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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Hans im Unglück
Eingestellt am 12. 01. 2010 07:31


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Karla Laus
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jan 2010

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Hans im Unglück

Alles nahm seinen Anfang, als unser Nachbar seine Wirtschaft verkaufte, das letzte Gehöft im Urzustand einer Hundert-Seelen-Gemeinde.
Im Sommer 1983 zog Hans mit seinen Eltern dort ein. Das war der Beginn einer tiefen und einmaligen Freundschaft.
Die ging sogar so weit, dass wir alles daran setzten Blutsbrüder zu sein.
Eines Tages zog Hans aus seiner Hosentasche ein Taschenmesser, klappte es auf und gab es mir. Mit einem Ruck zog ich die Schneide über den Daumen. Ein dicker Blutstropfen quoll hervor. Ich war stolz auf mich. Hans nickte anerkennend. Seinen Schnitt begleitete er mit einem leisen „Aua“. Beide Daumen pressten wir zusammen. Laut schworen wir uns ewige Freundschaft. Die krumme Kiefer am Rand einer Heidefläche war unser Zeuge.

Ein viertel Jahrhundert später waren wir immer noch Freunde und Nachbarn.
Hans wurde mit Leib und Seele Bauer. Neben seinen Feldern nannte er Hühner, Enten, Gänse und Hermelin-Zwergkaninchen sein Eigen.
Diese Rasse, die er besonders schätzte, zeichnete sich durch ein schneeweißes Fell, einen schwarzen Schwanz und hellblaue Augen aus. Mit dem Rammler Bob gewann Hans alles, was es zu gewinnen gab.
Ich mochte diese Tiere nicht besonders. Außer Bob. Er war etwas ganz Besonderes. Wenn ich in der Nähe der Ställe war, trommelte er mit seinen Vorderpfötchen ans Holz, bis ich den Verschlag öffnete. Seine blauen Augen schauten mich an. Langsam kam er an den Rand des Stalles und wartete, bis ich ihn streichelte.
Meine große Leidenschaft war die Jagd. Sie bestimmte mein Leben. Frei nach dem Motto: Jagd ohne Hund ist Schund! kaufte ich mir Flic, einen Deutsch Drahthaar. Die Brauchbarkeitsprüfung für Jagdhunde bestand er in allen Disziplinen mit Bravur.
Hans war auf meinen neuen Begleiter nicht gut zu sprechen. Er hatte Angst um seine Tiere, besonders wegen der gefragten Hermelin-Kaninchen. Jeden Tag kontrollierte er die Zäune. Seine hoch dotierten Hasen sicherte er zusätzlich.
Ich belächelte ihn bis zu dem Tag, als Flic mit Bob im Maul vor mir stand. Meine Beine nahmen die Konsistenz von Pudding an. Wie ein Fisch auf dem Trockenen schnappte ich nach Luft.
Flic wedelte mit dem Schwanz, legte mir das Kaninchen, welches er ordentlich im Dreck gewälzt hatte, vor die Füße und setzte sich daneben. Er wartete auf seine Belohnung und ich wartete darauf, dass sich Bob bewegte. Diesen Gefallen tat er mir nicht. Meine Hand griff dem Kaninchen ins Genick und hielt es mir vor die Nase. Hier half kein Tierarzt mehr. Das war so sicher wie das Amen in der Kirche!
Die toten wasserblauen Augen schauten mich strafend an. Ich untersuchte Bob genau. Er hatte keine sichtbaren Wunden. Es konnte nur ein Herzinfarkt gewesen sein, schreckhaft, wie diese Tiere waren. Diese Erkenntnis brachte mich nicht wirklich weiter.
Was sollte ich tun? Ich konnte unmöglich mit dem verdreckten Bob vor Hans’ Tür stehen und sagen: „Es tut mir leid! Flic hat deinem Preisträger zu einem Herzinfarkt verholfen.“ Das ging beim besten Willen nicht. Es musste eine andere Lösung her. Solange ich nach einem Ausweg suchte, verbannte ich Flic in den Zwinger. Beleidigt legte er sich in die Ecke und drehte seinen Kopf von mir weg.

Bob lag auf dem Küchentisch. Es würde mir wohl nichts anderes übrig bleiben, als ihn doch zurückzubringen. Aber nicht in diesem Zustand. Das schneeweiße Fell musste wieder schneeweiß sein.
Ich ging mit ihm unterm Arm ins Bad und legte ihn behutsam ins Waschbecken. Wasser allein würde mit Sicherheit nicht helfen. Mein Blick fiel auf die Shampooflasche. Darauf stand:
revitalisiert, kräftigt und stärkt für mehr Dichte und
Fülle - geschwächtes, kraftloses oder dünnes Haar. Das Richtige für mich, aber für Bob? Ich schaute zu ihm runter. Sein Fell war nur schmutzig. Auf dem Shampoo meiner Frau las ich:
pflegt, verleiht Schwung, Spiegelglanz, Seidengefühl. Das kommt der Sache schon näher. Nur überzeugte es mich nicht. Im Schrank fand ich ein Waschmittel für Wolle und Feines
pflegt sanft und weich, ohne zu verfilzen. Aber hier musste was Stärkeres her. Der Dreck würde sich nicht so leicht rauswaschen lassen. In der hintersten Ecke des Schrankes fand ich das Waschpulver mit Weißverstärker
verhindert Grauschleier, erhält die Brillanz weißer Farbe
- dieses Waschmittel ist dermatologisch getestet. Perfekt!
Zuerst duschte ich ihn in der Wanne. Der gröbste Schmutz verschwand im Abfluss. Dann verteilte ich das Pulver gleichmäßig im Fell und begann zu rubbeln. Der Schaum bedeckte nicht nur Bob, sondern füllte die Wanne. Ich hatte es zu gut gemeint. Doch das Ergebnis dieser Prozedur konnte sich sehen lassen. Bob kam wieder ins Waschbecken. Vorsichtig drückte ich das Wasser aus seinem Fell. Mit der einen Hand griff ich nach dem Badetuch und mit der anderen das Karnickel. Ich rubbelte ihn handtuchtrocken. Sicher konnte ich ihn nicht mehr zum Leben erwecken, aber er sollte wieder hübsch weiß sein. Aus der Halterung nahm ich den Fön und trocknete das Fell. Endlich war Bob wieder strahlendweiß und flauschig. Und er duftete nach Lotusblüte.
Nun war der Augenblick gekommen, wo sich herausstellen sollte, wie viel unsere Freundschaft aushalten würde.
Bob legte ich wie ein schlafendes Kind in meinem Arm und ging zum Nachbarhaus. Vor der Haustür verließ mich der Mut. In der Spiegelung der Glasscheibe glaubte ich das Gesicht meiner Oma zu erkennen. Ihr Lieblingsspruch kam mir in den Sinn:
„Freundschaft ist eine zarte Pflanze, die gehegt und gepflegt werden muss, sonst geht sie ein.“
Das gab mir den Rest. Rückwärts entfernte ich mich von der Tür. In meinem Sichtfeld erschienen die Karnickelställe. Wie vom Teufel verfolgt rannte ich hinüber. Riss den Verschlag auf. Schmiss Bob hinein. Mit einem lauten Knall war das Türchen wieder zu.
Nein, so konnte ich ihn nicht liegen sehen. Ich machte das Türchen auf und brachte ihn in eine sitzende Position. Wenn ich nicht gewusst hätte, dass er tot war, ich hätte schwören können, dass er lebte.
Mein Herz schlug bis zum Hals. Kalter Schweiß lief mir die Schläfen herunter. Ich machte kehrt und ging zu meinem Haus zurück.
In der Küche goss ich mir zitternd ein Glas Wasser ein. Ohne zu verschütten, stellte ich es auf den Tisch und ließ mich auf den Stuhl plumpsen. Das laute Ticken der Küchenuhr machte mir klar, wie vergänglich alles war. In der stummen Melancholie verlor ich jegliches Gefühl von Zeit.
Das Läuten der Haustürglocke stieß mich brutal in die Wirklichkeit zurück. Im Dunklen tastete ich mich zur Tür und öffnete. Hans stand vor mir. Schwer atmend und blass. Schweiß glitzerte im Gesicht. Sein Arm schob mich von der Tür weg. Schweigend ging er in die Küche und setzte sich mit dem Rücken zu mir. Mein Herzschlag stolperte. Die Knie schlugen aneinander. Hans dreht leicht seinen Kopf in meine Richtung. „Ich brauch ’nen Schnaps!“
„Schnaps, du?“, antwortete ich überrascht. Hans trank nie etwas Stärkeres als Bier.
„Du hast doch irgendwo ’ne Flasche. Oder?“
„Ja, klar. Ich hol sie.“ Meine Füße verhedderten sich und zankten, wer den nächsten Schritt tun sollte. Aber ich schaffte es, meine Flasche aus dem Versteck zu holen und stellte sie auf den Tisch.
Hans starrte vor sich. Vorsichtig schob ich ihm ein Schnapsglas hin. Er sagte immer noch nichts. Meine Nerven hielten das nicht länger aus. Ich öffnete die Flasche und goss das Glas halbvoll. Hans schaute mir in die Augen. „Das reicht nicht! Voll!“ Sein Telegrammstil irritierte mich. Ich erfüllte ihm seinen Wunsch.
Die Flasche gluckerte.
Das Glas gefüllt.
Mein Freund griff danach und betrachtete den Schnaps. Seine Finger drehten das schlichte Glas hin und her. „Einen Braunen? Ekelhaft dieses Zeug!“ Mit einem Hieb war er in Hans Mund verschwunden. „Ah, das brennt! Noch einen!“ Ohne zu fragen, goss ich nach. Wieder drehte er sein Glas zwischen den Fingern. „Ich muss dir was erzählen!“ Seine Hand zitterte. Ein Teil des Hochprozentigen ergoss sich auf das alte Wachstuch. Mit seinen schmutzigen Fingern tippte er in der Lake. „Mein Bob ist tot.“
Jetzt war es soweit! Mir wurde schwindlig. Vom Bauch her breitete sich Leere aus. Ich setzte mich Hans gegenüber.
„Gestern Morgen fand ich ihn tot im Stall. Einfach so!“ In Hans Augen sah ich Tränen schimmern.
„Ich hab ihn genommen und dort wo die krumme Kiefer mal stand, da hab ich ihn verbuddelt.“ Mit dem Handrücken strich er sich über die Wangen. „Vorhin mach ich den Stall auf und da saß er wieder, strahlend weiß. Du, normaler Weise rieche ich ja nicht an meinen Hasen, aber der hat gerochen … Meine Hasen riechen nach Hasen, manchmal auch nach Pisse, aber nicht nach Lotus.“ Hans Augen waren weit aufgerissen. Er griff nach meiner Hand und hielt sie fest. Sie war kalt und schwitzig. „Ich bin doch nicht blöde. Ich hab ihn eigenhändig verbuddelt.“ Er ließ meine Hand los und wischte sich über die Augen. „Sag mir, wie kommt ein totes, verbuddeltes Vieh wieder in den Stall? Blütenweiß und duftend wie eine Nutte. Das ist doch unmöglich! Oder?“ Mit einem Ruck hob er sein Glas und schluckte den Rest hinunter. „Noch einen!“ Der dritte Schnaps verschwand im Schlund. „Hast du gehört? Das tote Vieh liegt wieder in meinem Stall.“ Dabei starrte er seine Hände an.
Ich sah, wie eine Hand, die meine war, nach der Flasche griff. Ich machte mir nicht einmal die Mühe mein Glas zu füllen, sondern setzte sie an und trank in großen Schlucken. Für einen Moment spürte ich eine trügerische Wärme im Bauch.
Aber der Braune konnte mir nicht helfen!




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gerian
Festzeitungsschreiber
Registriert: Oct 2006

Werke: 19
Kommentare: 85
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Hans im Unglück

Hallo Karla,

deine Geschichte beginnt mit einem Rückblick.
Blutsbrüderschaft.
Eigentlich stören sie den Handlungsablauf.

Dann deine rührende Geschichte. So schön einfach und unkompliziert.
Besonders gefallen hat mir, wie du es verstehst, stringent den Handlungsablauf aufzuzeigen.
Wie Hans in seinem Unglück sich so liebevoll verliert.
Gut gemacht.

Weiter so!

LG
Gerian

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Karla Laus
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jan 2010

Werke: 1
Kommentare: 1
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Hallo gerian,

freut mich, dass die Geschichte gefällt.

Nun, der Rückblick mit der Blutsbrüderschaft zeigt die tiefe der Freundschaft an und natürlich über wie viel Jahre diese Freundschaft schon gehalten hat.
Im Verlauf der Geschichte ist aber auch zu erkennen, dass sich trotz Freundschaft Menschen verändern und entwickeln und es durchaus möglich ist, mit Verständnis und Toleranz eine Freundschaft aufrecht zu erhalten.

Sicher zaubert die Geschichte dem Leser ein Schmunzeln auf seine Lippen. Das ist auch gut so, aber es steckt noch die Überlegung darin, dass auch eine sehr tiefe und lange Freundschaft durch eine Fehlinterpretation von Vorkommnissen sie auf eine harte Probe stellen kann, wenn nicht gar ins Wanken bringt.


LG von Karla

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