Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂĽssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92257
Momentan online:
197 Gäste und 4 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Humor und Satire
Hartbrandwichtel
Eingestellt am 19. 02. 2007 17:21


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Raniero
Textablader
One-Hit-Wonder-Autor

Registriert: Oct 2005

Werke: 161
Kommentare: 159
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Raniero eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hartbrandwichtel

In einem größeren Baumarkt schlenderte ein amerikanisches Ehepaar, Anny und Curd Tanner aus Kentucky, beide Mitte dreißig, durch die Verkaufshallen. Sie waren erst vor einigen Tagen in Deutschland eingetroffen, aus beruflichen Gründen des Ehemannes. Zu diesem Zweck hatten sie im Vorort der Stadt eine Reihenhaushälfte angemietet, für ein Jahr, mit der Option für weitere Folgejahre, falls es sich mit der Arbeitsstelle von Curd gut anließe.
Seine Frau hatte ihre Tätigkeit als Ärztin eingestellt und bis auf weiteres unterbrochen, weil sie sich beide Kinder wünschten; warum sollte es nicht in Good Old Germany klappen?
Nachdem sie eine Zeitlang das große Gebäude durchstreift und nach vielerlei Nützlichem für ihr neues Heim Ausschau gehalten hatten, hielten sie eine junge Verkäuferin an, die ihnen über den Weg lief.
„Entschuldigen Sie“, sprach Curd sie mit breitem amerikanischen Akzent an, „können Sie uns helfen, bitte?“
Er hatte sehr gute Deutschkenntnisse, verständlich, denn da er ja hier seine Brötchen verdienen wollte, in einer nicht unwichtigen Position, war dies eine Grundvoraussetzung. Seine Frau hatte in den Staaten mehrere Sprachkurse besucht, auch sie beherrschte nahezu fließend die Sprache des Gastlandes. Die Verkäuferin, eine junge Frau von Anfang zwanzig, blickte die beiden ein wenig überrascht an, wegen des starken Akzentes, und antwortete freundlich:
„Natürlich kann ich Ihnen helfen, dafür bin ich ja hier.“
„Sehr freundlich, mein Fraaaulein“, dehnte er seine Anrede, „wir suchen ein paar von diese, wie heißt das noch mal gleich, ach ja, ein paar von diesen Hartbrandwichteln, five Stück, um genau zu sein, five Hartbrandwichtel.“
Er drückte dieses Wort in einer Weise aus, dass man versucht war, sich an den song ‚Hartbreakhotel’ von Elvis Presley zu erinnern.
„Fünf was bitte?“ wiederholte die verblüffte junge Frau.
„Oh, I see“, verfiel Curd wieder ins Englische, „the word five you´ve understand, aber das deutsche Wort Hartbrandwichtel, das haben Sie nicht verstanden! Sehr merkwürdig.“
„Na, ja, five, das versteht doch wohl noch ein jeder“, entgegnete das Fräulein etwas spitz, „aber das andere Wort, diesen speziellen Ausdruck, den habe ich akustisch zwar verstanden, aber mental nicht kapiert. Ich weiß nicht, was Sie damit meinen, mit diesen Hartbrandwichteln.“
Das letzte Wort hatte sie in ähnlicher Art ausgesprochen wie zuvor der Amerikaner, so dass man den Eindruck gewinnen konnte, man sei bei einem Casting für einen Elvis Film. Curd wusste nicht, wie er auf diese Antwort reagieren sollte; einerseits war er sehr erstaunt, in einem Baumarkt eine Frau anzutreffen, die eine so gepflegte Ausdrucksweise an den Tag legte, andererseits ärgerte er sich darüber, dass diese Dame offensichtlich ein Vergnügen daran hatte, ihn ein wenig hochzunehmen.
„No, I mean“, entgegnete er schließlich, „ich meine, diese kleinen Dinger, so klein“ er markierte mit beiden Händen eine Größe von ungefähr dreißig Zentimetern, „diese Figuren für den Garten, you know?“
Nun konnte die Verkäuferin ein Lachen nur mühsam unterdrücken.
„Sie meinen Gartenzwerge! Diese kleinen Figuren nennt man Gartenzwerge.“
„Gartenzwörge?“ wiederholte der amerikanische Gastarbeiter, wobei er seine Gesichtsmuskeln derart zu einer Grimasse verzog, als wolle er in einen dieser Wichtel hineinbeißen. Was ist denn das für ein Wort?“
„Liliputs for the garden, so könnte man sagen“, erklärte das Fräulein dem verdutzten Ehepaar, „kommen Sie, ich zeige Ihnen mal einige davon!“
„Liliputs for the garden“, wiederholten die beiden Amerikaner, ein wenig ungläubig und gleichzeitig verblüfft über die Schlagfertigkeit der Verkäuferin in der englischen Sprache, während sie sich mit ihr auf den Weg ins Freigelände des Baumarktes machten, „Liliputs for the garden,what for a word!“
Nun mussten sie alle drei lachen.
„Aber Hartbrandwichtel auch“, bemerkte die junge Dame, „sagen Sie einmal, wie kommen Sie denn auf so einen Ausdruck?“
„Oh, Hartbrandwichtel?“ entgegnete Curd, „wir haben im Wörterbuch nachgeschaut. Die offizielle Bezeichnung für diese kleinen Personen ist tatsächlich Hartbrandwichtel. Dieser Ausdruck ist sogar gerichtsfest, glauben Sie mir, auch das haben wir gelesen. Vor Gericht gilt nur diese Bezeichnung. Das Wort ‚Gartenzwörge’ dürfen Sie dort gar nicht benutzen!“
Das Fräulein blickte den Amerikaner an, als sei dieser selbst einer Sammlung von Gartenzwergen entsprungen. ‚Vor Gericht’, dachte sie bei sich, ‚wer beginnt denn einen Gerichtsstreit wegen eines Gartenzwerges? Darauf können doch nur so verrückte Amis kommen.’
In Gedanken stellte sie sich vor, diesen Amerikaner, wie er ein deutsches Gericht in einer Verhandlung mit einem aberwitzig hohen Streitwert von der Wichtigkeit eines solchen Hartbrandwichtels zu ĂĽberzeugen versuchte.
Inzwischen war die kleine Prozession in der entsprechenden Abteilung angelangt.
„Oh, what nice things“, rief Anny ihrem Mann zu, voller Begeisterung, „look, honey, there are more of that!“

In der Tat verfügte der Baumarkt über eine stattliche Anzahl dieser im deutschen Lande so beliebten Figuren. Während sich das amerikanische Ehepaar mit Feuereifer über die Gartenzwerge hermachten, entfernte sich die Verkäuferin, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass sie nicht mehr gebraucht würde, mit eiligen Schritten in Richtung Informationsstand. Hier traf sie auf eine Kollegin, bei der sie sich erst einmal ausschüttete, vor Lachen. Sie berichtete von ihrem Erlebnis mit den amerikanischen Kunden, die im Begriff waren gerichtsfeste Hartbrandwichtel zu erwerben.
„Wahrscheinlich sind sie hier auf der Durchreise und haben für den Rückflug bereits schon Plätze für die Gartenzwerge reservieren lassen, in der Maschine, so schätze ich sie ein“, rief die junge Dame aus, mit Tränen des Lachens in den Augen, „der Mann spricht nicht nur wie ein Wichtel, er sieht auch genau so aus! Er sieht aus wie ein typisch amerikanischer Hartbrandtourist! “
Im gleichen Moment wurde sie von ihrer Kollegin angestoßen, die in Richtung der nahegelegenen Ladenkassen wies. Die Verkäuferin drehte sich um und erstarrte, ihr Gesicht färbte sich flammend rot.
Nur zwei Meter hinter ihr, in einer kleinen Schlange vor der ersten Kasse, standen Curd und seine Frau; er mit drei und seine Frau mit zwei von diesen kleinen Wichteln bewaffnet.
„Hallo, schauen Sie mal, Fraaulein, was wir hier haben!“
Er wandte sich an seine Frau, mit einem Augenzwinkern: „Haben wir eigentlich bei der Buchung für den Rückflug auch genügend Plätze für diese Kleinen reserviert, darling?“
„Aber shure“, bejahte darling, „in the first class.“
Unter Aufbietung all ihrer Kraftreserven gelang es der jungen Dame, einen Lachanfall zu unterdrĂĽcken; ebenso erging es ihrer Kollegin.


Die Verkäuferin machte sich auf den Weg nach Hause.
Es war ihr letzter Arbeitstag gewesen, in ihrem Ferienjob. Sie hatte die verbleibende Zeit zwischen Abiturprüfung und Beginn ihres Germanistikstudiums dazu genutzt, zu arbeiten, buchstäblich bis zum Schluss. Am nächsten Morgen begann ein neuer Lebensabschnitt, der letzte Teil ihrer langen schulischen Ausbildung, wenn man die Hochschule mit einbezog; gleichzeitig war es für sie auch, obwohl sie vom Alter her schon zu den Erwachsenen zählte, der endgültig letzte Abschnitt ihrer Kindheit. Dass sie so fühlte, lag wohl auch daran, dass sie noch bei ihren Eltern wohnte.

Am nächsten Morgen traf sie sehr früh an der Universität ein; weit vor der Zeit und ein wenig nervös. Nachdem sie sich gemeinsam mit einigen anderen Debüttanten mit der Örtlichkeit vertaut gemacht hatte, schaute sie auf ihre Uhr.
„Höchste Zeit“, dachte sie erschrocken, „um elf beginnt doch die Einführungsvorlesung in Germanistik!“
Als sie den entsprechenden Hörsaal gefunden hatte, riss sie die Tür auf, und erstarrte! Der Saal war bereits gefüllt bis fast auf den letzten Platz.
Unten, hinter dem Podium, stand der amerikanische Hartbrandwichtel vom Vortage; vor sich auf dem Boden hatte er seine fĂĽnf Gartenzwerge aufgestellt.
„Hallo, Fraaulein“, rief Curd lachend, „kommen Sie ruhig herein, zur ersten Vorlesung in meinem Fach! Sie müssen entschuldigen, aber ich assoziiere und garniere die Germanistik zu Beginn gern mit einem deutschen Lieblingsthema.“
Unter donnerndem Applaus fĂĽgte er hinzu:
„Kommen Sie,und nehmen Sie Teil, an meiner Hartbrandwichtelshow!“

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂĽck zu:  Humor und Satire Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!