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Leselupe.de > Humor und Satire
Haste Töne
Eingestellt am 15. 03. 2006 22:19


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Raniero
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Haste Töne

„Papa, wann fängt sie denn endlich an, die Musik?“
Jäh wurde die andächtige Stille in dem großen bis auf den letzten Platz besetzten Gotteshaus unterbrochen, von dieser für viele Ohren ketzerische Frage, die der sechsjährige Knirps in lautem Tonfall an seinen Vater gerichtet hatte.
Unzählige Augenpaare blickten mit höchster Verärgerung in die Bankreihe, aus der diese unliebsame Störung erfolgt war, schauten zu dem kleinen Störenfried und seinen Vater, in der Hoffnung, dass dieser nicht in gleicher Lautstärke antworten würde.
Gottlob jedoch erhoben sich beide, Vater und Sohn, von ihren Plätzen, in der Absicht, die Stätte zu verlassen; draußen, so war die einhellige Meinung aller, ließ sich gewiss besser der Wissensdrang des Kleinen stillen.
Unberechtigt jedoch war die Frage keineswegs, und sie ähnelte ein wenig der Frage des Kindes aus dem Märchen, das des Kaisers neue Kleider nicht wahrnehmen konnte, denn nichtzuletzt hatte man sich in dem Dom versammelt, um einem sogenannten musikalischen Jahrhundertereignis zu frönen, das seit Wochen in allen Medien angekündigt worden war und an diesem Tag seinen Lauf nehmen sollte.
Hierbei handelte es sich nach Aussage der Veranstalter um eine Weltpremiere, eine Tonfolge, die von der große Kirchenorgel zu Gehör geboten würde, wie man sie nie zuvor in dieser Form erlebt und vernommen habe, ein absoluter noch nie dagewesener Hörgenuss.
Allerdings gab es bei diesem phantastischen Hörerlebnis eine kleine Besonderheit, die von den Initiatoren nicht verschwiegen wurde; bei der abzuspielenden Tonfolge handelte es sich nicht um eine kontinuirlich durchgehende Darbietung der kompletten Tonfolge innerhalb eines überschaubaren Zeitraumes wie zum Beispiel im Rahmen einer Messe oder eines Hochamtes, sondern um eine zeitversetzte musikalische Abfolge von einzelnen Tönen über eine längere genau definierte Zeit von exakt einhundert Jahren, in der Tat wirklich ein Jahrhundertereignis im wahrsten Sinn des Wortes, und darüber hinaus begann dieses ganze Orgelkonzert, wenn man es denn so nennen wollte, auch noch mit einer Pause.
Nichtsdestotrotz hatte sich bereits zu dieser Pause eine riesige Zahl an Schau- resp. Hörlustigen eingefunden, denn es handelte sich schließlich um ein Jahrhundertevent und da wollte man doch nicht abseits stehen.
Als Organisten hatte man einen Künstler verpflichten können, der sich auf dem Weg zu einem absoluten Weltstar befand, und was noch wichtiger war, noch sehr jung an Jahren war, denn man hegte natürlich die Hoffnung, dass diesem Mann ein recht langes Leben beschieden sei, damit das gesamte hundert Jahre in Anspruch nehmende Werk nicht durch allzu viele Hände gleiten würde.
Für das Dirigat des pompösen Opus hatte man ebenfalls einen renommierten Pultstar gewonnen, etwas reifer zwar schon, an Lebensalter, jedoch bei der Verpflichtung des Maestro ging man davon aus, dass der Taktstock im Verlaufe der kommenden hundert Jahre auch mehrfach gewechselt werden könnte.
Dem Komponisten dieser ungeheuer einfallsreichen Tonfolge jedoch war auf Grund seines schon betagt zu nennenden Alters wohl nicht das Glück beschieden, noch allzuviel von seinem eigenen Meisterwerk zu Lebzeiten zu Gehör zu bekommen.
Da das gesamte Werk nur aus vierundzwanzig einzelnen Tönen (ohne Pausen) bestand und der erste Ton nicht vor einem Ablauf von fünf Jahren nach der Premierenpause zur Uraufführung gelangen würde, konnte man damit rechnen, dass der Tonsetzer selbst nicht einmal mehr diesen ersten, diesen Urton, seines einzigartigen Oevres miterleben würde, doch er trug dieses mit Fassung.
Hatte nicht auch der taube Beethoven, so erinnerte er sich, von seinen letzten Sinfonien akustisch auch so gut wie nichts mehr mitbekommen.

Während draußen außerhalb der Kirche der geplagte Vater seinem Sprössling klarzumachen versuchte, dass es im Bereich der Musik eine solche gab, die lautlos, nämlich mit einer Pause begann und deshalb nicht zu hören war, erschienen sie schließlich, die langersehnten und traten auf, einer nach dem anderen, Komponist, Dirigent und Organist.
Gemeinsam erklommen sie unter dem tosenden Beifall des Publikums die Orgelbühne, um dort ihre Positionen einzunehmen, der Dirigent an seinem Pult, der Organist am Instrument und der Komponist etwas abseits auf einem gepolsterten Sessel, der Welt völlig entrückt.
In vollkommenem Schweigen verharrten sie da, zwei Stunden, bis die Spannung ihren Siedepunkt erreichte und der Dirigent seinen Taktstock in die Höhe hob, zum Zeichen der Pause. Der Komponist erhob sich von seinem Sessel, während sich der Organist und der Maestro mit ungeheurer Spannung in die Augen blickten. Schon war sie vorbei, die Pause, eine Pause in der Zeitspanne eines halben Notenwertes, und während das Publikum nun raste, lagen sie sich von Glücksgefühlen übermannt, in den Armen, Komponist, Dirigent und Organist.
So ging die Premiere unter stehenden Ovationen des Publikums ohne nennenswerte Fehler über die Bühne, und man harrte schon voller Ungeduld des ersten Tones, der folgen würde.

Auf dieselbe Weise setzte sich das Konzert fort, im Abstand von vier bis fünfJahren, und zu jedem dieser großen Anlässe, bei dem ein einziger neuer Ton, nicht mehr und nicht weniger, gespielt wurde, gab es einen solchen Andrang, dass man sich gezwungen sah, im weiten Rund außerhalb des Gotteshauses großflächige Videoleinwänder aufzustellen, da bei weitem nicht alle Musikliebhaber in der Kirche Platz fanden.
Während es jedoch dem Komponisten tatsächlich nicht mehr vergönnt war, persönlich noch den ersten richtigen Ton zu Gehör zu bekommen und auch dem Dirigenten leider nach dem dritten Konzert der Taktstock entglitt, hatten die Veranstalter resp. ihre Nachfolger, denn von den Gründungsvätern lebte nach dem fünften Ton auch niemand mehr, mit der Besetzung des Organisten einen Glücksgriff getan.
Diesem war in der Tat ein langes Leben beschieden, er hielt, um es salopp auszudrücken, durch, und es war ihm gar vergönnt, der gesamten Tonfolge einen ruhmreichen Schlusspunkt zu setzen, im Alter von hundertdreiundzwanzig Jahren.
Mit von der Partie dieses letzten musikalischen Streiches war auch der ehemals kleine Junge, der seinen Vater dereinst beim Beginn des Jahrhundertereignisses gehörig genervt hatte.
Keines der weiteren Konzerte hatte er sich entgehen lassen und zu seiner namenlosen Freude durfte er jetzt im Alter von hundertsechs Jahren beim Schlussakkord, pardon, Schlusston, als treuer Zuhörer gar auf der Orgelbühne Platz nehmen.

Als nach dem unwiderruflich letzten Ton die Beifallstürme des Publikums schließlich verstummt waren, wagte sich einer der zahlreich versammelten Journalisten aus aller Welt auf die Orgelbühne, um dem Organisten eine leicht despektierliche Frage zu stellen.
„Großer Meister“, hub er an, „bei aller Wertschätzung für dieses großartige Werk, war es in den letzten hundert Jahren nicht zuweilen etwas einsam um Sie, und, verzeihen Sie, wenn ich Ihnen zu nahe trete, es nicht auch mitunter ein wenig langweilig für Sie, nur alle vier bis fünf Jahre einen einzigen Ton zu spielen?“
Ein wenig erstaunt über eine solche Frage runzelte der Tastengott die Augenbrauen, um schließlich zu antworten:
„Nun ja“, räumte er ein, „da mögen Sie vielleicht Recht haben, doch was soll mein Bruder denn sagen, er hat das gesamte Konzert auf Tonträger aufgenommen“.

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