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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Hab' Geduld
Eingestellt am 14. 05. 2009 13:48


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Epiklord
Festzeitungsschreiber
Registriert: May 2009

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Zu meinem sechsten Geburtstag hatte ich mir sehnlichst ein Fasanenpaar inklusive Außenvoliere gewĂŒnscht, so wie es unser entfernter Nachbar, die Tischlerei Kiewel, besaß. Doch Vater meinte beschwörend: „Du bist noch zu jung dafĂŒr. Also hab’ noch ein wenig Geduld.“

Inzwischen stand ich kurz vor meinem zehnten Geburtstag und war immer noch fasanenlos, hatte mich aber all die Jahre des Wartens darĂŒber hinweggetröstet, indem ich mir eine ansehnliche Sammlung von Federn heimischer Vögel anlegte. Die Federn fand ich auf meinen ungezĂ€hlten StreifzĂŒgen durch Wald und Wiesen, die mein Elternhaus, einen alten Aussiedlerbauernhof, umgeben.

Aber ausgerechnet die herrliche Schwanzfeder von einem Fasanenhahn fehlte mir noch, und mich packte der Ehrgeiz, die Sammlung bis zu meinem anstehenden Geburtstag zu vervollstÀndigen. Doch wie sollte ich in zwei Tagen zu so einer Feder kommen?

Vater war abends immer in seiner Werkstatt und machte irgendwelche Holzarbeiten. Wie ĂŒblich vor meinem Geburtstag durfte ich auch diesmal nicht in die Werkstatt schauen. Sicher bastelte er mir irgendein Spielzeug oder wieder ein Holzgewehr, wie im letzten Jahr.

Tags darauf besuchte ich Tischlermeister Kiewel. Zweimal die Woche ließ er mich in seinen Garten zu der Außenvoliere mit dem schönen Fasanenpaar. Ich hörte Herrn Kiewel mit seinen Lehrlingen schimpfen: „Ihr Löffeljuden, ihr unnĂŒtzes Pack!“ Er war ein mittelgroßer Mann, dick und energisch, mit einem breiten, vor Erregung stets gerötetem Gesicht.

Mir gegenĂŒber verhielt er sich aber jedes Mal freundlich. Ich wollte ja auch nur seine Prachtvögel bewundern. Und je lĂ€nger ich den schillernden Hahn betrachtete, je stĂ€rker wuchs in mir das Begehren nach so einer Schwanzfeder.

Ich radelte heim. Im Hausflur auf der Garderobenanlage fiel mir sofort dieser Hut auf, und an ihm steckte wahrhaftig das Objekt meiner Begierde, eine wundervolle Schwanzfeder eines Fasanenhahns. Der Hut gehörte Tante Elfriede, die extra zu meinem Geburtstag von weither angereist war. Am liebsten hÀtte ich die Feder sofort in meinen Besitz gebracht, aber man hÀtte mich sogleich als TÀter entlarvt. Und mein Verlangen nach so einer Feder wurde nur noch unertrÀglicher.

Es gab nur eine Möglichkeit. Kiewel und seine Frau gingen freitags abends immer außer Haus. Es war Freitagabend und ich schlich mich zu ihrer Außenvoliere und hatte GlĂŒck, denn der Fasanenhahn lag dicht am Drahtgeflecht. Ich nĂ€herte mich vorsichtig und redete beruhigend auf ihn ein. Er rĂŒhrte sich nicht. Unvermittelt sprang ich direkt vor den KĂ€fig und packte den Vogel an den drei Schwanzfedern, die ein kurzes StĂŒck durchs Drahtgeflecht lugten. Ich wollte ihn nur um eine Schwanzfeder erleichtern.

Aber der Hahn schlug wild mit den FlĂŒgeln, sprang ungestĂŒm hin und her und pickte wĂŒtend nach meiner Hand. Schon drohte er mir aus den Fingern zu gleiten, da fasste ich schnell mit der linken Hand krĂ€ftig nach und zog den Hahn so nah an den Zaun heran, um das ganze BĂŒschel seiner Schwanzfedern in den Griff zu bekommen. Die meisten Federn knickten in meiner Faust und wurden vom scharfkantigen Maschendraht zerfranst. Mit meiner Rechten versuchte ich dann, eine Schwanzfeder der rechten Seite herauszuziehen, die den Kampf bis dahin unversehrt ĂŒberstanden hatte. Ich wollte sie dem Vogel mit einem Ruck ausrupfen, aber die Spitze riss ab.

Nur ein kleineres Exemplar, ganz am Rand des Schwanzes, ließ noch einmal Hoffnung in mir aufkeimen. TatsĂ€chlich schaffte ich es, sie dem Tier auszureißen. Aber als ich sie genauer untersuchte, entdeckte ich eine kahle Stelle am unteren Kielende. WĂŒtend zerknĂŒllte ich die Feder und warf sie zu den anderen auf den Boden.

Erst jetzt erwachte ich, erst jetzt wurde mir bewusst, welch sinnlose und zugleich grausame Tat ich begangen hatte. Weinend, von Gram und Verzweiflung ĂŒberwĂ€ltigt, hastete ich nach Hause.

Als ich an meinem Geburtstag von der Schule kam, sah ich ihn schon von weitem. Herr Kiewel stand an der Straße vor seiner Hofauffahrt. Kein Zweifel, er erwartete mich schon. Die HĂ€nde hatte er bedrohlich in die HĂŒften gestemmt, der SchĂ€del leuchtete rot, aber das tat er ja immer.

Zuerst wollte ich umdrehen, einen Umweg wĂ€hlen. Aber was wĂŒrde mir das schon nĂŒtzen. Er wĂŒrde meine Eltern aufsuchen, und alles wĂ€re nur noch schlimmer, also fĂŒgte ich mich lieber sofort in mein Schicksal. Ich fuhr langsam mit meinem Fahrrad an ihn heran. Meinen Kopf hielt ich reumĂŒtig gesenkt. Aber die erwarteten Ohrfeigen blieben aus. Herr Kiewel lĂ€chelte mir gutmĂŒtig zu, reichte mir seine Hand und gratulierte mir zum Geburtstag. Er sagte: „Dein Vater hat eine tolle Überraschung fĂŒr dich.“

Ich war trotz seiner Freundlichkeit nicht gerade fröhlicher. Sicher war er noch nicht bei den Fasanen gewesen, und mein Unheil stand mir so noch bevor, oder er verdÀchtigte mich ganz einfach nicht.

Zuhause wurde ich schon draußen auf dem Hof von Tante Elfriede mit allerlei Geschenkpaketen empfangen. Und in der Hand hielt sie den Hut mit der Feder daran. Sie sagte: „Den schenk’ ich dir. Mutter hat mir von deiner Federsammlung erzĂ€hlt. So kannst du sie endlich vervollstĂ€ndigen. Und ich wollte mir sowieso einen anderen Hut kaufen. Aber nun geh’ mal zu Vater in den Garten.“

Ich lief geschwind in den Garten. Vater stand vor einer super konstruierten Außenvoliere. Doch als ich hineinschaute, bekam ich einen Riesenschreck. Da war ein total zerzauster Fasanenhahn mit seiner Henne drin. Vater gratulierte mich: „Ja Junge, das ist fĂŒr dich. Du hast dir ja immer Fasanen gewĂŒnscht. Und ich denk’, jetzt bist du alt genug, sich um sie zu kĂŒmmern. Leider ist der Hahn arg ramponiert. Da mĂŒssen wohl Marder am Werk gewesen sein. Aber das ist ja eine Art höhere Gewalt. Und so kann ich den Kauf von Kiewel natĂŒrlich nicht mehr rĂŒckgĂ€ngig machen.“

Vater sagte dann noch: „Hab’ nur ein wenig Geduld, der Hahn wird schon wieder werden.“ Als Trost blieb mir bis dahin wieder einmal meine Federsammlung einheimischer Vögel, die endlich komplett war.

*

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