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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Hard Rock Hallelujah
Eingestellt am 01. 03. 2016 17:10


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Kinokie
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Registriert: Feb 2016

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Hard Rock Hallelujah

Ich schaue auf die Uhr im Cockpit. 10:30 Uhr! "Die perfekte Zeit zum Mittagessen", denke ich sarkastisch.
Ich gebe Gas, der Motor heult auf, denn ich habe wenig Zeit zu vertr├Âdeln, der n├Ąchste "Gast" will schlie├člich p├╝nktlich bedient werden.

Gerade war ich bei Herrn Meier. Vierter Stock Altbau, das hei├čt kein Aufzug. Anstrengend!
Herr Meier ist ein ruhiger Zeitgenosse, meistens schl├Ąft er noch wenn ich komme. Au├čer schlafen und Fernsehen gucken hat er vermutlich sowieso nicht viele Besch├Ąftigungen, denn er ist an sein Bett gefesselt.

N├Ąchster Gast, Frau M├╝ller, Kategorie spendabel.
Frau M├╝ller m├Âchte reden, denn sie hat nicht viele Leute zum Reden. Generell ist die Kundschaft sehr einsam. Ich habe etwas Zeit, also rede ich mit Frau M├╝ller. Eigentlich redet sie mit mir und ich h├Âre zu. Das Wetter, das Fussballspiel von gestern und was sonst so anf├Ąllt. Meistens bekomme ich von Frau M├╝ller etwas f├╝r mein offenes Ohr. Einen, manchmal sogar zwei Euro. Das macht bei drei Minuten zuh├Âren, mehr ist meistens wegen des Zeitdruckes nicht drin, einen Stundenlohn von mindestens zwanzig Euro. Ich ├╝berlege meinen Job zu schmei├čen und professioneller Zuh├Ârer zu werden, werfe den Gedanken aber schnell beiseite, denn der n├Ąchste Kunde steht an.

Herr Hausner. Ein Neubau, bei dem ich fast bis in die K├╝che fahren kann. Naja, zumindest direkt vor die Haust├╝re. Das Haus ist von au├čen noch lange nicht fertig, ├╝berall sieht es nach Baustelle aus. Das scheint die beiden Kinder, die auf einem Erdhaufen spielen aber nicht zu interessieren. Sie gr├╝├čen mich freundlich, w├Ąhrend ich aus dem Kofferraum den Beh├Ąlter mit Men├╝ zwei heraushole. Es ist Samstag, also keine Schule. Die T├╝re ist offen, das ist sie meistens. Der Sohn von Herrn Hausner arbeitet irgendwo auf der Baustelle. Seine Frau putzt gerade im Flur. Sie gr├╝├čt, ich gr├╝├če zur├╝ck. Herr Hausner hat im Haus seines Sohnes ein eigenes Zimmer, aber keine eigene K├╝che. Wozu auch, das Essen bekommt er ja von mir. Ich habe aufgeh├Ârt mich zu fragen, warum er nicht zumindest am Wochenende mit seinem Sohn, seiner Frau und den Kindern isst. Herr Hausner ist etwas m├╝rrig, aber das macht nichts, denn das ist er immer. Ich stelle ihm den Beh├Ąlter mit seinem Essen hin und er verabschiedet mich mit einem unfreundlich klingenden Gemurmel, aber ich bin schon l├Ąngst wieder drau├čen, auf zum n├Ąchsten Kunden.

Frau Frei wohnt in einem riesigen Einfamilienhaus, alleine. Zumindest glaube ich, dass sie alleine wohnt, denn ich habe noch nie jemand anderen hier gesehen. Au├čerdem glaube ich auch nicht, dass es in diesem Haus jemand l├Ąnger als sechzig Sekunden aushalten kann, sechzig Sekunden sind n├Ąmlich die Zeit, die ich die Luft anhalten kann. Frau Frei sitzt in ihrem Wohnzimmer, in einem Toilettenstuhl, der meistens gut gef├╝llt ist. Dementsprechend riecht es in der Wohnung und heute morgen sind es bereits f├╝nfundzwanzig Grad bei sch├Ânstem Sonnenschein. Egal, Kofferraumklappe auf, auf den Zettel geguckt. Aha, Men├╝ eins. Ich schnappe mir den Beh├Ąlter, krame den Schl├╝ssel f├╝r das Haus heraus und schlie├če auf. Ein erster Hauch des Eau der Toilette weht mir entgegen. Ich nehme noch schnell einen tiefen Luftzug und st├╝rme ins Haus. Den Flur entlang, in die K├╝che. Durch die zweite K├╝chent├╝r kann ich einen kurzen Blick in das Wohnzimmer werfen, in dem Frau Frei vor dem Fernseher sitzt.
Ich rufe ein schnelles: "Hallo".
Sie hallot zur├╝ck.
Gut! Sie lebt noch, der Geruch kommt also nicht davon. Ich st├╝rme wieder heraus. Die T├╝r f├Ąllt hinter mir ins Schloss, ich atme befreit auf. Wenigstens bekomme ich keinen W├╝rgereiz mehr.

Ab ins Auto, bis zum n├Ąchsten Kunden dauert es etwas, also mache ich mir eine Zigarette an.
Im Radio l├Ąuft eine Reportage ├╝ber den Eurovision Song Contest von gestern Abend, die Band Lordi aus Finnland hat gewonnen. Endlich mal vern├╝nftige Musik!

Die n├Ąchste Kundin ist Frau Scholz. Frau Scholz hat Alzheimer oder so etwas. Jedenfalls habe ich keinen Schl├╝ssel f├╝r ihr Haus und wo die Haust├╝re ist hat sie anscheinend vergessen, denn ich muss durch den Wintergarten hereinkommen, in dem sie sitzt und Fernsehen guckt. Ich klopfe an das Fenster, sie sieht mich, l├Ąchelt und ├Âffnet die T├╝re. Ich gr├╝├če. Frau Scholz setzt sich wieder und beginnt ihre ├╝bliche Litanei. Sie erz├Ąhlt immer das Gleiche, also h├Âre ich ihr schon gar nicht mehr zu w├Ąhrend ich ihr Essen schneide, denn den bestimmungsgem├Ą├čen Gebrauch eines Messers hat sie scheinbar auch vergessen. Lecker! Heute gibt es etwas, das aussieht als h├Ątte es ein Kleinkind aus dem Sandkasten zusammengematscht und mit Holzlasur ├╝berzogen. Ich schneide das Sand-Holzlasur-Steak klein und stelle ihr den Teller hin.
Als ich mich anschicke herauszugehen guckt mich Frau Scholz an und sagt: "Bis demn├Ąchst hier im Eckchen".
Ich verabschiede mich. Die gleichen Spr├╝che wie immer.

Zur├╝ck ins Auto. Das war die letzte Station f├╝r heute. Ich mache mich auf den Weg zur├╝ck ins Altersheim, f├╝r das ich "Essen auf R├Ądern" ausfahre, wo auf mich ein kostenloses Mittagessen wartet.
├ťbrigens das gleiche, das ich hier ausfahre.
Kostenlos deshalb, weil vermutlich niemand wirklich etwas daf├╝r bezahlen w├╝rde. Im Radio l├Ąuft der Gewinnersong von gestern Abend, Lordi ÔÇô Hard Rock Hallelujah. Ich summe mit und freue mich auf meinen Feierabend.
__________________
Kinokie

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