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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Haltestelle
Eingestellt am 04. 09. 2001 20:40


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Kyra
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Mar 2001

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Haltestelle

Luise stand im schmalen Schattenstreifen eines Baumes neben der Haltestelle. Sie h√§tte sich gerne auf die Bank gesetzt, aber dort hatte sich bereits ein dickes Paar niedergelassen und seine Einkaufstaschen ausladend neben sich verteilt. Sie wollten offensichtlich nicht gest√∂rt werden. So versuchte Luise ihr St√ľckchen Schatten gegen die Kinder zu verteidigen, die, wenn sie die Rucks√§cke mit den herausquellenden Handt√ľchern richtig deutete, auf dem Weg ins Schwimmbad waren. Luise versuchte die Schmerzen in den F√ľssen und Knien nicht zu beachten, schrecklich, wie schwer ihr das Stehen in den letzten Jahren fiel ‚Äď aber was sollte sie sich beklagen mit ihren f√ľnfundachtzig Jahren. Sie st√ľtzte sich noch schwerer auf ihren Schirm, den sie selbst jetzt im Hochsommer einem Gehstock vorzog, und beobachtete die beiden Dicken auf der Bank. Die beiden waren nicht mehr jung, so um die sechzig sch√§tzte Luise, aber offensichtlich sehr verliebt ineinander. Neben sich die T√ľten mit den Eink√§ufen wie W√§lle aufgebaut, sa√üen sie in ihrem Nest und befingerten sich z√§rtlich. Der Mann strich der Frau die feuchten Haarstr√§nen aus dem Gesicht und k√ľsste hingebungsvoll ihr knorpeliges rotes Ohr. Sie hielten sich die ganze Zeit an den H√§nden, bis die Frau den Griff schlie√ülich l√∂ste und beide lachend ihre schwei√ünassen Handfl√§chen verglichen. Luise konnte ihren Blick kaum abwenden, sie war zugleich ger√ľhrt und angeekelt, als w√ľrde sie zwei Nachtschnecken bei der Paarung beobachten. Sofort verdr√§ngte sie diesen Gedanken besch√§mt und wandte den Blick einer jungen Mutter zu, die mit verkl√§rtem L√§cheln in den Kinderwagen blickte. Luise hatte ihre eigenen Kinder gro√ügezogen, dann aber alles Interesse an Babys verloren. So betrachtete sie die weiche, nahrhafte Liebe in dem Gesicht der jungen Frau; ein Ausdruck, der sie in seiner Sanftheit, an den einer zufriedenen Stute erinnerte. Dieser Blick √§nderte sich ungehend, als eines der umhertobenden Kinder dem S√§ugling zu nahe kam. Die Bereitschaft, ihre Brut zu verteidigen, lie√ü das Gesicht der Mutter schlagartig gef√§hrlich und angriffsbereit aussehen. Luise versuchte sich dieser Gef√ľhle zu erinnern, aber die schienen, wie so vieles Andere, unter dem Ger√∂ll der Jahren begraben worden zu sein. Als eine Stra√üenbahn sich n√§herte, beschattete Luise ihre Augen um rechtzeitig zu erkennen, um welche Tram es sich handelte. Hier hielten mehrere Bahnen, sie wartete auf die Eins, nur hielt hier auch die Sieben und bereits mehrmals hatte sie sich in die falsche Bahn gesetzt. Wie gerne h√§tte sie jetzt jemanden gefragt, aber eine ihr selber unerkl√§rliche Sch√ľchternheit hielt sie davon ab. Es war durchaus nicht so, dass sie sich ihrer schwachen Augen sch√§mte, eher eine Scheu, sich mit anderen Menschen durch Worte zu verbinden. Obwohl Luise nat√ľrlich klar war, dass durch solch eine einfache Frage keine Verflechtungen entstehen w√ľrden, konnte sie sich einfach nicht √ľberwinden. So blieb sie mit zusammengekniffenen Augen stehen, bis sie sich sicher war, dass dies weder die Eins noch die Sieben war. Die Kinder stiegen alle ein, so wurde es pl√∂tzlich fast unangenehm ruhig. Luise h√∂rte die Mutter ihr Kind angurren, die beiden Dicken kicherten bis die Frau einen Hustenanfall bekam und mit rotem Gesicht nach Luft rang. Traurig bemerkte Luise, wie sie die Menschen immer mehr hasste, oder vielleicht eher Abscheu vor ihnen empfand. Luise versuchte immer wieder, dieser Aversion auf die Spur zu kommen, war es m√∂glich, dass sie sich vor dem Leben an sich ekelte? Ein junger Mann stellte sich hinter sie in den Baumschatten. Sie meinte seinen Blick im R√ľcken zu f√ľhlen und h√§tte sich nur zu gerne umgedreht, um ihn genauer anzusehen. Aber hier war es wieder - was w√§re, wenn der Mann l√§cheln oder, noch schlimmer, eine Bemerkung √ľber das Wetter machen w√ľrde? Sie m√ľsste antworten, w√ľrde m√∂glicherweise in ein Gespr√§ch verwickelt, alles Dinge die Luise auf keinen Fall wollte. Am liebsten h√§tte sie eine Glaswand zwischen sich und der Welt errichtet, dann h√§tte sie ruhig alles beobachten k√∂nnen, ohne die Gefahr mit einbezogen zu werden.
Luise sah, wie der jungen Mutter ein P√§ckchen Pr√§servative aus dem Rucksack rutschte, jetzt m√ľsste sie eigentlich etwas sagen, so etwas wie‚Ķ ihnen f√§llt da was raus‚Ķ aber das klang furchtbar, eher‚Ķgleich verlieren sie da etwas‚Ķ, nur das w√ľrde klingen, als w√ľsste sie nicht, dass es sich um eine Packung Pr√§servative handelt, also eine bl√∂de Alte war‚Ķ richtig w√§re die Bemerkung ‚Ķjunge Frau sie verlieren ihre Pr√§servative, das scheint ihnen ja schon einmal passiert zu sein‚Ķ den letzten Teil des Satzes w√ľrde Luise in Wirklichkeit nat√ľrlich nie sagen. Schlie√ülich beobachtete sie einfach nur, wie die flache Schachtel leise auf den Boden fiel. In diesem Augenblick sprang der junge Mann hinzu, hob das P√§ckchen auf und gab es der Besitzerin mit unbefangenem Lachen zur√ľck. Wenig sp√§ter waren die beiden in ein Gespr√§ch √ľber Kinder, Wohnungen und Geld vertieft. Als sich die n√§chste Tram n√§herte, √ľberlegte Luise krampfhaft, wie sie die Mutter oder den jungen Mann nach der Nummer der Bahn fragen k√∂nnte, ohne mehr als eine kurze Antwort zu erhalten; die Chancen standen jetzt sehr gut, so intensiv wie deren Unterhaltung verlief. Luise trat einen Schritt nach vorne, aber als die fragenden Blicke sie trafen, senkte sie die Augen und vertiefte sich in den Anblick ihres Schirmes. Nein, es war nicht Abscheu vor den Menschen die sie zur√ľckhielt, eher das Gef√ľhl der Sinnlosigkeit. Wie ein altes Tier wollte sie nur noch alleine sein, ihren Weg zu Ende gehen und mit der Lebendigkeit der Jugend ebenso wenig zusammenzutreffen, wie mit der urinsauren Zittrigkeit der Alten.
Die Bahn die jetzt hielt war entweder die Eins oder die Sieben, Luise konnte es nicht erkennen, alle anderen stiegen ein, der junge Mann half der Frau mit dem Kinderwagen, die beiden Dicken schafften es grade noch rechtzeitig, sich selber und ihre Eink√§ufe hineinzuhieven. Luise blieb alleine zur√ľck und setzte sich zufrieden auf die freie Bank. Sie spannte ihren Regenschirm auf, um sich vor der Sonne zu sch√ľtzen und streckte behaglich die Beine aus. Einen Augenblick wurde ihr schwindelig, das kam sicher vom langen stehen ‚Äď dies war ihr letzter Gedanke.

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flammarion
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immer

wieder sch√∂n, wie du ins detail gehst. die geschichte gef√§llt mir. allerdings h√§tte ich die alte nicht so schnell sterben lassen und dann auch noch in aller √∂ffentlichkeit. aber vielleicht ist das je gerade der knackpunkt - sie wollte sich nicht nicht mit menschen befassen, jetzt m√ľssen sich menschen mit ihr befassen. ganz lieb gr√ľ√üt
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Old Icke

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Breimann
???
Registriert: Dec 2000

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Traurig

ist die Vereinsamung; sie f√ľhrt zwangsl√§ufig zur Menschenscheu, hin zur v√∂lligen Sprachlosigkeit.
Du hast es in dieser Geschichte treffend beschrieben. Selten schreibt jemand √ľber dieses Thema; vieeleicht, weil es so schwer ist, so bedr√ľckend; es gibt kaum Dialoge - zwangsl√§ufig - und nur wenig Aktion. Abgesehen von Nebens√§chlichkeiten, die aber f√ľr die handelnde (oder besser, nicht handelnde Person) zum Hauptthema werden. Und der Vergleich mit den alten (sterbenden) Tieren stimmt durchaus, wie ich aus eigener Erfahrung wei√ü.
Eine vorbahaltlos schöne Geschichte; passend inclusive dem Tod der alten Dame. Und wie immer in einem guten Stil geschrieben!
Liebe Gr√ľ√üe
eduard
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Ich schreibe - also bin ich.

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Flothemil
Guest
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Mir gef√§llt die Geschichte auch sehr gut, und ich kann mir darin sehr gut vorstellen wie sich die alte Dame f√ľhlt, wie einsam sie ist. Wie sie beobachtet wie andere noch gl√ľcklich sind, und sie einfach nur da steht, ohne Sinn.

Obwohl ich die alte Frau auch nicht hätte in der Tram sterben lassen. Wollte sie dort sterben? Ein ziemlich unpassender Ort. Letztendlich gefällt mir die Geschichte aber einfach!

Flothemil

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Breimann
???
Registriert: Dec 2000

Werke: 38
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Man stirbt immer unpassend

Leider hat man auf den Zeitpunkt seines Todes (im Regelfall) keinen Einfluss. Es ist immer der falsche Ort, die falsche Zeit. Die alte Dame wollte sicher weder hier noch anderswo sterben - wer will das schon! Aber als Autor muss man sterben lassen; es ist dann nur ein Effekt!
Liebe Gr√ľ√üe
eduard
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Ich schreibe - also bin ich.

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