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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Hallo, Oma?
Eingestellt am 07. 09. 2017 18:44


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xavia
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     Agathe sitzt am Fenster im ersten Stock und blickt hinaus. Ihre H├Ąnde hat sie im Scho├č gefaltet. Seit einigen Jahren ist ihr das Stricken zu beschwerlich geworden und die Freude ├╝ber selbst gestrickte Str├╝mpfe hat im Kreise ihrer Lieben ohnehin mit der Zeit deutlich abgenommen. Unten h├Ąlt ein Bus, Menschen steigen aus, andere steigen ein. Sie sieht gerne dabei zu, lieber als im Fernsehen Meldungen ├╝ber die neuesten Katastrophen zu ertragen. Einige von ihnen kennt sie nun schon vom Kommen und Gehen. Sch├Ân w├Ąre es, wenn ihre Tochter Karin oder ihre Enkelin Sabrina oder gar alle beide aus dem Bus aussteigen w├╝rden, um sie zu besuchen. Man darf ja tr├Ąumen ÔÇŽ Beide sind sehr besch├Ąftigt und kommen nur selten zu ihr ins Seniorenheim. ÔÇô Das Telfon klingelt. Freudig nimmt sie den H├Ârer ab:

     ┬╗Hallo Oma? Hier ist Sabrina.┬ź

     ┬╗Oh, wie sch├Ân, mein Kind, dass du mich anrufst! Es ist so einsam hier. Ich freue mich, deine Stimme zu h├Âren. Wie geht es dir?┬ź

     ┬╗Gut. Ich habe f├╝r die Schule ein St├╝ck mit der Blockfl├Âte ge├╝bt. Soll ich es dir vorspielen?┬ź

     ┬╗Ja, tu das, bitte.┬ź

     Aus dem H├Ârer erklingen l├Ąngere Zeit Blockfl├Âtent├Âne, hier und da stockt das Spiel und wiederholt eine Stelle, in der ein falscher Ton war.

     ┬╗M├Âchtest du es noch mal h├Âren?┬ź

     ┬╗Lieber nicht, du musst noch ein wenig ├╝ben, aber klingt schon sehr sch├Ân.┬ź

     ┬╗Ja oder nein? Ich kann die Wahrheit ertragen, hahaha.┬ź

     ┬╗Nein, mein Kind, f├╝r heute ist es genug Musik gewesen. Es ist ein langes St├╝ck. Spielst du das nach Noten?┬ź

     ┬╗Ach, lass' uns lieber von dir reden. Wie geht es dir, Oma?┬ź

     Agathe berichtet detailliert ├╝ber ihre kleinen und gr├Â├čeren Wehwehchen und ├╝ber diese und jene Begebenheit bei ihren Bekannten im Seniorenheim, in den Sprechpausen ermuntert durch das eine oder andere ┬╗Ach ja?┬ź und ┬╗So, so┬ź.

     ┬╗Ich hoffe, dass sich alles zum Guten wendet und w├╝nsche dir gute Besserung, Oma. Erz├Ąhlst du mir was von fr├╝her? Wo du Opa kennengelernt hast?┬ź

     Das tut Agathe gern. Sie staunt, wie oft das Kind sich diese alten Geschichten anh├Âren mag. Sie selbst erz├Ąhlt sie immer wieder gerne, weil sie dann in Gedanken in ihre Jugend zur├╝ckreisen und gl├╝ckliche Zeiten wieder erleben kann.

     ┬╗Das war sch├Ân, danke, Oma. Hoffentlich finde ich auch mal so einen lieben Mann. Ich muss jetzt Schluss machen, muss noch Hausaufgaben machen. Mittwoch bekommen wir einen Aufsatz wieder, dann rufe ich dich an und lese ihn dir vor, falls du ihn h├Âren willst.┬ź

     ┬╗Tu das, mein Kind. Ich freue mich darauf. Und viele Gr├╝├če an Mutti und Vati.┬ź

     ┬╗Danke, ich soll auch gr├╝├čen. Tsch├╝h├╝s!┬ź

     L├Ąchelnd sitzt Agathe da und sieht vertr├Ąumt zu dem Streifen Himmel hinauf, den sie ├╝ber den H├Ąusern gegen├╝ber noch sehen kann. Er ist blau, mit dicken wei├čen Wolken. Sie Sonne scheint dazwischen hindurch und die H├Ąuser werfen Schatten auf die Stra├če. In letzter Zeit ruft Sabrina ziemlich oft an, das ist sch├Ân. Das liebe Kind h├Ârt sich immer ganz geduldig an, was sie, Agathe, so auf dem Herzen hat. Ungew├Âhnlich f├╝r eine Vierzehnj├Ąhrige. Karin ist nie geduldig mir ihr gewesen. Immer gehetzt, immer unkonzentriert.

┬╗*┬ź


     Sabrina schreibt ihren Hausaufsatz fertig. Dann schaltet sie das Mikro ihres Laptops ein und liest ihn vor. Anschlie├čend gibt sie ┬╗Aufsatz┬ź ein und klickt ┬╗Speichern┬ź. Dann sagt sie deutlich ┬╗Aufsatz┬ź ins Mikro, klickt noch einmal ┬╗Speichern┬ź, danach schaltet sie alles aus. Ihre Freundin Mona rollt mit den Augen. Sie findet es aufw├Ąndig, das alles aufzunehmen und abzuspeichern.

     ┬╗Es ist wirklich praktisch┬ź, versichert Sabrina ihr, ┬╗es macht total Spa├č, sich zu ├╝berlegen, was ich alles brauche an Aufnahmen. Und wie ich sie verwalte. Obwohl ich schon seit Beginn des Schuljahres an diesem Projekt arbeite, hat Oma noch nicht ein einziges Mal gestutzt.┬ź

     ┬╗Woher willst du das denn wissen, wenn du nicht mehr selbst mit ihr redest?┬ź ├╝berlegt Mona.

     ┬╗Ich nehme alles auf, was sie sagt. H├Âre mir die Anf├Ąnge und die Enden an. Wenn es lang ist, interessiert das dazwischen eh nicht. Wenn sie stutzen w├╝rde, dann g├Ąbe es dahinter eine Pause. Aber es gibt keine Pausen. Sobald sie nichts h├Ârt, redet sie.┬ź

     Wirklich ├╝berzeugt ist Mona nicht. Sie findet es gemein, wenn ein Programm mit der Oma redet.

     ┬╗Wie oft rufst du deine Oma an?┬ź fragt Sabrina provokativ.

     Da muss sie zugeben, dass ihre Oma oft wochenlang auf einen Anruf warten muss und sich schon ├Âfters dar├╝ber beklagt hat. Mona hat meistens keine Lust, sich Geschichten ├╝ber alte Leute anzuh├Âren oder gar ├╝ber Krankheiten, schon gar nicht ├╝ber kranke alte Leute. Sie hat ihre Oma wirklich lieb, aber ihr eigenes Leben ist so viel interessanter und damit kann ihre Oma nicht allzu viel anfangen.

     ┬╗Siehst du. Was ich Oma sagen will, das nehme ich auf und dann brauche ich nicht so lange zu warten, bis ich zu Wort komme, sondern wei├č, dass mein Programm das genau in die richtigen L├╝cken einbaut. So bin ich nicht genervt und Oma ist auch zufrieden.┬ź

     ├ťberzeugt ist Mona nicht. Es f├╝hlt sich irgendwie falsch an. Aber sie hat kein gutes Argument dagegen, nimmt sich vor, ihre Oma bald mal wieder zu besuchen.

     Auch Sabrina hat jetzt ein schlechtes Gewissen, wenngleich sie es Mona gegen├╝ber nicht zugibt. Das Projekt wird sie weitermachen, keine Frage. Das fasziniert sie allzu sehr und au├čerdem ist es ja f├╝r den Informatik-Unterricht. Aber morgen, wenn sie mit ihrer Mutter in der Stadt ist, wird sie durchsetzen, dass sie auf dem R├╝ckweg bei Oma vorbeifahren.

┬╗*┬ź Acht Jahre sp├Ąter ┬╗*┬ź


Sabrina tr├Ągt einen dunkelroten Blazer zu schwarzer Jeans und schwarzem Oberteil, hat ihr blondes langes Haar zu einem Knoten gesteckt und blickt gelassen in die Runde. Da sitzen Timo, Robert, Tobias und Jens, Jungunternehmer in der Software-Firma, in der sie k├╝nftig arbeiten will. Ihre Pr├Ąsentation kommt ohne Folien aus, Sabrina will durch Originalit├Ąt ├╝berzeugen. Sie stellt ihre neue App vor, die sie als Schul-Projekt begonnen und seither weiter entwickelt hat und erl├Ąutert die bahnbrechende Gesch├Ąftsidee: Jeder kann sich virtuelle Enkelkinder, Kinder, Partner oder Partnerinnen herunterladen und mit denen per Telefon kommunizieren. Aber auch Beitr├Ąge realer Personen k├Ânnen auf dem Server gespeichert werden, so dass diese ihre sozialen Kontakte, was den Telefon-Kontakt angeht, von Sabrinas App erledigen lassen k├Ânnen.

     ┬╗Ich habe die Sprach-Erkennung inzwischen so weit verbessert, dass die App sehr gezielt reagieren kann. Sie kann sogar aus Textbausteinen Beitr├Ąge zusammensetzen, wenngleich der Teil noch verbessert werden sollte: Die Betonung ist, ├Ąhnlich wie bei Navigationssystemen, oft ein wenig k├╝nstlich. Aber der Anrufbeantworter, der verdient seinen Namen wirklich, der beantwortet Anrufe und sammelt sie nicht einfach nur.┬ź

     Timos Smartphone meldet sich. Seine neue Freundin.

     ┬╗Liebling, das ist jetzt im Moment ziemlich unpassend, ich bin in einer Sitzung.┬ź

     Aus dem Smartphone t├Ânt emp├Ârtes Schimpfen. Nach einer Weile versucht er, sich wieder einzuklinken, aber es gelingt ihm erst beim zweiten Versuch.

     ┬╗Ja, mein Schatz, das sehe ich ein. Aber jetzt kann ich ohnehin nichts tun, hier k├Ânnen ja alle mith├Âren. Ich rufe dich nachher wieder an.┬ź

     Sabrina freut sich: Besser konnte es ja gar nicht laufen. Gut, dass sie ihrer Freundin Mona gesagt hatte, wann diese ihre neue Eroberung Timo anrufen sollte. Beziehungen sind alles. Nicht nur sie, sondern auch die anderen drei gucken auf Timo, dem das Ganze sichtlich peinlich ist.

     ┬╗Das ist einer meiner Anwendungsf├Ąlle┬ź, l├Ąsst Sabrina die jungen M├Ąnner wissen. In diesem Fall h├Ątte mein Programm deine Freundin mit Geduld und Liebesbekundungen bes├Ąnftigt, nach einer angemessenen Zeit einen R├╝ckruf angek├╝ndigt und aufgelegt. Begeistertes Gemurmel im Publikum. Sabrina wei├č, dass sie gewonnen hat. Sie wird ein Teil dieses Unternehmens werden und hier ihre App vervollkommnen k├Ânnen. Sie hat noch viele Ideen: Virtuelle Geschenke f├╝r die virtuellen Personen, nat├╝rlich f├╝r reales Geld. Gespr├Ąche ├╝ber diese virtuellen Geschenke. Video-Aufnahmen, ÔÇŽ

     Als sie das Geb├Ąude verl├Ąsst, brennt sie darauf, ihrem Liebsten von diesem grandiosen Erfolg zu berichten:

     ┬╗Hallo S├╝├čer, ich bin's. Es lief wie am Schn├╝rchen, ÔÇŽ┬ź

     Sie berichtet begeistert von der Pr├Ąsentation, aber nach einer Weile kommen ihr seine Ach-jas und So-sos irgendwie bekannt vor: ┬╗Sag' mal, bist du ├╝berhaupt echt? Hast du etwa meine App installiert?┬ź

     ┬╗Warum sagst du sowas zu mir, wei├čt du denn nicht, dass ich dich liebe?┬ź ist die Antwort.

     ┬╗Tu' mir den Gefallen und z├Ąhl' mal von Drei├čig r├╝ckw├Ąrts in Viererschritten┬ź, will Sabrina ihn testen.

     ┬╗Was ist nur los mit dir? Du verletzt meine Gef├╝hle. Bin ich nicht immer ein aufmerksamer Partner f├╝r dich? Das habe ich nun wirklich nicht verdient ÔÇŽ┬ź

     Sabrina legt gru├člos auf und f├Ąhrt nachdenklich heim: Was hat sie da nur angerichtet? ÔÇô H├Ątte sie es nicht getan, h├Ątte es jemand anderer gemacht. ÔÇô Aber kann man damit nicht letztendlich alles entschuldigen? ÔÇô Wo ist die Grenze?

     Als sie die Wohnungst├╝r aufgeschlossen hat steht ein gro├čer Strau├č roter Rosen vor ihr, mit den Beinen von Frank darunter. Hinter den Blumen erklingt eine gespielte Roboterstimme:

     Lieb-ling stell dei-ne App auf Au-to-ma-tik dann un-ter-hal-ten sich un-se-re Han-dys und wir ha-ben Zeit f├╝r uns! Sein lachendes Gesicht erscheint ├╝ber dem Blumenstrau├č: ┬╗Ich gratuliere dir zum neuen Job! Wie w├Ąr's mit einem Eis?┬ź

     Schnell sind die Blumen in einer Vase untergebracht und als die beiden Verliebten das Schild neben dem Eiscaf├ę sehen, k├Ânnen sie sich vor Lachen kaum halten:



     F├╝r heute ist das Thema vom Tisch, aber Sabrina wird nicht umhin k├Ânnen, weiter dar├╝ber nachzudenken.

Version vom 07. 09. 2017 18:44

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Soean
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jan 2017

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Hallo Xavia,

wer andeern eine Grube gr├Ąbt, hat ein Grubengrabger├Ąt. Nur sollte man dies nicht weitergeben, da man sonst selbst drauf reinf├Ąllt.

Zu Deinem Schreibstil m├Âchte ich garnicht so wirklich viel sagen. Es ist einfach geschrieben und das mag ich. Der Inhalt ist einfach toll:

Erst habe ich mich f├╝r Agathe gefreut, welch eine tolle Enkelin sie hat. DAnach war ich ├╝ber Sabrina erz├╝rnt...Wie kan nsie nur. Ich erinnerte mich direkt an eigene Erfahrungen zu dem Thema...Mir ist es fast peinlich, dass ich Sabrina sogar ein wenig verstehen kann. Nur die Ausf├╝hrung dessen, kann ich nciht nachvollziehen und macht Sabrina Gef├╝hlskalt. So Gef├╝hlskalt, dass ich sie heimlich beim Lesen ausglacht habe, als ausgerechnet Ihr Freund ihr mit Ihrer eigenen App antwortet. TOLL! Fantastisch! Erinnert mich ein wenig an Evelyn Hamann. Sie h├Ątte diese Rolle ganz toll spielen k├Ânnen!

Liebe Gr├╝├če, S├Âren
__________________
Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Wer wagt, dem wird gesagt: Er spinnt!

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xavia
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Registriert: Mar 2017

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Hallo Soean, danke f├╝r die anschauliche Schilderung deines Erlebens beim Lesen der Geschichte! Das ist so sch├Ân, dass die Geschichte das ausl├Âsen konnte: Solche Leser w├╝nscht man sich! LG Xavia.

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