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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Hannah Arendt - Erzählung und Geburtlichkeit
Eingestellt am 20. 02. 2014 19:30


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memo
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Hannah Arendt

„Ich selber wirken? Nein, ich will verstehen. Und wenn andere Menschen verstehen – im selben Sinne, wie ich verstanden habe –, dann gibt mir das eine Befriedigung wie ein Heimatgefühl.“ (Hannah Arendt)

Wenn man Hannah Arendts (1906 – 1975) Stimme lauscht, rührt ihre Art sich auszudrücken an, mit ihr zu denken. Es geschieht genau dies, was sie in ihrem Schreiben versucht: Sie erzählt. Dadurch erfahren wir unmittelbar - auch mit ihrer Gestik, ihrem Blick, mit der Art wie sie rauchend ihre Gedanken sammelt und wie sie laut auflacht, wenn sie selbst am tiefsten aufgewühlt ist - ihre Geschichte. In ihrem Erzählen erfahren wir ihre Philosophie.

Bei all der Stärke, die diese Frau in den Interviews ausdrückt, ist es wichtig zu erkennen, was Hannah Arendts erste Motivation war - wie sie selbst sagt: „Angst“. Der Schrecken einer abgründigen Realität war es also, der Hannah Arendt zum Denken trieb. Der Zivilisationsbruch, die Massenvernichtungslager sind Zeugnisse in denen Menschen noch bevor man sie tötete, die Würde und das Menschsein aberkannt wurde - das Unzerstörbare. Die Einbildungskraft, das „Trauma“ und die Natalität (Geburtlichkeit) - diese Bereiche sind bei Hannah Arendt wie in einem Geflecht ineinander verwoben
Wie können wir auf das Unausprechliche antworten?
Die Literatur und die Erzählungen mögen uns vor Gleichgültigkeit bewahren. Sie sollen mit ihrer Beispielhaftigkeit unsere Urteilskraft sensibilisieren und uns davor schützen, zu vergessen. Die Dichtung ist für Arendt das Medium. Was hat das mit politischer Theorie zu tun? Die Antwort darauf könnte eine kurze, ganz schlichte Notiz Arendts bei einem ihrer Seminare sein:

„Die Unterscheidung zwischen Theorie und Gedanken: über jedes Ereignis, das überhaupt erinnert wird, wird nachgedacht. Das Erzählen einer Geschichte ist der geeignete Weg, darüber nachzudenken. Daraus entsteht Theorie.“

„Den Dichtern wird immer vorgeworfen, dass sie lügen. Und das ist auch ganz berechtigt. Nur von ihnen erwarten wir Wahrheit (nicht von den Philosophen, von denen wir Gedachtes erwarten).“ Wahrheit ist laut Hannah Arendt, das Einzige, was uns an einem modernen Roman lockt. Arendt verstand ihre Seminare als „Übungen in Einbildungskraft“ und die Literatur, die Erzählung, scheint für sie die geeignete Möglichkeit zu sein.
Der Roman ist keine Quelle für Lebensrezepte mehr. Er dient auch nicht mehr der Unterhaltung. Abschied von einer Tradition, die es nicht mehr gibt, ferne Zukunft und dazwischen „Abgrund“ und leerer Raum, das sind die Grundtöne der modernen Romane. Diese Entwicklung des Romans bedeutet nach Arendt zugleich, dass er als ursprünglich populäre Gattung, immer weniger Menschen anspricht: Der moderne Roman gibt Denkanstösse und lässt den Leser gedankliche Prozesse vollziehen. Idealtypische Schriften sind die Werke von Marcel Proust, Franz Kafka, James Joyce und Hermann Broch. „Das Einzige, was den Leser in Kafkas Werk lockt, ist die Wahrheit selbst.“

Wer jemand ist oder war, können wir nur erfahren, wenn wir seine Geschichte hören. Arendt gibt ein Beispiel: Von der Person des Sokrates, der selbst nichts aufgeschrieben hat, haben wir ein besseres Bild, als von Plato, Aristoteles und den meisten Philosophen vor und nach ihm. Wir wissen, wer Sokrates war, in einem Sinne, so die Philosophin, in dem wir weder von Plato noch von Aristoteles wissen, wer sie waren, weil wir die Geschichte des Sokrates kennen. Wir nehmen ihn in den Dialogen wahr, als Fragenden und als Sterbenden. Sokrates trat in der Polis in Erscheinung und es wurde von ihm erzählt. Bürger der Polis klagten ihn an. Jünglinge verehrten ihn. Komödiendichter parodierten ihn.

So ist auch das Theater für die Philosophin die politische Kunst. Es ahmt die Bühne der Welt nach, und die Schauspielkunst ist die Kunst „handelnder Personen“. Was geschieht, ist nicht so sehr die Handlung, die sich auch im reinen Erzählen wiedergeben ließe, als das So-und-nicht-anders-Sein der handelnden Menschen. Das Medium des Schauspiels ist ein in Erscheinung treten. Die Polis der Griechen gleicht einer solchen immerwährenden Bühne, die direkt im Miteinander entsteht, dem Teilnehmen an Worten und Taten. Es kann sich aber niemand dauerhaft in diesem Raum aufhalten, weil „das überhelle Licht des Öffentlichen die Verborgenheit vernichtet, welche das Leben der Sterblichen, für sein Lebendigsein braucht“ . Doch - so betont Arendt - menschlich gesprochen sind Wirklichkeit und Erscheinung dasselbe und ein Leben, in dem es nicht in Erscheinung treten kann, ermangelt nicht des Lebensgefühls, wohl aber des Wirklichkeitsgefühls. Für dieses Leben kommt und geht alles wie im Traum, ohne dem Widerschall der Mitwelt, „bleibt das Leben realitätslos, wenn es uns auch inniger und ausschließlicher zu eigen sein mag“.

Hanna Arendt sucht Erkenntnisvermögen und Reflexionsfähigkeiten, die dem Politischen besser entsprechen als die reine Vernunft der Philosophie. In ihren ersten Schriften ist es das Vermögen der Einbildungskraft mit dem „verstehenden Herzens“, das nichts mit Sentimentalität zu tun hat. Es antwortet auf das Faktum, dass uns manche Ereignisse zu nahe sind und zu nahe gehen, andere aber zu ferne bleiben und gleichgültig lassen. Die Einbildungskraft ist das Vermögen, sich durch Vorstellung in andere Standorte in der Welt zu begeben. So rücken wir einerseits vom zu Nahen in die richtige Distanz und andererseits können wir „die Abgründe der Ferne“ überbrücken. Damit werden wir nach Arendt fähig für beides: Nahes und Fernes zu verstehen und uns mit ihm zu versöhnen.

Arendts Reflexionsweisen und deren Unvorhersehbarkeit - sind „weich“. Sie lassen dem Geist Raum. Die Instanz ist nun der Geschmack. Politische Überzeugung basiert auf Meinung, ja sie ist Meinung. Sie hat die Politik zur „Geschmacksache“ erklärt und sie muss es tun. Gerade darin liegt ihre Stärke und Güte, die sie verliert, wenn sie den Wahrheitsanspruch stellt. Diese Sicht ist bescheiden, neigt nicht zur Gewalt und steht jedem Dogmatismus fern.
In den Denktagebüchern heißt es:

„Das Herz ist ein komisches Organ; erst wenn es gebrochen ist, schlägt es seinen eigenen Ton; wenn es nicht bricht, versteinert es. Der Stein, der einem vom Herzen fällt, ist fast immer der, in welchen sich das Herz fast verwandelt hätte."

Das Gewebe des Politischen, der Philosophie und der Poesie, sind für Arendt durch die ursprüngliche Sprachlichkeit aller drei Bereiche gegeben. Philosophie, das Denken, ist gekennzeichnet als Sprechen mit sich selbst, als innerer Dialog. Den Inbegriff des politischen Handelns als Leben in Gemeinschaft, erhebt sie das Gespräch. Welche Sprache aber spricht die Sprache der Dichtung?
In ihrer Lessingpreisrede (1959) betont Arendt die Möglichkeit der Dichtung durch wiederholtes Nacherzählen Vergangenes, aber in die Gegenwart ragendes, traumatisierendes Geschehen zum verstandenen Geschehen umzubilden. Der Vergangenheit, die unbewältigt bleibt, entspricht erst eine Dichtung, die nicht bewältigt, sondern durch Deutung ersetzt werden kann.

Das ‚Trauma’ äußert sich wie ein Traum, der realer als jede Wirklichkeit ist. Doch dieser Traum verbirgt eine „Möglichkeit“ – es könnte wieder geschehen. Gegen diese „Möglichkeit“ denkt Arendt an. Was ihr Philosophieren will, ist auch den Bruch zu heilen. Die Texte der Philosophin haben eine Intention, die über die Wissenschaft hinausgeht. Arendt, Levinas, Blanchot, Adorno, die Dichter Celan, Primo Levi, Elie Wiesel, Nelly Sachs, sie schreiben nicht nur, sondern sie geben Zeugnis. Auch wenn sie von sich und für andere sprechen, stellen sie jedoch keine „Opfer-Philosophie“ oder „Opfer-Dichtung“ dar.

Die Frage, die sich Hannah Arendt stellt und mit ihr viele andere, wenn auch in unterschiedlicher Weise, ist jene Frage, die uns - wenn überhaupt - nur mehr in Zeugnissen einholt. Wir müssen diese Fragen nicht aussprechen. Wir müssen nicht auf das Unmögliche antworten. Aber wir tun es in jenen Augenblicken, in denen uns Unausprechliches widerfährt, das uns schweigend zurücklässt. Wenn wir antworten, haben wir Kraft. Wenn wir uns abwenden oder wir nicht fähig sind, Leid direkt auszusprechen, antworten wir jedoch nicht weniger stark. Tiefer Schmerz ist oft ohne Worte, aber nicht ohne Antwort.

Wenn wir nicht verzeihen könnten, d. h. uns gegenseitig von den Folgen unserer Taten wieder entbinden, bliebe unser Handeln eine einzige Tat, deren Folgen uns bis an unser Lebensende im wahrsten Sinne des Wortes verfolgen würden. Wir wären im Handeln das Opfer unserer selbst - im Guten wie im Bösen.

„Die Fähigkeit, zu verzeihen und zu versprechen, sind in dem Vermögen des Handelns verwurzelt; sie sind Modi, durch die der Handelnde von einer Vergangenheit, die ihn auf immer festlegen will, befreit wird und sich einer Zukunft, deren Unabsehbarkeit bedroht, halbwegs versichern kann.“

Anders als der Philosoph Heidegger, fand Hannah Arendts nicht den Tod als bestimmend für unser Leben, sondern die Geburt. Dieser Anfang bezieht sich nicht auf etwas, das einmal war. In unserem Sprechen und Handeln ist das Geborensein immer gegenwärtig. Doch auch der Tod des Anderen begegnet uns in jeder Lebensgeschichte. Im Zuhören von Erzählungen werden wir fähig, uns zu erinnern und nicht zu vergessen. Wir setzen mit jeder Handlung einen neuen Anfang. Wir verzeihen und versprechen. Wir versuchen zu vertrauen. Wir hoffen. Wir suchen auf das Unaussprechliche zu antworten. In den Worten Maurice Blanchots:

„Es ist die Existenz der Dichtung selbst, die, wenn sie wirklich Dichtung ist, die Antwort bildet, und die in dieser Antwort demjenigen Aufmerksamkeit schenkt, was sich in der Unmöglichkeit zuschickt (indem es sich abwendet). Sie drückt es nicht aus, sie sagt es nicht ... Aber sie antwortet.“







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