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Leselupe.de > Fremdsprachiges und MundART
Hatten Se schon ma en Hund?
Eingestellt am 30. 04. 2013 17:20


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Wolfgang Bessel
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2007

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Hatten Se schon ma en Hund?

Ich kam heute extra en bissken frĂĽher vonne Arbeit, denn wir wollten heute son paar HundezĂĽchter anrufen, die Pudelpointer im Angebot hatten.
„Bertaaa! Is dat Essen fertig? Hasse inzwischen ma inne Jagdzeitung gekuckt? Hasse wat Gescheitet gefunden?“
„Willi, mach mich nich bekloppt. Der Teller mit Grünkohl und Panhas steht bereits aufn Tisch.
Ich hab ausse Jagdzeitung drei Züchter rausgepickt. Einer wohnt in Bayern, der andere in Ostfriesland und einer züchtet inne Nähe von Arnsberg – am Möhnesee. Liegt dat nich im Sauerland?“
„Berta, der Bayer scheidet aus, weil die Welpen keine Kommandos in Hochdeutsch verstehn tun. Datselbe gilt für den Züchter aus Ostfriesland.
Ruf ma schnell im Sauerland an, dat iss noch Westfalen. Die sprechen so ähnlich wie wir im Ruhrpott, rollen nur dat „R“ son bissken mehr. Dat is aber für die Verständigung mit dem Hund nich von elementarer Bedeutung. Frag da ma an, ob die überhaupt Welpen auf Lager haben.“
Hatten se, sogar braune und schwatte. Also verabredeten wir uns mit der ZĂĽchterin fĂĽr Sonntagmorgen.
Wir schmierten uns für die Reise en paar Bütterkes, packten ne Thermoskanne Kaffee im Rucksack rein und dann ging et ab. Wat erwartete uns da wohl? Wir waren ganz schön aufgeregt. En Welpe bedeute schließlich – Familienzuwachs bei Püttmanns!
Schon als ich bei der Züchterin, ne Frau Günther war dat, anne Haustür klingelte, bellte et im ganzen Haus wie verrückt – auch aufm Hinterhof. Dat hörte sich an, als hätten sich dort zig Hunde extra für uns versammelt und beim Bimmeln ihr Begrüßungskonzert angestimmt.
Wir stellten uns bei der Frau vor und haben son paar Nettigkeiten ausgetauscht. Vonne Welpen sahen wir noch nix. Nur die stattliche Mutter vonne Welpen bewindete uns äußerst misstrauisch und sehr ausgiebig. Sie legte sich nach der Sympathieprüfung direkt vor meine Füße und beobachtete uns. Ne wirklich eindrucksvolle Mutter war dat. Ne pechschwatte. Dolly hieß sie. Dolly von Hünfelden.
Bevor wir die Welpen sehen durften, tranken wir erst ma en Köppken Kaffee. Von dem leckeren Appelkuchen der Züchterin blieb nich ein Stück übrig. Ne Flasche Korn kam danach natürlich auch aufn Tisch – wie dat in Westfalen gute Sitte is. Also genügend Zeit für die Züchterin, uns auszuquetschen:
„Ja, liebe Püttmanns, hatten Se schon ma en Hund? Soll er jagdlich geführt werden?
„Wie wird er untergebracht? Hat er Auslauf? Reagieren Se allergisch auf Hundehaare?“
„Liebe Frau, meine Berta und ich sind Jäger, Jungjäger. Wir haben zwar erst seit Mai den Jagdschein, aber eins wissen wir schon: Jagd ohne Hund – is Schund. Wie dat alte Sprichwort schon sagen tut. Ein Jagdhund is für uns selbstverständlich. Wir wollen ihn möglichst auch durch alle Prüfungen führen. Hier sind unsere Jagdscheine.“ Sie schaute nicht drauf. Sie glaubte uns.
„Herr Püttmann, Sie werden meine Fragen hoffentlich nich missverstehen. Unsere Dolly hatte ihren ersten Wurf. Die Welpen sind mir schon ans Herz gewachsen. Et is gar nich so einfach, sich davon zu trennen. Et is immer so, als wenn se en Teil von sich selbst abgäben.“
Berta beruhigte sie:
„Frau Günther, ich sach Ihnen wat, ich könnte mich überhaupt nich von den Babys trennen. Ich wäre als Züchterin völlig ungeeignet.“ Berta überkamen gerade ma wieder ihre ausgeprägten Mutterinstinkte. Sie kam von Hölzken auf Stöcksken und fing mit die eigenen Blagen an.
„Berta, nun lass ma deine Gefühle. Et handelt sich hier um Jagdhundewelpen. Die hat Frau Günther extra für uns Jäger gezüchtet. Oder is dat falsch, wat ich sagen tu, Frau Günther?“
„Nein, Sie haben Recht. Wir müssen uns von den fünf Welpen trennen. Auch wenn et schwerfällt.
Nun, dann kommen Se ma mit in den Hof und schauen sich die Rasselbande an.“
„Nee, wie süß, wat sind dat für lecker Dierken. Wie alt sind die Babys? Darf ich die streicheln? Willi, kuck ma da links inne Ecke, dat kleine Döpsken, dat gefällt mir.“
„Berta, da kennze nix von, der iss faul und schüchtern, der bewegt sich ja kaum, iss außerdem auch zu spillerig. Hier den braunen Wilden, der wie bekloppt über die Mutter springen tut und mit den anderen rumtobt, dat iss der richtige. Da iss Leben drin! Kuck ma wie der den Spatz jagt, der hat Killerinstinkte. Frau Günther, wenn Se sich da vorne links von dem kleinen Deubel trennen könnten, den würden wir nehmen, nich wahr Berta?“
„Ja, Willi, der iss wirklich gut drauf und wie lieb der mich ankuckt. Der flirtet mit mir, süß, einfach süß!“
„Du liebe Zeit, Berta! Wieso süß? Hasse schon dran geleckt?“
Berta bĂĽckte sich und schwupp, sprang der Welpe ihr inne Arme rein.
„Frau Püttmann, dat iss ein Weibchen, sie heißt Anja. Bei der haben Se schon gewonnen. Sie haben ne gute Wahl getroffen. Kommen Se, ich zeig Ihnen ma die Papiere und den Impfausweis. Der Stammbaum der Eltern iss wirklich edel.“
Anja war ne echte Adelige. Richtig blauet Blut hatte die inne Adern. Vater und Mutter allet waren echte „Von“ und „Zu“.
Berta konnte sich von ihrem Baby nich mehr trennen und schmuste wie ne Dolle mit dem armen Tier.
„Jetz ma Butter bei die Fische, Frau Günther, wat soll der Welpe kosten?“
„Herr Püttmann, für Anja möchten wir achthundertfünfzig Euro. Wir machen dat so, dat Se dreihundert Euro anzahlen und in drei Wochen komme ich Sie besuchen, und dann schauen wir mal, ob Se mit Anja parat kommen und sie sich bei Ihnen wohlfühlt. Dann zahlen Se bitte den Rest.“ Dat war fair.

Wir zahlten. Sie übergab uns die Papiere und en stinkigen Fetzen vonne Wurfdecke, damit Anja noch en bissken Witterung vonne Mutter und Geschwister bei uns hatte. Beim Abschied hatte die Züchterin Tränen inne Augen. Berta nahm sie in den Arm und versprach ihr, wie für ihr eigenet Baby zu sorgen.

„Berta, du fährss dat Auto nach Hause. Ich muss auf die Anja aufpassen, dat se nich in dat Lenkrad springt und aufe Autobahn en Verkehrschaos anrichtet. Dat war natürlich gelogen. Ich wollte unbedingt den ersten wichtigen Kontakt mit ihr haben. Den bekam ich. Sehr engen!
Ich nahm dat Würmken aufn Schoß und kraulte et hinter die Öhrkes. Sie leckte mir genüßlich die Finger. Einen nach dem anderen. Et schien ihr prächtig zu gehen. Kurz vor Unna wurde unser Baby aber immer unruhiger und gab so komische Rülpslaute von sich. Nach dem längsten Rülpser kotzte sie mich von oben bis unten voll. Gelbgrüne Sauce ergoss sich über meinen guten Jagdanzug!
„Bertaaaa! Anhalten, anhalten, verdammt noch ma! Hol schnell die Lokusrolle aussem Kofferraum und wisch die Brühe weg.“ Bis nach Herne wiederholte sich dat Drama noch zweimal. Ich rief von zu Hause die Züchterin an.
„Frau Günther, wat iss mit die Anja los, is die krank? Die hat unterwegs dreimal fürchterlich gekotzt.“
Nee, Herr Püttmann, keine Panik, dat iss normal. Unsere Welpen sind noch nie Auto gefahren. Anja muss sich an Ihre Schaukel erst ma gewöhnen. Wat macht se gerade? Verhält se sich ruhig?“
„Anja flitzt durch alle Räume und erkundet ihr neuet Umfeld. Sie quiemt en bissken. Die vermisst die Mutter und die gewohnte Umgebung.“
„Keine Sorge, Herr Püttmann, dat hält noch zwei, drei Tage an, dann hat sie sich eingelebt.“

Wir hatten ne isolierte Hundehütte bauen lassen und aufe Terrasse gestellt. Da lag auch die Wurfdecke drin. Berta kaufte nen halben Spielzeugladen leer und legte Bälle und Quietschtiere vor und in die Hütte. Der Hund sollte sich rasch an seine neue Behausung gewöhnen und wohlfühlen. Sollte!
Wir gingen mit sehr gemischten Gefühlen int Bett. Wir in unser warmet Bett. Dat kleine mutterlose Dierken draußen inne Kälte! Wir kriegten natürlich kein Auge zu. Anja bellte, jaulte und quiemte zum Steinerweichen.
Einer musste sich ja erbarmen. Ich holte dat arme Tier nach zehn Minuten rein, legte et streichelnd in den Hundekorb und stellte ihn neben mein Bett. Sofort war Ruhe. So gegen fĂĽnf Uhr wurde dat Baby wieder unruhig.
Berta sprang mit einem Satz aussem Bett und ließ Anja auf der Wiese hinterm Haus „Pippi machen“, nich „nässen“, wie se dat auffem Jagdlehrgang beim Kapitel „Jägersprache“ angeblich gelernt hatte. Nee, et hieß bei ihr nur noch „Pippi-, Bächlein- und Häufchen machen“.
Anja schiss en paar Mal den Flur voll und pinkelte drei Wochen auf unseren guten Wohnzimmerteppich. Dann war se sauber. Viel früher als damals unsere Blagen. Gut, ich will Sie nich länger mit jedem Haufen langweilen.
Nix war dem Hund heilig. Schluffen, Gardinen, Strümpfe, Möbel, Zeitschriften und viele andere Dinge zerpflückte die Hundedame und peilte dich anschließend mit ihren großen unschuldigen Augen an. Die klaute sogar. Wenne dich nur ma fürn Moment umgedreht hass, rubbeldiekatz, sprang se aufn Stuhl und zack, hatte se ne Wurst oder irgendwat anderet vom Tisch im Fang.
Ich begann mit GehorsamsĂĽbungen. Sitz!, Platz! und bei Fuss! klappte nach einem Monat schon recht gut. Anja war sehr gelehrig. Sie brachte tĂĽchtig Leben inne Bude. En richtigen Wonneproppen war dat.

Die ZĂĽchterin besuchte uns nach drei Monaten und war vonne Socken:
„Anja iss ja nen richtiger Teenager geworden, wir sind froh, dat se et so gut angetroffen hat. Sie hat sehr gute Veranlagungen. Sie müssen unbedingt dem Pudelpointerverein beitreten und die Jugendprüfung mit ihr machen.“
„Ja, Frau Günther, mein Willi hat echtet Talent als Ausbilder, auch Geduld und Ausdauer. Dat hätt ich ihm gar nich zugetraut. Man erlebt als Frau doch noch ab und zu angenehme Züge am eigenen Ehemann.“ So Bemerkungen überhörte ich heute großzügig.
Wir wurden Mitglieder im „Verein Pudelpointer e. V.“ und marschierten mit Anja wochenlang in die Hundeschule vom Jagd-Gebrauchshund -Verein „Such verwund, mein Hund“ Als Erstlingsführer wurde ich sogar von den Prüfern gelobt. Ich war stolz wie Oskar. Anja war die reine Freude.

Zu Hause war se en Schoßhund, im Gelände gnadenlos. In kurzer Zeit war unsere nähere Umgebung ne katzenfreie Zone.
Mit den Nachbarn hatten wir deshalb Zoff und die Schadenersatzforderungen häuften sich.
Der Versicherungsvertreter verdrehte jedet Mal die Augen, wenn ich in sein Büro kam. Aber Prämien kassieren wie blöd – dat können die Brüder!
Dat Talent von unserer Anja sprach sich so langsam auch inne Jägerkreise rum. Trotzdem war et mit den Jagdgelegenheiten immer noch nich weit her. Dat musste sich ganz rasch ändern! Dat waren wir schon unserer guten Anja schuldig.






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Wolfgang M. A. Bessel
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