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Leselupe.de > Kurzprosa
Guantanamera
Eingestellt am 19. 01. 2010 00:17


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ulivs
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Guantanamera

Ich muss zugeben, dass ich mich durch den Namen hatte anziehen lassen. Buena Vista Social Club klang gut. Eine Nacht mit kubanischer Musik der f├╝nfziger Jahre. Dass das Publikum ausschlie├člich aus Touristen bestehen w├╝rde, war mir klar. Man sa├č am Tisch, a├č und vorne spielte die kubanische Band, tats├Ąchlich ├╝berwiegend ├Ąltere Herren, dazu ein paar S├Ąngerinnen. Ein gro├čartiger Saxophonist, wie alt mochte der sein? Vielleicht siebzig? Manche der Musiker seien recht bekannt gewesen, fr├╝her, sagte Daniel.
Daniel sa├č links neben mir, Mexikaner, Mitte Zwanzig, netter Typ, eine Spur zu tuntig. Seine Gro├čeltern seien aus Deutschland gekommen, betonte er mehrfach, er toure gerade drei Wochen durch Kuba. Rechts neben mir sa├č Robert, der seine grauen Haare in einem Pferdeschwanz trug. Dreiundsechzig sei er und eigentlich aus Pennsylvania, lebe aber seit ├╝ber drei├čig Jahren in Nordkalifornien.
Ob das keine Probleme gebe, als Amerikaner in Kuba?
"Ich muss sie nat├╝rlich bel├╝gen!" antwortete Robert. "Wenn ich zur├╝ckkomme. Ich fliege sowieso ├╝ber Mexiko, es gibt keine Direktfl├╝ge. Ich sage dann, ich war in Mexiko und passe auf, dass ich keine Souvenirs aus Kuba mitbringe. Damit d├╝rfen sie mich nicht erwischen. Das Gesetz hei├čt "Trading with the Enemy Act". Wenn ich als US-B├╝rger in einem kubanischen Gesch├Ąft Souvenirs kaufe, versto├če ich gegen das Verbot mit unseren Feinden Handel zu treiben. Feind der Vereinigten Staaten ist aber nur ein einziges Land: Kuba. Ist das nicht absurd?"
Ich h├Ârte einen Moment lang nicht richtig hin, denn am Nachbartisch hatte ich drei Che Guevaras entdeckt. Offenbar Japaner. Alle mit Baskenm├╝tze, vorne angesteckt wie es sich geh├Ârt ein roter Stern, und Che-B├Ąrtchen, das bei einem von ihnen allerdings h├Âchstens ein eher l├Ącherlich wirkender Flaum war. Sie sa├čen nebeneinander, l├Âffelten die Touristensuppe und schauten zur Band. Gab es irgendwo in der Stadt einen Che-Guevara-├ähnlichkeitswettbewerb?
Ich hatte in Havanna schon zwei Ches gesehen. Einer war dem echten sogar ziemlich ├Ąhnlich gewesen, wahrscheinlich ein Italiener, er hatte auf einer Treppe gesessen und in einem Reisef├╝hrer "L'Avana" gelesen. W├Ąre ein sch├Ânes Foto gewesen. Der andere Che, der mit seiner Freundin an der Hand und einem Eis in der anderen durch Havannas Altstadt geschlendert war, schien vom Aussehen her auch eher S├╝deurop├Ąer zu sein, vielleicht Lateinamerikaner. Deutsche Ches hatte ich leider nicht gesehen. Daf├╝r hatten auffallend viele Deutsche ein T-Shirt mit dem Korda-Foto an. Zwei trugen dazu eine arabische Kufiya um den Hals, was, fand ich, auf Kuba irgendwie seltsam wirkte.
"Land der Freien!" Robert lachte laut und hatte damit meine Aufmerksamkeit zur├╝ck. "Und wir glauben daran. Ich habe selbst daran geglaubt. Habe mich sogar freiwillig gemeldet. Ich war achtundsechzig in Quang Ngai. Da habe ich viel gelernt, glaubt es mir. Ich habe Dinge mitbekommen, die sind nie rausgekommen. Ich sage Euch, keiner w├╝rde glauben, dass sein Land so etwas tut. Heute weiss man, dass von vornherein alles L├╝ge war, die Tonkin-Sache und ├╝berhaupt alles. Sie haben einfach gelogen! Und ich habe mich freiwillig in den Krieg gemeldet, weil ich an die L├╝gen geglaubt habe. K├Ânnt Ihr Euch vorstellen, was das hei├čt?"
W├Ąhrend Robert begann auszuholen und uns von Flugzeugtr├Ągern erz├Ąhlte, die alle rechtzeitig aus Pearl Harbor ausgelaufenen seien, ├╝bersetzte Daniel mir die Texte der Lieder, die er praktisch alle mitsingen konnte. Musik aus der Jugend seiner Eltern, sagte er, viele kubanische St├╝cke aus den F├╝nfzigern seien in Mexiko bis heute beliebt.
"Ich weiss nicht, was Ihr ├╝ber den elften September denkt...." Wieder Robert, aber ich war inzwischen gedanklich vollst├Ąndig bei den Japanern, die eben noch am Nebentisch gesessen hatten. Kubanische T├Ąnzer hatten angefangen, die Touristen zur Polonaise aufzufordern und die drei Ches hatten sich begeistert eingereiht. Sie fotografierten sich und die sich bewegende Polonaise unabl├Ąssig und waren offensichtlich sehr gl├╝cklich. Vielleicht war der Sozialismus noch sch├Âner als sie gedacht hatten?
Wir hatten die Aufforderung mitzutanzen abgelehnt, aber Daniel sang jetzt laut mit: "Mi verso es un ciervo herido, que busca en el monte amparo." Er h├Ârte Robert nicht mehr zu. "Habt Ihr gesehen, wie WTC 7 eingest├╝rzt ist? Geradeaus nach unten in sich zusammengesackt, in Sekunden. Ein Geb├Ąude, das nur von Tr├╝mmerteilen getroffen wurde. Wer sehen will, wie eine kontrollierte Sprengung aussieht, kann sich die Bilder von WTC 7 ansehen".
Die Japaner kamen jetzt genau an uns vorbei. Einer juchzte vor Freude. Wir k├Ânnten davon ausgehen, sagte Robert, dass vieles, was in unseren Geschichtsb├╝chern stehe, ebenso falsch sei wie die Geschichten ├╝ber Massenvernichtungswaffen im Irak. Mag sein. Die drei japanischen Che Guevaras allerdings, die vor uns zu "Guantanamera" Polonaise tanzten, die waren echt.

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