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Happy-Go-Lucky
Eingestellt am 24. 03. 2009 19:26


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Miguel
Hobbydichter
Registriert: Mar 2009

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Happy-Go-Lucky


Der Jahreswechsel ist die Zeit der guten VorsĂ€tze, des (scheinbaren) Neubeginns, aber natĂŒrlich auch die Zeit steigender UmsĂ€tze von Astrologen, die durch esoterische Jahresprognosen Erfolge feiern.
Wendet man jedoch den Blick ab vom Horoskop-Teil der „BILD“-Zeitung , um sich alternativ, mit einer etwas anspruchsvolleren LektĂŒre zu befassen, dann wird man auf sehr nĂŒchterne Jahresausblicke fĂŒr 2009 stoßen. Die Finanzkrise, der Nahostkonflikt sowie die Umweltproblematik werden uns im neuen Jahr voraussichtlich weiterhin begleiten. Dennoch gibt es Grund zur Hoffnung, wenn die amerikanische Wahlkampagne einen „Wandel“ vorhersagt. Diese Prognose liegt zwar nicht in den Sternen, aber doch in den HĂ€nden der WeltbĂŒrger. Es handelt sich nĂ€mlich um einen Appell an den gesunden Menschenverstand. „VerĂ€ndert etwas!“. Den Zweiflern begegnet man dabei mit einem euphorischen „Yes, we can!“. Was aber können wir?
Können wir fĂŒr weltweiten Wohlstand sorgen? Können wir alte Vorurteile ausrĂ€umen? Welche Maßnahmen ergreifen wir gegen die ErderwĂ€rmung?
Doch wen interessiert das schon?
Viel wichtiger scheint es doch, ob uns der Planet Venus einen unwiderstehlichen Teint verleihen wird, der fĂŒr einen erfreulichen Ausgang der nĂ€chsten Kneipentour sorgt. Also sind wir wieder bei den esoterischen Jahresprognosen angelangt. Dabei liegt die Faszination der Sterndeutung vor allem in der Vorhersage von individuellen Lebenswegen. Jedoch scheint es dabei keinen Platz fĂŒr die Selbstbestimmung zu geben, da die Zukunft bei unserer Geburt durch Sonnenbilder und Aszendenten a priori bestimmt wurde.
Das bedeutet: Esoterische Jahresprognosen ersetzen rationale Zielsetzung. Vertrauen in den Kosmos, statt Vertrauen in die eigene Vernunft. Schicksalsglaube ohne den Glauben an die eigene Kraft.
Welche RĂŒckschlĂŒsse erlauben nun diese Erkenntnisse ĂŒber den Menschen? ZunĂ€chst einmal muss erkannt werden, dass das große gesellschaftliche und politische Wohlbefinden der Welt offenbar wenig Einfluss hat auf das relativ „kleine GlĂŒck“ des Individuums. DarĂŒber hinaus scheint der Mensch bequem: Warum die eigenen Energieressourcen auf der Suche nach GlĂŒck verschwenden, wenn das Schicksal die bereits fĂŒr uns in petto hĂ€lt? Haben die soziologischen und politischen Probleme wirklich keinen Einfluss auf unser GlĂŒcksempfinden?

GlĂŒck. Was bedeutet das ĂŒberhaupt? Die Wissenschaft bietet sogar eine Antwort mithilfe der Biochemie. Dopamin und Serotonin heißen die wahren GlĂŒcksbringer und sind doch nichts anderes als Botenstoffe in unserem Körper, die immer dann zum Einsatz kommen, wenn wir einen „GlĂŒcksrausch“ verspĂŒren. Der Verzehr von Genussmitteln soll dabei die HormondrĂŒsen ganz besonders anregen. Es kommt zur regelrechten chemischen Explosion, welche sogar positive Auswirkungen auf das Immunsystem hat. Dann wĂ€re die Frage nach dem GlĂŒck ja geklĂ€rt, oder etwa nicht? Zufrieden geben mag man sich mit dieser ErklĂ€rung allerdings nicht. Sie liefert zwar die Antwort auf die Frage, wie GlĂŒck in uns entsteht, aber das Warum bleibt weitestgehend ungeklĂ€rt. NatĂŒrlich können AnhĂ€nger des wissenschaftlichen Denkens damit argumentieren, dass „Materie geflossen“ ist. Einfacher formuliert: Leckere Vollmilchschokolade kommt in BerĂŒhrung mit den Geschmacksrezeptoren der Zunge. Wenn diese Erregung an das Gehirn weitergeleitet wird, ruft das eine AusschĂŒttung von GlĂŒcks-VerstĂ€rkenden Endorphinen hervor. Was macht uns also glĂŒcklich? Schokolade natĂŒrlich!
Aber nun stellen Sie sich zwei attraktive junge Menschen vor, die sich zuvor noch nie gesehen haben. Nur ein kleiner Blick der Beiden genĂŒgt, damit keiner den anderen jemals wieder vergisst. Es ist ein perfekter Augenblick – ein nahezu wunschlos glĂŒcklicher.
Was lehrt uns dieses Beispiel? Der Mensch braucht andere Menschen, um glĂŒcklich zu sein, und es muss hierfĂŒr keine Materie im Sinne der Hormonbiologie fließen.
Die Wissenschaft bietet also eine gute ErklĂ€rung fĂŒr die glĂŒcksrelevanten VorgĂ€nge im Organismus. Die Ursache, das was uns wirklich glĂŒcklich macht, bleibt dennoch verborgen. GlĂŒck ist zwar Chemie, aber eben nicht ausschließlich!

Möglicherweise hilft uns ja eine genauere sprachliche Analyse, um „GlĂŒck“ zu erfassen? Falls man die eine oder andere Fremdsprache beherrscht, muss man muttersprachlich mindestens zwei deutsche AusdrĂŒcke fĂŒr unser „GlĂŒck“ kennen. Das englische „luck“ korreliert in dessen Bedeutung nicht mit dem Wort „happiness“. Auch wir treffen diese Unterscheidung, nĂ€mlich als idiomatische. Einerseits gibt es die Wendung „GlĂŒck haben“. Dieser Ausdruck ist erstaunlich oft zu hören, und zwar in den unterschiedlichsten Situationen. Er bedeutet zweierlei: Ein positives Ereignis tritt zufĂ€llig ein, oder ein negatives Ereignis tritt zufĂ€llig nicht ein. Findet jemand einen Geldschein im Wert von fĂŒnf Euro, wird dies ebenso mit „GlĂŒck haben“ quittiert wie das Gewinnen eines wesentlich höheren Betrages im Lotto. Das Ausmaß des GlĂŒcks scheint dabei irrelevant. Äquivalent dazu, bedeutet „GlĂŒck haben“ auch, dass man um Haaresbreite einem Auto ausweichen konnte, oder dass der Fahrer desselben bei einem Unfall glĂŒcklicherweise keinen Personenschaden erleiden musste. So spricht man bezeichnenderweise von „GlĂŒck im UnglĂŒck“.

Was aber bedeutet nun „glĂŒcklich sein“? Hier stoßen wir auf weit komplexere Assoziationen, welche stets auch vom Zeitgeist der Gesellschaft geprĂ€gt werden. Es reicht schon, wenn wir den Fernseher anschalten, um mit der vollen Ladung „GlĂŒck“ zugedröhnt zu werden – weit mehr als man möchte! Sendungen wie „Desperate Housewives“ oder „Sex and the city“ machen es vor: Wer glĂŒcklich sein will, braucht einen perfekten Partner, makellose Kinder und, nicht zu vergessen, Designerschuhe. Eine Menge Spaß erfĂ€hrt man, ganz nebenbei, noch im Beruf, der natĂŒrlich ideal zu den verschiedenen Talenten der Protagonisten passt. Was fĂŒr ein GlĂŒck!
Die Hauptrolle in diesen Serien spielt aber kein Geringerer als der gute alte „Sex“. LĂ€ngst sind die Zeiten vorĂŒber, als Monogamie und Treue noch die Leitwege zum (Beziehungs-)GlĂŒck darstellten. Wer noch immer noch so denkt, ist eben „alte Schule“ und einfach zu prĂŒde. Teilweise lastet dabei ein so hoher Druck auf dem Menschen, sexuell aktiv sein zu mĂŒssen, dass er beim krampfhaften Versuch damit glĂŒcklich zu werden, gar nicht sein UnglĂŒck bemerkt. Es ist paradox: WĂ€hrend diese „sexuelle Emanzipation“ zum Genießen von sexuellem GlĂŒck einlĂ€dt, bewirkt sie das Gegenteil. Die Menschen verlernen zu lieben und verschwenden sich stattdessen an „One-Night-Stands“. Drogen, Alkohol und nicht zuletzt Sex! All dies soll glĂŒcklich machen, doch zu welchem Preis? Allzu schnell ist der Moment der höchsten Zufriedenheit wieder verflogen und weicht einer großen Leere. Schlimmstenfalls entsteht sogar eine Sucht nach dem GlĂŒck, die gefĂ€hrlicher nicht sein könnte. Betroffen sind dabei auch diejenigen, die dem Spiel nicht abgeneigt sind. JĂ€hrlich verdienen Besitzer solcher Spielhöllen das 50-fache dessen, was sie schließlich ausbezahlen mĂŒssen. Ist das GlĂŒck also dort zu finden, zwischen Black Jack und Martinis, zwischen Ectasy und dem flotten Dreier? Sicherlich nicht, denn mit dem GlĂŒck verhĂ€lt es sich eben doch wie mit allem anderen in Las Vegas auch: „What happens in Vegas, stays in Vegas!“

Bedeutet dies nun, dass GlĂŒck unter keinen UmstĂ€nden kĂ€uflich ist? Nicht unbedingt! Ein kleiner Einkaufsbummel in der örtlichen Buchhandlung gibt diesbezĂŒglich zu denken: Die Regale sind gefĂŒllt mit Ratgebern zum GlĂŒck: „GlĂŒck. Alles was Sie darĂŒber wissen mĂŒssen und warum es nicht das Wichtigste ist“. Oder etwa: „GlĂŒcklich sein in 52 Schritten!“. Man kann GlĂŒck also doch kĂ€uflich erwerben, zumindest den SchlĂŒssel dazu, und zwar in Form von BĂŒchern. Diese Entdeckung soll aber nicht die einzige auf unserem Stadtbummel bleiben. Überall zu sehen sind auch die EinkaufssĂŒchtigen, die modernen Schatzsucher. Funkelnde Augen beim Anblick von Diamantringen hier, ausgelassenes GelĂ€chter beim gierigen Auspacken des neuen Spielzeugs dort. Egal ob jung oder alt, alle empfinden sie einen GlĂŒcksrausch, sobald sie ihre neuen Eroberungen in HĂ€nden halten. Zyniker wĂŒrden an dieser Stelle anmerken, dass es keine Rolle mehr spielt, was, sondern dass gekauft wird. Dies mag fĂŒr den einen oder anderen „Shopping“-SĂŒchtigen sicherlich zutreffen; fĂŒr die Meisten gilt aber immer noch die Devise „grĂ¶ĂŸer, schneller, besser“! Machen wir uns nichts vor. Die Inflation des GlĂŒcks hat uns lĂ€ngst eingeholt. Vorbei sind die Zeiten falscher Bescheidenheit. Ein einfaches Mobiltelefon reicht heute lĂ€ngst nicht mehr aus. Mit dem Ding sollte man nicht nur telefonieren, sondern auch Musik hören, im Internet surfen und Videos verschicken können. So und nur so kann ich mit meinem Produkt zufrieden und glĂŒcklich sein. TatsĂ€chlich?
Warum nur verschwenden Menschen Geld, das sie nicht haben, an Dinge, die sie nicht brauchen, um Nachbarn zu beeindrucken, die sie nicht mögen?
Vermutlich ist ihr Antrieb die Gier nach Anerkennung, denn immerhin rangiert Geld statistisch ganz oben in unserem gesellschaftlichen Wertesystem. Ob und wie Besitz und Prestige jedoch glĂŒcklich machen, ist eine ganz andere Frage. Eine gewisse Befriedigung kann man dem beruflichen Erfolg sicher nicht absprechen. Vermutlich ist dieser sogar essentiell fĂŒr das individuelle GlĂŒck. Essentiell deshalb, weil der bloße Anblick der Gehaltsabrechnung niemanden dauerhaft glĂŒcklich macht. Vielmehr ist es die Freude am Beruf und die Sicherheit, dass man das Richtige fĂŒr sich selbst gewĂ€hlt hat, die einen nicht geringen Teil des glĂŒcklichen Lebens ausmachen. Andere Komponenten, die zusammen das GlĂŒck ergeben, gilt es noch zu finden.

Die „Suche nach dem GlĂŒck“ ist ein Abenteuer und fĂŒhrt durch die unterschiedlichsten Zweige, die Natur- und Geisteswissenschaften zu bieten haben. Es ist ein sehr anspruchsvolles Unterfangen fĂŒr Geist und Seele. Doch wer zu viel gesehen, ĂŒberlegt und nachgedacht hat, hört irgendwann auf, die Augen offen zu halten. Die Farben verwischen, EindrĂŒcke verblassen, und irgendwann fĂŒhlt man nur noch den eigenen Körper, die schwebenden KlĂ€nge des GlĂŒcks tief im Innern. Dort wird man schließlich fĂŒndig. Nun gilt es, keine Furcht zu zeigen. Mut zum GlĂŒck ist gefordert, Mut zur Einsicht. Die Zeit ist gekommen fĂŒr die entscheidende Frage: „Bin ich ĂŒberhaupt glĂŒcklich?“
Genau diese Frage aber stellt fĂŒr die Allermeisten eine unĂŒberwindbare HĂŒrde dar. Familie, Ansehen, berufliche ErfĂŒllung, Gesundheit: alles bereits vorhanden. Die Antwort mĂŒsste definitiv „Ja!“ lauten. Der Mensch, der all dies hat, sollte doch jubeln und jauchzen, dass er das glĂŒcklichste Geschöpf auf Erden ist. Die Wahrheit ist dennoch eine andere: Kaum ein Mensch vermag nĂ€mlich, eine derart optimistische und vor GlĂŒck strotzende Antwort zu geben. Sigmund Freud hatte recht: Es beginnt und endet stets mit den Ängsten des Menschen. Genau genommen, ist hier von Verlustangst die Rede. Das GlĂŒck könnte mir doch „entwischen“, aus den HĂ€nden gleiten wie ein glitschiger Aal. Dann wĂ€re ich unglĂŒcklich und allein. Davon verstehen die portugiesischen FadosĂ€ngerinnen und SĂ€nger scheinbar sehr viel. In dieser fĂŒr das Land so traditionellen Musik, wird das schwindende GlĂŒck besungen: Oden an die Melancholie. Kein Fadokonzert kann dabei als erfolgreich bezeichnet werden, wenn das Publikum nicht zu TrĂ€nen gerĂŒhrt wird. Doch vergießt man nicht etwa TrĂ€nen der Trauer; es sind vielmehr die letzten, kostbaren Momente des GlĂŒcks, die eine so ĂŒberwĂ€ltigende Wirkung auslösen. Hier wird ganz bewusst genossen, denn der GlĂŒcksmoment liegt im Sterben. Ein allerletztes Mal noch die Augen schließen: einfach fĂŒhlen, bis die Nacht das Abendrot auslöscht. Das GlĂŒck ist dann verschwunden, und Nostalgie macht sich breit. Nun beginnt also das TrĂ€umen und Erinnern. Die Zeit, hellere und glĂŒcklichere Tage Revue passieren zu lassen. BittersĂŒĂŸ ist die Sehnsucht nach GlĂŒck, das hoffentlich bald wieder einen Weg zurĂŒck in die RealitĂ€t findet.
Melancholie und Nostalgie sind wie Schwestern, die in einem wahrhaft glĂŒcklichen Leben unerlĂ€sslich sind. Es ist die Balance zwischen dem Wesentlichen und Unwesentlichen, zwischen GlĂŒck und UnglĂŒck, die ein ganzheitliches GefĂŒhl innerer Zufriedenheit vermittelt. Der Mensch, der dies nicht erfasst, ist auch der Mensch, der die Frage nach dem eigenen GlĂŒck nicht zu beantworten vermag. Es sind nicht die Alkoholexzesse am Wochenende oder das teure Auto in der Garage, die im Leben weiterhelfen. Vielmehr ist es die innere Heiterkeit. GlĂŒck und UnglĂŒck zulassen, akzeptieren und verstehen ist gefordert! Wer dazu im Stande ist, kann auch von der Selbstreflexion Abstand nehmen und sich der politischen und gesellschaftlichen GlĂŒcksproblematik stellen. Wer mit sich selbst nicht im Reinen ist, wird auch mit den Weltproblemen heillos ĂŒberfordert sein.

„GlĂŒck“ ist also Gleichgewicht. Eine Frage der Einstellung und der inneren Balance. Man braucht nicht zu warten, bis das Schicksal es uns vorbeibringt. Selbstbestimmung ist die Devise, welche uns zum GlĂŒck fĂŒhrt. Menschen, die es sich jedoch zur Gewohnheit gemacht haben jedes Neujahr einen Astrologen aufzusuchen, blockieren sich selbst in ihrer PassivitĂ€t. Sie sehen und begreifen nicht. Das GlĂŒck ist da, es wartet nur darauf entdeckt zu werden! Deshalb: Konsultieren Sie dieses Jahr keinen Astrologen, machen Sie sich selbst auf die Suche nach dem GlĂŒck. Es lohnt sich – versprochen!


Version vom 24. 03. 2009 19:26

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