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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Halloween
Eingestellt am 30. 10. 2014 21:19


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Maribu
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Halloween

Sie sa├č im Wohnzimmer, kaute nachdenklich an einem Keks aus der Konfektschale, in der au├čerdem noch Smarties, Haribos und Kinderschokolade lagen.
Ihr Mann war wegen einer fieberhaften Erk├Ąltung nach der Tagesschau ins Bett gegangen.
Sie dachte ├╝ber die Predigten nach, die sie nachmittags in der Christianskirche zum Thema 'Reformation und Bibel' geh├Ârt hatte und die versteckten Klagen, dass sich in den letzten Jahren die Priorit├Ąt verschoben hat.
Als sie um 18:00 Uhr zur├╝ck gekommen war, h├Ârte sie auch schon den Gesang und die Spr├╝che einer Kindergruppe. Sie hat nichts gegen diesen Brauch, der, wie so viele andere, aus Amerika her├╝bergeschwappt war, denn auch ihre Enkelkinder gingen verkleidet von Haus zu Haus. Aber ihr gefiel nicht der Kommerz!
Selbst auf ihrem Kalender eines Hamburger Supermarktes steht hinter dem 31. Oktober: Halloween/Reformationstag.
Neben Kost├╝men und Masken bot er schon vor Wochen Berge von 'Hokkaidos' an. Sie nannte sie sp├Âttisch 'Al-Qaida-K├╝rbisse'.

Vor vielen Jahren gab es in dieser Stadt etwas ├ähnliches am Silvesterabend. Das 'Rummelpottlaufen'. Sie erinnerte sich daran, wie sie mit Freundinnen, alle verkleidet, an den Nachbarh├Ąusern klopften und um S├╝├čigkeiten sangen.
Wenn nicht ge├Âffnet wurde, sie aber das Gef├╝hl hatten, dass die Leute da waren, kam der plattdeutsche Spruch: "Disse Ollsch de gifft nich geern." Und aus Schabernack wurde der Ascheimer umgekippt. So hie├č damals der metallene M├╝lleimer, weil meistens mit Koks oder Briketts geheizt wurde.

Bis acht Uhr hatte es dreimal geklingelt, und sie hatte jedes Mal, mit der Schale in der Hand, ge├Âffnet. Die meisten Kinder waren bescheiden gewesen und hatten nur zaghaft zugegriffen. Bis auf die dritte Gruppe, aus f├╝nf Horror-Gestalten.
Aus dem aufgerissenen Schlund einer hohl├Ąugigen Totenmaske ert├Ânte die verstellte, tiefe Stimme eines 'Zombies': "Hau ab mit deinen S├╝├čigkeiten! Davon haben wir schon genug! Hast du kein Geld?"
Diese Dreistigkeit verschlug ihr nicht nur den Atem, sondern lie├č sie auch die T├╝r zuschlagen.
Sie wollte sich um neun Uhr eine Dokumentation ├╝ber Martin Luther ansehen und hoffte, dass niemand mehr kam. Wenn aber, wollte sie trotzdem noch ├Âffnen, denn letztes Jahr hatten sie eine unangenehme Erfahrung gemacht. Da sie sp├Ąt abends nicht mehr auf Klingeln reagiert hatten, reagierten die sich gem├Ą├č
des Spruches 'S├╝├čes oder Saures' ab. Was sie aber darunter verstanden, war kein Streich, sondern Sachbesch├Ądigung!
Am n├Ąchsten Morgen waren sie best├╝rzt, dass ihre neue mahagonifarbene Kunststofft├╝r wei├č besprayt war. Unter dem oberen runden Fenster stand:_Geiz ist ungeil!
Um kurz vor neun Uhr klingelte es aber doch noch mal. Sie nahm die Schale vom Tisch und ging an die T├╝r.
Sie h├Ârte Kinder singen: "Ich bin der Clown mit dem schrecklichen Gesicht. Hier wie ein Blitz ..." Sie ├Âffnete die T├╝r. ..."und verschwinde ohne Spur mit Witz."
Der Gesang brach abrupt ab. Sie traute ihren Augen nicht.
Ein gro├čer Junge mit einer Clown-Maske stand vor ihr. Er hatte einen Stoffbeutel in der Hand und mit der anderen das
Ger├Ąt darin ausgeschaltet.
"Was soll der Zirkus?!" herrschte sie ihn an.
"Du solltest mich jetzt ganz schnell reinlassen, Oma!", drohte ein mittelgro├čer Mann. "Sonst geht es dir schlecht! Ich habe noch mehr Werkzeuge hier!" Seine Hand steckte noch immer im Beutel, der sich seitw├Ąrts ausbeulte, als w├Ąre es der Lauf einer Waffe.
├ängstlich lie├č sie ihn herein und blieb mit ihm auf dem Flur stehen. "Was wollen Sie von mir?" fragte sie forsch, obwohl ihre Hand mit der Schale zitterte.
Er lachte h├Âhnisch. "Bestimmt nicht deinen Kinderkram! Los, Oma, hol Bargeld und Schmuck! - Du bist doch hoffentlich allein?!"
"Ja, ich bin allein!", antwortete sie. Diesmal lauter, es war fast ein Schreien.
"Ich bin nicht schwerh├Ârig!"
"Das sind doch die meisten Clowns!"
"Phantasier nicht rum und beweg dich, Alte!"
Den Gefallen tat sie ihm aber nicht und sagte: "Sie k├Ânnen doch noch mit ins Wohnzimmer kommen! Sie sind bestimmt durchgefroren. Ich k├Ânnte Ihnen eine Tasse Kaffee oder einen Grog aufgie├čen."
"Ha, ha, ha Oma, um dann heimlich zu telefonieren! Ich bleib hier stehen, bis du die Kohle gebracht hast. Und mach keine
Sperenzchen, sonst knallt es!"
Sie lie├č sich nicht einsch├╝chtern. "Ja, gleich! Aber vorher m├Âchte ich wissen, wer sie haben will! Haben Sie keine Arbeit oder sind Sie obdachlos? Und wie sind Sie ├╝berhaupt auf diese Wahnsinnsidee gekommen?!"
Er lachte. "Wenn es dir denn leichter f├Ąllt, dich vom Geld zu trennen! Ja, ich bin ein arbeitsloser Clown. Der Wanderzirkus ist pleite gegangen, weil fanatische Tiersch├╝tzer unsere Tiere frei gelassen oder vergiftet haben. - Das kannst du glauben oder nicht! Das ist mir egal! Und nun los!" Er gab ihr einen kleinen Schubs. "L├╝fte dein Kopfkissen oder wende deine Bettw├Ąsche! Das sind doch die Safes der alten Leute. Ich warte aber ..." Im selben Augenblick traf ihn ein wuchtiger Schlag in die Kniekehlen. Sie knickten ein, und er ging jammernd zu Boden. Sein Kopf schlug auf dem Parkett auf.
Ihr Mann hatte sich barfu├č, mit einem ausrangierten Baseball-
Schl├Ąger ihres Sohnes bewaffnet, aus dem Schlafzimmer angeschlichen.
Sie ging kurz ins Wohnzimmer, und er beugte sich ├╝ber den Verletzten. Es war ein grotesker Anblick. Die Latex-Maske mit der gro├čen roten Kugelnase, dem aufgerissenen Mund und den fletschenden Z├Ąhnen und der Mann st├Âhnend und sich wieder aufrichten wollend.
"Sie bleiben liegen!" kommandierte er und hob drohend den Schl├Ąger.
"Lassen Sie mich aufstehen, ich nehm auch die Maske ab!" bettelte er.
"Die h├Ątte ich Ihnen schon abrei├čen k├Ânnen! Aber ich will Sie nicht sehen, will Sie gar nicht erkennen!" Und an seine Frau gewandt, die auf den Flur zur├╝ck gekommen war, "Alles erledigt? Hast du dem arbeitslosen Clown unser Verm├Âgen eingepackt und mit einer roten Schleife versehen?"
Sie nickte schwach l├Ąchelnd ├╝ber seinen Galgenhumor und sagte:
"Sie wissen doch, was die Zahlen 110 bedeuten?!"
"Bitte, lassen Sie mich gehen! Ich habe Frau und Kind!"
"Umso schlimmer!" antwortete sie. "Sie sollten sich sch├Ąmen!"
Von fern h├Ârten sie die Sirene eines Polizeiwagens.
"Kommen Sie hoch!" forderte sie ihn auf.
Er griff nach seinem Stoffbeutel, den er fallen gelassen hatte und kam unsicher auf die F├╝├če. Ihr Mann stellte sich hinter ihn, den Schl├Ąger noch immer in der Hand.
Sie brachte ihn zur T├╝r, ├Âffnete sie und sagte: "Wir geben Ihnen eine Chance! Hauen Sie so schnell wie m├Âglich ab!"
Er antwortete nicht und versuchte zu laufen. Es war mehr ein schnelleres Humpeln. Sie rief ihm noch hinterher: "Weil heute Reformationstag ist, noch ein Tipp: Werfen Sie die Maske weg!"

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