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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Handkäs-Polka
Eingestellt am 24. 11. 2012 18:35


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klaragabel
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„Welle willde? Den do odda den do?“
Iris riss die Augen auf und starrte Frank an. Von was redete der denn? Leider konnte sie ihn nicht ignorieren, denn trotz seiner kleinen Statur strahlte er Überlegenheit aus und war dabei  so nah an sie herangetreten, dass es fast so schien, als wolle sich sein Bauch an ihrem Oberschenkel reiben. Vorsorglich machte sie einen Schritt zurück und lächelte frostig auf ihn hinunter. Frank merkte jetzt auch, dass sie ihn offensichtlich nicht verstanden hatte. Die Langmut selbst, spitzte er daher seine Lippen und flötete eine Übersetzung: „Ich will wissen, welchen du möchtest: diesen Overall in blau oder lieber die Latzhose in ehemals grün?“
Zur Bestätigung hielt er Iris die beiden Kleidungsstücke hin. Sie zog eine Augenbraue hoch, zuckte gleichgültig mit den Schultern, aber da sie keine Spielverderberin sein wollte, behielt sie ihr gezwungenes Lächeln bei und fragte fast kokett: „Ach, was denkst du? In welchem der Outfits sehe ich atemberaubender aus?“
Im Geiste verbuchte sie diesen Pluspunkt auf ihr Konto. Man liebte Menschen, die ein bisschen provozieren konnten und dabei immer sympathisch blieben. Sie hatte sich nicht geirrt. Frank leckte über seine Lippen und drückte ihr ohne zu zögern den Overall in die Hand.
„Ei, donn den do! Des is ebbes für´s Figürsche. Isch geb dir mol fünf Minudde un wir treffe uns donn unne bei die Säu!“
Für ihn war der Fall erledigt und er stapfte über den schmuddeligen Hof, sehr zum Schrecken der Hühner, die immer einen Grund suchten, um aufgeregt zu gackern. Iris seufzte, sah zu dem Haus und erkannte an einem der kleinen Fenster Oma Lene, die sie schadenfroh beobachtete. Worauf hatte sie sich da nur eingelassen? Resigniert ging sie hinein, um sich umzuziehen. Acht Minuten später schaute Frank bewaffnet mit einer Mistgabel aus der Stalltür. Wo blieb denn die Madame? Mit diesen Stadtmädchen war wirklich nichts anzufangen. Viel zu verwöhnt, eingebildet und zu dünn. Er versuchte seine Enttäuschung besonders gut zum Ausdruck zu bringen, indem er vorwurfsvoll den Kopf schüttelte und sogar ein glaubwürdiges „tztztz“ vollbrachte. Heinz, der Kameramann, hob anerkennend den Daumen, bevor er sich umdrehte, um Iris Anmarsch zu filmen. Sie sah klasse aus. Der Arbeitsanzug war zu eng und zu kurz, so dass er ihren atemberaubenden Körper gut zur Geltung brachte. Auch Frank war durch den Anblick etwas versöhnlicher gestimmt und nickte ihr sogar freundlich zu, als sie endlich vor ihm stand.
„Und jetzt?“, fragte Iris gelangweilt.
„Jetzt wird uffgeräumt. Du konnst dir mol do den Karre schnappe un do roi schiebe. Isch kumm donn gleisch noch.“
„Hast du vielleicht auch ein paar Handschuhe für mich?“, angewidert blickte sie auf die Schubkarre.
„Menschenskinner, du host vielleischt Nerve. Ei, donn kumm bei misch, isch geb dir welsche.“
„Prima! Und Schnitt!“, rief Peter, der Aufnahmeleiter. „Habt ihr super gemacht. So, und jetzt gehen wir in den Stall. Nina, kannst du mal das Licht ein bisschen höher halten, ja?“

Iris drängte sich an dem Team vorbei und hätte im gleichen Augenblick am liebsten kehrtgemacht, so bestialisch stank es hier. Leider blockierten hinter ihr zu viele Leute die Tür.
„Scheiße, ja spinnt ihr denn? Hier halt ich es keine Minute aus!“, rief sie fast hysterisch.
„Wirste wohl misse.“, boshaft grinsend deutete Frank auf die Boxen, in denen sich unzählige Schweine grunzend, suhlend, quiekend und vor allem schmutzig um die Futtertröge drängten. „Du host jo schließlisch mit de Melanie getauscht. Un ihr Uffgab is es, sisch um die Säu zu kimmern.“
„Nö!“, trotzig stampfte Iris mit dem Gummistiefel auf. „Nö, das kannste vergessen! Des mach ich nicht! Ich bin schließlich Vegetarierin!“
„Ei suppa, des trifft sisch ja wunnerbar, die Säu sin des aach. Zumindest zeitweis.“
Frank konnte sich jetzt wirklich nicht mehr zurückhalten. Der Sinn fürs Komische, die Seele des Fastnachters, sein bäuerlicher Humor brach aus ihm heraus und er fing an, meckernd zu lachen, während Iris ihn hasserfüllt anstarrte. Beide merkten nicht, dass Heinz schon bei Beginn des Disputs die Kamera auf sie gerichtet hatte. Er hatte es sozusagen im Blut, wenn wirklich was Lohnendes passierte und Peter, der jetzt aufgehört hatte Nina Anweisungen zu geben, grinste anerkennend.
„Haste das im Kasten?“, flüsterte er, aber nicht leise genug, denn Iris fuhr herum.
„Scheiße, nein, mach das Ding aus! Sofort!“, und mit geübten Griff hielt sie die Hand vor die Linse. „Peter, was soll das? So war das nicht abgemacht! Du hast gesagt, dass es Spaß macht, aber das hier ist… ist…“
Tränen der Wut waren ihr in die Augen gestiegen. Der Ammoniakgeruch im Stall machte es auch nicht einfacher, diese zurückzuhalten und außerdem konnte nicht mehr atmen. Völlig aufgelöst blieb ihr nur noch die Flucht. Raus aus diesem Saustall! Im Hof wurde sie vom obligatorischen Gegacker der Hühner begrüßt, was nicht gerade zur Beruhigung beitrug. Gehetzt sah sie sich um, und lief dann, einem spontanen Impuls folgend, Richtung See. Außer Atem ließ sie sich dort auf die Bank fallen und brach dann - endlich allein gelassen - in Tränen aus. „Scheiße, Scheiße, Scheiße!“, war das Mantra, das sie zwischen heftigen Schluchzern ausstieß. Warum war sie auch so blöd gewesen und auf das Angebot ihres ab jetzt Ex-Agenten eingegangen? Vor zwei Wochen hatte er sie davon überzeugt, dass die Sendung „Einmal Prinzessin“ die einzige Möglichkeit war, sie wieder als It-Girl auf die Titelseiten zu bringen.
„Iris, Iris.“, der väterliche Klang seiner Stimme hätte in ihr damals alle Alarmglocken klingeln lassen sollen. „Um dich ist es in letzter Zeit etwas zu ruhig geworden. Dass du immer noch die Wunden wegen der Trennung leckst, glaubt dir mittlerweile kein Mensch mehr. Unter uns, deine Zeiten als Boxenluder sind endgültig vorbei. Du solltest nun mehr Klasse zeigen und dich mal seriöseren Dingen zuwenden.“
In einstudierter Nachdenklichkeit war er in seinem luxuriösen Büro auf und ab gegangen, wie durch Zufall an seiner Vitrine mit TV-Auszeichnungen stehengeblieben und hatte sich dann, als ob er gerade von einem Geistesblitz getroffen worden war, schnell zu ihr umgedreht.

„Ich hab´s, Schätzchen.“, sein breites Managergrinsen hatte sie neugierig gemacht. „Wir gehen zum Film. Und der erste Schritt is diese Show von einem Kumpel von mir. Brandneu und unerhört heiß! Wenn du damit wieder aus der Versenkung auftauchst, dann wird dir so was wie auf Sylt, wo dich plötzlich keiner mehr erkannt hat, nicht mehr passieren.“
Iris schauderte. Er hatte ihren wundesten Punkt getroffen. Oh Gott war das peinlich gewesen, als man ihr den Katzentisch neben den abgehalfterten Fußballstar geben wollte. Zum Glück hatte sie ein Bekannter aus dem „Urwald-Lager“ retten können. Aber was sie ganze fünf Minuten nervlich durchgemacht hatte, war ein immer noch sehr tief sitzendes Trauma.
„Ok.“, kam es daher wie aus der Pistole geschossen aus ihrem Mund. „Ich mach´s. Film is sowieso was, was ich immer schon wollte. Bring mich da rein, hörst du?!“
„Willst du denn gar nicht wissen, worum´s dabei geht?“, kam die überraschte Gegenfrage. Er hatte zwar gewusst, dass sie alles machen würde, um wieder im Rampenlicht zu stehen, aber dass es so einfach wäre, hätte er nicht zu träumen gewagt. Iris war in der Zwischenzeit schon von dem unbequemen Designersofa aufgestanden, hatte ihre winzig kleine Handtasche unter die Achsel geklemmt und war schon an der Tür, bevor sie sich noch einmal umdrehte und mit einem zuckersüßen Lächeln flötete: „Mach einfach den Vertrag klar. Ich wupp das schon!“
Ja, und jetzt hatte sie die Quittung! Jetzt saß sie auf dem Land und durfte die Bauerntochter ersetzten, die zum Tausch in ihr glamouröses Jetset-Leben eingetaucht war und sich irgendwo Champagner und Kaviar schmecken ließ, während ihr hier schon beim Anblick von diesem hochgelobten Handkäse übel wurde. Wütend hob sie einen kleinen Kieselstein auf und warf ihn so weit es ging in den See. Erstaunt musste sie feststellen, dass diese Art der Frustbewältigung gar nicht so übel war. Schnell sammelte sie eine ganze Hand voll Steine und begann zu werfen. Ja, für jeden einen. Erst einen für Frank, diesen unappetitlichen, kleinen Mann, der sie immer mit Stilaugen ansah und wenn Oma Lene nicht gewesen wäre, ihr schon längst an die Wäsche gegangen wäre. Ja, und jetzt einen für die uneingeschränkte Tyrannin des Hofes. Hier Lene, der ist extra weit geflogen. Und noch einen für deinen staubtrockenen und angebrannten Ribbelkuchen und den grauenhaften Kaffee und die Kondensmilch. Und jetzt noch welche für das Kamerateam, diese Nervensägen, die sie vorzugsweise immer dann filmten, wenn sie nicht dazu bereit war. Diese Geier! Und jetzt einen für das klamme, kalte Schlafzimmer, mit dem schrecklichen Ehebett, in dem bestimmt schon einige Generationen dieser Bauern gestorben waren. Iris schnaubte laut auf. Ja, jetzt ging es ihr schon ein bisschen besser. Vielleicht noch ein paar Würfe? Ein Lachen ertönte hinter ihr und ließ sie in der Bewegung erstarren. Verflixt! Sie war nicht mehr allein. Man hatte sie gefunden - noch schlimmer - man hatte sie bei einer ganz kindischen Tätigkeit erwischt. Wenn das ausgestrahlt werden würde, dann… Wütend ballte sie die Hände zu Fäusten und fuhr herum, bereit Heinz die Kamera wegzureißen und zu den Steinen in den See zu schleudern. Was sie jedoch sah, brachte Iris so aus dem Konzept, dass sie lediglich den Mund zu einem leisen „Oh“ öffnete, nicht mehr in der Lage, sich zu rühren. Zwar war sie eine Frau, die viel herumkam, die Gott und die Welt kannte, wobei letztere sie seit Kurzem etwas ungnädig behandelt hatte, aber auf diesen Traummann, der dort lässig an der Eiche lehnte, war sie nicht vorbereitet. Meine Güte sah der fantastisch aus. Iris blinzelte nervös.

Nein, das war kein Trugbild, der war echt! Und jetzt – oh nein – jetzt kam er auch noch auf sie zu. Diese blauen Augen, diese breiten Schultern, dieser kraftvolle Gang …
„Ei, Mädsche, was machste donn do? Willste a poor Gäns´sche firs Owendesse kille?“
Sie hörte ihn offensichtlich nicht. Immer noch mit offenem Mund starrte Iris diesen Adonis an, verstand kein Wort, sah nur, dass er ein wunderschönes Lächeln hatte, jetzt vor ihr stand und auch noch unheimlich gut duftete: nach Heu, Seife, Freiheit und noch etwas Anderem.
„Ei, jetzt hot´s ihr die Sproch verschlache. Ormes Gänselies´sche!“
„Iris!“, schallte es ungnädig vom Weg her. „Verflixt, wo steckst du denn? Schluss jetzt mit dem Divengezicke! Wir machen weiter!“
„Oh, nein!“, entschlüpfte es ihr. Aber bevor sie dem Impuls, sich hinter den Büschen zu verstecken, folgen konnte, bog Peter auch schon um die Ecke und war mit schnellen Schritten – dichtgefolgt von Frank - am See.
„Wer sind denn Sie?“
Zum ersten Mal war Iris ihm dankbar, denn auch sie wollte jetzt endlich wissen, wer dieser wunderbare Mann eigentlich war.
„Des is mein Kussäng!“, mischte Frank sich ein.
„Wie bitte?“
Iris grinste. Auch Peter hatte offensichtlich große Probleme mit dem Dialekt der Region.
„Ei, isch bin soin Cousin, sein Vedder, der Sohn vun soinem Pedder, soinem Patenonkel!“, kam der rätselhafte Fremde zu Hilfe. „Isch bin de Theo. Un ihr seid die Leut vum Fernseh, odda?“
Ach, er war einfach fabelhaft! Das musste sich auch Peter eingestehen. Ein Naturbursche wie aus dem Bilderbuch. Lediglich Iris verträumte Kuhaugen irritierten ihn etwas, daher packte er sie kurzerhand am Ellbogen und zog sie einfach mit sich. Sie kicherte, sah über die Schulter und rief: „Theo? Bleib doch zum Abendessen. Deine Omi freut sich bestimmt. Es gibt was Gutes! Pellkartoffeln mit Leberwurst und Senf!“
„Ei, sischa! Un isch hob sogar den Nochtisch dodabei.“
Gerührt stellte sie fest, dass er wie ein treuer Bernhardiner hinter ihr herlief und so führte sie das interessante Gespräch kurzerhand einfach fort, während Peter sie weiter Richtung Stall zerrte, wo Heinz schnell seine Zigarette austrat.
„Nachtisch? Super! Was gibt es denn?“
„Ei, meine Päsching.“, antwortete er glücklich, sah aber sofort, dass er offensichtlich wieder ein unbekanntes Wort verwendet hatte und übersetzte gleich: „Pfirsiche! Isch bin nämlisch Obstbauer!“
Jetzt wusste sie, wonach er noch gerochen hatte. Nach süßen, saftigen, reifen Früchten. Ein Strahlen erhellte ihr Gesicht und Theo kam es so vor, nie eine schönere Frau gesehen zu haben.

**
Drei Tage später klingelte Iris Handy. Es war noch früh am Morgen, sie war gerade aufgestanden, saß am Frühstückstisch, ignorierte Oma Lenes giftigen Blick, streichelte die Katze, die bettelnd auf ihren Schoß gesprungen war und hing ihren Gedanken nach, so dass sie heftig zusammenzuckte, als die Titelmelodie von Denver Clan ertönte. Eine unterdrückte Nummer? Theo? Atemlos nahm sie das Gespräch an.
„Iris, was soll der Mist!“
Nein, das war nicht Theo, sondern ihr dämlicher Manager.
„He, was für einen Mist meinst du?“, konterte sie pikiert.
„Na, dein Heile-Welt-Getue auf dem Land. Was willst du damit bezwecken?“
„Hä, nix! Ich pass mich nur an und erfüll meine Aufgaben. Was gibt´s denn daran aufzusetzen?“
„Sehr viel meine Liebe. Ich sag nur einen Satz: Du bist BOCKELANGWEILIG! Kein Gezicke, kein bitchy-style, keine Skandale. Das, was du präsentierst, interessiert niemand. Ich hatte grad den Sender an der Strippe und die sagen mir, die schmeißen dich raus, wenn nicht bald mal was passiert. Schluss aus die Maus, meine Liebe. So schnell geht das im Showbiz!“
Das waren harte Worte und Iris ärgerte sich, dass der doch ganz gut begonnene Tag plötzlich von einer Gewitterfront bedroht wurde. Was sollte das? Konnte man es denen denn nie Recht machen? Sie fing den schadenfrohen Blick von Oma Lene auf – die aufgebrachte Stimme war wohl nicht zu überhören – und schnaubte wütend.
„So, so, nen bisschen Action wollt ihr also. Vielleicht, dass ich hysterisch kreischend in die Jauchegrube falle, oder dem ekligen Frank eine scheuer, weil er mir an die Titten langt, oder der Alten mit der Pfanne was überbrate.“
Das „Klong“ von der Spüle war der eindeutige Beweis, dass sie zumindest die Oma hatte schocken können. Sofort bekam Iris ein schlechtes Gewissen. Sie wollte die alte Frau nicht erschrecken. Sie wollte keinen Streit, keine Zwietracht, keine Schlammschlacht. Warum nicht? Was war nur mit ihr los? Warum war es ihr so wichtig, dass alles harmonisch und schön war? Warum wollte sie alle glücklich sehen? Glücklich wie sich selbst?
„Oh, je!“, entschlüpfte es ihr. Zu spät! Ihr Manager wurde hellhörig.
„Was meinste damit?“, bohrte er nach.
Iris zuckte resigniert die Schultern. Sie kannte das Gefühl. Warum war es ihr nicht schon eher aufgefallen? Sie ließ die letzten Tage Revue passieren. Tapfer hatte sie vor der Kamera gezeigt, wozu sie fähig war und nur die Stunden bis zum Abend gezählt. Merkwürdig, dass es dem Filmteam nicht aufgefallen war, dass Cousin Theo immer da war, obwohl er einen eigenen zehn Kilometer entfernt liegenden Hof besaß. Nach Drehschluss waren sie sich näher gekommen, hatten Spaziergänge gemacht, geflirtet, gelacht und ihren Spaß gehabt. Selig dachte sie an letzte Nacht, als sie endlich… Iris lächelte glücklich und kapitulierte. Es half alles nichts. Sie musste den Tatsachen ins Auge sehen und vor allem die Öffentlichkeit informieren.

„Tut mir leid, aber hier ist halt was passiert, was ich nicht ändern kann.“, bevor sie weitersprach, machte sie erst einmal einem theatralischen Seufzer Platz. „Ich habe mich verliebt.“
Zunächst kam keine Reaktion. Die Leitung schien tot. Doch dann brach der Sturm los.
„Ja, hab ich mich da grad verhört? Du hast dich verknallt? In wen? Doch nicht etwa in den abgebrochenen Gartenzwerg? Iris! Bitte, tu mir das nicht an! Ich mein, Publicity is schön und gut, aber negativ is für dich nicht drin. Du bist keine exzentrische Pop Queen, die so was macht. Du brauchst ein sauberes Image und wenn schon so ein Landei, dann höchstens einen durchtrainierten Traum-Cowboy!“
Iris lachte. Er hatte genau den Nagel auf den Kopf getroffen. Theo war exakt der Typ Mann, in dessen Arme man sich am warmen Lagerfeuer kuschelte und mit dem man auch mal „Handkäs mit Musik“ aß, während der Bembel kreiste. Mit ein paar Worten erklärte sie die Situation und ihr Manager schien zunächst einmal beruhigt.
„OK, Süße, ich werd das mal recherchieren. Du machst weiter wie bisher. Ich meld mich dann wieder.“
Nachdem er aufgelegt hatte, starrte Iris noch eine Weile auf das Handy. Warum hatte sich Theo noch nicht gemeldet? Nach dieser unvergesslichen Nacht konnte sie doch zumindest eine SMS erwarten? Oma Lene setzte sich an den Tisch, nahm eine Kaffeetasse und stippte ihren Kuchen in die hellbraune Flüssigkeit. Sofort setzte das Schlürfen und Schmatzen ein. Sie tat es schon wieder! Einfach ekelhaft! Angewidert sah Iris zu, wie ein Teil des aufgeweichten Gebäcks abbrach und in der Tasse verschwand.
„Ei, den muss man dunke!“, kommentierte die alte Frau wie jeden Morgen. „Iwrigens, mei Mäid, den Theo siehste heit ned. Der hat Wischtigeres zu doun.“
Halb gelangweilt, halb interessiert schaute Iris in die boshaft glitzernden Augen den Bäuerin, doch bevor sie nachhaken konnte, was denn wichtiger sein konnte, als sie zu küssen, öffnete sich die Tür und ein etwas mürrisch dreinblickender Peter kam in die Küche.
„Morgen zusammen. Iris, ich hoffe, man hat dir gesagt, dass wir langsam mal Speed in die Sache bringen müssen. Ich schlage daher vor, dass du dich heute gelangweilt und in deinem knappsten Bikini in den Garten legst und nichts tun möchtest. Oma Lene wird dann kommen und dich auffordern, ein Huhn zu schlachten. Du flippst aus, Lene meckert rum und wir alle sind glücklich!“
Es war klar, dass er keine Widerworte hören wollte. Und so waren alle zwanzig Minuten später in dem kleinen Gemüsegarten versammelt. Praktikantin Nina kämpfte verzweifelt mit einem Klappstuhl, der viel zu alt und eingerostet war. Iris, die im Bademantel neben Heinz stand und in der kühlen Luft des nicht gerade sommerlichen Vormittags zitterte, sah jetzt, dass Nina verstohlen ein paar Spinnweben wegwischte. Das war zu viel.
„Peter!“, der vorwurfsvolle Tonfall ihrer Stimme war mehr als berechtigt, denn auch durch die rosarote Brille einer Verliebten konnte sie diese absurde Idee nicht gut heißen. „Das ist doch ein ausgemachter Blödsinn. Es ist viel zu kalt zum Sonnenbaden. Der Klappstuhl gehört ins

Museum und in die Hände einer erfahrenen Putze und ich weigere mich hier noch eine Minute länger neben dem stinkenden Komposthaufen zu warten, bis du einsiehst, was für ein Scheiß das ist!“
Heinz lachte leise. Nina stieß einen spitzen Schmerzenslaut aus, denn sie hatte sich den Finger gequetscht und Peter war mehr als gereizt.
„Nix, da. Das wird jetzt so gemacht wie ich es sage!“, knurrte er. „Kommst du bald mal in die Pötte, Nina?“
Iris hatte keine Lust mehr. Das war so was von unter ihrem Niveau. Sie würde schon einen anderen Weg finden, um wieder bekannt zu werden. Mit hocherhobenen Kopf schritt sie zu der kleinen Gartenpforte, ignorierte Frank, der dort stand und sie die ganze Zeit mit lüsternen Blicken taxiert hatte und war gerade im Begriff, wieder ins Haus zu gehen, als Oma Lene sie am Arm packte und eindringlich ansah.
„Was is?“, fragte Iris ungehalten.
„Isch muss dir ebbes verzähle!“, raunte die Alte, zog ohne auf ein Einverständnis zu warten Iris zu sich, und begann ihr flüsternd zu berichten, was sie anscheinend schon die ganze Zeit auf dem Herzen hatte. Peter beobachtete argwöhnisch die beiden Frauen.
„Ich hab´s geschafft!“, rief Nina begeistert.
„Er macht was?“, hallte Iris Entsetzensschrei über den Hof und auf Peters Lippen legte sich ein triumphales Grinsen.
„Wo soll der jetzt stehen?“
Nina zupfte zaghaft am Ärmel ihres Chefs.
„Frank! Wo is dein Wagen? Schnell, gib mir die Schlüssel!“
„Peter?“
„Ach, halt die Klappe, du dumme Kuh. Merkst du denn nicht, dass hier grad ein Knüller passiert? Du wirst es beim Film nie zu was bringen! Heinz, schnapp dir die Kamera und los geht`s“, waren die knappen Kommandos und Nina sah mit tränenverschleiertem Blick, wie der Tumult losbrach. Iris hatte Frank am Arm gepackt und zu seinem Jeep gezerrt, wo sie ihn resolut zwang einzusteigen. Sie war dermaßen aufgebracht, dass sie gar nicht daran dachte, den Bademantel zu schließen, als sie um den Wagen lief, um auf den Beifahrersitz zu klettern. Gleichzeitig hetzten Peter und Heinz zu ihrem eigenen Fahrzeug, während Oma Lene sich böse lächelnd am Hoftor positionierte, damit ihr auch ja nichts von der nun startenden Autoverfolgung entging. Zwei Minuten später war der Spuk vorbei. Gluckend führte eine Henne ihre flauschigen Küken zum Misthaufen. Nina stand immer noch im Gemüsegärtchen, den Klappstuhl in der Hand und Tränen liefen über ihre Wangen.
***
Das Fest war im vollen Gange. An den Tischen saßen viele minder glückliche Paare, aßen, tranken und versuchten plump Zärtlichkeiten auszutauschen, sobald die Kameras auf sie

gerichtet waren. Die Moderatorin Bella Blum - die Blamage beim Anzapfen hatte sie offensichtlich professionell weggesteckt, denn sie trug jetzt ein neues Dirndl - stöckelte mit ihren hohen Schuhen elegant über das Kopfsteinpflaster auf die Gäste zu. Ein kurzer Blick genügte und sie hatte schon ihr erstes Opfer gefunden, quetschte sich auf eine Bank und begann mit einem älteren Herrn ein Interview.
„Sepp, das hättest du ja wohl nicht gedacht, dass sich gleich vier Frauen für dich so ins Zeug legen, was?“
Ihre zauberhafte Aufmachung stand im krassen Gegensatz zu dem einfachen Mann im karierten Hemd und Lederhose, der jetzt verlegen erst einmal sein Bier austrank, bevor er in der Lage war, zu antworten.
„Mei, naa!“
„Und hier sind die Schönheiten, die bald für einen Monat bei dir leben möchten.“
Die Kamera schwenkte auf die Frauen, die ganz klar der Kategorie „Ladenhüter“ zuzuordnen waren. Tapfer lächelnd versuchte eine von ihnen etwas zu sagen, nur leider signalisierte in diesem Moment die Blaskapelle, dass die Pause vorbei war und weitergetanzt werden musste. Bella ließ das Mikrofon sinken und seufzte. Das war wirklich ein anstrengender Job, mit langweiligen Leuten, die ein langweiliges Leben führten, aber die Zuschauer liebten diese Show. Während eine Maskenbildnerin sie abpuderte, ließ Bella den Blick über die Paare schweifen. Da sie nach der elften Staffel nun wirklich viel Erfahrung bei dem Projekt „Der einsame Landwirt“ hatte, konnte sie gleich sehen, dass auch dieses Jahr wohl kein wirkliches Traumpaar dabei war. Aber wenigstens gab es einen Hingucker. Der große, hessische Obstbauer Theo war wirklich ein Augenschmaus und ihr war gleich bei seiner Bewerbung klar, dass er es nicht nötig hatte, hier mitzumachen. Der wollte nur ins Fernsehen, aber konnte man ihm das verdenken? Gerade tanzte er schwungvoll mit einer drallen Blondine, die ganz hin und weg war. Hm, überlegte Bella, vielleicht könnte man hieraus eine pikante Bettgeschichte stricken. Das Bier schien langsam zu wirken, denn auch Bauer Sepp riss jetzt ungefragt eine seiner Haremsdamen auf die Tanzfläche und schleuderte sie ungelenk zu den Rhythmen einer Polka. Armes Ding, dachte Bella und war gerade im Begriff sich wegzudrehen, als sie eine Frau bemerkte, die im Bikini und wehendem Bademantel auf die Tanzenden zustürmte. Hatte man in der Redaktion versäumt ihr zu sagen, dass sie diesmal eine Stripperin engagiert hatten? Entsetzt verfolgte Bella, wie die Frau vor dem schönen Hessen stehen bleib, ihm eine saftige Ohrfeige verpasste und sich dann wütend auf seine Partnerin stürzte. Ein zweites Team – an dem Aufkleber auf der Kamera eindeutig der Konkurrenz zuzuordnen – war aufgetaucht und umrundete jetzt das Frauenpaar, welches kreischend, zerrend und kratzend auf dem Boden einen Kampf um Leben und Tod ausfocht. Bella sprang auf, gab kurz ein Zeichen und auch ihre Leute begannen sofort mit der Aufzeichnung. Das Duell Sender gegen Sender steuerte seinem Höhepunkt entgegen und niemand dachte daran, die Damen zu trennen, denn die Einschaltquoten würden traumhaft sein.


****
Die Grillen zirpten. Eine weitere wundervoll warme Nacht am Mittelmeer brach an. Gut gelaunte Promis flanierten herum und machten nur Stopp, wenn ein Fotoapparat auf sie gerichtet war.
„Sag mal, is sie das nicht?“, flüsterte eine elegante Frau und deutete ans Ende der Terrasse. Der alternde Schlagerstar neben ihr kniff die Augen zusammen, denn er lehnte Brillen kategorisch ab und vertrug keine Kontaktlinsen.
 „Wen meinste? Die Bella Blum?“
„Ach, die doch nicht. Ich mein die, die neben ihr steht.“, affektiert nahm sie einen Schluck Champagner und raunte dann verschwörerisch. „Das is sie!“
„Wer? Wer soll das sein?“, kam es jetzt gereizt. Er hatte aufgegeben, etwas zu erkennen und beugte sich stattdessen über das Buffet, um noch eine extragroße Portion Shrimps auf seinen Teller zu häufen.
„Na, die kleine Schlampe, die halbnackt den Bauern verprügelt hat!“, mühsam versuchte seine Gesprächspartnerin eine Augenbraue zu heben, was nach der heutigen Botoxbehandlung aber leider nicht mehr ging. Daher fuhr sie mit steinernem Gesichtsausdruck fort. „Sensationelle Show, war das. Der Typ soll übrigens jetzt auch beim Film sein. Die beiden sind das neue Traumpaar. Unsere deutsche Antwort auf Hollywood! Aber heut ist sie offenbar allein. Ob die sich wieder getrennt haben? Aber ihr Kleid ist ein Traum!“
„Halt mal!“, entsetzt starrte sie auf den Teller, den er ihr in die Hand gedrückt hatte.
„He, was soll das? Ich mach doch grad Diät!“, aber den Protest ignorierend war der Schlagerstar schon in die Gruppe um die beiden Frauen am Ende der Terrasse eingetaucht. Einige Minuten später war er auch schon Iris bester, neuer Freund und gemeinsam lächelten sie in die Kamera eines Paparazzo.

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Monochrom
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Hat mir im Großen und Ganzen gefallen. Du lässt sehr deutlich durchblicken, auf welchen Fahrrinnen das sogenannte B Promi Getue und die Realitiy TV Sendungen unterwegs sind. Dies ist Dir gut gelungen. Ich finde nur, dass die Geschichte dies zu wenig überspitzt. Der Schmunzeleffekt, der sarkastische Witz kommt mir zu wenig durch. Viele Textstellen drehen sich um die ausnahmslos szenegeilen Filmteams. Genau diese Stellen haben (finde ich) etwas wenig Biss, obwohl Du durchaus Szenen erfindest, die die Sinnlosigkeit dieses Genres anschaulich beschreiben. Die Darstellung der Halb oder Ganz oder wie auch immer zu bezeichnenden "Prominenten" ist ebenfalls gut gelungen. Du entführst den Leser in eine (Schein-) Welt, in der jeder Selbst- Darstellungsgeil ist oder dies für Eigennutz heranzieht. Was mir da so spontan fehlt, ist die Gegenseite, eine Figur, an der das alles abprallt, eine Figur, mit der sich die Leser identifizieren können. Die Grossmutter könnte so eine Figur sein, leider ist sie nur periphere Protagonistin. Ich weiß nicht, ob die Geschichte durch so eine Figur wirklich besser würde, aber es würde den krassen Gegensatz, diese bescheuerte Scheinwelt der übrigen Protagonisten noch verschärfen, wenn eine Person einfach "normal" wäre. Ich hoffe, Du kannst mit meiner Überlegung etwas anfangen, viel Spaß beim Schreiben, ciao, Monochrom

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