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Leselupe.de > Kurzgeschichten
HAMBURGER SCHMUDDELWETTER
Eingestellt am 23. 03. 2002 11:55


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heidi dorma
Hobbydichter
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HAMBURGER SCHMUDDELWETTER



Zeitgleich mit dem Urlaubsbeginn von Marina Becker vor knapp einer Woche hatte sich das sommerliche Hoch verabschiedet und nun nieselte es seitdem fast ohne Unterbrechung. Anfangs hatte es ihr nichts ausgemacht. So hatte sie endlich mal Zeit f├╝r den l├Ąngst f├Ąlligen Fr├╝hjahrsputz, aber jetzt wo alles blitzblank war, w├Ąre sie gerne am Deich im alten Land spazieren gegangen ÔÇô aber nicht bei diesem Wetter. Marina schloss die Augen und tr├Ąumte von Sonne, Strand und Meer. Obwohl es ihr finanziell recht gut ging musste sie doch sparen. Sie verkniff sich eine sch├Âne Reise, denn ein neues Auto war ihr wichtiger.

Zum ersten mal seit ihrer Scheidung f├╝hlte sich Marina alleine. Deprimiert lie├č sie sich in einen Sessel fallen. Sie war jetzt 47 Jahre alt, seit 1┬Ż Jahren von ihrem Mann Reinhard geschieden und ihre beiden Kinder wohnten schon lange nicht mehr zu Hause. Ihr Sohn Klaus war schon 28 Jahre alt und in 4 Monaten w├╝rde er Marina zur Gro├čmutter machen, ihre Tochter Clarissa war 3 Jahre j├╝nger als Klaus. Klaus und Clarissa hatten zum gleichen Zeitpunkt bei Marina am Stadtrand von Hamburg geheiratet. Es war eine lange im Voraus geplante Doppelhochzeit. Reinhard hatte kurzfristig seine Teilnahme abgesagt, obwohl er seiner Tochter versprochen hatte sie zum Altar zu f├╝hren. Er musste berufsbedingt f├╝r ein paar Tage in die Staaten. Marina kannte seine Unzuverl├Ąssigkeit was die Familie betraf. Daran war die Ehe gescheitert. Nicht einmal f├╝r die Beerdigung ihrer Eltern hatte er Zeit. Alles und jeder war f├╝r Reinhard nach der Geburt seiner Kinder wichtiger f├╝r ihn als seine Familie.

Klaus war mit seiner Frau aus beruflichen Gr├╝nden vor ein paar Monaten nach Bad Harzburg gezogen, Clarissa hingegen wohnte mit ihrem Mann schon ├╝ber ein Jahr in Flensburg. Kurz mal eben die Kinder besuchen gehen, das konnte Marina also nicht. Sie schaute aus dem Fenster und ├╝berlegte, was sie bei dem Schmuddelwetter anstellen k├Ânnte. Mittlerweile war es 11:15 Uhr. Gedankenlos schaltete sie den Fernseher an und zappte durch die Programme. Auf zwei Sendern lief eine Talkshow, auf gleich mehreren anderen Programmen gab es wegen den olympischen Spielen Sport und auf einem weiteren Kanal wurde ein Buch vorgestellt. Das war es! Wie lange war es jetzt her, dass Marina ein Buch gelesen hatte? Sie ├╝berlegte ÔÇô das war im Krankenhaus als Clarissa geboren wurde. Sie wusste, dass neben dem Rathaus eine B├╝cherei neu er├Âffnet hatte. Dort wollte sie sich etwas zu lesen holen.

Als Marina ihr Auto erreichte musste sie ver├Ąrgert feststellen, dass sie den Schl├╝ssel in ihrer Wohnung vergessen hatte. Zum Gl├╝ck hatte sie eine wetterfeste Jacke an. Sie beschloss zu Fu├č in die City zu gehen. Dabei benutzte sie eine Abk├╝rzung quer durch den kleinen Wald. Die Abs├Ątze ihrer Pumps bohrten sich in den Schlamm. Durch den Regen war der Boden aufgeweicht und teilweise richtig matschig. Marina musste h├Âllisch aufpassen um nicht hinzufallen, doch die frische Luft tat ihr gut. Obwohl sie schon ├╝ber 30 Jahre hier wohnte war sie diesen Weg vorher noch nie gegangen. Sonst war sie immer mit dem Auto in den Ort gefahren. Nach gut 10 Minuten erreichte sie eine Weggabelung. Sollte sie nun links oder rechts gehen? Marina entschied sich f├╝r links, denn es war niemand zu sehen, den sie fragen konnte. Eine pl├Âtzlich aufkommende Windb├ zerriss ihren Schirm. Marina schmiss ihn weg. Nach weiteren 5 Minuten sah sie in einiger Entfernung das Dach des Rathauses. Also hatte sie den richtigen Weg gew├Ąhlt. Sie hatte keine Ahnung, dass dies ein Rundweg war, der links und rechts gleicherma├čen zum Ortskern f├╝hrte. Endlich hatte sie die B├╝cherei erreicht. Nachdem sie eine Mitgliedskarte ausgef├╝llt und eine geringe Aufnahmegeb├╝hr entrichtet hatte, durfte sie sich B├╝cher ihrer Wahl ausleihen. Verwirrt stand Marina vor den vielen Regalen. Sie las Buchtitel und Namen von Schriftstellern, von denen sie vorher noch nie etwas geh├Ârt hatte. Dann erst sah sie, dass sie in der Abteilung f├╝r Forschung und Technik gelandet war. Sie suchte weiter. Erst im ├╝bern├Ąchsten Gang wurde sie f├╝ndig. Einige Autorennamen und auch einige Titel waren ihr vom H├Âren bekannt. Marina entschied sich f├╝r zwei B├╝cher aus der Rubrik Humor. Das Wetter war schon traurig genug, sie wollte endlich mal wieder lachen.

Als Marina die B├╝cherei verlie├č hatte es aufgeh├Ârt zu regnen. Sie schlenderte die Einkaufs-Passage l├Ąngs, kaufte ein paar Kleinigkeiten und wunderte sich, dass einige Leute sie recht pikiert ansahen. Sie kontrollierte den Sitz ihrer Kleidung. Dann fiel ihr Blick auf ihre total verdreckten Schuhe. Ohne lange zu ├╝berlegen eilte sie zur Sparkasse und hob von ihrem Konto Geld ab. Schnellen Schrittes f├╝hrte ihr Weg in den n├Ąchsten Schuhladen. Marina wusste genau was sie wollte ÔÇô bequeme flache Laufschuhe und ein zweites Paar in der Art, wie Marina sie jetzt trug. Die alten Pumps, die sie jetzt an ihren F├╝├čen hatte, waren hin. Sie lie├č sie gleich in dem Gesch├Ąft zur├╝ck. Daf├╝r zog sie sich die neu erworbenen Laufschuhe an.

Vor dem Schuhgesch├Ąft stand ein Taxi. Der Fahrer bl├Ątterte gelangweilt in einer Illustrierten. Obwohl es wieder zu regnen angefangen hatte entschloss sich Marina trotzdem zu Fu├č nach Hause zu gehen. Die Handtasche ├╝ber die Schulter geh├Ąngt und zwei gro├če Plastiktaschen in der Hand ging sie wieder in die gleiche Richtung aus der sie vor 2 Stunden gekommen war. Ein k├╝hler Wind kam auf. Durchgefroren und pitschnass kam Marina zu Hause an. Sie ├╝berlegte kurz, was sie tun k├Ânnte, damit sich ihr Wohlbehagen wieder hebt. Am liebsten w├Ąre sie jetzt in die Wanne gestiegen und h├Ątte ein Entspannungsbad genommen. Warum eigentlich nicht? Marina lie├č Wasser in die Wanne ein, stellte ein paar brennende Kerzen davor, holte eines der beiden B├╝cher, die sie sich aus der B├╝cherei ausgeliehen hatte und legte es auf den Rand der Wanne. Jetzt fehlte nur noch leise Musik und ein Glas Rotwein. Endlich konnte sie in die Wanne steigen.

Als Marina nach ├╝ber 3 Stunden die Wanne verlie├č, hatte sie das Buch schon halb gelesen. Jetzt knurrte ihr der Magen und der K├╝hlschrank war leer. Sie griff zum Telefon und w├Ąhlte die Nummer vom Pizza-Service. Es war besetzt. Viermal versuchte sie noch den Bringdienst zu erreichen, doch sie hatte Pech und bekam keinen Anschluss. Da Marina schon 2 Gl├Ąser Wein getrunken hatte konnte und wollte sie jetzt nicht mit dem Auto in den Ortskern zu ihrem Stamm-Italiener fahren. Genervt zog sie sich an und ging zu Fu├č im Nieselregen in ein griechisches Lokal, welches sich gleich bei ihr in der N├Ąhe befand. Marina kannte das Lokal nur vom Sehen. Als sie durch die Eingangst├╝r ging, schlug ihr eine wohlige W├Ąrme entgegen. Obwohl es mitten in der Woche war, war das Lokal sehr gut besucht. Nur noch ein einziger allerdings gro├čer Tisch f├╝r 10 Personen war frei. Daran setzte sich Marina. Am Nebentisch unterhielten sich einige Hobbyg├Ąrtner. Sie schimpften auf das Wetter, denn sie konnten weder den Rasen m├Ąhen, noch das Unkraut j├Ąten. Die Spazierg├Ąnge mit den Hunden machten auch keinen Spa├č. Ein Kellner brachte die Speisekarte. Zur gleichen Zeit betrat eine Gruppe von 7 Personen das Lokal. Ohne Umschweife setzten sie sich bei Marina mit an den Tisch. Sie redeten von Gott und der Welt. Schon nach wenigen Minuten zogen sie Marina in die Unterhaltung mit ein. Sie erfuhr, dass diese Leute einem neu gegr├╝ndeten Verein angeh├Ârten, der HEISS hie├č ÔÇô was bedeutete: Hamburger Erkunden Ihre Sch├Âne Stadt. Dieser Verein war f├╝r ortsans├Ąssige und Leute aus dem Umland gedacht, die mehr ├╝ber ihre Stadt wissen wollten und von alleine nicht den Antrieb hatten diesbez├╝glich etwas zu unternehmen.

Marina musste sich eingestehen, dass auch sie von Hamburg so gut wie nichts kannte. Im Alter von 15 Jahren war sie von Cuxhaven mit ihren Eltern nach Neu Wulmstorf, an den Stadtrand von Hamburg gezogen. Den einzigen Weg den sie kannte war der Weg zur Schule und den zur Disco, wo sie am Wochenende gelegentlich hinging. Mit 17 Jahren lernte sie dort Reinhard, ihren sp├Ąteren Ehemann kennen. Er wohnte im gleichen Ort wie sie. Sein Vater war Zahnarzt und Marina machte bei ihm eine Ausbildung als Zahnarzthelferin. Kurz vor ihrer Abschluss-Pr├╝fung wurde sie schwanger und ein halbes Jahr sp├Ąter heiratete sie. Ausgehen und reisen waren aus finanziellen Gr├╝nden nicht m├Âglich, denn sie hatten sich eine gr├Â├čere Eigentumswohnung gekauft. Marina wurde ungewollt wieder schwanger. Sie h├Ątte gerne halbtags in ihrem Beruf gearbeitet, aber Reinhard wollte das nicht. Er war der Meinung, dass er seine Familie alleine ern├Ąhren m├╝sste. Er arbeitete von fr├╝h bis manchmal sp├Ąt in die Nacht und auch am Wochenende ging er oft ins B├╝ro. Sein Einsatz wurde belohnt und er stieg auf der Karriere-Leiter h├Âher und h├Âher. Das hatte zur Folge, dass er f├╝r seine Familie immer weniger Zeit hatte. Urlaub g├Ânnte er sich h├Âchstens mal eine Woche. Selbst dann nahm er sich noch Arbeit mit nach Hause. F├╝r die Firma stand er immer auf Abruf bereit. Bei den Einschulungen der Kinder war er nicht anwesend wegen irgend welchen Besprechungen, als sie konfirmiert wurden war er jedes mal auf Dienstreise. Geburtstage und die Hochzeitstage verga├č er regelm├Ą├čig. Reinhard verdiente ├╝berdurchschnittlich gut. Das Geld investierte er in teure Autos ÔÇô f├╝r sich selbst. Marina musste sich mit einem kleinen Gebrauchtwagen f├╝r die Fahrten zum Einkaufen im Ort zufrieden geben. Er trug Ma├čanz├╝ge, schlie├člich musste er die Firma repr├Ąsentieren ÔÇô seine Frau bekam gelegentlich mal ein Kleid von der Stange. Den Kindern gegen├╝ber war er gro├čz├╝gig. Das Taschengeld, das sie bekamen, lag weit ├╝ber dem Durchschnitt. Nat├╝rlich musste jedes Jahr ein neuer Computer gekauft werden. Die sch├Ânen M├Âbel aus dem Esszimmer wurden gegen Marinas Willen verschenkt und der Raum als B├╝ro umfunktioniert. Sie selbst wollte wegen den Kindern Streit vermeiden und f├╝gte sich ihrem Schicksal. Reinhard behandelte seine Frau wie eine Leibeigene. Nachdem die Kinder ihre eigenen Wohnungen bezogen hatten, nahm Marina, ohne ihren Mann zu fragen, eine Ganztagsstellung bei einem Zahnarzt an, der seine Praxis im Ortskern neu er├Âffnet hatte. Daraufhin machte ihr Reinhard ihr eine gewaltige Szene. Im Streit fiel von Marinas Seite schlie├člich das Wort Scheidung. Reinhard war aufgestanden und hatte wortlos die Wohnung verlassen. Am n├Ąchsten Tag kam er zur├╝ck um seinen Computer, seine Kleidung und seine Hygienesachen abzuholen. Er hatte sich mit einem Anwalt kurzgeschlossen. Marina sollte die mittlerweile schuldenfreie Wohnung mit dem gesamten Inventar behalten. Auch f├╝r die monatliche Umlage wollte er aufkommen und ihr freiwillig eine bestimmte Summe Unterhalt zahlen. Au├čerdem w├╝rde er in die von ihr gew├╝nschte Scheidung einwilligen. Am Tag ihrer Silberhochzeit wurden sie geschieden. Obwohl Marina zu diesem Zeitpunkt gerade Urlaub hatte wusste sie nicht, was sie zuerst machen sollte. Sie hatte keine Zeit f├╝r irgendwelche dunkle Gedanken, denn die Hochzeit ihrer Kinder stand unmittelbar bevor. Die einzige Freundin die Marina hatte, hatte Reinhard schon vor Jahren aus dem Haus geekelt. Nachdem Marina wieder berufst├Ątig war, hatte sie nur an den Wochenenden frei. Samstags wurde eingekauft, geputzt und abends ferngesehen. Sonntags schlief sie lange und bei sch├Ânem Wetter ging sie gerne am Deich spazieren. In weniger als einer Minute zog Marinas ganzes Leben in Gedanken an ihr vorbei.

Sie erschrak, als der Kellner sich nach ihren W├╝nschen erkundigte. Ein kurzer Blick in die Speisekarte gen├╝gte. Marina entschied sich f├╝r die Grillplatte. Dazu bestellte sie sich ein Mineralwasser. Die Runde an ihrem Tisch war fr├Âhlich und ausgelassen. Die Dame, die neben Marina sa├č, zupfte sie am ├ärmel. Wortgewandt versuchte sie Marina f├╝r HEISS zu gewinnen. Marina z├Âgerte, sie wollte nur etwas essen und es sich dann zu Hause gem├╝tlich machen. Der Mann, der ihr gegen├╝ber sa├č, unterbreitete ihr ein Angebot. Sie sollte doch ganz einfach an dem heutigen Vereinsabend unverbindlich teilnehmen. Nach dem Essen wollte man zusammen nach Hamburg zum Hauptbahnhof fahren. Dort w├╝rde man sich mit den Gruppen aus den anderen Stadtteilen treffen. Gemeinsam wollten sie dann die abends beleuchtete Speicherstadt besichtigen und danach vielleicht noch in einer Privatbrauerei, die ganz in der N├Ąhe lag, ein Bier trinken gehen. Von der Speicherstadt hatte Marina schon geh├Ârt. Sie wurde jetzt doch neugierig und willigte schlie├člich ein. Zusammen mit den anderen Leuten verlie├č sie das Lokal. Gemeinsam gingen sie zu der nahe gelegen Bushaltestelle. Es nieselte noch immer. Marina hatte keinen Schirm dabei, aber eine alleinstehende Dame, die etwa im gleichen Alter wie Marina selbst war, nahm sie mit unter ihren Schirm. Einige Minuten sp├Ąter kam der Bus. Der Herr, der Marina eingeladen hatte, bezahlte das Fahrgeld. Marina wollte ihren Anteil dazugeben, aber der gute Mann sch├╝ttelte nur den Kopf. Etwa 20 Minuten sp├Ąter waren sie an der S-Bahnstation Hamburg-Neugraben, die in die Innenstadt nach Hamburg zum Hauptbahnhof fuhr. Als sie den Bahnsteig betraten fuhr die S-Bahn gerade ein. Marina ├╝berlegte, wann sie zuletzt mit Bus und Bahn gefahren war ÔÇô 12, 15 Jahre war das bestimmt schon her. Sie wollte die Fahrt genie├čen, doch der Herr, der sie eingeladen hatte, dr├╝ckte ihr eine Brosch├╝re von HEISS in die Hand. Es war ein Terminplaner. Die Teilnahme an den Unternehmungen war jedem Mitglied freigestellt. Neben allen m├Âglichen bekannten und auch weniger bekannten Sehensw├╝rdigkeiten, die dieser Verein besuchen wollte, standen unter anderem auch noch Themen wie z.B. die Geschichte Hamburgs aus der Gr├╝nderzeit bis heute,Hafenrundfahrt,Fleetenrundfahrt bei Nacht, Politik, Firmenbesichtigungen, Besuche in Zoos, Dia-Vortr├Ąge, Sportveranstaltungen, Kietz-Bummel, Travestieshow, Opern/Operettenbesuche, Theaterbesuche, Wanderungen, Kulturelles, Wissenswertes und noch einige andere Themen mit in dem B├╝chlein. Bei Wissenswertes stutzte Marina und fragte ihren Sitznachbarn, was damit gemeint sei. Er erkl├Ąrte ihr, dass zum Beispiel Hamburg mehr Br├╝cken als Venedig hat und der Stadtteil, der am weitesten entfernt vom Hamburger Rathaus liegt, ist die Insel Neuwerk bei Cuxhaven. Letzteres wusste Marina. Schon waren sie am Hauptbahnhof.

Zusammen fuhr man die Rolltreppe zu den Bahnsteigen hinauf. Etwa 60 Personen standen schon wartend da, aber noch waren nicht alle vollz├Ąhlig versammelt. Marina geh├Ârte zur Gruppe S├╝d. Dann gab es noch die Gruppen Nord, West, Mitte und Ost. Auf die Gruppe Ost musste der Rest noch warten. Nach etwa 10 Minuten stiegen etwa 10 Personen, die zu dieser Gruppe geh├Ârten, aus dem gerade angekommenen Zug. Marina erfuhr, dass der Verein auf den Tag genau vor einem Monat gegr├╝ndet worden war und bereits 88 Mitglieder hatte. Eigentlich treffe man sich nur an den Wochenenden, aber zur Feier des Tages auch heute. Alle Mitglieder waren erschienen und gemeinsam wechselte man auf einen anderen Bahnsteig ├╝ber. Die Fahrt ging bis zu den Landungsbr├╝cken. Als sie den Bahnhof dort verlie├čen hatte der Regen fast aufgeh├Ârt. Marina bot sich ein herrlicher Anblick. Es war bereits dunkel und die Schiffe waren wundersch├Ân beleuchtet. Man hatte einen Stadtf├╝hrer engagiert, der den Vereinsmitgliedern etwa eine halbe Stunde lang jede menge Wissenswertes ├╝ber den Hafen vermittelte. Danach verabschiedete er sich wieder. Anschlie├čend setzte sich die Gruppe zu Fu├č in Richtung Speicherstadt in Bewegung. Nach etwa einer halben Stunde hatten sie ihr Ziel erreicht. Marina hatte zwar im Fernsehen mal einen Bericht von diesem Ort gesehen, aber in Natura war alles noch viel sch├Âner. Die Wege f├╝hrten kreuz und quer durch den Freihafen. Einer der Vereinsmitglieder war - bis vor seiner Pensionierung vor einem halben Jahr - hiesiger Zollinspektor. Er erkl├Ąrte der Gruppe was f├╝r Ware in welchem Zollschuppen lagerte. Der Regen wurde wieder st├Ąrker. Hinter Marina raschelte es recht merkw├╝rdig. Sie drehte sich um und erschrak. Etwa 2 Meter von ihr entfernt lag zusammengerollt unter einer Decke ein Mensch auf der Stra├če. Schutz vor dem Regen bot ihm nur ein Br├╝ckenvorsprung. Fast alle hatten den Penner gesehen. Einige gingen angewidert weiter, andere z├╝ckten aus ihren Taschen Portemonnaies und gaben dem fierenden Mann ein paar M├╝nzen. Marina war entsetzt. So hautnah hatte sie das Elend noch nie erlebt. Der Mann tat ihr leid. Auch sie wollte ihm etwas zukommen lassen. Da sie keine M├╝nzen hatte, gab sie ihm einen kleinen Geldschein. Der Penner bedankte sich ├╝berschw├Ąnglich. Die Gruppe setzte sich wieder in Bewegung. Ihr Gang f├╝hrte ├╝ber eine Br├╝cke. Musik erklang. Eine voll besetzte Barkasse fuhr unter ihnen durch. Eine Fleetenfahrt bei Nacht konnte sich auch Marina gut vorstellen ÔÇô aber alleine? Es war schon recht sp├Ąt. Einige Leute verabschiedeten sich und machten sich auf den Heimweg. Sie waren berufst├Ątig und mussten am n├Ąchsten Tag fr├╝h aus den Federn. Die Ortsgruppe S├╝d wollte geschlossen in die Brauerei gehen. Obwohl es regnete waren alle gut gelaunt. Insgesamt waren sie jetzt immerhin noch etwa 50 Personen.

Durch die Fensterscheibe sah man schon von der Stra├če die gro├čen blanken Kupferkessel. Die Gastst├Ątte war klein und menschenleer. Marina war entt├Ąuscht, etwas gr├Â├čer hatte sie sich das Lokal schon vorgestellt. Einige Leute gingen zielstrebig auf einen kleinen Flur zu. Dahinter verbargen sich mehrere gr├Â├čere S├Ąle, die etwa 1.000 Personen Platz boten. Ein hauseigener Musiker spielte auf einem Accordeon mexikanische Musik. In diesem Saal war kein einziger Tisch mehr frei. In einem kleineren Nebenraum wurden in Windeseile einige Tische zusammengestellt, sodass hier alle gemeinsam sitzen konnten. Der Vereinsvorsitzende orderte auf Kosten des Vereins und zur Feier des Tages ein gro├čes Weissbier f├╝r alle. Marina kam sich wie eine Nassauerin vor. Spontan erkundigte sie sich nach den Aufnahmebedingungen zwecks Mitgliedschaft bei HEISS. Der Pr├Ąsident pers├Ânlich ├╝berreichte ihr das Formular. Einige Exemplare hatte er immer dabei. Marina las die Bedingungen durch. Name, Adresse, Telefonnummer, Geburtsdatum und jeden Monat 12,- Euro Mitgliedsbeitrag waren zu entrichten. Daf├╝r wurden Fahrkosten erstattet und freier oder erm├Ą├čigter Eintritt bei den Veranstaltungen finanziert. Marina f├╝llte den Bogen aus und unterschrieb ihn. Danach wurde sie ganz offiziell als neues Mitglied vorgestellt. F├╝r kurze Zeit stand sie im Mittelpunkt der Runde. Einerseits war es ihr peinlich, andererseits genoss sie die nur ihr gewidmete Aufmerksamkeit in vollen Z├╝gen. Die Zeit verging wie im Flug. Es war schon fast Mitternacht, als sich die Gruppe trennte. Es nieselte noch immer. Spr├╝hregen schlug Marina ins Gesicht. Es st├Ârte sie nicht - im Gegenteil. Sie genoss die k├╝hlen Tropfen auf ihrer Haut. Die Luft war sauber und es roch nach Salzwasser.

Der Gruppenleiter dr├Ąngte, denn die letzte S-Bahn wartete nicht auf sie. Die Zugverbindung vom Hamburger Hauptbahnhof nach Neugraben war sp├Ątabends alles andere als gut. Am Wochenende war es noch miserabler und die Buslinie zum Stadtrand, wo Marina wohnte, fuhr gar nicht. Da die meisten Veranstaltungen aber nachmittags stattfinden w├╝rden, w├Ąre das nicht weiter tragisch. Das alles erfuhr Marina in der S-Bahn von einem ebenfalls aus Neu Wulmstorf stammenden Vereinsmitglied, mit dem sie zum Hamburger Hauptbahnhof fuhr. Da sein Auto dort am Bahnhof stand, bot er Marina an, sie nach Hause zu fahren. Sie nahm das Angebot dankend an und setzte sich nach vorne auf den Beifahrersitz. Auf der R├╝ckbank fuhr noch ein weiteres Ehepaar mit.

Die Fahrt mit dem Auto f├╝hrte quer durch den Freihafen ├╝ber die K├Âhlbrandbr├╝cke. Marina war beeindruckt. Die Aussicht von hier oben war einfach nur wundersch├Ân. Tausende von Lichtern waren links, rechts, vor und hinter ihnen zu sehen ÔÇô Schiffe, Fabriken, der Container-Terminal, hohe Geb├Ąude der Innenstadt... Endlich war sie wieder zu Hause. Der junge Mann, der Marina nach Hause gefahren hatte, war nicht viel ├Ąlter als ihr eigener Sohn. HEISS geh├Ârten Mitglieder von jung bis alt, Paare und Singles an. Zwei Tage sp├Ąter am Samstag stand die Besichtigung des Fernsehturms auf dem Plan. Marina freute sich schon darauf. Mit einem Glas Rotwein und leiser Musik wollte sie diesen Tag ausklingen lassen. Sie schaltete das Radio ein. Es lief gerade der Wetterbericht: ÔÇ×Auch in den n├Ąchsten Tagen ist nicht mit Wetterbesserung zu rechnen.ÔÇť Sie blickte aus dem Fenster. Im Lichtschein der Stra├čenlaterne sah sie ein Liebespaar, welches sich unter einem Regenschirm k├╝sste.

Marina schloss die Augen: Hamburger Schmuddelwetter ÔÇô es kann so sch├Ân sein.

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Heidi Dorma

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flammarion
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hallo

heidi, eine sehr angenehme geschichte ist dir da gelungen. gef├Ąllt mir. ganz lieb gr├╝├čt
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Old Icke

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eve collie
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Hamburger Schmuddelwetter

Hallo Heidi,
als Neuling bei der Leselupe habe ich es gewagt, eine Bewertung abzugeben. Ich finde Deine Geschichte wirklich super, weil sie gut recherchiert ist hinsichtlich der ├ľrtlichkeiten und Lust auf Weiterlesen macht.
Viele Gr├╝├če von eve

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