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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Harald Hutfeld
Eingestellt am 20. 05. 2017 13:04


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Thorin
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: May 2017

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Was viele nicht wissen, Harald Hutfeld hat einen fernen Verwandten in Übersee. Sein Name ist mir nicht nĂ€her bekannt. Zum besseren VerstĂ€ndnis und um etwaigen Verwechslungen vorzubeugen, sollten wir ihm jedoch einen Namen geben. Nennen wir ihn also einfach ‚James‘.
Böswillige Zungen spötteln, dass sich Harald Hutfeld und sein ferner Verwandter sehr Ă€hnlich sind. Was ich weder abstreiten noch bestĂ€tigen kann. Lassen wir es also weiterhin ein GerĂŒcht bleiben. Kein GerĂŒcht hingegen ist, dass Harald Hutfeld ein Rockstar war und zwar von Kindesbeinen an. Das findet alleine schon darin BestĂ€tigung, dass er aus seinen Fingern eher noch das Teufelszeichen, als den Stinkefinger formen konnte. Viele Zweifler halten jedoch nicht ganz zu Unrecht dagegen, dass Harald Hutfeld in seinen Kinderjahren Ministrant gewesen ist. Ja, er ist Ministrant gewesen! Und? Ich kenne Harald Hutfeld und seine BeweggrĂŒnde! Ich versichere hiermit: er war es nur des Geldes wegen!
Nicht weniger staunte ich darĂŒber, als er trotz niederer BeweggrĂŒnde sich im Kreise der Ministranten schnurstracks hoch diente. Bald schon erreichte er einen Status, indem er mit privilegierten Aufgaben, wie dem WeihrauchfĂ€sschen schwingen, betraut wurde. Dementsprechend befand er sich zwei Besoldungsgruppen höher als der gemeine KerzentrĂ€ger. So war die Zeit nur eine kurze, bis er das nötige Geld beisammen hatte, um es im SportgeschĂ€ft gegen einen schwarzlackierten TennisschlĂ€ger einzulösen. Dass er trotz des schnellen Aufstiegs wĂ€hrend seiner Ministrantenzeit nebenbei auch viele Gemeinheiten begangen hatte – ganz im Sinne eines pre-pubertierenden Rockstars – daran erinnert sich heute kaum noch jemand. LĂ€ngst vergessen sind die Geschichten, als er ins Weihwasserbecken pinkelte oder dem Geistlichen Urinade aus dem Messkelch trinken lies; und auch ĂŒber die Geschichte mit dem gekreuzigten Rauhaardackel des Dorfpfarrer legen wir den Deckmantel des Schweigens. Mag ein jeder denken, was er will.

Auch etwas anderes war dieser Zeit eigen: die Erkenntnis ĂŒber die enge Verwandtschaft des Tennissports zum Heavy Metal: Nicht nur die bis dahin aus dem Tennissport bekannten SchweißbĂ€nder fanden Einzug in die Heavy Metal Szene und werden noch heute im konzerttechnischem Schweiße manchen metallischen Angesichts gerne getragen, auch der TennisschlĂ€ger diente ĂŒber Jahrzehnte hinweg als die erste Gitarre vieler Fingerakrobaten. FĂ€lschlicherweise wird heute angenommen, die akustische Gitarre wĂ€re der VorlĂ€ufer der elektrischen gewesen. Dies hat sich jedoch kulturhistorisch als Irrtum erwiesen: die E-Gitarre ist die logische Weiterentwicklung des TennisschlĂ€gers. So manche Anekdote aus dem Werdegang gestandener Heavy Metal Gitarristen gibt dafĂŒr Beispiel.

Diesen WerdegĂ€ngen nicht unĂ€hnlich war auch der von Harald Hutfeld, welcher im Anschluss an seine gottesfĂŒrchtigen Jahre sich der Armee der Pubertierenden anschloss.

Dort warteten bereits die ersten Pickel und das Frauenvolk auf ihn. Zu großen Teilen, so erkannte er erst jetzt, war genau dieses von ihm so abgöttisch verehrte Volk die eigentliche Motivation eines Tages Rockstar werden zu wollen. Jenes Rockstardasein schien ihm unzertrennlich mit dem Erfolg bei Frauen verbunden. In seinen tĂ€glichen Phantasien hatte er sich schon unzĂ€hlige Male dazu hinreißen lassen, hochnĂ€sig von der BĂŒhne zu schreiten, um sich nach vollendetem Konzert die weiblichen Rosinen aus dem Publikum zu picken. Ja, bei all der TrĂ€umerei ging er sogar soweit, großspurig zu behaupten, er mĂŒsse ‚Ihn‘, aufgrund seines vom vollendeten Konzerte ausgemergelten Körpers, bei anschließenden Aftershow-Parties in den Hotelbetten dieser Welt beim Frauenvolke nur noch reinhĂ€ngen lassen.

So schritt seine Jugend voran und hinterließ in Haralds‘ Leben nachhaltige Spuren. Harald war eifrig. WĂ€hrend seine Dorfkumpanen einen auf großen Max in den Diskotheken machten, saß er nĂ€chtelang strebsam in seiner Stube und ĂŒbte an der Gitarre. Dieser Umstand war nur eine Ursache seines zunehmenden Frauenproblems. Ferner lag es an seiner Haarpracht, welche er der damaligen Zeit gemĂ€ĂŸ, vorne kurz und hinten lang trug. Seine Gitarrenkunst verfeinerte sich in des, soweit es seine vom bĂ€uerlichen Lebensstil geprĂ€gten Wurstfinger zuließen. Lange war die Zeit vorbei, als er die musikalischen Nackenbrecher seiner Idole nachspielte. Er schrieb bereits an den ersten eigenen Songs. „My guitar is my bride“ und „as I was a trousershitterer“ stammen aus dieser Zeit. Jene ersten musikalischen Gehversuche wurden noch Jahre spĂ€ter auf der BĂŒhne zum Besten gegeben, wenn die letzten Verbliebenen im Publikum sie lautstark und unter unfreiwilliger Abgabe von Speichelsaft einforderten. In diesen Augenblicken wĂŒrde Harald Hutfeld an seine UrsprĂŒnge zurĂŒckdenken, an die vielen einsamen NĂ€chte mit seiner Gitarre unter SpermaĂŒberdruck.

Bis zu jenen Augenblicken sollten jedoch noch viele einsame NĂ€chte, viele Solokonzerte vor dem hĂ€uslichen Spiegel vergehen: rhythmisches Haare schĂŒtteln, grimmige GesichtsausdrĂŒcke und mitreißendes Stage-Posing muss vor dem erstem Zutritt der Öffentlichkeit ausgiebig einstudiert sein. In diesen Belangen hatte Harald Hutfeld durchaus Potential. Mit der Suche nach musikalischen Mitstreitern wagte er den ersten Schritt in die Öffentlichkeit. Dies gestaltete sich, im VerhĂ€ltnis zu seiner musikalischen EingeschrĂ€nktheit, als Ă€ußerst einfach. In seinem und in einem nachbarlichen Dorf fanden sich schnell aufblĂŒhende Mofarocker, die Ă€hnliche Lebensgeschichten vorzuweisen hatten. Dann kam alles, wie es kommen musste und wie man es aus so vielen großen Bandhistorien kennt: MĂŒhevolles Proben unter schwierigen VerhĂ€ltnissen in herabgekommenen Garagen und allseitiges belĂ€chelt werden. Doch Harald und seine Mitstreiter hatten ihr großes Ziel fest im Visier: der Tag des unsterblichen musikalischen Paukenschlags, der erste Auftritt!

...es war an einem Tag im ausklingenden Sommer. Harald hatte die Nacht zuvor schlaflos verbracht. Viele Gedanken schossen ihm durch den Kopf: Was, wenn dies alles nur ein Gespinst seines Geistes und ihm das Frauenvolk nach seinem großen Auftritt weiterhin nicht zugetan war? Was, wenn diese jahrelangen MĂŒhen alle vergebens und die KrĂ€fte des Heavy Metals nicht stark genug waren, um die Frauenherzen zu brechen? Bis in die frĂŒhen Morgenstunden quĂ€lte er sich mit derlei Gedanken.

In der Folge gedachte er, die Zeit bis zum Auftritt so zu verbringen, wie er jeden anderen Tag auch verbrachte; er wollte es tun, wie ein Rockstar. Er wusch sich die Haare schon um die Mittagszeit, damit sie bis zum Entern der BĂŒhne das richtige Aussehen hatten: nicht zu fluffig, wie nach dem Waschen ĂŒblich, jedoch noch im zeitlichen Rahmen, bevor die Verfettung gnadenlos um sich greift. Zu Mittag gab es, als Beilage zum Reisfleisch, welches seine Mutter ihm vorsetzte, einen ersten Schluck aus der Bierflasche. Neben seiner Haarpracht musste nicht zuletzt auch ein angemessener Alkoholpegel zu Auftrittsbeginn erreicht werden. Zuweilen griff er voller Ehrfurcht zur Gitarre, als wĂ€re sie der SchlĂŒssel, das Allheilmittel, die Wunderwaffe, die es ihm ermöglichte einen Weg in die Herzen der Frauen zu finden. Stunden spĂ€ter sah man Harald Hutfeld mit seinen Mannen seitlich der BĂŒhne stehen, die bereits in Kunstnebel gehĂŒllt war, wĂ€hrend ein infernalisches Intro die Ankunft der musikalischen Dorfelite und zukĂŒnftigen Frauenverzauberer ankĂŒndigte.

Schon mit dem ersten Griff in die Saiten zog Harald Hutfeld alle Blicke auf sich. Der stĂ€hlerne Ausdruck seiner Augen, als sprĂ€chen sie vom jahrelangen Kampf und der Rebellion, die bedeutungsschwangeren Armverrenkungen und nicht zuletzt die imposante Gestalt, als eine Mischung aus Neandertaler und James Hetfield mit Haarausfall, verfehlten seine Wirkung im Publikum nicht. Einen metallischen Leckerbissen nach dem anderen schleuderte er in die Meute. Und die Meute fraß. Sie fraß bis zuletzt.

Einer von diesen 200 Metalhungrigen war damals ich. Ich hatte großen Respekt vor Harald Hutfeld, als meine Metalwelt noch klein war; als ich mit ihm im Publikum mitfĂŒhlte und mir wĂŒnschte, in diesem Augenblick doch er sein zu dĂŒrfen; als es noch dieses erste unvergessliche Konzert war und mehr noch das Publikum als die Band begeistert war; als sich alles noch so neu und unverbraucht anfĂŒhlte; als Harald Hutfeld dieses verdammte eine Mal der Rockstar war, der ich immer sein wollte. Zu fortgeschrittener Stunde sah man Harald Hutfeld mit einem Groupie das Weite suchen. Was dann geschah, ob er ihn durch sein „ReinhĂ€ngen lassen“ beglĂŒckte oder ob er gar nicht der stramme Max werden wollte, darĂŒber weiß ich nichts mitzuteilen. Freilich, wĂŒrde man Harald Hutfeld heute auf jenen Umstand ansprechen, sei es, wie es war, er wĂŒrde uns die Geschichte von der wilden Liebesnacht aufzutischen versuchen. Die, man weiß es nicht, trotz der vielen „aber“ sich doch hĂ€tte zugetragen haben können.

Von diesem Tage an begann der Ruhm von Harald Hutfeld bereits wieder zu schwinden. Es war etwas Gleiches mit Harald Hutfeld und so vielen Dingen dieser Welt, die einmalig sind und dann nur Wiederholung, die erst entzĂŒcken und begeistern und spĂ€terhin ermĂŒden. Sie laufen unweigerlich und oft unmerklich ihrem Ende entgegen. Es gab noch viele Konzerte; anfangs ein Lichtblick im steten Grau des Alltags, spĂ€ter dann zu etwas AlltĂ€glichem verkommend und so prickelnd wie eine Flasche abgestandenes Mineralwasser. So rutschte Harald Hutfeld mit den Jahren in meiner Gunst stetig ab, bis er letztendlich in der Bedeutungslosigkeit verschwand.

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Ein Jahrzehnt hatte ich nichts mehr von Harald Hutfeld gehört. Dann erfuhr ich, dass er noch einige Jahre mit seinen Rohrkrepierern ĂŒber die Dörfer geeiert sein soll, bis allerorten nur noch die faulen Tomaten flogen. Danach zog er sich langsam auf das musikalische Altenteil zurĂŒck und fĂŒhrte fortan im Elternhause das stille und erfĂŒllte Leben eines Jedermann. Ob er es jemals zu Söhnen brachte, die in seine kleinen Fußstapfen hĂ€tten treten können, darĂŒber konnte ich nichts mehr in Erfahrung bringen. Über eines wusste ich jedoch auch ohne weitere Erkundigung Bescheid: der Name Harald Hutfeld fand in der Chroniken des Heavy Metals keinerlei ErwĂ€hnung. Doch im Kopfe so manchen Dorfmetallers, scheint es, ist bis heute ein StĂŒck Harald Hutfeld lebendig geblieben.

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