann lieber gar nicht wie so!‘
Eva knetete unruhig ein Taschentuch in ihren H├Ąnden.
Emira wechselte unruhig von einer Sitzposition in die andere. „Ich finde das heftig!“ platzte sie heraus. „Das ist sowas von heftig! Dem Wixer sollte man das Ding abschneiden!“
Antje versuchte ihr Zittern und die Tr├Ąnen in den Griff zu bekommen. „Das ... das war nicht das Schlimmste. ... Schlimmer war die Reaktion meiner Mutter. ... Ich wei├č nicht, was ich ihr sagte. ... Sie erz├Ąhlte mir, da├č mein Opa nicht mein richtiger ... nicht mein leiblicher Opa sei ... Meine Oma wurde vergewaltigt ... meine Mutter ist das Produkt davon. ... Und ich soll aufpassen, was ich anziehe, wenn wir mit den Gro├čeltern zusammen sind ...“ Tr├Ąnen ersticken ihre Stimme. Unsicher sah sie hoch in das betroffene Schweigen hinein. Viktor, der sonst keine Gef├╝hle an sich heranlie├č, hatte Tr├Ąnen in den Augen. S├╝lo sah man die innere Spannung an, w├╝tend zuckten seine H├Ąnde und Augenlider.
„Wie f├╝hlen Sie sich jetzt?“ fragte die Therapeutin.
„Unsicher – es sagt keiner was“, erwiderte Antje.
„Also mich macht das w├╝tend!“ meinte Viktor. „Ich als Vater w├╝rde den Opa einen Kopf k├╝rzer machen!“
„Ich habe Angst, wenn mein Vater davon erf├Ąhrt, ... da├č meine Eltern sich streiten und scheiden lassen. Die ganze Familie entzweit sich vielleicht und ich bin dran Schuld!“
„Quatsch!“ entfuhr es S├╝lo.
„Das ist doch nicht deine Schuld! Schlie├člich wurde dir das angetan. Dein Opa ist Schuld, nicht du!“, meinte Jana.
„Das wirbelt so viel Staub auf – nach so langer Zeit. Meine Mutter hat es doch nur gut gemeint. Sie ...“
„Deine Mutter hat dich im Stich gelassen!“ rief Helga.
„Er hatte keinerlei Recht, dir soetwas anzutun! Daf├╝r gibt es keine Entschuldigung oder Rechtfertigung!“ sagte S├╝lo.
„Ihre Mutter hat Ihr Erlebnis mit etwas noch Schlimmeren weggewischt.“, erkl├Ąrte die Therapeutin.
Antje weinte stumm.
Die Therapeutin sah auf die Uhr. „Ich mu├č das Gespr├Ąch hier leider beenden.“
Ganz benommen erhoben sich alle und trotteten in Richtung Raucherraum. Die Therapeutin wandte sich noch einmal zu Antje: „Bitte melden Sie sich bei den Schwestern oder mir, wenn Sie jemanden brauchen.“ Antje nickte und verschwand v├Âllig ersch├Âpft f├╝r den Rest des Tages in ihrem Zimmer.


__________________
Lausche mit dem Herz,
dann wirst Du versteh┬┤n.

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margot
???
Registriert: Mar 2002

Werke: 298
Kommentare: 3340
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ich bin mir unsicher

ganz toll geschildert, als h├Ąttest du es
selbst erlebt. ich hasse therapeuten(innen)
und gruppentherapien. das dumme ist: warum
brauchen wir diese therapien? zwingt uns
jemand? oder sind sie aufdoktrinierte seelen-
arzneien? ich kenne diese schei├če aus der
perspektive eines alkoholikers. ich traf noch
nie jemanden, dem diese form der gehirnw├Ąsche half.
allerdings ist die gruppe f├╝r viele der letzte
angelpunkt, um sich mit seinen erlebnissen
halten zu k├Ânnen. das ist fatal.
wichtiger empfinde ich einzelgespr├Ąche, wenn
es um solch intime tatsachen geht. leider f├╝hlt man
sich hinterher wie ein ausgewrungener, alter wasch-
lappen. die sogenannte anteilnahme der gruppenteil-
nehmer ist beschissen d├Ąmlich. am liebsten w├╝rde
ich die therapeutin in der luft zerrupfen.
angeblich geh├Ârt das alles zur therapie. und nach-
dem man sich ordentlich selbst bel├╝gen kann, wird man als geheilt entlassen.

danke f├╝r deinen guten text

margot

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schlagt mich bitte nicht tot. ich bin kitzlig.

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